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STADTSTREICHER

Plötzlich werden wieder Häuser besetzt - von Künstlern. Die suchen eigentlich nur bezahlbare Ateliers, fragen aber mit ihren Aktionen unbewusst: Was wollen wir eigentlich von einer Stadt?

Von Falk Schreiber und Ellen Stickel

In Berlin gibt es den Marlene-Dietrich-Platz. Der liegt extrem zentral, im direkten Umfeld findet man ein Theater, Bars, ein luxuriöses Kino. Ein Großstadtplatz, ein Treffpunkt für Kreativszene und Nachtschwärmer.
Der Marlene-Dietrich-Platz ist: nichts davon.
Der Platz ist Teil des Büroensembles Potsdamer Platz, vor zehn Jahren aus dem Boden gestampfte Wolkenkratzer, die architektonisch zwar atemberaubend in die Höhe streben, städtebaulich aber Fremdkörper auf einer Brachfläche zwischen West und Ost sind. Das Theater ist eine Musicalbühne, in der allabendlich Reisebusse Touristengruppen aus Koblenz, Kassel und Kempten abladen, das Kino ist ein x-beliebiges Multiplex und die Bars sind überteuerte Luxuskaschemmen, in die sich nach Ladenschluss der umliegenden Supermärkte kein Schwein mehr verirrt.

[*Künstler mögen es gar nicht, wenn man sie als Planungsmasse einsetzt.*]



Der Blick auf die erschreckende Ödnis des Marlene-Dietrich-Platzes zeigt zwei Dinge. Erstens: Stadtmarketing wünscht sich kreative Orte, Orte, an denen Künstler unterwegs sind, Orte, die nicht ausschließlich zum Konsumieren gedacht sind. Damit übernimmt die Stadtplanung Thesen des US-amerikanischen Wirtschaftswissenschaftlers Richard Florida, für den Städte nur dann als Marke konkurrenzfähig sind, wenn sie für Künstler und Freigeister als Wohn- und Arbeitsorte attraktiv sind. Ziel ist es, Orte zu erfinden, die schon mit ihrem Namen auf 20er-Jahre-Glamour anspielen, Orte, die Subversion atmen, Kultur und Kreativität. Und hier kommen wir zur zweiten Erkenntnis auf dem Marlene-Dietrich-Platz: Künstler mögen es gar nicht, wenn man sie als Planungsmasse einsetzt. Die bleiben nämlich einfach weg, sobald sie Verdacht schöpfen, dass man sie instrumentalisieren will.


Klare Ansage in Hamburgs Gängeviertel | Foto: Ellen Stickel

"Diese Instrumentalisierung, wie beim ,Monopoly'-Spiel Figuren hin und her zu schieben - das funktioniert nicht", sagt Christine Ebeling. Die 43-Jährige arbeitet als Künstlerin in Hamburg, der Stadt, die gerade mit gehörigem finanziellen Aufwand versucht, der Kreativszene einen Umzug auf die Elbinsel Wilhelmsburg schmackhaft zu machen. Auf dass die Kreativen dem wahlweise als Getto, Hafenarbeiterbezirk oder Arsch der Welt titulierten Viertel Leben einhauchen. Und Wilhelmsburg damit auch für andere Bevölkerungsgruppen und Investoren attraktiv machen. "Man kann nicht sagen: Der Künstler ist eine Topfpflanze, die stellen wir jetzt da hin, damit in der Bevölkerung schon mal die Wege geebnet werden."
Genau das will Ebeling nicht sein: Die Topfpflanze, die das Getto aufschickt. Weswegen die Künstlerin im Spätsommer nicht in eines der günstigen, schönen Ateliers in Wilhelmsburg zog, sondern gemeinsam mit weiteren Künstlern ein leer stehendes, zum Abriss frei gegebenes Gebäudeensemble in der Innenstadt besetzte: das Gängeviertel. Bemerkenswert an dieser Hausbesetzung: Die Gängeviertel-Aktionisten hatten schnell alle Sympathien auf ihrer Seite, von älteren Hamburgern, die die Sorge um ein Altstadtviertel antrieb, über die Springer-Presse bis hin zur CDU-Stadtregierung. Die Kunst-, Polit- und Ausgehszenen waren ohnehin längst solidarisch mit den Besetzern.

