WIE EIN SCHWAMM
Anna Lena Schiller malt Worte als Bilder, Symbole und Strichmännchen. Dafür wird sie sogar bezahlt - obwohl sie den Job selbst erfunden hat.
Von Kathrin Kaufmann
Es gibt nur zwei Lichtkegel im Raum. Einer ist aufs Rednerpult gerichtet, der andere nach ganz rechts außen, neben die Bühne. Dort steht eine junge Frau und malt auf eine Tafel. Sie verwandelt die Worte und Theorien aus dem Mund des Sprechers in lustige Symbole, Zeitstreifen und kleine Strichmännchen. Die Frau heißt Anna Lena Schiller, und was sie da macht, nennt sich Graphic Recording - und ist tatsächlich ihr Job. "Ja, ich kriege Geld dafür", sagt sie und lächelt auf ihre offene, sympathische Art. "Es war aber durchaus ein unternehmerischer Lernprozess für mich, mein Handwerk schätzen zu lernen und für das entsprechende Geld zu verkaufen."
Veranstalter von Konferenzen buchen die Freelancerin hauptsächlich als Service für die Besucher. Unleserliche Mitschriften und hektisches Gekritzel können die sich sparen: Die Grafik, die Anna Lena vom jeweiligen Vortrag anfertigt, beinhaltet alle wichtigen Infos - und das Beste: Diese sind mit zwei, drei Blicken erfasst.
Die Wahlberlinerin hat auch andere Aufträge. Sie hilft dabei, Businesspläne zu entwickeln und den Durchblick im Wirrwarr von Ideen zu finden, oder sie erstellt kurze Präsentationen als Gegenstück zu hunderten von textlastigen Powerpointfolien.
Der Ansatz hinter all diesen Techniken - visuelles Denken - ist alles andere als neu. Ein Bild sagt mehr als tausend Worte, das hat doch schon unsere Oma gesagt. Aber beim so genannten Visual Thinking geht es nicht nur um bildliches Denken, sondern vielmehr darum, Probleme zu lösen - indem man Muster erkennt, Lösungsansätze findet und diese wiederum einfach und schnell anderen mitteilt.
"In Amerika läuft das seit ungefähr zwanzig Jahren", erklärt Anna Lena. "Es hat in der Bay Area seinen Anfang genommen, mit einer Consultingfirma namens The Grove und David Sebbit. Da ging es um Organisationsentwicklung und Teamsteuerung und wie man visuelle Metaphern als unterstützendes Mittel nutzt. Daraus hat sich langsam mehr entwickelt, wie zum Beispiel die Dokumentation von Konferenzen."
Gerade erlebt die Bewegung einen Boom. Kein Wunder: Noch nie war es so wichtig wie in Zeiten von Informationsüberfluss und Netzwerkdenken, Informationen einfach aufnehmen und schnell darstellen zu können. "Bilder haben wirklich die Eigenschaft, komplexe Sachverhalte auf fünf mal fünf Zentimetern zusammenzufassen, und liefern einen sehr guten Einstieg in ein Thema", erläutert Anna Lena. "Der Trend des vernetzten Denkens führt zu Komplexität, du hast keinen Überblick mehr, und es geht nicht mehr nur von A nach B. Dafür braucht man neue Darstellungsformen, und visuelles Denken ist eine gute Möglichkeit."
Foto: CC-BY Daniel Seiffert
Das Gute daran: Wir alle können es. Behauptet zumindest Dan Roam, Autor des Bestsellers "Auf der Serviette erklärt". Sein Buch soll einem in der Zeit eines Fluges von der Ost- zur Westküste die Grundlagen visuellen Denkens beibringen. Ob das funktioniert? Anna Lena bestätigt: "Das Buch kann man tatsächlich in ein paar Stunden durchzeichnen. Und auf dieses Level kommt wirklich jeder. Ganz oft hört man: Ich kann aber gar nicht malen. Aber das Zeichnen an sich, also das figurative Darstellen, macht nur zehn bis 20 Prozent aus. Viel wichtiger ist das, was ich im Kopf habe: Kann ich in Strukturen denken und diese in Bilder und Farben umsetzen? Als Kinder denken wir alle so - aber man verlernt das, weil wir in der Schule beigebracht bekommen, linear zu denken, und im Job machen wir dann Powerpointpräsentationen. Wenn man das Verschüttete aber wieder freischaufelt, dann geht's." Außerdem fängt keiner mit komplexen Kunstwerken an. Am Anfang lernt man erst mal, wie man Strichmännchen zeichnet - zum Beispiel im Schnellsiedekurs in "Visual Note Taking" beim diesjährigen Festival für Musik, Film und interaktive Medien, dem SXSW in Austin, Texas. Der Kurs ist auch online zu finden: Vier Visual Nerds geben Tipps, wie man am besten loslegt mit dem grafischen Denken, darunter der Designer Mike Rohde, bekannt geworden durch seine kreativen Notizen zu Konferenzen, sowie Sunni Brown, die großflächige Livegrafiken zeichnet und außerdem die Doodle Revolution anführt, die das Ziel hat, Wort und Bild wieder zu vereinen.
