Foto 1000 Robota - DIE BRANDSTIFTER
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DIE BRANDSTIFTER

1000 Robota sind naiv, selbstverliebt und großkotzig.
Genau so eine Band haben wir dringend gebraucht.

Text: Carsten Schrader

Drei gerade mal 18-jährige Jungs aus Hamburg schreiben die Spielregeln der deutschen Musikszene um. Im Februar 2008 veröffentlichen 1000 Robota ihre erste EP: fünf hingerotzte Songs mit Anleihen an Punk und NDW der frühen 80er. Der Titelsong "Hamburg brennt" wird zum Indiehit. Alles noch nicht sonderlich spektakulär. Doch plötzlich liegt Hamburg in Großbritannien: Der NME entdeckt die Band und veröffentlicht eine Lobeshymne, britische Bands wie The Klaxons und The Horrors outen sich als Fans, 1000 Robota spielen ausverkaufte Headlinershows in London und haben inzwischen mehr Konzerte in der britischen Hauptstadt als in Berlin gespielt. Während sich Musikjournalisten in England wundern, warum die Jungs bei uns nicht längst auf allen Titelblättern zu sehen sind, macht sich hierzulande eine Antistimmung breit. Von pickeligen Postpubertierenden will man sich die Hypekultur nicht erklären lassen. Schnell, glamourös und überschwänglich ging schließlich in diesem Land noch nie etwas. Vor allem Sänger Anton Spielmann gerät ständig ins Kreuzfeuer der Kritik, weil seine bissigen Kommentare vor nichts und niemandem Halt machen.

[*U_mag*]: Anton, endlich erscheint euer Debütalbum. Wie ist es euch in den letzten Wochen mit all dem Erwartungsdruck ergangen?
[*Anton Spielmann*]: Man selbst realisiert es nicht so, wie andere es tun. Als wir mit unserem Produzenten Johann Scheerer im Studio gearbeitet haben, ist der irgendwann total durchgedreht: Wir mussten in den Park gehen, haben uns unterhalten, und da wurde dann ganz viel Psychotrash ausgepackt. Wenn man es doof sagen will, dann hat er uns verdeutlicht, dass ganz Deutschland auf unser Album wartet. Und ab dem Zeitpunkt haben wir angefangen, richtig zu arbeiten.

[*U_mag*]: Dir war nicht bewusst, dass viele auf euer Album warten? Dabei hast du den Ruf, arrogant zu sein.
[*Spielmann*]: Wenn ich mit Selbstsicherheit durch die Welt gehe, wird mir das schnell als Arroganz ausgelegt. Ich will einfach nur ehrlich sein, und mit der Ehrlichkeit nehme ich es eben verdammt genau. Vielleicht trete ich auf der Bühne auch mal ans Mikro und sage, dass ich an sieben Tagen in der Woche in sieben verschiedenen Städten bin und mit sieben verschiedenen Personen Sex habe. Aber das ist einfach nur Bullshit. Wer dann denkt, ich halte mich für den Dicksten, der hat es nicht verstanden. Der hat sich seine Meinung schon vorher gebildet und nur auf Fehler gewartet.

[*U_mag*]: Trotzdem provozierst du ja oft ganz bewusst.
[*Spielmann*]: Teilweise schon, es kommt immer auf die Situation an. Aber hinter allem steht immer, dass ich versuche, ehrlich zu sein. Klar, manchmal merkt man schon vorher, dass die Leute sehr schnell beleidigt sind. Und oft werden die Dinge auch komplett falsch verstanden, die Leute können nicht mit meiner Ironie und meinem Nonsens umgehen.

[*U_mag*]: Ihr äußert euch auch im Internet und kritisiert zum Beispiel mit sehr deutlichen Worten, wenn euch bestimmte Artikel nicht gefallen. Steckt dahinter die Angst, missverstanden zu werden?
[*Spielmann*]: Früher wollte man sich häufiger für bestimmte Sachen rechtfertigen, aber heute machen wir das eher selten. Es ist uns mittlerweile scheißegal, und wir wissen auch gar nicht, was die Leute so schreiben und sagen. Es darf uns nicht zu sehr interessieren, sonst würden wir untergehen, und es würde uns auch künstlerisch total einschränken. Wir wollen uns selbst treu bleiben. Das ist das Einzige, was zählt. Und das ist ja auch der Grund, warum so viele uns mögen.
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Keine Frage, der blasse Schlacks findet sich selbst super. Und er ist sich seiner Wirkung auf andere voll bewusst. Anton Spielmann ist ein Anführer; einer, dem die Gedanken schneller durch den Kopf jagen, als er sie formulieren kann. Er baut auf die Gewissheit, dass man seine Band zwar hassen, aber nicht ignorieren kann. Noch nicht mal Musikfans jenseits der 30.

[*U_mag*]: Fühlt es sich komisch an, wenn ihr euch mit Leuten auseinandersetzen müsst, die doppelt bis viermal so alt sind wie ihr?
[*Spielmann*]: Ich finde das total cool, und es bestätigt mich ja auch. Ich werde mit Leuten gleichgestellt, die älter sind. Es bedeutet, ich kann sehr jung sein und trotzdem gute Ideen und eine klare Meinung haben, die akzeptiert wird.

