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Donnerstag 09 | 09 | 2010





Foto Fettes Brot - DIE JEINSAGER
Foto: Fettes Brot
music | Storys | Fettes Brot

DIE JEINSAGER

Wer nur noch seine alten Hits spielt ist von gestern. Außer man macht's wie Fettes Brot und wird nostalgisch, solange man noch jung genug dafür ist.

Interview: Katharina Behrendsen


uMag: Björn, statt einem Studioalbum gibt es zwei Jahre nach "Bettina" ein Live-Doppelalbum. Habt ihr Angst, dass euch nichts mehr einfällt?
Björn Beton: Diese Angst habe ich mittlerweile ein bisschen verloren, weil ich zum Beispiel erkannt habe, dass das Thema Liebe unendlich viele Möglichkeiten bietet. Um so mehr man denkt, ,oh Gott, das habe ich schon mal gemacht`, desto mehr hält es einen davon ab, durch dieselbe Tür zu gehen - aber ganz woanders hinzukommen. Nur weil man mit derselben Idee an eine Sache rangeht, heißt das nicht, dass man zum selben Ergebnis kommt. Außerdem verändern sich Songs von der ersten Idee bis zum Endprodukt bei drei Leuten so sehr, da kommen so viele Ideen zwischendurch, dass ich keine Angst habe, wir könnten uns wiederholen.
Dokter Renz: Was wir aber bestimmt kennen, ist das Bedürfnis, sich kreativ derart zu präsentieren, dass man irgendwas Überraschendes bringt. Dabei ist man manchmal in der Nachbetrachtung dichter an Früherem dran, als man denkt. Letztens habe ich von Dirk von Lowtzow den Satz gelesen: ,Man schreibt sowieso immer dasselbe Lied.` Ich würde zwar sagen, man schreibt wahrscheinlich immer dieselben fünf Lieder, aber es gibt auf jeden Fall Themen, die finde ich von Anfangstagen meiner damaligen Schülerband, noch auf englisch gerappt, bis heute immer wieder.

uMag: Also habt ihr nie kreative Leere - in der dann Neues entsteht?
König Boris: Jay-Z sagt, ,don't force the music`, und damit hat er Recht. Ich habe über die Jahre gelernt, dass, wenn mir nichts einfällt, ich dann auch loslasse. Es ist eine große Befreiung gewesen, zu merken, dass man sich nicht zwingen muss, gute Ideen zu haben, ja, dass das sogar kontraproduktiv ist. Je mehr man es will, desto weniger funktioniert's. Bei mir zumindest.
Dokter Renz: Diese Momente haben wir auch als Band zu vermeiden gelernt. Es passiert uns heute nur noch ganz selten, dass wir zusammensitzen und denken, oh, wir müssen uns unbedingt jetzt einen Song ausdenken, lass uns mal ganz viel Fleiß reinstecken, dass es toll wird. Wir warten dann tatsächlich lieber auf den Momente, wo es leicht läuft.

Jein Live - Video




uMag: Wann fiel die Entscheidung, ein Livealbum zu machen und die alten Songs neu zu arrangieren?
Björn Beton: Wir sind ja seit 2006 zu elft auf der Bühne und gestalten gemeinsam - zum Teil aus eigener Langeweile, zum Teil aber auch aus Notwendigkeit - die Songs zu Liveversionen um. Irgendwann ist uns aufgefallen: Das ist ein ganz neuer Ansatz, eine ganz neue Version. Es gibt uns andere Möglichkeiten, auf das Publikum einzugehen, oder, wenn wir Lust haben, aus "London calling" "Hamburg calling" zu machen und das nur zwei Tage später mit der Band umzusetzen: Für uns eine große Freiheit. Oder sogar Befreiung. Und dann gab es noch den Moment, als ich nach einem Konzert im Bus den Auftritt noch mal angehört habe - ich mag's ja nicht so, aber einige aus der Band finden das ganz toll - und das war das erste Mal, dass ich solche Aufnahmen von unserer Band gehört habe, ohne, dass ich dabei selber was zu tun hatte, und da habe ich schon gedacht: Wow, dass ist jetzt mal ein ganz neuer Style.

uMag: Was findet ihr eigentlich schwieriger: Neu schreiben oder umschreiben?
König Boris: Neu schreiben ist dann doch schon schwieriger, zumal wir ja auch auf die Mithilfe der Musiker zurückgreifen können, wenn wir uns neue Arrangements für alte Songs ausdenken. Den Luxus, dass jemand mit Ideen um die Ecke kommt, haben wir bei neuen Produktionen nicht.
Dokter Renz: Im Idealfall ist beides nicht besonders schwierig. Oftmals hängt man erst in dem Moment, wo man an die Fertigstellung kommt, wo es um die letzte Strophe geht.

uMag: Aber was ist mit dem Respekt vorm Original? Hat man bei Übersongs wie "Jein" nicht Schiss, dass man das sowieso nicht mehr toppen kann?
Dokter Renz: Am schwersten haben wir uns damit getan, "Nordisch by Nature" neu zu arrangieren, weil wir das Lied schon jahrelang immer wieder in neuen Versionen gespielt haben. Es gibt so viele, dass man wahrscheinlich eine eigene LP draus machen könnte. Insofern waren wir drei an dem Punkt, wo wir gesagt haben: Geiler als beim letzten Mal kriegen wir es eigentlich gar nicht mehr hin. Und irgendwie war dann der Wunsch da, uns wieder dem Original zuzuwenden. Darüber gab es auch innerhalb der Band viele Diskussionen, weil die Musiker unsere Scheu gar nicht nachvollziehen konnten. Und wir hatten die Befürchtung, dass wir damit die Kreativität bankrott erklären, wenn wir wieder das spielen, was wir uns 1995 ausgedacht haben. Wir haben dann einen Clou angewandt und das Lied zwar im Original gespielt, haben dem Song aber ein eigenes Ständchen gebracht und sozusagen unsere alte Liebe neu aufflammen lassen.
König Boris: Wir achten schon drauf, dass es keine Konkurrenz zwischen den Versionen gibt. Im Idealfall wird der Song einfach als der Song wahrgenommen, und die Leute denken gar nicht darüber nach, ob das jetzt eine neue Version ist oder nicht. Da sind wir auch Popschweine genug, unsere Hits nicht so zu verunstalten, dass die am Ende keiner wiedererkennt.

Check-Brief

Band: Fettes Brot
Mitglieder: Martin Vandreier, Boris Lauterbach, Björn Warns
Alias: Dokter Renz, König Boris, Björn Beton
Alter: 35, 35, 36
Heimat: Hamburg
höchste Chartsplatzierung: 1 (für "Emanuela" in Österreich)
aktuelle Alben: "Fettes" und "Brot" sind Ende Februar erschienen
Tour: 30. 4.-12. 5. und am 10. 12. in der Hamburg Color Line Arena
Web: www.fettesbrot.de




15.03.2010






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