Foto Zoom: Peter Bialobrzeski - SUCHEN UND GEFUNDEN
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SUCHEN UND GEFUNDEN

Peter Bialobrzeski bewegt sich mit seinen surreal-gespenstischen Stadtlandschaften zwischen Kunst und Dokumentation. Absichtlich.

Interview: Katharina Behrendsen

[*zoom_book*]: Herr Bialobrzeski, Ihre Fotos entstehen weder im Studio noch inszenieren Sie Situationen. Trotzdem wirken die Bilder komponiert. Welche Rolle spielt der Zufall in Ihren Arbeiten?
[*Peter Bialobrzeski*]: Der Zufall ist so weit wie möglich ausgeklammert - und auf der anderen Seite ist er der entscheidende Faktor. Ich habe eine bestimmte Vorstellung und versuche, dafür visuelle Belege zu finden. Ohne dass ich eine Verdichtung finde, wären diese Bilder nicht möglich. Aber sie folgen natürlich einer bestimmten Stringenz, weil ich nicht jeden Zufall, der mir vors Auge kommt, aufnehme und ihm folge. Ich fange eine Recherche an und gehe dann an Orte, von denen ich denke, dort könnte ich finden, was zur Verdichtung meiner Ideen beiträgt.

[*zoom_book*]: Sie warten lieber vor Ort auf den richtigen Moment und die perfekte Lichtstimmung, als dass Sie digital nachbearbeiten. Ist das ein alter Ehrenkodex aus Ihrer Zeit als Fotojournalist?
[*Bialobrzeski*]: Also, es geht überhaupt nicht um einen Kodex - und ich bin auch nie Fotojournalist gewesen. Ich habe zwar sehr viel für angeblich journalistische Publikationen gearbeitet, aber nur zweimal Geschichten gemacht, die meinem Empfinden nach etwas mit Journalismus zu tun hatten, für zwei englische Magazine in den 90ern. Der Rest war im Grunde genommen Illustrationsfotografie. Und es ist auch nur bis zu einem bestimmten Punkt so, dass ich nicht digital nachbearbeite. Jedes Bild, das gescannt ist, unterliegt ja einer gewissen Bearbeitung. Bei der Serie "Neontigers", fotografiert von 2000 bis 2002, war es aber einfach notwendig, auf Nachbearbeitung zu verzichten. Die Dinge sind so künstlich, es wäre langweilig, das am Computer zu machen. Wir wissen, dass der Computer das kann. Interessant ist hier doch, dass an den Bildern nichts digital ist und sie trotzdem über das digitale Zeitalter sprechen.








[*zoom_book*]: Das heißt, bei Ihren jüngsten Bildern "Lost in Transition" haben Sie die Farben nachbearbeitet?
[*Bialobrzeski*]: Ja - aber ich habe eher untertrieben als übertrieben. Eine Manipulation von Farbe liegt ja nicht vor, wenn ich mich ausschließlich aus den Konventionen einer Farbgebung löse, die die Filmindustrie definiert hat. Der Begriff Manipulation wird oft vorschnell verwendet. Wie wir die Welt in Fotografie wahrnehmen, ist im Grunde bestimmt von Kodak, weil Kodak irgendwann mal definiert hat, wie Farbe auszusehen hat. An einem Maitag, mittags um zwölf bei strahlend blauem Himmel in Rochester Upstate New York wurde festgelegt, was grün according to Kodak ist, was blau according to Kodak ist und so weiter. Das hat aber mit Realität nichts zu tun, weil unsere Wahrnehmung z. B. bei weichem Licht in Afrika eine andere ist als die, die der Film wahrnimmt. Die digitale Fotografie oder die Auflösung des Negativs über einen Scan macht nichts weiter, als ebenfalls nach einer Konventionalisierung, nach bestimmten Parametern Farben zu separieren. Das heißt, mein persönlicher Eingriff ist im Grunde genommen wie der eines Malers, der dem Gelb des Farbenherstellers noch etwas beimischt, bis es für sein Empfinden richtig ist. Ich operiere so, dass ich das Bild so finalisiere, wie ich glaube, dass es auszusehen hat.

