Foto Literaturoktober 2: Stefan Merrill Block - DAS GROSSE VERGESSEN
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DAS GROSSE VERGESSEN

Niemand schreibt zur Zeit spannender über Liebe, Leid und Lebenssinn als der amerikanische Debütant Stefan Merrill Block. Bei einem Roman, in dem es ausgerechnet um Alzheimer geht, war das nicht zu erwarten.

Text: Carsten Schrader
Foto: Christina Pabst

"Meine Hände begannen zu zittern, und ich hatte die paranoide Vorstellung, dass eine Fremde sich die Biografie meiner Mom angeeignet hatte, dazu das flaue Gefühl im Magen, dass Mom offenbar nicht die Einzige war, dass es Millionen dieser zombiehaften Existenzen gab."*

Der 16-jährige Seth kämpft mit den üblichen Teenieproblemen: Pickel, keine Freunde, keine Chancen bei Mädchen. Und er hat eine Mutter, die von Tag zu Tag merkwürdiger wird: Die gerade mal 35-Jährige leidet an einer Frühform von Alzheimer. "Während ich langsam immer größer wurde, wurde meine Mutter immer kleiner", lässt Stefan Merrill Block seinen Helden das Problem auf den Punkt bringen. Der neue Shootingstar der US-Literatur fährt dazu einen zweiten, noch freakigeren Erzähler auf: Irgendwo in Texas sitzt der buckelige Abel auf einer heruntergekommenen Farm und wartet auf seine Tochter, die ihn vor vielen Jahren verlassen hat. Den kauzigen Greis verfolgen die Erinnerungen. An seine große Liebe Mae, die dummerweise die Frau seines Zwillingsbruders Paul war, gleichzeitig aber auch die Mutter von Abels Tochter. Und an Paul, der nach seiner Rückkehr von der Armee an Alzheimer erkrankte.

Ziemlich übermüdet sitzt der neue Held im Café des Hamburger Literaturhauses. Kein Wunder, denn zur Veröffentlichung des Debüts in Europa muss Block die Promotour eines Rockstars abreißen. Doch schon ganz Profi versteckt er seine Augenringe hinter einem Sunnyboylächeln und beweist seine Zurechnungsfähigkeit, indem er ohne zu stocken die Städte der letzten fünf Tage aufzählt. Einen doppelten Espresso bestellt er trotzdem.

[*U_mag:*] Stefan, für die deutsche Übersetzung deines Debütromans "The Story of Forgetting" wurde der Titel geändert. Aber führt "Wie ich mich einmal in alles verliebte" den Leser nicht in eine völlig falsche Richtung?
[*Stefan Merrill Block:*] Ganz und gar nicht. In den USA wurde das Buch leider oft auf Alzheimer reduziert. Es ist aber nicht nur und auch nicht in erster Linie ein Buch über eine Krankheit. Genauso wie es ein Buch über Alzheimer ist, ist es auch ein Buch über das Verlieben.

[*U_mag:*] Vielleicht hast du diese Einseitigkeit selbst provoziert, weil du zur Buchveröffentlichung mit sehr privaten Details an die Öffentlichkeit gegangen bist: Der Familienzweig deiner Mutter leidet unter einer früh auftretenden Variante von Alzheimer, du selbst könntest ein Opfer dieser Krankheit werden, als Jugendlicher hast du den Tod deiner Großmutter miterlebt.
[*Block:*] (lacht) Ich habe schon einen leichten Hang zum Exhibitionismus. Durch das Buch bekommt man direkten Zugang zu meinen Gedanken und Ängsten. Darüber rede ich gern, und es war ja auch eine bewusste Entscheidung, diese persönlichen Dinge preiszugeben. Aber ich kann nicht verstehen, warum sich die Medien für mein Apartment oder meinen Hund interessieren. Und mich nervt es, wenn zwischen meiner Biografie und dem Buch gar nicht unterschieden wird. Ich habe nicht einfach über meine verstorbene Großmutter geschrieben, ein bisschen komplizierter ist es dann schon.

