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DIE WOLLEN NUR SPIELEN

Adieu Bleibtreu, Makatsch & Co.: Die wichtigen deutschen Filme machen heute andere. Vier uMag-Thesen zu einer jungen Schauspielergeneration, die vieles anders macht - und besser.

Von Juliane Rusche

Früher waren es Jessica Schwarz, Daniel Brühl und Jürgen Vogel. Auch Julia Jentsch, Jana Pallaske, Matthias Schweighöfer und Robert Stadlober gehörten dazu. Sie waren neu, sie waren jung, und zu den Filmen, in denen sie mitspielten, hatten wir eine Meinung. Den meisten von ihnen schauten wir beim Erwachsenwerden zu, und ihre Filmfiguren hatten ähnliche Wünsche und Probleme wie wir. Heute sind Robert Stadlober und Jana Pallaske lieber Musiker, Jürgen Vogel wirbt für die Sparkasse, Daniel Brühl dreht hauptsächlich im Ausland, und Matthias Schweighöfer kalauert sich durch "Zweiohrküken". Die wirklich spannenden Projekte machen andere, macht eine neue Generation.


[*These 1: Die neue Generation ist näher bei sich*]

"Natürlich gibt es eine neue Generation - und wir sind die Speerspitze!", sagt Dietrich Brüggemann und lacht. "Im Ernst: Es ist bestimmt so, dass etwas nachwächst. Die Frage ist, was an diesen Leuten anders ist." Mit "Renn, wenn du kannst" legen der Regisseur und seine Schwester, die Schauspielerin Anna Brüggemann, aktuell eine Tragikomödie vor, die bestes Beispiel für einen Film des Nachwuchses ist. Die Geschichte - von Dietrich und Anna gemeinsam geschrieben - handelt von einem Rollstuhlfahrer und seinem Zivi, die sich in dieselbe Frau verlieben. Auf einer sehr persönlichen und unkitschigen Ebene geht es um Liebe und Freundschaft, um Selbstzweifel und Selbstachtung.

"Was neuerdings an Filmen entsteht, ist nicht mit Blick auf Unterhaltung nach Rezept gekocht. Es ist intimer", sagt Dietrich. Seine Schwester ergänzt: "Es geht ziemlich oft ans Eingemachte." Auch andere Neustarts - wie das Kammerspiel "Bergfest" - funktionieren ähnlich: Im Mittelpunkt stehen introvertierte Personen, die mit sich selbst nicht im Reinen sind und ihren Platz im Leben noch suchen. Aus ihrer sehr persönlichen Perspektive heraus blicken sie - und mit ihnen der Zuschauer - auf einen kleinen Ausschnitt der Welt.


Martin Schleiss, Rosalie Thomass, Anna Brüggemann und Peter Kurth in "Bergfest"


[*These 2: Die neue Generation will Spaß*]

Zugleich aber versinken diese Filme nicht im Psychologisieren oder in Schwermut. Im Gegenteil. Anna sagt: "Die Jungen haben keinen Bock mehr auf nur Tristesse und Berliner Schule (Filme wie "Jerichow" von Christian Petzold oder "Alle anderen" von Maren Ade, in denen die nüchterne Abbildung der Realität im Mittelpunkt steht, Anm. d. Red.). Sie bringen ihren eigenen Spaß und Witz mit." Auch Dietrich ist sich sicher, dass die Leute keine Lust auf anspruchsvolle, aber langweilige Geschichten haben: "Sie tragen nicht mehr diese riesige Kunstblase vor sich her." Nach Filmen wie "Was nützt die Liebe in Gedanken" und "Die fetten Jahre sind vorbei" entstanden gegen Ende der Nullerjahre düstere, unzugängliche Dramen wie "Das Herz ist ein dunkler Wald". Die neuen Produktionen sind anders: lebensfroher und lustiger, trotzdem sehr emotional und alles andere als albern. So gibt es in "Renn, wenn du kannst" etliche Szenen, in denen über die Pannen des Rollstuhlfahrers Ben gelacht werden darf, ohne, dass der Film ihn damit bloßstellte.


Robert Gwisdek, Anna Brüggemann, Jakob Matschenz in "Renn, wenn du kannst"


[*These 3: Die neue Generation ist pragmatischer*]

Natürlich gehören Titel wie der Brüggemann-Film, Maximilian Erlenweins mehrfacher Max-Ophüls-Preis-Gewinner "Schwerkraft", oder Hannah Schweiers Debüt "Cindy liebt mich nicht" zu einer besonderen Kategorie von Filmen: "Wir sprechen hier über Low- oder sogar No-Budget-Filme", erklärt Anna. "Daneben gibt es immer noch den Mainstream." Doch die Schauspielerin und viele ihrer Kollegen wie Jacob Matschenz, Franziska Weisz, Frederick Lau, Alice Dwyer oder Ludwig Trepte sind fast ausschließlich im Bereich der mit wenig Geld realisierten Independentfilme zu sehen.

