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Fotos: design for download - milan 2011 | Davide Lovatti

LAD! MICH! RUNTER!

Mode, Möbel, Revolution: Design for Download will Ikea & Co. das Fürchten lehren. Und wir können schon mal den Bohrer zücken.

Von Katharina Behrendsen

Musik? Haben wir auf dem Ipod. Bücher? Kann man auch auf dem Kindle lesen. Aber spätestens fürs Schränkchen, in dem wir unsere digitalen Spielzeuge verstauen, latschen wir ganz oldschool in den nächsten Möbeldiscounter. Oder zum Designdealer. Aber egal ob highclass oder low budget, wir haben dort genau zwei Wahlmöglichkeiten: ja oder nein.

Bisschen wenig, oder?

Das fand auch Renny Ramakers, Gründerin und Direktorin der niederländischen Firma Droog. Als Designer Jürgen Bey 2009 Stücke für die Eröffnung einer Droog-Filiale in New York entwarf, die sämtlich aus dem Lasercutter kamen, hatte Ramakers eine Idee. Und weil sie sich nicht bloß als Verkäuferin, sondern auch als Kuratorin von Design sieht und den Open-source-Gedanken liebt, teilte sie ihre Idee mit Denkern und Designern. Ein Konzept war geboren: Design for Download.

2011 wird es Wirklichkeit.

Ab Oktober, wenn alles glatt läuft, könnte der Weg zum Schränkchen so aussehen: Wir surfen zu Design for Download und finden das perfekte Möbel. Mal abgesehen davon, dass wir es gern ein bisschen niedriger, dafür aber breiter hätten und außerdem in orange statt in grün. Also füttern wir das Customizing-Programm mit unseren Wünschen, das dann eine individualisierte Form des Designerstücks für uns bastelt - beziehungsweise einen Plan. Denn soweit, dass fertige Möbel aus irgendeiner Materialisierungsmaschine purzeln, ist es dann doch noch nicht. Lasercutter und 3D-Printer hingegen sind bereits Realität. Und wenn wir sie nicht zuhause haben, dann hat sie vielleicht ein Handwerksbetrieb in unserer Nähe, dessen Kontakt uns Design for Download gern vermittelt. Oder der Entwurf kommt gleich ganz ohne technischen Schnickschnack aus und kann im Alleingang gebaut werden.

Dabei ist Design for Download nicht zwangsläufig als Do-it-yourself-Plattform gedacht. "Es soll ein Marktplatz für Designer und Designfirmen sein", sagt Renny Ramakers. "Gemeinsame Ziele sind zum Beispiel weniger Transporte und Individualisiertbarkeit. Wie offen man aber dabei sein möchte, muss jeder selbst entscheiden. Zum Beispiel will bisher einer der Designer seine Pläne nicht den Kunden, sondern nur verlässlichen Betrieben vor Ort zur Verfügung stellen, die vorher einen bestimmten Vertrag unterzeichnen, um sein Copyright zu schützen. Die Designer müssen ihr eigenes Geschäftsmodell entwickeln. Die Kreativität hört nicht beim eigentlichen Objekt auf, sondern geht da weiter, wo sie einen Weg der Vermarktung finden müssen, der für sie funktioniert." Renny Ramakers, die für die Plattform mit der staatlich geförderten niederländischen Design-Initiative Premsela.org zusammenarbeitet, hat große Ziele: "Es geht um ein neues System. Um Rahmenbedingungen, in denen Designer arbeiten können. Ich denke, es ist wichtig, dass Designer über das eigentliche Produkt hinauswachsen, zum Beispiel, in dem sie Service anbieten oder eine Verbindung zum Benutzer knüpfen."

Eine nicht unwesentliche Frage, die sich bei aller Begeisterung allerdings stellt, ist die des Originals. Sind das denn noch richtige Designermöbel, wenn wir plötzlich selbst Hand anlegen oder der Freund mit der Bohrmaschine oder der Schreiner um die Ecke?

Designer Tal Erez, der mit EventArchitectuur einen Vorabbeitrag für die noch im Aufbau befindliche Plattform entwarf, damit diese auf der Mailänder Möbelmesse präsentiert werden konnte, hat das Problem des Originals so für sich gelöst: "Unser Teil des Designs ist ein Werkzeug. Wir bieten mit unseren Designs eine Art Bausatz an, die innerhalb gewisser Grenzen eigene Interpretationen ermöglichen. Eine spezifische Designsprache und Funktionalität bleiben aber immer erhalten", erklärt Erez. "Unser Design ist dann die Summe oder auch der Durchschnitt der endlosen Möglichkeiten, dieses Werkzeug, das wir zur Verfügung stellen, zu benutzen."

