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Am 24. November gibt es das neue uMag am Kiosk.
Foto: JoeEsco | photocase.com, Illustrationen: Nils Heuner
> Nina Pauer

WIR UND DIE ZWEIFELMONSTER

Verängstigt, lethargisch, selbstbezogen: So beschreibt Nina Pauer (29) die Angehörigen ihre Generation. Und die - finden das prima.

Interview: Ellen Stickel

Wer heute in Deutschland um die 30 ist, ist in einer Zeit steter Bedrohungen aufgewachsen: Tschernobyl, Waldsterben, Kalter Krieg, BSE. Doch keine dieser Katastrophen haben wir am eigenen Leib erlebt. Für Autorin Nina Pauer ist diese ständige, diffuse Angst der Grund für die tief sitzende Verunsicherung, mit der unsere Generation zu kämpfen hat. Für ihr Buchdebüt "Wir haben keine Angst" hat sie mit zahlreichen ihrer Altersgefährten gesprochen. Und die fürchteten sich vor allem davor, die ihnen zur Verfügung stehenden Möglichkeiten nicht richtig zu nutzen oder falsche Entscheidungen zu treffen. Wir haben vor vielen Dingen Angst: vor dem Erwachsenwerden, vor der Entscheidung für einen einzigen Menschen, vor zu klaren Aussagen. Doch was die größte Panik in uns auslöst, ist der Gedanke, unser Leben falsch zu leben.

uMag: Nina, du beschreibst in deinem Buch eine ganze Generation von Leuten, die an der Spannung zwischen dem erfolgreichen, coolen Äußeren und dem ängstlichen, ewig unzufriedenen Inneren verzweifelt. Woher, denkst du, kommt dieses Problem?
Nina Pauer: Es gibt eine Illusion des perfekten Menschen, der leistungsfähig und gut aussehend ist und alles unter einen Hut kriegt. Das leistungsfähige, selbstverwirklichte Individuum ist unser Ideal der Zeit. Daraus resultieren die riesigen Burn-out-Zahlen, die wir in meiner Generation haben. Als dieses Selbstverwirklichungsideal so richtig populär wurde, waren wir sehr jung. Unsere Eltern, die vielleicht noch Nazi-Eltern hatten oder nicht aufs Gymnasium durften, konnten und wollten uns darin unterstützen, uns ohne Schranken zu entwickeln. So entstand ein gesellschaftlicher Druck zur Selbstverwirklichung. Doch zu dem Konzept, sein eigenes Ding zu machen und alle Optionen zu haben, passt es nicht, dass man daran zerbricht. Dass wir eine so ironieversessene, lässige Generation sind, ist nur ein Schutzmechanismus. Ich möchte mit meinem Buch sagen: Hey, wir könnten doch mal wieder ein echtes Statement wagen!

"Unser Angstmacher Nummer fünf ist das klare Statement. Er ist es auch, der uns so still werden lässt. Er ist es, der uns ständig verbietet, laut und klar unsere Meinung kundzutun zu dem, was wir über den Gang der Welt im Allgemeinen und Speziellen denken. Denn er hält unser Peinlichkeitsvermeidungsideal so hoch wie kein anderer. Und macht damit unsere sowieso schon so stark ausgeprägte Pathos-Allergie und unsere damit einhergehende Sucht nach überlegener Ironie nur noch schlimmer, als sie sowieso schon ist. Mit der Folge, dass sich eigentlich so gut wie niemand mehr traut, den Mund aufzumachen."

uMag: Die Angst vor dem beruflichen Fall, vor dem verlorenen Ich, vor dem Erwachsenwerden und vor echten Statements - das ist ein Rundumschlag. Unsere ganze Generation ist also so sehr verängstigt, dass sie in Therapie müsste?
Pauer: Nein, das ist natürlich nur ein rhetorisches Mittel. Die beiden Protagonisten, die zugegebenermaßen extrem sind, gehen ja stellvertretend für uns zum Therapeuten. Andererseits kenne ich tatsächlich sehr viele Leute, die so sind. Und es sind auch unfassbar viele junge Menschen in Therapie - ich müsste in meinem Bekanntenkreis eher zählen, wer noch nie war oder zumindest nicht stark darüber nachdenkt. Das ist auch ein Unterschied zu den heute etwa 40-Jährigen. Ich glaube aber nicht, dass alle aus Spaß zur Therapie gehen. Klar sind das alles eigentlich Luxusprobleme, aber es sind keine Pseudoprobleme.