Generell bringt Dietrich Brüggemann das Entstehen einer neuen Generation auch mit der Veränderung des Filmmarktes in Verbindung. "Die Boomzeit, in der es wahnsinnig viel Kohle gab, die gedankenlos rausgehauen wurde, ist vorbei", sagt er. Die Budgets sind kleiner, was zu anderen Stoffen führt. "Und es führt zu einer anderen Grundstimmung", so der 34-Jährige. Wer mit wenig Geld etwas schaffen will, das am Ende nicht nur im eigenen Wohnzimmer gezeigt wird, muss sich fragen: Was interessiert nicht nur mich, sondern auch andere Leute? "Man kann sich dann schlecht auf so einen Kunstanspruch zurückziehen." Die 29-jährige Anna Brüggemann erkennt ein ähnliches Vorgehen bei sich und ihren Kollegen. Eine Zeit lang sei es unglaublich wichtig gewesen, Star zu sein. Heute sei jedem klar, dass die Schauspielerei eine ziemlich brotlose Kunst ist. "Viele meiner Bekannten sind vor allem daran interessiert, tolle Stoffe zu verfilmen. Die sind wahnsinnig filminteressiert, gucken sich Klassiker an und so weiter. Das ist etwas, was mir auffällt."


Fabian Hinrichs in "Schwerkraft"


[*These 4: Die neue Generation ist besser vernetzt*]

Das gemeinsame Interesse und das Wissen um die Härte des Geschäfts gehen einher mit einer besonderen Vernetzung der Newcomer. "Es gibt nicht so ein Konkurrenzdenken", sagt Dietrich. Und Anna ergänzt: "Man kennt sich untereinander, und man mag sich. Beim Vorsprechen wünscht man sich gegenseitig Glück." Mit diesem Thema allerdings geht es den Brüggemanns wie mit vielen Aspekten, die man einer neuen Generation zuschreiben könnte: Vielleicht war das ja schon immer so. Vielleicht sind einige der Neuen besonders politisch, aber bestimmt nicht alle. Womöglich haben besonders wenige von ihnen eine klassische Ausbildung. Auffällig viele von ihnen agieren in verschiedenen Bereichen, so wie Florian David Fitz, der zum Überraschungserfolg "Vincent will Meer" das Drehbuch schrieb und die Hauptrolle spielt. Es ist definitiv nicht allein das Alter, das den Nachwuchs ausmacht: Dietrich Brüggemann ist genauso alt wie August Diehl, Anna stammt aus demselben Jahrgang wie Nora Tschirner.

"Ich glaube auf jeden Fall, dass da eine neue Generation ist", sagt Anna, "aber zu sagen, wie sie ist, finde ich schwer." Und Dietrich meint: "Moden und Schulen finde ich bescheuert. Qualität kommt aus den Köpfen und nicht aus Konzepten - und auch nicht von Generationen. Basta!" Vielleicht ist es das, was die Neuen ausmacht: Sie denken viel über ihre Themen nach, aber wenig über ihr Selbstbild. Sie machen, was ihnen Spaß macht, und sie achten dabei auf Qualität. Sie suchen nicht nach dem nächsten Erfolg, sondern nach der nächsten Möglichkeit, zu spielen.

"Wenn wir in 15 Jahren zurückblicken, können wir vielleicht sagen: Das und das ist von dieser Generation besonders im Gedächtnis geblieben. So etwas funktioniert immer nur in der Rückschau", findet Anna. Bis dahin bleibt uns nur, zu genießen, was für schöne und lebensnahe Filme die Neuen machen. Und zu hoffen, dass sie ganz, ganz lange bleiben - bevor eine nächste Generation kommt, um sie abzulösen.


Florian David Fitz und Karoline Herfurth in "Vincent will Meer"



Check-Brief

NAME Dietrich Brüggemann
ALTER 34
WOHNORT Berlin
BERUFE Regisseur, Drehbuchautor, Filmkritiker, Schauspieler
STUDIERTE Filmregie an der HFF in Potsdam
GEWANN zahlreiche Preise für sein Debüt "Neun Szenen" (2006)
MACHT FILME WEIL "Man kommt rum und lernt Mädels kennen."
AKTUELL startet sein zweiter Langfilm "Renn, wenn du kannst" (ab 29. Juli 2010)


Check-Brief

NAME Anna Brüggemann
ALTER 29
WOHNORT Berlin
BERUF Schauspielerin, Drehbuchautorin
STEHT seit 14 Jahren vor Film- und Fernsehkameras
SPIELTE in insgesamt fünf "Tatort"-Folgen mit
MACHT Filme weil es Spaß macht. UND "Ick hab ja nüscht anderes gelernt, wa?"
AKTUELL ZU SEHEN IN "Bergfest" (ab 8. Juli) und "Renn, wenn du kannst" (ab 29. Juli)