Hier in Deutschland ist die Revolution noch nicht angekommen. Anna Lena ist eine von wenigen, die mit Visual Thinking arbeiten. Und das auch mehr aus Zufall als aus Kalkül: "Ich habe überhaupt keinen grafischen Hintergrund, sondern bin dazu eher wie die Jungfrau zum Kinde gekommen. Ich war an einer kreativen Businessschule namens Kaospiloten in Dänemark, und da haben wir irgendwann einmal einen Workshop gemacht, woraufhin ich oft meine eigenen Ideen skizziert habe." Das änderte sich, als sie, mittlerweile in Berlin, bei der Musikkonferenz all2gethernow ein paar Vorträge visualisierte - eigentlich nur zum Spaß. "Aber das Feedback war so großartig, die Leute haben mich nach Visitenkarten gefragt und wo man mich denn buchen könne. Da dachte ich mir, da muss ja irgendwie Geld drinstecken. Dann habe ich eigentlich erst richtig damit angefangen", sagt die blonde Unternehmerin lachend. Die Grundlagen - analytisches Denken beispielsweise - kannte sie bereits aus ihrem Studium der Musikwissenschaften. Den Rest hat sie sich einfach selbst beigebracht. "Ich habe angefangen rum zu gucken, wer was macht. Es ist wie bei einem Musiker, der mit Musik aufwächst und alle Stile einsaugt - hier mal Beatles und Beach Boys, da ein bisschen Death Metal, und aus allem nimmt er etwas mit und bastelt sich so sein eigenes Ding. So entwickle ich auch meine eigene Bildsprache. Was mir gerade extrem hilft, ist Street Art: Die Leute müssen ihren Kram auf der Straße schnell hinmalen, obwohl es natürlich Riesenkunstwerke sind, und obwohl es künstlerisch sehr gut ausgeführt ist, bleibt die Bildsprache einfach. Ein weiterer Einfluss sind Comiczeichner. Da ich in dem Feld komplett neu bin, sauge ich alles auf wie ein Schwamm."
Neben der individuellen Bildsprache gibt es natürlich ein paar Grundlagen beim visuellen Denken. Grundsätzlich hat man vier Elemente zur Verfügung: Struktur - räumliche Verteilung, Gewichtung, Gruppierung -, Farbe, Bilder und Text. Oft sucht Anna Lena sich eine große visuelle Metapher für ein Thema und gruppiert die restlichen Informationen drum herum. Zeitliche Abfolgen werden in Form eines Weges oder entlang eines Zeitstrahls skizziert und so weiter und so fort.
Klingt so einfach. Aber wenn man Anna Lena da vor der Bühne stehen sieht, in ihrem Lichtkegel, wie sie den Vortrag des Redners strukturiert und in Bilder verpackt, während man selbst dem Gesagten nur mit höchster Konzentration folgen kann, ist das schon verdammt beeindruckend. Vor allem, da auch sie den Inhalt vorher nicht kennt. Hatte sie denn noch nie ein Blackout, während dem sie gar nicht mehr malen konnte?
Anna Lena schüttelt den Kopf: "Nein, das ist mir noch nie passiert. Wenn ich male, komme ich in eine Art Trance. Ich stehe vor dieser Wand, der Sprecher kommt auf die Bühne, fängt an zu reden, und ich fange an zu zeichnen. Das ist ein Tunnelhören, ich bin dann einfach für die Stunde oder anderthalb konzentriert, ich bemerke weder das Publikum noch sonst jemanden um mich herum. Ich denke auch nicht viel nach. Das ist eine sehr intuitive Sache." Ins Straucheln ist sie erst einmal gekommen - bei einem ihrer ersten Aufträge. Sie musste einen Vortrag des Philosophen Peter Sloterdijk visualisieren. "Der Mann war intellektuell so anspruchsvoll und benutzte eine Sprache, die ich zwar verstehen konnte, aber in der ich so fachfremd war, dass ich die ganze Zeit damit beschäftigt war, die groben Zusammenhänge zu verstehen. Und da war es vorbei damit, gleichzeitig visuelle Metaphern zu finden und zu zeichnen. Ich habe dann einfach eine Mindmap gemacht."
Anna Lena Schiller lebt in Berlin und arbeitet selbstständig als visuelle Beraterin. Nach ihrem Studium der Musikwissenschaften und dem Besuch der Businessuni Kaospiloten in Dänemark hat sie sich ihr Berufsbild quasi selbst geschaffen. Sie visualisiert Vorträge bei Konferenzen, erarbeitet Businesspläne und entwickelt eine individuelle Bildsprache für Unternehmen. Außerdem bietet sie Workshops für Einsteiger an.



