DESIGN FÜR ALLE!
Auf vielen Onlineplattformen kann man jetzt aktiv mitentscheiden, welche Hosen, Tische und Gadgets wirklich hergestellt werden. Demokratisierung oder schlicht eine neue Verkaufsmasche?
Von Kathrin Kaufmann und Ellen Stickel
Stell dir vor, du hast eine richtig gute Idee für - sagen wir - eine fesche Jacke. Nur ist Schneidern leider so gar nicht deins, ein eigener Laden wäre viel zu teuer, und wie du das Ganze in deiner 100 000-Seelen-Heimatstadt an den Mann bringen sollst, ist dir eh schleierhaft. Alles kein Problem, denn im Netz gibt es hilfreiche Plattformen, die einem den anstrengenden Teil des Designerdaseins abnehmen.
Auf manchen Seiten, wie beispielsweise beim Wiener Streetwearlabel Useabrand, können Entwürfe eingereicht werden, die dann schlicht in die Kollektion aufgenommen werden. Die Designer bekommen ein Exemplar für sich selbst sowie 5 Euro pro verkauftem Teil. Auf anderen Plattformen, wie der amerikanischen Seite Kickstarter, können auch abseits von Mode alle möglichen kreativen Ideen vorgestellt werden. Interessierte Leute können für das Projekt spenden beziehungsweise Designs bestellen. Sobald der angepeilte Geldbetrag beisammen ist, werden die Kleidungsstücke, Bücher oder kreativen Projekte verwirklicht, im Anschluss erhalten die User ihr Produkt. Kaum Risiko - für beide Seiten.
Risikovermeidung ist vielleicht tatsächlich das Stichwort, auf das sich der Boom dieser Designplattformen am besten herunterbrechen lässt. Die (nicht unberechtigte) Angst vor dem Auf-die-Schnauze-Fallen verhindert oft, dass gute Ideen verwirklicht werden. Andreas Klinger von der Plattform Garmz weiß, wie es bei Nachwuchsdesignern leider oft läuft: "Die meisten Leute gehen nicht zugrunde, weil sie schlechte Ideen haben, sondern weil sie ökonomisch nicht auf die Reihe kommen. Sie schaffen es nicht, sich in kurzer Zeit das Know-how und Netzwerk aufzubauen und die Produktionsbedingungen zu schaffen, die sie brauchen." Mit der von ihm mitgegründeten Seite will er genau das verhindern - indem er den Kreativen die Produktion ihrer Entwürfe abnimmt. Der schmissige Slogan dazu: "Start your own Fashion Label". Der 29-Jährige möchte unentdecktes, kreatives Potenzial bündeln, sei es von Modestudenten, jungen Designern oder einfach nur einfallsreichen Menschen, die mit den großen, beherrschenden Brands im Modebusiness nichts am Hut haben. Das Ziel: eine faire und vor allem facettenreiche Fashionwelt. Eine vorgegebene Stilrichtung wie bei manchen anderen Plattformen soll es dabei explizit nicht geben. "Uns geht es viel stärker darum, den eigenen Stil der Designer zu fördern", betont Andreas Klinger. Die Ideengeber bekommen fünf Prozent der Einnahmen, behalten aber sämtliche Rechte an ihren Entwürfen und können sich ein Portfolio an Entwürfen aufbauen.
Nach rund zwei Jahren gedanklicher Vorbereitung ging Garmz im Mai 2010 online. Es gab Einsendungen aus 37 Ländern, jetzt ist das erste Design - kunstvoll drapierte schwarze Shorts - gewählt und produziert. Keine leichte Aufgabe, denn vom Entwurf bis zum Prototyp über Schnitt- und Materialentscheidungen bis hin zur schlussendlichen Produktion gibt es jede Menge Einzelschritte zu beachten und zu koordinieren. Gefertigt werden die Kleidungsstücke in Bulgarien, wo Garmz auch ein eigenes Büro hat. In Österreich zu produzieren wäre schlicht zu teuer, außerdem gibt es dort in Folge der Globalisierung noch eine andere Schwierigkeit, wie Klinger erklärt: "In Österreich gibt es keine Textilindustrie mehr - und somit auch keine Leute mit Praxiserfahrung in diesem Bereich." Für Garmz ergibt sich durch die globale Entwicklung noch ein weiterer Schritt: der Umzug nach London. Der Einfachheit und des Netzwerkens halber, denn was in England passiert, interessiert die Welt, und damit auch Investoren und Medien.
So gut die Produktion und die Vermarktung für ein tragfähiges Geschäftsmodell auch organisiert sein muss - eines der wichtigsten Prinzipien, das fast alle Designplattformen vereint, ist die Demokratisierung von Design. Nicht mehr nur einfach Massenware vorgesetzt zu bekommen, sondern sich mit einem Produkt auseinander zu setzen, mitzuerleben, wie es entsteht, eine Geschichte dazu erzählt zu bekommen und vielleicht sogar im Austausch mit dem Designer direkt daran mitzuwirken. Die Einbindung der potenziellen Käufer und kreative Authentizität sind das Ziel: In Votings können die Besucher einer Seite über die besten Entwürfe abstimmen, mittels Kommentaren oder Chats findet ein Diskurs mit im regulären Designbetrieb sonst meist gesichtslos bleibenden Designern statt. Das System von Oben (kreativer Guru) und Unten (brav kaufender Konsument) verliert seine Gültigkeit.
