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> M.I.A.

VIEL LÄRM UM VIEL

Vor kurzem hatte M.I.A. noch Einreiseverbot, doch plötzlich gehört die Agitpopperin zur HipHop-Highsociety der USA. Dabei kann sie die Klappe noch immer nicht halten - im Gegenteil.

Von Katharina Behrendsen, Mitarbeit Falk Schreiber

Mathangi "Maya" Arulpragasam alias M.I.A. kann einen ganz schön einschüchtern - wenn man sich ansieht, wie sie höchstschwanger auf der Grammy-Verleihung mit Jay-Z und Lil Wayne die Bühne rockte. Wenn man ihr neues Album hört, auf dem sie alles einsetzt, was Krach macht - inklusive Bohrmaschinen, die einem direkt ins Hirn dringen. Und wenn man weiß, dass sie auch schon mal die Handynummern unliebsamer Journalisten raustwittert.

Wir sind also bis an die Zähne bewaffnet mit Vorurteilen auf dem Weg zum Interview. Lange können wir die allerdings nicht aufrecht erhalten. Denn wenn jemand nicht einschüchternd ist, dann wohl Maya Arulpragasam, die mit einem breiten Lächeln auf uns zukommt. Ihre Hand verschwindet bei der Begrüßung fast in meiner, so wie Maya selbst in einem Hoody mit Ethnomuster zu versinken droht, als sie sich in den Sessel fläzt - ein Sessel übrigens, der so klein ist, dass er sich für Durchschnittseuropäer gar nicht zum Fläzen eignet. "Himmel, was hast du erwartet", sagt mein Kollege später. "Sie kommt aus Sri Lanka!" Obwohl wir zugegebenermaßen beide nicht gerade viel über Sri Lanka wissen. Eigentlich tauchte das bürgerkriegsgebeutelte asiatische Land, das bis in die 1970er Ceylon hieß, erst mit M.I.A.s Debüt "Arular" 2005 auf meiner persönlichen Landkarte auf. Und auf der ziemlich vieler anderer Durchschnittseuropäer wohl auch. Vermutlich brachte das der ehemaligen Kunststudentin den Ruf ein, politisch zu sein. Denn sie redet gern über die Probleme dieser Welt. Sie kann sich richtig reinsteigern, wenn es um Ungerechtigkeit, Armut und Krieg geht. M.I.A.s Songs sind allerdings nur dann politisch, wenn das Politisch-Sein nicht zwingend an eine Messages und Slogans gebunden ist.

"Es geht um den Lärm, den du machst", erklärt die Musikerin. "Eine direkte Botschaft in einen Song packen? So einfach ist es doch nicht. Als ob ich die Antworten hätte ..." Sie zuckt mit den Schultern - oder zumindest glaube ich diese Bewegung unter dem Schlabberpulli wahrzunehmen. Nein, viele Antworten hat die zierliche Frau nicht. Eher Fragen. Eine Meinung. Ein persönliches Schicksal, das sie stark gemacht hat und, wie sie heute zugeben kann, auch stur. "Früher hatte ich immer das Gefühl, mich könnte nichts aufhalten. Ich hatte Krieg überlebt - was sollte mich da noch aufhalten?" Heute weiß sie es: die Regierung der Vereinigten Staaten.

Maya selbst ist angekommen, wenn auch nur mit einem Zehnmonatsvisum. Sie wohnt mit Baby und Verlobtem, Milliardärssohn Benjamin Bronfman, in L. A., steht mit Jay-Z auf der Bühne. Ihr Song "O ... Saya" aus "Slumdog Millionär" war für den Oskar nominiert. Sie könnte die Charts stürmen, wenn sie wollte. Auch wenn sie aus guten Gründen genau das nicht will. Ihr drittes Album ist sperriger denn je. Vermutlich ist es die Absage an den ganz großen Erfolg, für den M.I.A. früher so verbissen gekämpft hat. "Das Album ist ein Chaos. Das macht es menschlich. Und die Unordnung, in der es sich befindet ist etwas, das wir endlich begreifen müssen. Ich merke mehr und mehr, wie von Künstlern roboterhafte Perfektion erwartet wird. Du sollst deine ganze Persönlichkeit über Bord schmeißen, deine Identität. Wer richtig erfolgreich sein will, muss zur weißen Leinwand werden. Muss jemand werden, der selbst für nichts steht."

Jemand, der für nichts steht: Das wird Maya Arulpragasam nie sein. Ihre Geschichte verfolgt sie, wird verarbeitet - und kommt trotzdem immer wieder hoch. Zwar wurde Maya von der Einreiseverbotsliste in die USA gestrichen, ihre Familie aber steht weiterhin drauf. "Ich werde mich wohl nie irgendwo integriert fühlen", stöhnt sie. "Meine Mutter, meine Schwester, mein Vater: einfach jeder in meiner Familie steht auf dieser Liste. Niemand von ihnen darf mich und meinen Sohn hier besuchen. So wollen die mich zum Schweigen bringen." Aber M.I.A. wäre nicht M.I.A., wenn sie schweigen würde und befindet: "Mich würden die sowieso nicht rausschmeißen, weil ich verdammt viele Steuern zahle. Die verdienen doch an mir. Das gibt mir eine gewisse Sicherheit - und verunsichert mich gleichzeitig wahnsinnig. Worum geht hier eigentlich? Um Ethik oder um Geld? Denn wenn ich nur in den USA sein darf, weil ich mehr Geld verdiene als meine Mutter, meine Schwester und mein Vater, kotzt mich das verdammt noch mal an. Das heißt ja, Bin Laden könnte in den USA wohnen!"

Was Maya nicht sagt: Wahrscheinlich tut Bin Laden das längst.


Check-Brief

[*NAME*] Mathangi "Maya" Arulpragasam
[*KÜNSTLERNAME*] M.I.A.
[*BEDEUTET*] militärisches Kürzel für "Missing in Action", was soviel heißt wie "Im Einsatz verschollen"
[*BERUF*] Sängerin, Künstlerin
[*LEBTE*] in London und Sri Lanka
[*LEBT*] heute in Los Angeles
[*STUDIUM*] Kunst und Film am Saint Martin's College of Arts, London
[*GRÖßTE ERFOLGE*] Als Künstlerin die Nominierung für den Alternative Turner Prize 2001, als Musikerin die Oscar-Nominierung für den "Slumdog Millionaire"-Song "O ... Saya" 2009
[*AKTUELLE CD*] "Maya" erscheint am 9. Juli 2010


Video


M.I.A, Born Free from ROMAIN-GAVRAS on Vimeo.