Das Hamburger Altstadtquartier Gängeviertel | Christine Ebeling, Gängeviertel | Fotos: Ellen Stickel

Wobei bei dieser allumfassenden Solidarität gern übersehen wurde: Bei diesen Aktionen handelt es sich um Illegales, es geht hier gegen eine Stadtregierung, die öffentlichen Raum meistbietend verscherbelt, es geht gegen einen Immobilieninvestor, der ein historisches Viertel durch gesichtslose Büroarchitektur ersetzen will. Eine Hausbesetzung ist eine Aktion gegen etwas.
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Hier unterscheidet sich die Argumentation Christine Ebelings von derjenigen von Holger Kraus. Auch Kraus will den öffentlichen Raum der Bevölkerung zurück geben, allerdings in Kooperation mit Immobilienbesitzern. Unter dem Namen "Flexibles Flimmern" veranstaltet er Kinoabende, die als künstlerisches Gesamtkonzept funktionieren: mit Filmen aller Sparten, einem jeweils darauf zugeschnittenen Raumkonzept, Lichtinstallationen, Deko und thematisch ausgerichteter Verpflegung. Viele der Orte, die der 41-Jährige bespielt, sind nicht öffentlich zugänglich oder kommen im Bewusstsein der Bevölkerung schlicht nicht vor. "Es gibt einfach Orte, die möchte ich den Leuten in der Stadt zeigen. Wie den Atombunker am Hamburger Hachmannplatz - da hetzen jeden Tag hunderte von Menschen auf dem Weg zur U-Bahn vorbei. Aber seit irgendwann die Schilder abgenommen wurden, weiß keiner mehr, dass da so ein Ding ist." Natürlich geht es beim "Flexiblen Flimmern" darum, einen Film zu schauen.

[*Es geht aber auch darum, die Stadt zu entdecken, es geht darum, den öffentlichen Raum anders zu erleben als nur als Konsumraum.*]



Holger Kraus' Neugierde ist sein Kapital, bei Spaziergängen durch die Stadt guckt er durch Gitter und in Hinterhöfe und klingelt notfalls Nachbarn raus, um herauszufinden, wem das entsprechende Objekt gehört. Seine Haltung zu den Immobilienbesitzern hat sich nach mittlerweile drei Jahren "Flexibles Flimmern" geändert: "Früher kam ich immer als Bittsteller, als Kulturschaffender, der sagte: Ich würde hier gern mal was machen. Inzwischen habe ich das geändert und sage: Passt auf, ich habe eine tolle Idee für euch, wie ihr auf euren Ort aufmerksam machen könnt." Das kann dann der afghanische Hindutempel mitten im Arbeiterstadtteil sein, ein Glockenturm, ein Zirkuswagen oder eine alte Lagerhalle im Nirgendwo des Hafens. Mit seinem Enthusiasmus reißt Holger Kraus die Leute mit, er hat ein eingeschworenes Stammpublikum, und in einigen der zuvor ungenutzten Räume gab es inzwischen Folgeveranstaltungen.


Licht-Kunstinstallation kubikhamburg, der Schauplatz der Filmaufführung "THX 1138", Flexibles Flimmern | Foto: Flexibles Flimmern

Holger Kraus weiß aus eigener Erfahrung, wie wichtig konstruktives Auftreten und eine gute Informationsstrategie sind, die er auch den Besetzern des Hamburger Gängeviertels attestiert. Illegalität ist für Kraus jedoch nur ein begrenztes Mittel, auch wenn er selbst schon in einem der besetzten Räume einen Film präsentiert hat. "Es gibt immer Leute, die meinen, Kritikfähigkeit zeichne sich dadurch aus, dass man besonders krawallmäßig ist - das finde ich echt traurig. Wichtig sind vielmehr konstruktive Dinge mit einer positiven Resonanz, die Leute vereinnahmen und die Dämme und Vorurteile brechen."
So wichtig Holger Kraus die Öffnung von Räumen ist, so wichtig ist ihm auch seine Unabhängigkeit. Dennoch hat er sich an einer Veranstaltung der Internationalen Bauaustellung (IBA) in Wilhelmsburg beteiligt - einem städtebaulichen Mittel, dem viele Künstler skeptisch gegenüber stehen. Das ist Kraus jedoch zu eindimensional: "Wenn ich mich als Künstler ,instrumentalisieren' lasse, um auf einen Ort aufmerksam zu machen, muss ich mir überlegen: Was ist mir das wert und zu welchen Rahmenbedingungen? Und wenn es eine gute Veranstaltung ist, dann habe ich auch keine Schmerzen damit, teilzuhaben und ein kritisches Statement abzugeben." Immer nur dagegen zu sein, sei schlicht zu einfach.