In den USA wird Block längst mit New Yorker Kollegen wie Benjamin Kunkel oder Jonathan Safran Foer verglichen. Völlig zu Recht, denn wer auf jeder Buchseite überrascht, im Vorbeigehen all die großen Einrichtungsfragen des Lebens so eigenwillig behandelt und es dadurch sogar schafft, dass sich 20- bis 40-Jährige auf einen Roman über Alzheimer stürzen, der gehört in jedes Feuilleton. Selbst die Hochglanzmagazine belagern den schönen Jungliteraten. Kaum zu glauben, dass er den nerdigen Seth nach eigenem Vorbild geformt hat. Heute debattiert er mit Popkulturjunkies über das neue Album von Conor Oberst, bringt nur fünf Minuten später tantige Yellowpress-Leserinnen mit Anekdoten über seine Großmutter zum Glucksen und erklärt dann dem selbstverliebten Lebemann ein paar Kniffe beim iPhone. Alle sind von dem intellektuellen Collegeabsolventen in Jeans und Hemd angefixt - und nie hat man den Eindruck, Block habe die entsprechende Droge nicht selbst angebaut.

[*U_mag:*] Für ein Buch über Alzheimer ist dein Roman überraschend optimistisch und lebensbejahend ausgefallen.
[*Block:*] Ich habe nach positiven Aspekten gesucht, um mir selbst Hoffnung zu machen. Und vermutlich liegt die einzige Hoffnung darin, dass man bei dieser Krankheit die Gegenwart ganz unmittelbar erlebt, so wie Kinder es tun. Mein Großonkel Ralph hat bei der Armee drei Menschen getötet und den Großteil seines Lebens wie ein Einsiedler gelebt. Als ich ihn aber als 84-Jährigen in einer Alzheimer-Klinik besucht habe, traf ich den glücklichsten und zufriedensten Menschen, der mir jemals begegnet ist.

[*U_mag:*] Gibt es auch schon im Alltag eines 26-Jährigen Situationen, in denen man glücklicher ist, wenn man gegen seine Erinnerungen ankämpft?
[*Block:*] Klar. Wenn man zu einem Date geht, sollte man auf gar keinen Fall an Verabredungen denken, die man an die Wand gefahren hat, etwa weil man total unsicher war oder wie ein Freak rübergekommen ist. (lacht) Für mich ist das ein hartes Stück Arbeit, weil ich verdammt viel vergessen muss ...

[*U_mag:*] Die Frage ist ja auch, ob es funktioniert und wir allein durch unseren Willen die Erinnerungen beeinflussen können.
[*Block:*] Natürlich kannst du dich dazu entschließen, dich an ganz bestimmte Dinge zu erinnern, indem du sie dir immer wieder ins Gedächtnis rufst. Aber viel stärker wird unsere Lebensgeschichte durch die Dinge bestimmt, die wir vergessen. Durch das Vergessen reduzieren wir unsere Widersprüchlichkeit. Nur so können wir uns selbst verstehen, unser Handeln nachvollziehen und uns der Illusion hingeben, zumindest ganz grob einer roten Linie zu folgen. Ich bin Halbjude, und meiner Meinung nach ist es sehr wichtig, dass wir uns an unser geschichtliches Leid erinnern. Bei persönlichem Leid ist Vergessen aber oft legitim.

[*U_mag:*] Aber gerade wenn wir verdrängen, besteht doch die Gefahr, dass der weggedrückte Schmerz im Unterbewusstsein überlebt, um dann irgendwann noch viel größeren Schaden anzurichten.
[*Block:*] Auseinandersetzen muss man sich immer. Aber wenn ein Mensch stirbt, der dir nahesteht oder du nach einer gescheiterten Beziehung unter dem Trennungsschmerz leidest, dann kommst du einfach irgendwann an den Punkt, an dem es nicht mehr weitergeht. Ab einem bestimmten Zeitpunkt habe ich mir beispielsweise erlaubt, mich nicht mehr an den Tod meiner Großmutter zu erinnern.

