DER WOW-EFFEKT
Wir denken bei Westafrika an Bürgerkrieg und Armut - Monika Gintersdorfer nicht. Die Theaterregisseurin findet an der Elfenbeinküste etwas ganz anderes: Glam und Glitzer.
Interview: Falk Schreiber
uMag: Frau Gintersdorfer, was interessiert Sie eigentlich an der Elfenbeinküste?
Monika Gintersdorfer: Ich habe vor einiger Zeit eine Performance gesehen: Ivorer, die in Paris leben und dort ein Showbiz-Netz organisiert haben. Und das war einfach eine sehr gute Performance. Abidjan ist eine wichtige Stadt des Showbiz, viele Ivorer denken, dass sie gute Performer sind und gehen in solche Berufe. Und das ist ja mein Job: mit Leuten zu arbeiten, die gerne auf der Bühne stehen.
uMag: In Europa denkt man bei afrikanischem Theater als erstes an seine kultischen Ursprünge im religiösen Ritual. Ist da was dran?
Gintersdorfer: In der Elfenbeinküste gibt es in etwa gleich viele Moslems wie Christen, und gleichzeitig spielen die traditionellen Religionen eine große Rolle. Das heißt, es gibt eine sehr hohe Kombination und Auswahl von Religionen, und es gibt einen hochgradigen Wettbewerb der Kirchen. Außerdem sind viele Pastoren falsche Pastoren. Im Moment steckt durch Spenden viel Geld in diesem Beruf - Pastor ist ein Erfolgsberuf, wenn man charismatisch und talentiert ist.
uMag: Showbiz heißt Glitzer, Glamour, lustvolles Vorspiegeln falscher Tatsachen. Sind die falschen Pastoren der Link zwischen Religion und Showbiz?
Gintersdorfer: Pastoren, die im Wettbewerb stehen und sagen: "Wir möchten viele Gemeindemitglieder", die haben solche Showbiz-Qualitäten. Die können gut frei sprechen, die können die Leute anheizen, die haben eine unglaublich gute Lautsprecheranlage, wahnsinnige Soundsystems, in bestimmten Kirchen werden sehr "hotte" Situationen gesucht, bei denen die Leute singen und tanzen. Einer meiner Darsteller erzählt: In der Nacht hat er im Club mit Alkohol für den Teufel getanzt, und am nächsten Tag sagte der Pastor: Wenn du für den Teufel getanzt hast, dann musst du heute für Gott tanzen - doppelt so lang. Aber Tanzen ist Tanzen, das ist ja ein sehr ähnlicher physischer Vorgang.
uMag: Bei Christoph Schlingensiefs Afrika-Arbeit ging es am Ende eigentlich nur noch darum, dass es nicht gut sei, wenn sich Europäer mit Afrika beschäftigen, weder für die Afrikaner noch für die Europäer. Wir sollten da Geld hinschicken und die Afrikaner ansonsten in Ruhe lassen.
Gintersdorfer: Europäer haben oft das Problem, dass sie sich wahnsinnig lange damit beschäftigen, wie ihre Position ist - das habe ich immer als ziemlichen Umweg empfunden. Meine Leute sind zwischen 20 und 25, die haben überhaupt keine Lust, sich die ganze Zeit mit ihrem kolonialen Erbe auseinanderzusetzen, die wollen Leute kennenlernen. Ich meine, die sind selber auch im Internet, die gucken, wie sie vorwärts kommen. Und wenn ich denen sagen würde: "Oh, euch muss man jetzt erstmal in Ruhe lassen", dann fragen die: "Was ist denn hier los? Nimmst du mich nicht ernst, oder was?" Ich weiß, dass das natürlich nicht so eine einfache Sache ist, aber ich bin dagegen, sich nicht zu vernetzen, wenn die Beteiligten das wollen und sich füreinander interessieren.
uMag: Sie sprechen vom Wetbewerb, vom Vorwärtskommen, vom Markt. Sind Sie damit eigentlich im deutschen Theater fehl am Platz?
Gintersdorfer: Es ist schon gut, dass man Projektanträge stellen kann. Aber freies Arbeiten ist kein Bekenntnis zur Armut. Ich sage eben nicht: "Freies Theater ist ja so unterfinanziert, aber das macht mir gar nichts, ich will auch kein Geld verdienen." Das lehne ich total ab. Ich versuche, gut zu verhandeln, dass es sich auch lohnt, Auftritte zu machen, und dass sich meine Leute ein Leben aufbauen können. Ich finde außerdem, dass es im Theater Glamour geben sollte, dass das Theater ein Ort sein sollte, wo man sagt: "Wow!" Nicht ein Ort der Sparsamkeit, der Armut und des Selbstverzichts. Und da haben Sie schon recht, dass da etwas aufeinander prallt. Das finde ich aber eigentlich gut. Meine Darsteller bringen sehr stark dieses "Ich will aber was werden!" mit, "Ich will ein Star werden", von null auf alles. Weil die auch keinen unkomplizierten Weg haben. Für die gibt es eh' keine Fördergelder, da muss man gucken: Erstmal hat man nix, aber man kann sich immer vorstellen, dass das alles noch kommt. Und zwar ganz dicke.
uMag: Klingt wie das kulturpolitische Programm der FDP ...
Gintersdorfer: Nein, da unterscheiden wir uns sehr. Ich will damit sagen, dass es gut ist, eine Freiheit in der Kunst und Kultur zu haben: dass man Projekte frei formulieren kann und dass die dann gefördert werden. Und mit denen kann man Erfolg haben, Erfolg in dem Sinne, dass die Sachen touren, dass die Leute sich die ansehen, dass sie auch irgendwas angreifen. Klar, dass das ein armes, zartes Pflänzchen ist - aber das muss nicht immer ein zartes Pflänzchen bleiben.
Name: Monika Gintersdorfer
Beruf: Theatermacherin
Geboren: 1967 in Lima/Peru
Lebt in Hamburg
Arbeitet regelmäßig mit dem Bildenden Künstler Knut Klaßen
Macht Kunst an der Grenze von Drama und Tanz, Club und Theater, Europa und Afrika
Kommendes Projekt: Das deutsch-ivorische Minifestival "Rue Princesse" vom 7. bis 9. Oktober auf Kampnagel/Hamburg
Kennt man außerdem aus Theatern in Hamburg, Berlin, Bochum, Aachen, München, Salzburg und Abidjan/Elfenbeinküste
Web www.gintersdorferklassen.org


