Foto Anna Bederke - EINE WIE ANNA
Fotos: Manuel Pandalis
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EINE WIE ANNA

"Zur Not kann er mich ja rausschneiden", dachte sich Anna Bederke - und übernahm ohne einen Funken Schauspielerfahrung eine Rolle in Fatih Akins neuem Film. Ist die ausgebildete Regisseurin wirklich so cool?

Von Juliane Rusche

Anna Bederke sieht abgekämpft aus, als sie an einem kalten Samstagnachmittag zum Interview in das kleine Café im Hamburger Stadtteil St. Pauli kommt. "Entschuldige, ich bin ziemlich angeschlagen", sagt sie zur Begrüßung. Sie schleppe schon seit Tagen so etwas wie eine Erkältung mit sich herum, nun habe sie auch noch diesen Megaherpes auf der Oberlippe bekommen. "Aber wir machen ja keine Fotos. Also egal", befindet sie dann mit einem angedeuteten Grinsen und schält sich aus ihrer dunklen Winterjacke. Ihr lässiger Tonfall hat etwas Distanziertes; man könnte sie für arrogant halten. Eine halbe Stunde später wird Anna Bederke sagen, die Frau, die sie in "Soul Kitchen" verkörpert, sei ihr zwar ähnlich, sie selbst sei aber bei weitem nicht so kühl wie die Barfrau Lucia. Und es stimmt: Die 28-Jährige ist sehr herzlich und bodenständig - es braucht nur eine Weile, bis man das so richtig merkt.

Anna Bederke ist das passiert, wovon andere träumen: quasi von der Straße weg, ohne Schauspielausbildung und Eigeninitiative eine Hauptrolle bei einem der bekanntesten Regisseure Deutschlands zu ergattern. "Na ja", sagt Anna und zupft an ihrem schwarzen Schal, den sie sich mehrmals locker um den Hals gewickelt hat und der fließend in ihren ebenfalls schwarzen Schlabberpulli übergeht. Das winterliche und praktische Outfit passt perfekt zum eigenwilligen Hamburger Wetter an diesem Nachmittag - und zum gemütlichen Herumhängen im Café. Ganz so ein Zufall sei es ja nicht gewesen. "Ich war Studentin bei Fatih, als er mal ein Gastseminar an der Hochschule gegeben hat." An der HFBK, der Hamburger Hochschule für bildende Künste, hat Anna bis 2007 Regie studiert. Irgendwann rief Akin sie an und erzählte, dass sie ihn zu einer Figur in seinem neuen Film inspiriert habe. "Sie ist wie du", hat Akin gesagt, "sie arbeitet in einer Bar, aber eigentlich ist sie Künstlerin." Bei der Erinnerung an diese Charakterisierung muss Anna schmunzeln. Sieben Jahre lang stand sie regelmäßig in der Dual Bar im Schanzenviertel hinter der Theke, um sich ihr Studium zu finanzieren. "Man ist Einsiedler, wenn man nur daheim am Schreibtisch sitzt und für seine Filmprojekte arbeitet." Deshalb habe es ihr ganz gut getan, durch den Nebenjob ein paar Mal in der Woche so etwas wie eine Pflichtveranstaltung zu haben.

Sich Geschichten ausdenken, Drehbücher verfassen, Regie führen: Normalerweise steht Anna Bederke auf dieser Seite der Filmwelt - hinter der Kamera. Sie drehte unter anderem den Kurzfilm "Postcards to Dreamland" und ihren Abschlussfilm "Lemniskate" mit Nikolai Kinski. "Ich wusste schon in der Grundschule, dass ich mal Kunst studieren möchte," erzählt sie, und ihre Augen drücken Begeisterung aus unter den geschwungenen, dunklen Augenbrauen. Sie hat immer schon wahnsinnig viel gemalt, Kurzgeschichten geschrieben, fotografiert und außerdem zwölf Jahre lang Geige gespielt. Mit 16 hat sie sich dann von ihrem Taschengeld eine Videokamera gekauft und für ein Schulprojekt ihren ersten Film gedreht - eine Dokumentation über Einsamkeit. "Ich war halt ein Teenager", kommentiert sie das heute grinsend. Anna nippt vorsichtig an ihrem grünen Tee. "Mich hat am Film schon immer fasziniert, dass deine Fantasie nicht stirbt. Du bist permanent umgeben von Geschichten und Bildern. Damit fühle ich mich wohl."