[*U_mag:*] Wie kommt diese merkwürdige Hierarchie der Erinnerungen zustande? Manchmal erinnern wir uns viel lebhafter an ein trauriges Ereignis, das bereits zehn Jahre zurückliegt, als an etwas ähnlich Schmerzhaftes, was aber nur fünf Jahre zurückliegt.
[*Block:*] Ich stelle mir das Leben als Roman vor. Jeder von uns trägt einen Erzähler in sich, der unsere Erinnerungen bestimmt. Es hängt davon ab, auf welche Details er seinen Blick richtet. An der Uni habe ich bei einem Professor studiert, der an einer Studie zu unserem Erinnerungsvermögen gearbeitet und als Testperson auch selbst mitgemacht hat. Seine Mutter starb an Krebs, als er vier Jahre alt war, und er war sich ganz sicher, dass er authentische Erinnerungen an sie hat. Doch der Test hat gezeigt, dass das unmöglich ist und seine Erinnerungen auf Fotos oder Erzählungen zurückzuführen sind. Insgesamt hat die Studie gezeigt, dass 50 Prozent unserer Erinnerungen falsch sind. Das spricht doch für meinen Erzähler.

Block erfindet die Alzheimer-Frühform EOA-23 und durchsetzt den Roman mit einer gefakten wissenschaftlichen Abhandlung über die Entstehung dieser Variante. Dabei zitiert er nicht nur Unmengen an real existierender Fachliteratur, er schreibt diese genetische Historie auch doppelt so unterhaltsam wie es die Romane durchschnittlicher Bestsellerautoren sind. Und er streut Geschichten über das Fantasieland Isidora ein, die in Alzheimerfamilien von Generation zu Generation weitergegeben werden.

"Parallel zu dieser Welt existiert eine zweite. Und an bestimmten Übergängen gelangt man von der einen in die andere. ... Der wahre Schatz von Isidora war nämlich das Land selbst. Wer einmal in Isidora war, der vergaß den Wert des Goldes ebenso wie den Wert aller anderen Dinge. Hinter den verwaisten Straßen der alten goldenen Hauptstadt erstreckt sich ein Land ohne Erinnerung, wo alle Bedürfnisse erfüllt werden und alle Traurigkeit vergessen ist."*

[*U_mag:*] Würdest du Isidora als Paradies bezeichnen?
[*Block:*] Meine Mutter und meine Großmutter haben mir die Geschichte von Isidora erzählt. Nach dem Tod meiner Großmutter hat mir diese Vorstellung tatsächlich Mut gemacht. Man kann sich einfach nicht vorstellen, wo die Gedanken der Menschen hingehen, die an Alzheimer leiden, und mir gefiel diese Vorstellung von einem geografischen Ort. Als Paradies würde ich diesen Ort aber nicht bezeichnen. Es gibt wohl kaum eine traurigere Behauptung als die, dass wir ohne all unsere Erfahrungen glücklicher wären.

[*U_mag:*] Trotzdem trinken wir ständig und nehmen Drogen, um vergessen zu können.
[*Block:*] In der Regel aber nur in ganz konkreten Lebenssituationen, bei Liebeskummer, Ärger im Job oder bei was auch immer. Wer will denn schon den permanenten Komplettrausch? Das wäre dann in der Tat ein bisschen wie das Leben in Isidora. Man könnte sich jeden Tag aufs Neue in ein und dieselbe Person verlieben, weil man sich an nichts mehr erinnert. Das würde aber auch die Liebe komplett entwerten. Genauso ist es auch mit der Hoffnung und sogar mit dem Schmerz. Isidora soll ein Trost für Menschen sein, die vom Verlust all ihrer Erinnerungen bedroht sind. Die Krankheit wird aus einem positiven Blickwinkel betrachtet. Es ist ein Glücksversprechen für diese Menschen, aber keine Alternative zum normalen Leben.

[*U_mag:*] Aber was ist mit dem Klischee vom Künstler, der Drogen braucht, um kreativ zu sein?
[*Block:*] Stimmt, da gibt es Parallelen. Nach dieser Vorstellung sollen Drogen den Kopf des Künstlers entleeren und Platz für neue Ideen schaffen. Aber das ist doch eigentlich längst veraltet, oder? Ich denke da vor allem an Musiker, und wenn ich mir die typischen Repräsentanten dieses Klischees vorstelle, dann hängen ihre Gitarren heute vor dicken Altmännerbäuchen. Aber vor Jahren hätte ich das Phänomen wohl auch anders eingeschätzt: Diesen Künstlern gelingt ihre Kunst, obwohl sie sumpfen.

