SERIENTÄTER
Ist ein Ermittler erfolgreich, wird man ihn so schnell nicht wieder los. Und das ist auch gut so - zumindest, wenn das Krimi-Personal so schön skurril daherkommt wie diese uMag-Lieblinge.
Von Katharina Behrendsen
Cheng
Heinrich Steinfest "Batmans Schönheit - Chengs letzter Fall"
Cheng ist Detektiv, Wiener, Chinese - und einarmig. Und Cheng ist in den Romanen von Heinrich Steinfest noch eine der eher bodenständigen Figuren. Denn Krimi und fantastische Literatur liegen oft nur einen Stein-, manchmal auch einen Apfelwurf voneinander entfernt, wenn der aus Wien stammende Wahlstuttgarter ins Erzählen kommt. Allerdings ist, wo Steinfest draufsteht, nicht unbedingt Cheng drin, denn auch wenn der Autor seinen Figuren eine gewisse Treue entgegenbringt, unterliegt ihr Kommen und Gehen scheinbar dem Zufall. Deswegen muss man es vielleicht auch nicht so ernst nehmen, dass das aktuelle Buch "Batmans Schönheit" den Untertitel "Chengs letzter Fall" trägt und Cheng den Detektivberuf offiziell ohnehin längst an den Nagel gehängt hat. Wenn Steinfest einen Weg finden will, neue Cheng-Abenteuer zu schreiben, findet er ihn. Und ansonsten erfindet er einfach eine neue, mindestens genau so grenzgenial-verrückte Hauptfigur.
Zbigniew Meier
Stephan Brüggenthies "Die tote Schwester"
Ganz netter Typ, der Zbigniew. Bisschen gehemmt vielleicht, denkt man. Eher introvertiert, aber definitiv einer von uns. Hat ja sogar ein echtes Facebook-Profil, und uralt ist der auch noch nicht. Nur: So einfach lässt Autor Stephan Brüggenthies seinen Helden dann doch nicht davonkommen. Unter 40 sein und Arctic Monkeys kennen: Das allein reicht noch nicht, um der Trutschigkeitsfalle zu entkommen, in der der deutsche Durchschnittsermittler sich anscheinend geradezu heimisch fühlt. Kaffee, Alk, Zigaretten, vielleicht noch eine Affäre mit der Kollegin oder Streit mit der Ex: Mehr passiert meist nicht. Zbigniew fährt da schon härtere Geschütze auf und lässt sich genüsslich von Freundin Lena den Stress wegblasen. 'n bisschen Sex, och, lahm, Standard. Nicht ganz. Lena ist im ersten Band, "Der geheimnislose Junge", erst 17 - und statt Skrupel oder Gewissensbisse zu haben, schlägt Zbigniew sich am meisten mit der Angst vor Entdeckung herum. Im aktuellen Nachfolger "Die tote Schwester" wird Lena - aufatmen! - endlich 18. Und - Luft anhalten! - entführt ...
Miss Maple
Leonie Swann "Garou"
Miss Maple ist das klügste Schaf der Herde - was schön für sie ist, aber noch keine Detektivin aus ihr macht. Weil aber Schäfer George an einem Spaten stirbt und die Schafe in ihrer ganz eigenen Logik schließen: "Ein Spaten ist doch keine Krankheit", muss Maple versuchen, ihren Horizont über den Rand der Weide hinaus wachsen zu lassen, wenn die Herde wissen will, was eigentlich los ist. Dass das nicht so richtig klappt, ist das große Plus von Leonie Swanns Schafskrimis. Zwischen den existenziellen Dingen des Schafslebens (Gras und alles andere, was man vielleicht fressen kann) wird eher fabuliert als ermittelt, und am Ende haben die Schafe, zumindest was den detektivischen Erfolg angeht, mehr Glück als Verstand. Doch den Schafen beim Philosophieren übers Wollen zuzuhören, ist ohnehin spannender als die ausgefeilteste Krimilogik.
Carl Mørk
Jussi Adler-Olsen "Schändung"
Carl Mørk ist das personifizierte Klischee: 50+, Skandinavier, höchst misanthropisch-unmotiviert und überhaupt und sowieso ein echter Downer. Das müsste ihn für die Lektürewahl eigentlich vollkommen überflüssig machen - würde Mørk nicht ein begnadeter Autor wie Jussi Adler-Olsen im Nacken sitzen, der den Muffelkopp einfach nicht damit durchkommen lässt, in seinem Kopenhagener Kellerbüro zu hocken und auf die Verrentung zu warten. Als Mørk herausfindet, dass seine vollmundig Sonderdezernat Q getaufte Abteilung für ungelöste Fälle eigentlich ein Millionenbudget hat, das sein Chef für Anderes abzweigt, will er auch ein Stück vom Kuchen - und bekommt Assad. Dieser Assistent zwielichter Herkunft erweist sich nicht nur als gerissen, sondern ist auch schwer übermotiviert und halst Mørk einen schier unlösbaren Fall nach dem anderen auf. Der nächste, "Erlösung", erscheint im Juli.
Dr. Siri Paiboun
Collin Cotteril "Briefe an einen Blinden: Dr. Siri ermittelt"
Was die Null-Bock-Einstellung dem Job gegenüber angeht, könnte Paiboun, genannt Dr. Siri, glatt Carl Mørks Zwillingsbruder sein. Vom Alter her würde allerdings die Rolle als Mørks Vater besser infrage kommen - wären da nicht noch die geografischen und zeitlichen Unterschiede. Denn Colin Cotterill, ein englischer Lehrer, Comiczeichner und Weltenbummler, dem die Serie mit über 50 zum Überraschungsdurchbruch als Schriftsteller verhalf, siedelt Dr. Siri schräge Abenteuer im Laos der späten 1970er-Jahre an. In der frisch gegründeten Demokratischen Volksrepublik geht es drunter und drüber, es fehlt an allen Ecken und Enden und so wird kurzerhand ein über 70-jähriger Arzt zum einzigen Pathologen des Landes gemacht. Kommunisten und komische Todesfälle sind aber zwei von Siris Übeln. Dass sich auch noch ständig die Geister Verstorbener in seine improvisierten Ermittlungen einmischen findet er mindestens so unangenehm wie die frischgebackenen und völlig unfähigen Parteibonzen der Pathet Lao.