Holger Kraus, Flexibles Flimmern | Foto: Anna Diem

Holger Kraus ist ein netter, kommunikativer Typ. Und das "Flexible Flimmern" ist eine Veranstaltungsreihe, bei der sich jeder willkommen fühlen darf. Gleichzeitig ist das Gängeviertel ein offener Ort, jeder darf hier zu jeder Zeit reinkommen und sich sowohl als Teil der Kunstsubkultur fühlen wie als Bewahrer eines Hamburger Altstadtgefühls. Das ist auch in Ordnung, das macht den Reiz von Gängeviertel und "Flexiblem Flimmern" aus - und doch fühlt man sich auch ein wenig unwohl, wenn man keine Reibungspunkte hat, wenn man umzingelt ist von Freunden.

[*Wenn man nicht aufpasst, wird man so ganz schnell zum subversiven Feigenblatt, das die kommerzielle Stadtraumnutzung nett garniert.*]



"Im Augenblick können wir nicht genug Freunde haben", widerspricht Christine Ebeling aus dem Gängeviertel, ",falsche' Seiten findet man in der abgehobenen Kapitalgesellschaft." Was ehrlich ist, gleichzeitig aber die Naivität zeigt, die dem Künstlerwiderstand bald zu schaffen machen dürfte. Denn: Noch legitimieren Solidaritätsadressen von links und rechts für Ebeling die Besetzung, sie glaubt, dass es mit jedem weiteren Mitstreiter für den Immobilienbesitzer schwerer werde, sein Konzept einfach durchzuziehen. Aber nach und nach wird die Vereinnahmung immer bedrohlicher: Anfang November lobte US-Ökonom Richard Florida die Gängeviertel-Besetzung, Florida, der ansonsten begeistert vorrechnet, wie passgenau die Kreativszene Teil des Standortmarketings von Metropolen sein kann. Wenn man nicht aufpasst, wird man so ganz schnell zum subversiven Feigenblatt, das die kommerzielle Stadtraumnutzung nett garniert.
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Die Diskussion um den öffentlichen Raum ist nicht auf Hamburg beschränkt. Auch Berlin und Leipzig werden an vielen Ecken gentrifiziert, und Künstler, die in Städten wie München oder Frankfurt ein Atelier suchen, müssen ebenfalls tief in die Tasche greifen. Aber in Berlin und Leipzig existieren noch ausreichend unverbrauchte Orte: Wer sich von der Schicki-Szene aus Mitte vertreiben lässt, geht eben nach Kreuzberg, es fehlt der existenzielle Druck, Orte zu erobern. In München und Frankfurt wäre dieser Druck zwar da, doch hier fehlt der Schulterschluss zwischen Polit- und Kunstszene: Räume werden hier vor allem deswegen besetzt, weil man irgendwo wohnen muss; dass Stadtleben auch davon profitiert, wenn Undergroundkünstler sich ihr Umfeld erkämpfen, wird hier kaum diskutiert.

So gut sieht es aus: das Hamburger Altstadtquartier Gängeviertel |
Fotos: Ellen Stickel

In Hamburg hingegen hat sich in kürzester Zeit ein ganzes Widerstandscluster entwickelt. So nutzen Künstler eine leerstehende Kaufhausruine für Ateliers und als Ausstellungsfläche, nicht illegal, sondern mit Zwischennutzungsmietverträgen. Zum Jahreswechsel aber plant ein schwedisches Möbelhaus, das Gebäude abzureißen und einen Neubau hochzuziehen - die Künstler drohen, die Räume dann einfach nicht zu verlassen, also in die Illegalität zu wechseln. Und führen bis dahin eine kluge Diskussion um die Frage, ob ein Möbelhausklotz mitten im Mischgebiet tatsächlich eine Steigerung der Lebensqualität für die Bewohner zur Folge haben kann. Das Filmkollektiv "A Wall is a Screen" verschönert derweil Brandmauern in Guerillataktik, indem sie Kurzfilme an Wände projiziert. Und an allen Ecken gründen sich Anwohnerinitiativen unterschiedlichster Couleur, von Kleingärtnern, die sich sorgen, dass die Stadtentwicklung ihnen ihre Tomatenbeete nehmen möchte, bis zu hochpolitisierten Hardcore-Kapitalismuskritikern. Gemein ist all diesen Akteuren ein Unbehagen daran, dass der öffentliche Raum immer stärker von kommerziellen Interessen geprägt ist.