[*U_mag:*] Dann greifst du bei einer Schreibblockade nie zum Drink?
[*Block:*] Ich glaube schon, dass ich die Tendenz habe, relativ viel zu trinken oder zu kiffen. Ich bin ein übermäßig bewusster Mensch, und oft belastet mich dieses Bewusstsein. Ich trinke also eher, um dem künstlerischen Schaffensprozess zu entkommen. Für mich ist es eine Auszeit. Ich kann auch gar nicht schreiben, wenn ich betrunken bin. Obwohl, manchmal habe ich dann doch Ideen, die ich zumindest im angeschlagenen Zustand ganz grandios finde. Mit größter Mühe schreibe ich mir oft wenigstens ein paar Stichworte auf - verstehe aber meistens den Sinn am Morgen danach nicht mehr. Wenn ich später einen dicken Bauch habe, kann ich daraus ja vielleicht Songtexte machen.

Block starrt in seine leere Espressotasse. Vielleicht denkt er schon an die nächsten fünf Städte, und von Hamburg bleibt nur der Name in einer Aufzählung, mit der er Journalisten von seiner Frische überzeugen will. Auf Gegenseitigkeit beruht das Vergessen nicht.

* Textauszüge aus Stefan Merrill Block: "Wie ich mich einmal in alles verliebte"

Check-Brief

[*Name*] Stefan Merrill Block
[*Alter*] 26
[*Beruf*] Schriftsteller
[*Aufgewachsen in*] Plano, Texas
[*Lebt in*] Brooklyn
[*Gilt als*] Wunderkind, weil er ohne Beziehungen zur Literaturszene und ohne die in den USA üblichen Schreibkurse einen Bestseller landete
[*Aktuelles Buch*] "Wie ich mich einmal in alles verliebte"
Ursprüngliche Seitenzahl 1500 Endgültige Seitenzahl 350