[*U_mag*]: Euch zu verstehen ist also weniger eine Altersfrage als eine Frage der Persönlichkeit?
[*Spielmann*]: Es gibt so viele Idioten in dieser Welt, egal, wie alt sie sind. Wir sind einfach frei denkende Menschen. Wir sind nicht auf irgendwas versteift, und wir respektieren sehr viel. Es ist wichtig, tolerant zu sein, und noch wichtiger ist es, dabei natürlich zu bleiben. Viele Menschen sind einfach unnatürlich, weil sie Angst haben, falsch gesehen zu werden. Unsere Ehrlichkeit weiß jeder zu schätzen, bei dem es vom Typ passt. Egal, ob er 14 und cool oder vielleicht 40 und cool ist.

[*U_mag*]: Ihr habt einen Song der Band Palais Schaumburg gecovert. Du regst dich aber sehr darüber auf, wenn ihr deswegen mit den 80ern in Verbindung gebracht werdet. Gerade die Älteren wollen wegen der Affinität zu Punk, Wave und NDW immer wieder politische Aussagen in eure Musik reininterpretieren.
[*Spielmann*]: Ich kann dazu nur sagen, dass wir mit Politik nicht wirklich was am Hut haben. Früher hast du einfach ein bestimmtes T-Shirt zur Arbeit angezogen, und schon warst du der Oberpunk. Du hast einen Stein auf einen Polizisten geworfen, und schon warst du der allerkrasseste Typ auf der ganzen Welt. Heute sind die Zeiten einfach anders. Natürlich machst du mit all deinen Handlungen auch Politik. Wenn wir einfach nur versuchen, so aufrichtig wie möglich zu sein, dann ecken wir oft an, weil zu viel Moral und zu viel Rotz in den Köpfen der Leute stecken. Und dann stellen wir eine wichtige Frage: Warum seid ihr so? Uns geht es schlicht darum, dass die Leute sich und ihr Verhalten ganz konkret hinterfragen. Das ist unser Weg, in dem vielleicht oft auch viel mehr und ganz was anderes gesehen wird.

1000 Robota wollen sich ihre eigene Protesthaltung erobern, und das ist auch ihr gutes Recht. Seit den 80ern hat sich viel getan: multipler Identitätsbau übers Internet, Subkulturmode bei H&M und American Apparel, Verlust der Kritikfähigkeit durch Informationsoverkill. Kommt erst mal mit euch selbst klar, fordern 1000 Robota. Erst dann ist wieder ein Gemeinschaftsgefühl möglich. Und erst dann kann sich eine neue Jugendbewegung auch dezidiert politisch verorten.

[*U_mag*]: Der 80er-Vergleich nervt dich nicht nur, weil euch damit eine möglicherweise längst überkommene Protestkultur übergestülpt wird, sondern auch, weil bei den Rückbezügen häufig das Jetzt und die Zukunft nicht gesehen werden, oder?
[*Spielmann*]: Genau. Es ist doch arm, wenn man sich einfach nur auf eine längst vergangene Zeit bezieht. Eine Band wie Kings Of Leon übernimmt zwar auch bestimmte Elemente. Aber schau dir bitte die Ausstrahlung dieser Band an. Das sind Rockgötter des 21. Jahrhunderts. Andere machen Musik und wollen damit verrecken. Oft höre ich eine Band nur 90 Sekunden, und schon weiß ich, dass die Band nichts will. Die wollen nur ihre Scheißmusik machen, und dann behaupten sie, sie seien damit glücklich. Neulich habe ich Tomte bei einem Festival gesehen: eine Blamage! Die sind einfach frustriert. Aber wir wollen erobern, wir haben Ziele, wir wollen durchbrechen.

[*U_mag*]: Allerdings veröffentlichen Tomte bereits ihr fünftes Album, und wer weiß, wie es euch in zehn Jahren ergeht ...
[*Spielmann*]: Ich bin mir sicher, dass wir nicht so werden. Wenn ich eine gute Band höre, macht mich das oft so glücklich, dass ich der alles geben möchte. Tomte haben das verloren, und sie versuchen, eine Strategie aufzubauen: Wir sind mit euch allen, wir sind alle gleich, und wir gehen später mit euch ein Bier trinken. Aber das Publikum nimmt Tomte dann einfach nicht mehr ernst. Und es ist nicht nur unseriös, es ist auch gar nicht möglich. Thees Uhlmann hat wahrscheinlich die meisten Freundschaftsversprechen auf der ganzen Welt verteilt - und natürlich kann er sie nicht einhalten.
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Vielleicht schießt ihre ständige Tomte-Disserei übers Ziel hinaus, und man kann die Ansage von Thees Uhlmann bei einem gemeinsamen Festival in Dresden nachvollziehen: "Das nächste Lied ist gegen 1000 Robota, ich kann das Geld eurer Eltern bis hierher riechen." Vielleicht haben 1000 Robota bei ihrer Vorliebe für britisches Musikergebaren einfach übersehen, dass die Zeiten von Blur gegen Oasis längst vorbei sind. Doch eine Respektlosigkeit gegenüber allem und jedem, wie Anton Spielmann sie an den Tag legt, hat in Deutschland seit vielen Jahren gefehlt. 1000 Robota sagen, was sie denken, und taktieren nicht, mit wem man besser auf gut Freund macht. Vielleicht muss man manchmal sogar schneller reden als denken, wenn man eingefahrene Strukturen einstürzen will. So oder so werden Anton Spielmann und seine zwei Mitstreiter noch auf viel Widerstand stoßen. Bleibt nur zu hoffen, dass sie den aushalten, ohne sich anzupassen.