[*zoom_book*]: Wie es auszusehen hat oder wie es ausgesehen hat?
[*Bialobrzeski*]: Man macht das Bild, wie man denkt, dass es aussehen soll. Denn wenn wir über wirklich gute Fotografie reden, ist das Subjekt immer wichtiger als die Wirklichkeit. Sonst hätte jemand wie Andreas Gursky nicht so berühmt werden können. Er macht ja auch nur Bilder von irgendwas - aber die Konstruktion dessen, die Geisteshaltung dahinter, die Konsequenz und die Verbindung haben dazu geführt, dass diese Bilder zu etwas anderem geworden sind.

[*zoom_book*]: Andreas Gurskys Werke werden klar als Kunst wahrgenommen. Ihre eigene Arbeit klassifizieren Sie aber lieber als "kulturelle Praxis", irgendwo zwischen Kunst und Dokumentation. Warum?
[*Bialobrzeski*]: Die Einordnung als Kunst hilft natürlich, aber ich glaube, dass die Fotografie das gar nicht nötig hat. Ich sehe sie eigentlich analog zur Literatur. Nur: Literatur wird anerkannt, ohne dass es Kunst sein muss. Der Literaturschaffende ist anerkannt als jemand, der eigenständig und kreativ agiert. Für Fotografen ist diese Anerkennung schwieriger. Die Wirklichkeit, die Maschine ... Um die Fotografie abzusichern, werden die künstlerische Geste und das ganze Gehabe drum herum oft viel zu groß. Das bereitet mir Unbehagen, und ich finde es manchmal auch durchsichtig. Deswegen trete ich dafür ein, dass auch gut gemachte Dokumentarfotografie ihren Platz hat.

[*zoom_book*]: Wenn Sie die Wahl haben: Ist Ihnen die Rezeption Ihrer Arbeiten im Kunstkontext oder in einer Zeitschrift lieber?
[*Bialobrzeski*]: In der besten aller Welten ist es beides - obwohl ich eher Ausstellungs- als Kunstkontext sagen würde.

[*zoom_book*]: Wenn Ihre Fotos in Zeitschriften zur Bebilderung eines Artikels benutzt werden, raubt ihnen das nicht einen Teil ihrer Bedeutung - oder fügt welche hinzu, die gar nicht in Ihrem Sinn ist?
[*Bialobrzeski*]: Auf jeden Fall. "Neontigers" ist zuerst durch den Gewinn des World Press Photo Awards im Journalismus rezipiert worden, später erst in der Kunst. Und ich hätte es lächerlich gefunden, diese Bilder dann den Zeitschriften wieder zu entziehen. Von "Lost in Transition" kann kein einziges Bild zur Illustration gekauft werden.

[*zoom_book*]: Bei "Lost in Transition" verweigern Sie noch etwas weiteres: die Ortszuweisung. Ist das doch ein Schritt weg vom Dokumentarischen, hin zur Kunst?
[*Bialobrzeski*]: Es ist sicherlich ein größerer Schritt hin zur Metaebene. Der Ort würde ja etwas Spezifisches darstellen. Es sind aber 27 Orte, die sich ineinander auflösen, wo jeder die Hälfte falsch raten würde - was meine These unterstreicht. Dabei ist es irrelevant, ob ein Ort nur einmal vorkommt und ein anderer vielleicht viermal wie Hamburg oder Dubai. Ich entziehe mich einer Gewichtung, da es mir darum geht, zu sagen, dass es ein internationales Phänomen ist, nicht nur eins, das schwerpunktmäßig da und da und da stattfindet. Ich will nicht ausgewogen sein. Als Journalist müsste ich das vielleicht. Aber darum geht es nicht.

Ausstellungstipp

Lost in Transition | bis 1. 11. | L. A. Galerie | Frankfurt am Main

Eine weitere Ausstellung mit Bildern von Peter Bialobrzeski findet im Frühjahr 2009 in der Hamburger Galerie Robert Morat statt.

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