Natürlich sind diese Hamburger Entwicklungen nichts Neues. Das bekannteste Vorbild für das Gängeviertel steht in Berlin: das Kunsthaus Tacheles. 1907 wurde der Gebäudekomplex in unmittelbarer Nähe zur Friedrichstraße als Kaufhaus erbaut. Im Zweiten Weltkrieg stark beschädigt, verfiel das Bauwerk zu DDR-Zeiten immer mehr, bis es 1990 von einer Künstlerinitiative besetzt wurde. Die das Haus binnen kürzester Zeit als unverzichtbaren Bestandteil des Berliner Kulturlebens etablierte.
Die Geschichte des Tacheles kann man als Erfolgsgeschichte lesen: wie Künstler den Finger in eine städtebauliche Wunde legen, um nach und nach der Bevölkerung zu zeigen, dass eine Stadt ohne Kunst keine Stadt mehr ist. Man kann die Geschichte des Tacheles aber auch als Menetekel sehen: wie der Erfolg eine Initiative kaputt macht. Fakt ist: Das Tacheles gibt es noch, künstlerische Impulse finden aber kaum noch statt. Und die ehemaligen Besetzer sind bis aufs Blut zerstritten, kommunizieren teilweise nur noch über Anwälte miteinander.

[*Was wollen wir von einer Stadt? Was macht Stadtleben für uns aus? Ist Städtebau mehr als Immobilienwirtschaft?*]



"Konflikte sind einer jeden Demokratie immanent", sagt Martin Reiter, Vorstand im Tacheles. "Wenn das dann unter der Gürtellinie geführt wird, dann wirft es höchstens ein bezeichnendes Licht auf diese Menschen, die so etwas machen. Aber wieso sollte es im Tacheles, bitte, anders sein als im Rest der Welt? Das halte ich für einen linksnaiven Wunschtraum."
Die Frage nach der ästhetischen Qualität der im Tacheles produzierten Kunst ist allerdings ohnehin falsch gestellt. Das Tacheles mag als Kunstort gescheitert sein oder nicht, Martin Reiter auf jeden Fall weiß um die Fallen, die auf das Gängeviertel erst noch warten. "Man findet immer Menschen, die haben ganz klare materielle Interessen", warnt der 47-jährige Tacheles-Veteran die Hamburger vor allzu großer Naivität beim Umgang mit vorgeblichen Mitstreitern. "Man kann es salopp formulieren: Wer will ein Geschäft machen, und wer will Kunst machen?" Gefragt sind bei der Organisation demnach weniger Künstler und politische Idealisten, gefragt sind, so unromantisch das klingt, verhandlungssichere Juristen, die Verträge hieb- und stichfest ausarbeiten: "Bei einer vertraglichen Abmachung ist immer darauf zu achten, dass das sehr genau, aber auch sehr kurz formuliert ist."


Das besetzte Gängeviertel in Hamburgs Innenstadt | Fotos: Ellen Stickel

Wobei die wichtigste Herausforderung gar nicht ist, das Gängeviertel als Künstlerkolonie zu erhalten. Es geht nicht darum, den künstlerischen Wert des Tacheles zu beziffern, es geht auch nicht darum, widerständige Raumaneignung (die Gebäude gegen den Willen der Besitzer besetzt, wie das Gängeviertel) gegen affirmative Raumnutzung (die Gebäude in Zusammenarbeit mit den Besitzern aufwertet) auszuspielen. Es geht ausschließlich darum, dass endlich einmal darüber geredet wird: Was wollen wir von einer Stadt? Was macht Stadtleben für uns aus? Ist Städtebau mehr als Immobilienwirtschaft?

Und dass diese Diskussion in Hamburg mittlerweile breit geführt wird - dieser Erfolg kann dem Gängeviertel nicht mehr genommen werden.