[*U_mag*]: Ihr seid in England voll angesagt und habt es sogar in das einflussreichste Musikmagazin, den NME, geschafft. Trotzdem seid ihr angekotzt, wenn man sich in Deutschland darauf bezieht.
[*Spielmann*]: Jedes deutsche Magazin sagt doch, der NME sei Trash, weil da nur idiotische Hypebands reinkommen. Aber trotzdem schreiben sie jetzt alle, dass wir im NME waren. Warum eigentlich? Sie preisen mit etwas, was sie eigentlich verleugnen. Das ist doch arm.

[*U_mag*]: Oft schreiben die vom NME mehr über Frisuren als über Musik.
[*Spielmann*]: Unser Artikel war super, und es ging um Musik. Sie haben geschrieben, wer wir sind und woran wir uns anlehnen. Natürlich ist der NME oft nur die etwas coolere Bravo. Das ist eben Popkultur. Aber die ist in England einfach mal cooler. Das ist eben nicht "Drei Tage wach" und Scooter, sondern Klaxons und Oasis.

[*U_mag*]: Der Vorteil der Musikszene in Deutschland ist allerdings, dass nicht auf Kurzlebigkeit gesetzt wird und alle zwei Wochen neue und oft fragwürdige Bands abgefeiert werden.
[*Spielmann*]: Klar, in England sind viele Bands einfach nur für den Moment da. Eine Band wie Hadouken! weiß das meiner Meinung nach aber auch. Heute brennen bestimmte Jugendliche für ihre Musik, aber in zehn Jahren gehen Hadouken! nur noch auf Galas und zweitklassige Partys. Bei den Klaxons ist das anders, die sind vielleicht in 20 Jahren, was David Bowie heute ist. Und ich kann nicht mehr sieben Jahre warten, bis ich in Deutschland mal eine große Tour spielen kann. Ich kann keine sieben Jahre mehr existieren. Die Leute müssen verstehen, sie müssen von vornherein an uns glauben und mit der Entwicklung gehen. Natürlich werden wir uns verändern und verbessern. Unser siebtes Album wird nicht mehr wie das erste klingen.

[*U_mag*]: Um heute überhaupt eine Chance zu haben, musst du dich auf Kooperationen mit großen Firmen wie VW, Jägermeister oder Coca-Cola einlassen. Seid ihr dazu bereit?
[*Spielmann*]: Wenn wir das komplett verneinen, könnten wir nicht existieren. Die Subkultur braucht diesen Support, aber ich sehe das nicht als Verhurung. Es darf nur keinen Einfluss auf deine künstlerische Arbeit haben. Eine Band wie uns zu buchen, ist ja eher eine Verhurung von Coca-Cola, denn unsere Musik hat eine klare Aussage: Wir holen uns zurück, was wir brauchen, für euch und für uns. Glaubt an euch selbst, wir brauchen diese Leute bald nicht mehr. Coca-Cola kann wieder abziehen. Sie haben uns die Scheine gegeben, und wir haben damit unser Ding gemacht. Dann trinkt keiner mehr Coca- Cola, und am Ende ist Coca-Cola im Arsch. Nicht wir.

Das ist natürlich völlig naiv, selbstverliebt und großkotzig - und trotzdem tut es verdammt gut, genau das zu hören.

Check-Brief

[*Name*] 1000 Robota
[*Bandmitglieder*] Anton Spielmann (18, Gesang & Gitarre), Sebastian Muxfeldt (17, Bass), Jonas Hinnerkort (18, Schlagzeug & Gesang)
[*Genre*] Indierock mit Anleihen an Punk und NDW der frühen 80er
[*Wohnort*] Hamburg
[*Die britische Zeitung "The Sun" über 1000 Robota*] "Gang of Four im Panzer"
[*Thees Uhlmann (Tomte) über 1000 Robota*] "Die gibt es in drei Jahren eh nicht mehr."
[*Anton Spielmann über 1000 Robota*] "Wir sind schon jetzt geil, und in 20 Jahren sind wir das immer noch."
[*Aktuelles Album*] "Du nicht er nicht sie nicht" erscheint am 26. September
[*Tour*] ab 10. 10., alle Termine auf www.Umagazine.de

Video

"Mein Traum" von 1000 Robota