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Foto  - AUS DEM RAHMEN
Kunstgrenzgang: Clarina Bezzolas "Der glückliche Tod im Leben und die Geburt ins Jetzt" verknüpfte vergangenen Sommer Performance, Musik, Skulptur und soziale Intervention. Foto: Bernd Kammerer

AUS DEM RAHMEN

Kunst ohne Museum geht nicht mehr als Kunst durch? Wohl! Auch wenn dann die Bewertungsmaßstäbe fehlen.

Von Falk Schreiber

Levent Kunt baut eine Mauer in der Frankfurter Innenstadt. Unberührt, weiß, zwölf Meter lang. Man könnte sie bemalen, mit Slogans verzieren, unter Umständen könnte man sie auch zerstören. Wie man möchte. Das Bemerkenswerte an der Arbeit des 1978 in Ankara geborenen Künstlers ist nicht das Kunstwerk selbst, der ästhetische Mehrwert einer weißen Wand geht gegen Null. Das Bemerkenswerte ist die Interaktion der Wand mit ihrer Umwelt: Was machen die Menschen mit ihr, verstehen sich die Passanten nur als Konsumenten des Stadtraums oder sind sie bereit, die Stadt auch zu gestalten, die Fußgängerzonen, Einkaufszentren, touristischen Hotspots?
Vor einem Jahr entwickelte Clarina Bezzola am gleichen Ort ihre Installation "Der glückliche Tod im Leben und die Geburt ins Jetzt", ebenfalls eine Interaktion von Kunst und Stadt. Bezzola ließ sich damals von Frankfurtern Kleidungsstücke schenken und vernähte diese zu einem "Frankfurter Netz". Durch das die ausgebildete Sängerin als Höhepunkt der Aktion kletterte und dabei eine Bach-Kantate schmetterte. Auch hier ging es nicht in erster Linie um die entstandene Netzstruktur, es ging auch nicht um die Performance mit kletternder Sängerin, es ging um das Zusammenspiel von Stadt, Stadtbewohnern und Alltag, und nur zum Teil ging es am Ende auch noch um die künstlerische Gestaltung.

Im August 2010 war das "Frankfurter Netz" Teil von "Playing the City", einer Aktion der Frankfurter Kunsthalle Schirn, die diesen Sommer ihre Neuauflage erlebt. Über 20 Künstler und Künstlergruppen verlassen das Museum und verwandeln den öffentlichen Raum zum Präsentationsort für Kunstaktionen. Einerseits. Andererseits wird so der öffentliche Raum verändert, kritisiert, subversiv unterwandert. ",Playing the City' erschließt den öffentlichen Raum als einen kollektiven, freien und gestaltbaren Raum, stellt Fragen nach seinen Grenzen und nach der Einbezogenheit seiner Bewohner", beschreibt Schirn-Kurator Matthias Ulrich das Konzept der Ausstellung. Wobei schon der Begriff "Ausstellung" auf die falsche Fährte führt: Es wird weniger ausgestellt als produziert. Und das nicht ausschließlich von den Künstlern, sondern auch von den Kunstinteressierten. "Das Projekt ist nicht nur Kunst im öffentlichen Raum, es operiert mit künstlerischen Ideen und Konzepten, die von den Betrachtern geteilt, ausgeführt oder mindestens benutzt werden, um Form anzunehmen", erklärt Ulrich. "Insofern geht es zunächst vielleicht weniger um eine Aneignung des Raums als um eine Auflösung der scharfen Trennlinie zwischen Kunstwerk und Rezipient."
Was klingt wie eine künstlerisch ergiebige Verwischung der Rollen von Künstler und Betrachter, stellt den Ausstellungsmacher vor gewisse Probleme. "Wenn die traditionellen Begriffe von Werk und Autorschaft in Frage gestellt werden, gibt es eben nicht mehr eine bestimmte Gruppe von Zuschauern, sondern viele Produzenten." Wie Ulrich das sagt, klingt es gut, nur: Plötzlich tritt die Kunsthalle in den Hintergrund, plötzlich ist gar nicht mehr klar, wer hier eigentlich Akteur ist, plötzlich gibt es nicht einmal mehr einen Kunstmarkt, auf dem die Werke gehandelt werden können. Der Kurator rettet sich in die Abbildung der Aktionen, es gibt ein Blog, es gibt filmische Dokumentationen, es gibt nicht zuletzt eine Publikation mit Essays und Interviews zum Thema. Was auch wieder ein Risiko mit sich bringt - dass die Dokumentation zumindest in der Rückschau wichtiger wird als die eigentliche Kunstaktion.

Wobei den, der dabei ist, ohnehin nicht interessieren dürfte, wie das Gesehene in Erinnerung bleibt, ob es einen Markt gibt und ob ein bestimmtes Museum sich die Aktion auf die Brust schreiben kann. Der, der dabei ist, interessiert sich dafür, spannende Kunst miterlebt zu haben. Oder, in den Worten von Matthias Ulrich: "Es geht bei diesem Projekt nicht um eine wirtschaftliche Verwertung, sondern um eine Intervention im öffentlichen Raum, die dessen Wahrnehmung verändert und gleichzeitig auf ein gesellschaftliches Thema aufmerksam macht." Und was bei Kunst im öffentlichen Raum auch nicht unter den Tisch fallen sollte: Sie macht, wenn sie gelingt, ganz großen Spaß.

Checkbrief

Foto: Norbert Miguletz

Matthias Ulrich wurde 1969 geboren, „einen Monat nach dem Tod Theodor W. Adornos“. Er studierte Soziologie und Philosophie in Frankfurt und arbeitete im Anschluss bei der Galerie Kerstin Engholm in Wien. Seit 2004 ist er als Kurator an der Kunsthalle Schirn in Frankfurt verantwortlich für Ausstellungen wie „Die Jugend von Heute“, „Die Eroberung der Straße“ und „In Concert“. Auch die ersten beiden „Playing the City“-Schauen zu Kunst im öffentlichen Raum konzipierte er 2009 und 2010. Bei „Playing the City 3“ sind vom 11. bis 25. August Aktionen unter anderem von San Keller, Tim Etchells und Jacob Dahlgren zu sehen.
www.playingthecity.de