Leseprobe

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Ich habe niemals verstanden, diese Stille zu füllen. In den Monaten nach der großen Tragödie sprang ich jeden Morgen aus dem Bett, zog die kiloschweren, klobigen, korkbesohlten Stiefel an, lief in einer Art Paradeschritt von Zimmer zu Zimmer und stieß dabei alles um, was irgendwie erreichbar war. Die Stille bedeutete Abwesenheit, und Abwesenheit hieß Erinnern, deshalb schlug ich so viel Krach wie möglich. Die verrotteten Dielen schrien auf, wenn sie so geweckt wurden, die Sessel bedankten sich fürs Umgestürzt werden mit einem dumpfem Rums, und die Gipswände antworteten mit einem Riss, wenn ich mit den Fäusten dagegentrommelte. Aber all das war nur ein schwacher Trost, denn dahinter wartete immer wieder die Stille.
Mit der Zeit lernte ich sie zu zerteilen. Wenn ich nach dem Frühstück in den Garten hinaushorchte, wo eigentlich meine Tochter hätte sein sollen, oder auf die schleppenden Schritte meines Bruders im Flur oder auf Mae, die am Radioknopf drehte, dann war nur jene Stille schuld, die sich in meiner leeren Porridge-Schale angesammelt hatte. Und die Stille in der Porridge-Schale ließ sich schon mit einem klappernden Löffel vertreiben. Manchmal kroch unter der Tür jenes Zimmers, das einst meinem Bruder und Mae gehört hatte, eine ganz spezielle Stille hervor, die nur durch einen brachialen Angriff zum Schweigen gebracht werden konnte.
Auch wenn ich mich mit dieser Stille nie abfinden konnte, so entdeckte ich mit den Jahren doch auch ihre Möglichkeiten. Diese Stille war absolut, also der Horror, zugleich aber ein Segen. Sie verschluckte alles, was ich hineinwarf: meine Illusionen, meine Reue, sogar die Wahrheit.
Doch selbst wenn jedes geäußerte Wort sofort in diesem Nichts verschwindet, die fundamentale Wahrheit meines Leben bleibt so simpel, dass es einem schon blöd vorkommt, sie auch nur laut auszusprechen.
Ich liebte meine Schwägerin.
Aber das ist natürlich nicht alles. Vielleicht sollte ich besser sagen:
Ich glaubte einmal, mein Bruder sei mir wertvoller als jeder andere Mensch auf der Welt. Doch das stimmte nicht. Noch mehr liebte ich die Frau, die er geheiratet hatte, jene Frau, die er zuweilen gar nicht zu lieben schien.
Schaut mich an. Nach all den Jahren bin ich immer noch eifersüchtig. Warum sonst muss ich vergleichen, wer wen am meisten geliebt hat? Das Leben ist doch kein Wettbewerb, wo derjenige das meiste kriegt, der am meisten liebt. Lethargische Leute und Zyniker können Villen bewohnen. Und ich bin immer noch hier, allein mit der Stille in diesem Haus, das kaum mehr ist als eine Ruine.
Hat mein Bruder Mae geliebt? Vielleicht, auf seine Art, aber genau weiß ich das nicht. Sie war ja seine Frau, ihm reichte das. Liebte ich sie denn? Klare Antwort: Ja. Ich liebte sogar Dinge an ihr, die normalerweise nicht als liebenswert gelten. Zum Beispiel ihre Zehen. Nicht nur die Füße, nein, auch die Zehen. Krumm und schief von Geburt an, aber für mich so schön wie die Zacken eines Diadems.
Und nicht nur das. Ich liebte auch das Geräusch, das diese Füße bei jedem Schritt machten. Ich verliebte mich jedes Mal neu in das Geräusch ihrer Füße auf Sand, auf Holz und auf Lehm. Es gibt seit einiger Zeit einen jungen Briefträger, der dieselbe Schrittlänge haben muss wie Mae, denn jedes Mal, wenn mein National Geographic oder der Katalog des Buchclubs durch den Briefschlitz fällt, verliebe ich mich unwillkürlich und total aufs Neue.
Aber irgendwann musste ich zu einer Entscheidung kommen, sonst hätte ich noch eine Dummheit begangen. Ich beschloss daher, Mae nur noch bei nicht so schönen Tätigkeiten zuzusehen. Ich fragte mich: Wodurch geht am ehesten die Liebe verloren? Auch hier eine klare Antwort: wenn man der geliebten Person dabei zusieht, wie sie mit einem Dritten schläft.
