THOMAS MORR
Von Carsten Schrader
Es wäre ein guter Grund zum Feiern gewesen, doch Thomas Morr hat den zehnten Geburtstag seines Berliner Labels Morr Music einfach so verstreichen lassen. "Ich bin eben ein Geburtstagsmuffel", entschuldigt er sich, "und im Januar steht ja schon unsere 100. Veröffentlichung an. Da gibt es zwar auch keine Riesenparty, aber wir werden irgendwie verlauten lassen, dass es uns mittlerweile zehn Jahre, zehn Monate und zehn Tage gibt."
Zudem wird der 100. Release mit einer aufwändigen Vinylversion zelebriert, immerhin handelt es sich dabei um die fünfte Morr-Veröffentlichung vom Tied & Tickled Trio, einer Band aus dem Notwist-Umfeld, die Thomas Morr persönlich sehr am Herzen liegt. Waren es doch vor allem Notwist-Splittergruppen wie Lali Puna, Ms. John Soda und eben das Tied & Tickled Trio, die dafür gesorgt haben, dass sich das Label auch im Ausland, allen voran in den USA, eine treue Fanbase sichern konnte. "Wir arbeiten in der ökologischen Nische, sei es die Notwist-Szene oder wie zuletzt verstärkt mit Musikern aus Island", erklärt Morr die Strategie. Eine Standard-Rockband aus England wird bei seiner Plattenfirma wohl nie etwas veröffentlichen. "Damit verpassen wir natürlich die Hypes, haben aber ausschließlich Platten, die auch langfristig interessant bleiben."
Welche Künstler unter Vertrag genommen werden, entscheidet vor allem der Geschmack des Chefs. "Als ich angefangen habe, rechneten alle damit, dass ich ein reines Experimentalelektrolabel mache, dabei hatte ich von Anfang an nur etwas gegen Indierock, den ich wegen seiner Attitüde einfach unerträglich finde. Letztendlich dreht sich bei uns alles um Indiepopsachen, die mal elektronischer, mal bandorientierter sind, oder wie bei der Band Seabear auch mal einen Folkanteil haben."
Die bisher größte Krise musste Morr Music 2007 überstehen, als der Vertrieb Hausmusik pleite ging, der für 50 Prozent des Umsatzes verantwortlich war. Und auch wenn sie heute nur noch zu siebt arbeiten, müssen sie sich ständig neue Strategien ausdenken, um über die Runden zu kommen. "Keiner von uns wird auf Grundlage der aktuellen Platten bezahlt, die wir rausbringen. Stattdessen gibt es zur Zeit fünf Millionen Baustellen, an denen wir irgendwie rumschrauben", sagt Thomas Morr mit einer Mischung aus Resignation und Pioniergeist. Seit einigen Jahren arbeiten sie auch mit digitalem Vertrieb. Gerade wurde der Webshop ausgebaut, und für die Zukunft überlegt man sich, einige der Künstler auch zu managen. "Musik kann einfach nicht for free sein, sonst können wir den Künstlern nichts an die Hand geben. Ich kann nachvollziehen, dass sich momentan viele Musiker so fühlen, als ob täglich in ihre Wohnung eingebrochen wird." Ans Aufgeben denkt Thomas Morr trotzdem nicht. "Es werden zwar weitere Pleiten folgen, und es wird auch viele Leute treffen, die man kennt und schätzt, aber ich möchte einfach weiter Musik entdecken."