Mario Minale, der mit seiner Designpartnerin Kuniko Maeda ebenfalls einige Stücke für Mailand entworfen hat, sieht die Originalität von Design-for-Download-Objekten als einen Abstufungsprozess - und seine Aufgabe als Designer darin, dass seine Entwürfe diesen zulassen. "Es gibt im Extrem zwei Usergruppen. Es gibt jemanden, der alles selber machen will, und jemanden, der eigentlich das fertige Produkt will. Uns war es wichtig, dass es für beide Sinn macht." Überhaupt spricht Mario Minale lieber vom Wert als vom Original. Und Wert hat für ihn immer auch mit Verantwortung zu tun. In seinem Entwurf "Inside out furniture" übernimmt er zum Beispiel die Verantwortung für ein möglichst gutes Aussehen der zusammengezimmerten Objekte, indem er kleine Kunststoffklammern eingeplant hat, die die Schrauben verdecken. "Das Produkt, das vom Designer kommt, sollte einen gewissen Glanz mehr haben, weil man davon ausgeht, dass der Designer sich bis ins Detail auseinandergesetzt hat." Wer bei Minale also nicht nur den Bauplan, sondern auch die Klammern bestellt, erwirbt vom Designer so eine Art Gütesiegel für den Eigenbau. Seinen Segen haben allerdings alle, die sich dran versuchen. Der Originalitätsgedanke wird Minales Meinung nach gemeinhin sowieso überbewertet.

Genau mit diesem Ansatz beschäftigte sich auch das vom niederländischen Institut Premsela und dem Berliner Designfestival DMY organisierte Symposium "Copy/Culture" und kam zu dem Schluss, dass zwischen gelebter, oft digitaler Realität, dem allgemeinem Verständnis von Begriffen wie Original, Kopie und Fälschung und vor allem aber der Rechtslage gewaltige Lücken klaffen. "Wir leben bereits in einer Kultur, die mit ihren Massenprodukten, einheitlichen Wohnsiedlungen und letztlich von Fernsehformaten wie "Star Search", durchdrungen ist von der Kopie", formulierte es der britische Designer Sam Jacob. Kulturwissenschaftler Aram Sinnreich unseren aktuellen Gesellschaftszustand konfigurierbare Kultur. Angekommen sind wir dort noch nicht. Eher: auf dem Weg. Je stärker soziale Netzwerke allerdings unseren Alltag bestimmen, desto selbstverständlicher wird das Konfigurieren für uns. Und bestimmte Dinge wie das Erstellen persönlicher Playlists sind längst Mainstream. Wir nähern uns der Produzentenseite, indem wir Spaßbilder mit Photoshop basteln oder Hits in Parodien und Mash-ups verbraten. Legal ist das zwar nicht - als illegal empfinden es aber auch nur noch wenige, sich hier und da am vorhandenen und im Netz herumschwirrenden Kontent zu bedienen, ihn zu kopieren oder weiterzubearbeiten. Zwei Drittel der von Sinnreich in einer großen Studie Befragten sind offen für eine konfigurierbare Kultur. In der schon vorhandenen rechtlichen Grauzone entstehen auf organische Weise neue Werte und Vorstellungen. Und die treffen ein Unternehmen manchmal härter als tatsächliche Urheberrechtsverletzungen.

Die Kette Urban Outfitters, die mit Klamotten und Accessoires im Indielook ihr Geld scheffelt, hatte sich ein bisschen zu dreist an der Kreativität anderer bedient. Die niedlichen Silberanhänger in Form amerikanischer Bundesstaaten mit ausgestanztem Herzchen, die im Mai plötzlich in den Läden hingen, gibt es ziemlich genau so auch im Etsy-Shop Tru.che. Rechtlich hätte man Urban Outfitters dafür wohl nicht belangen können, aber tausende entrüstete Tweets und zahllose Blogeinträge wirkten Wunder. Die Ketten verschwanden über Nacht. Zumindest das gefühlte Copyright hat sich vor allem als eine moralische Kategorie erwiesen.

Für Renny Ramakers steht es außer Frage, dass das Urheberrecht nicht so bleiben darf, wie es ist. "Ich kann das System nicht ändern", sagt sie. "Aber ich kann zumindest versuchen, ihm einen Schubs in eine andere Richtung zu geben." Und genau als diesen betrachtet sie Design for Download. Dass es eine Richtung ist, die vielen Designern gefällt, zeigt das rege Feedback. Auch niederländische Modedesigner haben schon Interesse angemeldet.

Dass Ikea und Co. gleich Konkurs anmelden müssen, glauben weder Ramakers noch die Designer. "Wenn man Entwicklungen betrachtet, gehen sie in der Regel nebeneinander her. Neues entsteht, aber das Alte verschwindet nicht komplett", sagt Mario Minale.

Wie sehr die Großen und Unbeweglichen in Zukunft allerdings zittern müssen und Innovative und Indies profitieren, das liegt ab Oktober ein stückweit mehr in unseren Händen. Egal, ob wir nun den schwarzen Gürtel im Bohrmaschinenbedienen haben oder nicht.