Das Zimmer meines Bruders, ehedem das Zimmer von Mama, liegt im Obergeschoss. Draußen steht eine riesige Trauerweide, die einem mit ihren langen blättrigen Fingern das Gesicht kitzelt, wenn man bei offenem Fenster schläft. Und weil ich mich am selben Abend wieder in etwas vollkommen Unmögliches verliebt hatte, nämlich in Maes Magengeräusche, nahm ich mir vor, endlich auf diesen Baum zu steigen und mich einem Eindruck auszusetzen, der meine Liebe umgehend zerstören würde.
Also hockte ich nachts in der Trauerweide wie ein schmieriger Spanner (oder wie der alte Sack, der ich mittlerweile geworden bin) und wartete auf die traumatische Szene. Aber es passierte rein gar nichts, mein Bruder und Mae sahen sich nicht einmal an. Sie krochen ins Bett, legten sich so weit auseinander, wie es nur ging, und schliefen ein. Am nächsten Abend (nachdem ich mich in die Art verliebt hatte, wie Mae die Maiskolben enthülste), versteckte ich mich wieder in dem Baum. Und wiederum tat sich überhaupt nichts. In den darauffolgenden fünf Tagen verliebte ich mich in so vieles an Mae, dass ich darum betete, der Geschlechtsakt möge sich endlich vollziehen, sonst wäre ich für alles Weitere nicht mehr verantwortlich. Etwa beim Frühstück, wenn Mae meinem Bruder den Kaffee einschenkte - auch so etwas, dem ich seit langem verfallen war -, in solchen Momenten wäre ich durchaus imstande gewesen, vom Tisch aufzuspringen und zu rufen: »Mae, ich liebe die Art, wie du den Kaffee eingießt!«
Ich hatte Mama vor Ewigkeiten geschworen, in Sachen Liebe nie den Kopf zu verlieren, aber genau das tat ich wohl. Als auch nach fünf Tagen Mae und mein Bruder im Bett nichts anderes angestellt hatten, als zu schlafen, tat ich etwas Unverzeihliches. Allerdings dachte ich, es ließe sich so verdeckt bewerkstelligen, dass Scham und Schande nur an mir hängenblieben. Vielleicht dachte ich auch gar nicht. Während ich Mae also beim Schlafen zusah - ihr Gesicht war dem Fenster zugekehrt, ihr Nasenrücken und die Art, wie er sich ins Kissen schmiegte ein weiterer Grund für endlose Liebe - fing ich auf dem Baum ganz langsam an, mich zu reiben.
Am nächsten Tag ging ich unter einem Vorwand die drei Meilen in die Stadt und brachte ein Pornoheft mit, voller expliziter Bilder von Mann und Frau in wilder Vereinigung. Die sollte sich mein Bruder ansehen, als Anregung gewissermaßen. Ich gab vor, das Heft sei für mich, was nur normal war, da mich schon lange keiner mehr mit einer Frau zusammen gesehen hatte. Ich ließ es aber ganz offen an Stellen liegen, wo mein Bruder es sehen musste. Eine ganze Weile wollte der Fisch nicht anbeißen, und ich dachte, dass ich schon sehr bald gezwungen sein würde, zu drastischeren Maßnahmen zu greifen. Aber nach fünfzehn Nächten, in denen die beiden nicht miteinander geschlafen hatte, war das Heft eines Abends von dem Regal im Schuppen verschwunden, wo es bis dahin gelegen hatte. Sofort war die Hoffnung wieder da. Allein sie währte nicht lange, denn schon wenige Minuten später sah ich, wie mein Bruder das Heft heimlich wieder zurücklegte. Er hatte es nur mit ins Außenklo genommen. Mein schöner Plan war nach hinten losgegangen.
Aber was an Mae könnte ich sonst noch abstoßend finden? Ich hatte ja alles schon ausprobiert. Einmal hatte ich sie sogar - durch ein Astloch in der Wand - auf dem Klo beobachtet, weil ich meinte, dass der Anblick niedriger Körperfunktionen mich endlich kurieren würde. Es klappte nicht, ich verliebte mich prompt in die Laute, die sie dabei von sich gab, und in die Art, wie sie sich mit ihren kleinen, feinen Händen abwischte. Es war hoffnungslos. Dann stellte ich mir allerlei schreckliche Sachen vor. Überlegte mir verschiedene Methoden, wie ich meinen Bruder umbringen konnte, aber so, dass es nach einem Unfall aussah. Malte mir aus, wie ich Mae nachts entführen und ihr erklären würde, warum ich diese bösen Sachen anstellte. Ich träumte davon, sie einfach zu fragen, ob es ihr umgekehrt auch so ginge, ob sie auch an mir alles liebte - und wenn ja, ob wir nicht zusammen durchbrennen sollten.