Bei anderen Menschen würden solche Sätze wohl prätentiös oder zurechtgelegt wirken; wenn Anna Bederke sie in ihrer nüchternen Art sagt, klingen sie einfach ehrlich - und selbstbewusst. Dass sie nun zum ersten Mal vor der Kamera stand, nimmt sie gelassen. "Das kam so überraschend, da ich das bisher nicht auf meiner To-do-Liste hatte. Weil ich keine Erfahrungswerte hatte, auf die ich hätte zurückgreifen können, habe ich Fatih einfach vertraut und mir gedacht, dass er mich zur Not ja rausschneiden kann, wenn ich's schlecht mache." Diese Einstellung habe ihr zu einer enormen Leichtigkeit verholfen. Die sieht man ihr im Film auch an: Sie spielt die trinkfeste Lucia Faust - Fotografin und Kellnerin im Hamburger Restaurant "Soul Kitchen", in dem der Großteil der Komödie spielt - so glaubhaft, dass man meint, eine ausgebildete Schauspielerin vor sich zu haben.

Dabei war das Casting für die Rolle eine ziemliche Odyssee. Rückblickend muss Anna Bederke grinsen, schon wieder. An einem Samstagmorgen stand sie verkatert und ungeduscht an einer Supermarktkasse, als Akin sie auf ihrem Handy anrief: Das Vorsprechen, zu dem er sie überredet hatte und das für den nächsten Tag angesetzt war, musste vorgezogen werden und sofort stattfinden. "Zuerst dachte ich: Geht gar nicht. Dann: Okay, scheiß drauf. Als ich dann eine halbe Stunde später da war, war ich total nervös und habe mich dafür entschuldigt, dass ich so durch den Wind bin." Dann lief alles erstaunlich gut. Ein paar Tage später wollte sie eigentlich nach Tel Aviv fliegen, um für einen Kurzfilm zu recherchieren. Ein erneuter Anruf des Regisseurs kam dazwischen: "Wir machen das zusammen, und du darfst nicht in den Süden fliegen, weil du blass und fertig aussehen musst." Dabei wollte Akin eigentlich nur Moritz Bleibtreu zeigen, wer das Vorbild für die Rolle der Lucia sein sollte - doch das Vorbild überzeugte Akin vom Fleck weg. Seitdem hat sich Annas Alltag ziemlich verändert: Den Job in der Bar hat sie aufgegeben, weil er sich mit den Dreharbeiten nicht vereinbaren ließ. Die eigenen Projekte liegen erst einmal brach. Statt zu Hause am Computer zu sitzen, macht sie gemeinsam mit der "Soul Kitchen"-Crew Promotiontouren für den Film. "Plötzlich stecke ich in sehr sonderbaren Situationen und laufe auf Zwölf-Zentimeter-Absätzen über rote Teppiche." Damit, plötzlich im Rampenlicht zu stehen, geht sie genauso lässig um wie mit all den anderen Aspekten ihres neuen Leben. "Schon ungewohnt. Aber jetzt komme ich aus der Nummer ja eh nicht mehr raus." Wenn überhaupt, habe sie sich über nur eine einzige Sache Gedanken gemacht: "Dass ich bei mir bleibe, dass ich kein unrealistisches Verhältnis zu mir selbst kriege. Weil ich glaube, dass alles, was du tust, dich auch prägt." Schon wieder so ein leicht philosophischer Satz, der aus Anna Bederkes Mund überhaupt nicht abgehoben klingt.