Die Designplattform Avandeo wendet dieses Prinzip auf Möbel an. Vor eineinhalb Jahren nahm die Idee Gestalt an, damals noch unter dem Namen Design2Desire, seither sind zu dem dreiköpfigen Gründerteam bereits 35 Mitarbeiter hinzugekommen. Auch hier gilt: Designer reichen Entwürfe ein, und die User entscheiden durch ihre Stimmabgabe, welche Stücke realisiert und in die Avandeo-Kollektionen aufgenommen werden. Pro Jahr flattern an die 1 000 Bewerbungen herein. Es gibt regelmäßige Abstimmungen zu gesetzten Themen wie Tischen oder Sofas, zusätzlich werden jedoch in einem Designpool auch Entwürfe vorgestellt, die sich in keine Schublade pressen lassen. "Wenn wir ein Produkt toll finden und glauben, dass es eine gute Marktchance hat, möchten wir ihm eine Plattform geben", sagt Avandeo-Mitgründer Ulrich Gersch. Für alle Produkte gibt es über Kommentarfunktionen die Möglichkeit, dass User direkt Anregungen an die Designer abgeben - und diese ihnen antworten.
Eine weitere Instanz gibt es jedoch: Eine zwischengeschaltete Jury sorgt dafür, dass die Entwürfe zum Stilspektrum des Labels passen, und schätzt ab, ob sie in der eingereichten Form realisiert werden können. "In dieser Jury sitzen auch Koryphäen aus der Möbelindustrie, die Gespür für den Markt mitbringen und sagen können, ob das Design das Potenzial hat, zum Erfolg zu werden. Auch für den Designer ist es ja wichtig, dass sich sein Produkt tatsächlich verkauft", erklärt Gersch.
Der 33-Jährige hat die Plattform gemeinsam mit seinem Bruder Burkhard und ihrer Studienkollegin Brigitte Wittekind ins Leben gerufen. "Wir haben zuvor schon über viele Geschäftsideen nachgedacht und sie alle wieder verworfen", erzählt er. "Wir wollten unter anderem mal das erste Skigebiet von internationalem Format in China aufbauen. Doch erst bei der Idee zu Avandeo hatten wir das Gefühl, dass alles genau zusammenpasst und haben den Schritt gewagt." Dass alle drei aus der Unternehmensberatung kommen, erleichterte ihnen den Einstieg. Nicht unwichtig, bei einem so komplexen Geschäftsmodell: Die Möbel werden in Kleinserien hergestellt, für die jeweils der passende Produzent gefunden werden muss, denn im Möbelbereich sind die Fabriken hoch spezialisiert. "Wir haben insgesamt mehr als 1 000 Firmen begutachtet", berichtet Gersch. "Momentan arbeiten wir mit 15 Fabriken in Deutschland, Großbritannien, Osteuropa und China zusammen, die unseren Anforderungen an Qualität und Arbeitsbedingungen entsprechen."
Das Grundprinzip ist die On-Demand-Produktion: Es wird erst über einige Tage eine gewisse Anzahl Bestellungen gesammelt, bevor die Möbel in Produktion gehen. Große Lagerhallen sind dadurch Schnee von gestern, was sich natürlich auch auf die Preise auswirkt. Auch Überproduktion wird so vermieden - in Zeiten, in denen jeder gerne die grüne Fahne schwingt, ein nicht zu unterschätzender Vorteil. Womit der Kreis geschlossen und wir wieder bei der Risikovermeidung wären.
Ist demokratisiertes Design im Internet also die Zukunft? Zumindest Andreas Klinger ist sich dessen sicher: "Wir glauben, dass das Internet ein guter Kanal ist, um Menschen die Möglichkeit zu verschaffen, sich wieder individueller auszudrücken. Der nächste Schritt auch in der Modewelt wird sein, dass sie die klassischen Betriebskanäle umgehen." Und das wäre dann tatsächlich eine Revolution.
Betafashion, www.betafashion.com
Fashionstake, www.fashionstake.com
Quirky, www.quirky.com
Threadless, www.threadless.com
Trendy Workshop, www.trendy-workshop.com
Useabrand, www.useabrand.com
Ustrendy, www.ustrendy.com
NAME Avandeo
GEGRÜNDET VON Ulrich Gersch (33, links im Bild), Burkhard Gersch (31), Brigitte Wittekind (30)
WO München
WOLLEN jungen Möbeldesignern eine Plattform geben
www.avandeo.de
NAME Garmz
MITGEGRÜNDET VON Andreas Klinger (29)
WO Wien/London
WILL die Modewelt revolutionieren
www.garmz.com