Aber schon in der nächsten Sekunde wurde mir klar, dass auch das eine Illusion bleiben würde. Für wen hielt ich mich? Ich wollte doch nicht zum Brudermörder werden. Und zum Entführer fehlte mir das Zeug. Außerdem wusste ich ja gar nicht, was Mae wirklich von mir hielt.
Dennoch, als ich eines Nachmittags auf unserem großen Weizenfeld saß, wo man sich leicht einbilden konnte, dass alle menschlichen Probleme lediglich Hirngespinste seien und die Welt nirgendwo anders aussähe als hier, ein endloses, struppiges Goldbraun, an diesem Nachmittag gelang es mir tatsächlich, Maes Verhalten mir gegenüber in einen einzigen großen Liebesbeweis umzudeuten.
Jahre zuvor war Paul immer für längere Zeit, oft für Wochen, nach Dallas gefahren. Die Reisen hörten erst auf, als er Mae mitbrachte. Ich erinnere mich noch an ihren ersten Abend in unserem Haus. Sie saß neben mir am Abendbrottisch, und weil sie Paul gefallen wollte, sagte sie bei jedem Bissen »Mmmm« - wobei ihr Atem aber über meine Armhaare strich! Und dreimal berührten sich unsere Knie, einmal sogar minutenlang.
Ich schimpfte natürlich mit mir: Klar, das hat echt was zu bedeuten! Mann, wie dämlich kann man sein? Vielleicht kommen mir ja manchmal, wenn sie eine Platte mit Essen auf den Tisch stellt, ihre Brüste ganz nah. Und vielleicht lächelt sie mich ja manchmal so verschwörerisch an. Und manchmal, wenn wir am Abend im Wohnzimmer lesen, liegt sie auch so seltsam auf der Couch und drückt ihre Zehen in meinen Schenkel. Aber leider, leider: nein. Für sie bin ich nur der alleinstehende Bruder, die traurige Figur im Haus, ein Störfaktor in einer ansonsten normalen Ehe. Ich bin das fünfte Rad am Wagen. Ich bin derjenige, den sie vielleicht dabei beobachtet, wie er sich vor ihr einen runterholt, weil er meint, sie sei am Schlafen. Und natürlich ist auch mein Körper noch derselbe wie früher. So, wie meine Schulter mit dem Rückgrat verwachsen ist, bin ich immer noch der Bucklige und löse immer noch nur Abscheu aus.
Vielleicht übertrieb ich. Die Übertreibung ist eine Methode, die Komplexität des Lebens vermöge eines einzigen unerfüllten Bedürfnisses zur immergleichen, in Selbstmitleid getränkten Elendsgeschichte zu machen, das Schicksal des Verunstalteten in einer Welt der Makellosen. Aber das ließ sich in meinem Fall nicht vermeiden. Ich konnte gar nicht anders. Ich musste meine traurige Lebensgeschichte zurückverfolgen, bis zu ihrem Ursprung. Ich dachte an unsere gemeinsame Kindheit. Paul und ich, wir waren Zwillinge. Eine Zeitlang gab es keinen Unterschied zwischen dem, was wir zusammen waren, und dem, was einzig mich ausmachte: Es war vielleicht die reinste Form von Liebe, die wir beide auf Erden je würden erleben können. Und eine Form von Liebe, zu der mein Bruder eines Tages zurückfinden würde.
Irgendwann um unseren fünften Geburtstag stiegen mein Bruder und ich einmal in die Badewanne, die uns Mama eingelassen hatte. Plötzlich bebte die Erde, eine gewaltige Kluft tat sich auf, und mein Bruder war für den Rest meines Lebens von mir getrennt. Ich hatte seinen Körper gesehen - und dann meinen eigenen. Und zum ersten Mal bemerkte ich den Unterschied zwischen uns. Am auffälligsten natürlich war mein Buckel. Dort, wo sich die Schulterblätter meines Bruders teilten wie perfekt symmetrische Schwingen, waren die meinen zu einer knöchernen Klammer verwachsen, die meinen rechten Arm gepackt hielt wie ein Fangeisen den Lauf eines Wolfs. Wollte dieser Wolf je wieder frei sein, musste er sich den Lauf abbeißen. Mein Buckel. Ein Buckel bedeutete unseliges Übermaß an einer Stelle und Mangel an einer anderen, nämlich Mangel an Frauen, Beruf, Liebe, Familie. All das würde dieser Buckel mir immer vorenthalten. Dennoch war es nicht so, dass ich Paul sein Leben missgönnte. In gewisser Weise war es genau umgekehrt. Ich missgönnte ihm die Mädchen nicht, die sich nach der Schule um ihn scharten, ihn, den Baseball-Crack