Unter Anleitung von Fatih Akin und an der Seite von Moritz Bleibtreu vor einer Kamera zu stehen, während man ansonsten selbst die Regieanweisungen gibt - das stellt man sich auch als prägend vor. "Mir hat das aber in erster Linie Spaß gemacht", nimmt Anna der Sache das Gewicht. "Das war ein Spiel, natürlich mit ein paar Regeln. Aber ohne die wär's ja auch langweilig." Sie zwirbelt mit der rechten Hand eine kastanienbraune Haarsträhne, die sich aus ihrem Zopf gelöst hat. Keine Geste der Unsicherheit, sondern der Zerstreuung und des Wohlfühlens. Dann ergänzt sie: "Spielen hat was Intuitives, es bleibt kein Platz fürs Ego. Und im Gegensatz zum Regieführen konnte ich immer im Moment sein, ohne den ganzen Apparat im Blick behalten zu müssen." Ein paar Minuten lang spricht sie über die Zusammenarbeit mit Akin, über das Geben und Nehmen im Filmbusiness, über Vitamin B, das wichtig, aber nicht zu überschätzen sei. Und über Ehrgeiz und Perfektionismus: "Ehrgeiz habe ich saisonal, Perfektionismus versuche ich, in den Griff zu kriegen." Dabei könnte man glatt vergessen, dass dieses Gespräch eines der ersten Interviews ist, die Anna Bederke in ihrem Leben gibt. Selbstbewusst äußert sie ihre Meinung, und wenn sie mal keine hat, dann gibt sie das auch zu: "Die Antwort war jetzt nicht so cool, oder?" Klar, dass so jemand ohne Angst nach vorne schauen kann. "Ehrlich gesagt beschäftige ich mich gar nicht so viel mit dem, was in der Zukunft passiert", schränkt Anna ein. "Ich weiß nicht, was als Nächstes kommt. Wird das Regie oder Schauspiel? Keine Ahnung. Ich wünsche mir, dass es auf Dauer mit der Regie klappt. Das ist meine Leidenschaft." Sie habe einfach diesen großen Wunsch, Geschichten zu erzählen, ergänzt sie mit einem Achselzucken. "Das Wichtige ist, dass du die Geschichten selbst fühlst. Sonst kannst du sie nicht gut rüberbringen."

Wenn man sich die 28-Jährige so anschaut, wie abgeklärt, zielsicher und unaufgeregt sie sich durch ihr Leben bewegt, kann man nicht anders, als zu glauben: Die schafft das. Auch wenn Anna selbst sagt: "Es gibt Tage, da denke ich: Ich bin nicht gut genug. Manchmal habe ich keine Ideen, und dann sitze ich da, und frage mich: Soll ich wirklich Filme machen? Deshalb weiß ich auch nicht, wo ich in 20 Jahren sein werde. Vielleicht backe ich dann auch Kuchen oder so." Erst einmal allerdings geht es an die eigene Regiekarriere: Die erste Drehbuchfassung für einen Langfilm liegt auf Annas Schreibtisch und wartet nur darauf, dass der "Soul Kitchen"-Rummel sich wieder legt.

Als das Interview zu Ende ist, tritt Anna Bederke aus dem Café und zündet sich erst mal eine Zigarette an. Dann schlendert sie in Richtung Schulterblatt, dem Zentrum des Schanzenviertels, über der Schulter eine schwarze Umhängetasche, an den Füßen schneeweiße Sneakers zur hochgekrempelten Jeans. Zwischen den anderen, meist jungen Leuten, die hier mit hochgezogenen Schultern durch die Kälte hasten, fällt sie nicht weiter auf. Noch nicht. Schon bald wird man sie sie als coole Tresenfrau aus Fatih Akins Film kennen. Anna Bederke wird das nehmen wie alles andere auch: gelassen.

Check-Brief

[*Name:*] Anna Bederke
[*Alter:*] 28
[*Geburts- und Wohnort:*] Hamburg
[*Berufe:*] Filmemacherin, Schauspielerin, war früher Barfrau im Hamburger Schanzenviertel, Model, spielte zwölf Jahre lang Geige
[*Und sonst:*]
- Lernte einiges über das Medium Film von ihrem Vater, der als Kommunikationswissenschaftler in Kopenhagen arbeitete
- Studierte Regie an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg
- Landete eher unfreiwillig als Darstellerin in Fatih Akins Kinofilm: "Soul Kitchen", zu sehen ab 25. Dezember 2009.