und ruhmreichen Leichtathleten, der sich mit seinem überlegenen Körperbau auch auf der Farm nützlich machte. (Er konnte in wenigen Tagen riesige Flächen pflügen, stemmte tonnenweise Säcke mit Hühnerfutter und wuchtete ganz allein Fünfzig-Liter-Kannen mit Milch vom Stall ins Haus, und das alles gleichzeitig.) Nein, Paul zeigte nur, was auch ich hätte sein können, wäre mein rechtes Schulterblatt nur ein paar orthopädischen Grundsätzen gefolgt. Ermutigend und herzzerreißend zugleich war dabei die Erkenntnis, dass an dem Missverhältnis zwischen den unendlichen Möglichkeiten, die meinem Bruder offenstanden, und meinem eigenen Los nur ein Gebilde aus Sehnen und Knochen schuld war, das nicht einmal zwei Pfund wog. Ein Teil von mir existierte also im Übermaß, und ich versuchte, das zu akzeptieren, wobei immer auch die Hoffnung mitschwang, dieser Buckel sei eigentlich das Zeichen für ein verborgenes Talent, das sich erst später offenbaren würde, für irgendeine Fähigkeit, die nur mir eigen war und die Paul verwehrt blieb. War also dieses Begehren von Anfang an meine eigentliche Bestimmung gewesen? War meine Schwägerin deshalb die Liebe meines Lebens? War es möglich, dass meine Liebe zu Mae zumindest teilweise auch etwas anderes war als bloße Liebe? Vielleicht. Aber vorerst genügt es wohl, wenn ich sage, dass ich sie liebte.
Angesichts dieser Liebe hatte ich letztlich nur zwei Möglichkeiten. Möglichkeit A: Ich brachte mich um. Aber Selbstmord kam für mich nicht in Frage. Sogar ich wollte leben. Außerdem hatte ich überhaupt keine Idee, wie ich mich umbringen sollte. Möglichkeit B und daher die einzig realistische: Ich ging weg. Egal wohin, nur weg.
Es war am Abend vor meiner Abreise. Ich hatte gepackt. Ich hatte ihnen meine Gründe dargelegt. Ich wollte meinem Bruder und der Frau, die so sehr zu lieben ich nicht mehr ertrug, nicht länger zur Last fallen. Diese Begründung war so gut wie jede andere, zumal sie teilweise auch stimmte. Diese letzte Nacht war zugleich meine letzte Hoffnung. Noch einmal kletterte ich also auf die Trauerweide vor dem Fenster und beobachtete meinen Bruder und Mae bei ihrer stummen, traurigen Routine. Wie sie ins Bett stiegen, sich voneinander wegdrehten, einschliefen. Als ich die Hose herunterzog und Maes Gesicht ansah, bemühte ich mich verzweifelt, mir die bevorstehende Reise vorzustellen, die Züge, Busse und Autos, das Leben in einer großen Stadt, wo nichts so war wie hier. Aber stattdessen stellte ich mir nur vor, wie es wäre, wenn das Ding in meiner Hand nicht länger in meiner Hand wäre, sondern in Mae.
Dann ließ ich seufzend von mir ab. Das Ding in meiner Hand rollte sich zusammen wie ein jämmerliches, halb verhungertes Tier. Ich schloss die Augen, schlug sie wieder auf. Ich sah in dieses Fenster. Und dann, dann war auf einmal wirklich alles anders.
Mae stand aus dem Bett auf, während mein Bruder weiterschlief. Sie trat ans Fenster, und zunächst betete ich darum, dass sie mich in den Blättern nicht sähe. Aber sie schaute mich direkt an. Hätte ich anders gehandelt, wenn ich am nächsten Tag nicht hätte abreisen wollen? Vielleicht. Aber ich tat, was ich tat. Ich schaute direkt zurück.
Dann sah ich, wie sie sich umdrehte und das Zimmer verließ, und schon liebte ich auch die Art, wie sie auf Zehenspitzen ging. Sie schlich sich hinaus zu meinem Baum. Ich sah zu, dass ich schnell meine Hose hochzog. Sie kletterte zu mir herauf, und ich verliebte mich in die Art, wie sie kletterte. Ich rührte mich nicht, war so still wie das Geäst. Ich wollte ihr so viel sagen, alle die Dinge, die ich an ihr liebte. Ich brachte kein Wort hervor. Mae aber wohl.
»Abel«, sagte sie, »geh nicht.«
Und dann. Dann fasste sie mich an, und ich dachte, vielleicht bin ich doch nicht nur das fünfte Rad am Wagen.



Stefan Merrill Block: Wie ich mich einmal in alles verliebte
Dumont
ISBN 978-3-83218-039-3
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