uMag: Luxusprobleme klingt stark nach: Stellt euch nicht so an!
Pauer: Wir wissen ja, dass wir die fetten Wohlfahrtskinder sind, die sich auch noch selbst dafür bemitleiden, dass es ihnen so gut geht und deshalb wiederum so schlecht. Wir schämen uns sehr, dass wir so um uns selbst kreisen. Das will ich mit dem Buch auch sagen: Stopp! Wir sind alle so drauf, also lasst uns darüber reden, damit wir von unserer Ich-Besessenheit runterkommen. Vielen von uns fällt es einfach schwer, aufzuhören zu denken und stattdessen was zu machen. Die Energie, die da hinein fließt, könnte besser in andere Dinge fließen. Wir sind nicht die hedonistische Generation Golf, die Möglichkeiten einfach nur geil fand. Wir hatten von Anfang an immer schon diese Angst vor Entscheidungen. Es ist also eine negative Egozentrik. Wir stopfen all unsere Energie in unsere Erscheinung nach außen, dass wir erfolgreich und gut aussehend wirken. Und den Rest des Tages therapieren wir die Schäden, die dieser Aufwand hinterlassen hat. Es geht nur um die eigene Performance.

"Wie gut bewusste Peinlichkeit gegen unsere Angst vor ungewollter Peinlichkeit hilft, merken wir immer dann, wenn wir es zwischendurch alle zusammen mal wieder so richtig übertreiben. [...] Wenn wir, statt direkt in die Szenebar zu gehen, mit unseren Leuten zur Abwechslung mal in der schabrackigsten Eckkneipe des Viertels am Tresen Korn bestellen und eine Runde zu Schlagern aus der Jukebox tanzen. Bei solchen Aktionen fällt unsere ultimative Horrorvorstellung, dass man uns ernsthaft lächerlich finden könnte und sich nur keiner traut, es uns zu sagen, einfach von uns ab."

uMag: Glaubst du, mit einem Buch kannst du die Leute aufrütteln?
Pauer: Klar wäre es vermessen zu sagen, dass man mit Büchern sonst was ändern kann. Aber ich glaube schon, dass es für Leute ein sehr großer Wert sein kann, wenn sie sich wiedererkennen. Ich bekam viel Feedback von Leuten, die froh waren, dass endlich mal jemand offen sagt, wie sie sich fühlen. Eine Freundin von mir ist der Protagonistin Anna sehr ähnlich, die hat beim Lesen totale Schnappatmung bekommen und meinte: Ich will nicht so sein! Das ist es: Ich möchte einen Spiegel vorhalten. Und ich möchte durchaus gerne Wut erzeugen. Aber ich wollte bewusst keinen Ratgeber schreiben, das wäre ja schrecklich! In einer Therapie wird einem auch nicht gesagt: Mach das und das, und dann geht's dir gut. Man kann einem Menschen, der völlig um sich selbst kreiselt, nicht sagen: Hör auf zu denken! Das wäre, also ob man Leuten sagt: Seid doch jetzt bitte mal spontan. Das klappt ja auch nicht.

"Trotz Studium, Praktika, Auslandssemester und Vitamin B können wir uns nie sicher sein. Weshalb wir immer und einwandfrei funktionieren müssen. Weshalb wir nichts dem Zufall überlassen dürfen, sondern uns haargenau überlegen müssen, welche Wegbiegungen wir einschlagen. Um uns eines Tages die eine Stelle, die perfekt zu uns passt, die wir sind, genau im richtigen Moment schnappen zu können. Sonst ist sie besetzt. Und wir hätten alles verpasst. [...] Weil wir die einzig richtige Version unserer selbst nie gelebt hätten. Was für eine Horrorvorstellung."

uMag: Nach all den Generationenbüchern noch ein Neues - ist das nicht riskant?
Pauer: Darüber habe ich natürlich auch nachgedacht. Denn eigentlich sind das ja gesamtgesellschaftliche Probleme, und wir wollen diese ganzen Etiketten auch nicht mehr. Aber wenn man wir schreibt und damit die jungen Erwachsenen meint, dann kommt eh irgendjemand aus dem Busch gesprungen und brüllt: Generation! Ich habe Soziologie studiert, und da war das ein ganz normaler Arbeitsbegriff. Es wäre schön, wenn man ganz einfach damit arbeiten könnte.

uMag: Wie hast du recherchiert?
Pauer: Ich habe mit Freunden gesprochen, aber auch mit jeder Menge Unbekannter. Das war teils ziemlich seltsam, wenn man diejenigen nicht kennt und dann abends bei einem Bier fragt, wovor sie Angst haben ... Nicht Sex oder der Kontostand sind heutzutage das Intimste, sondern unsere Ängste, die Dinge, unter denen wir zusammenbrechen, die Situationen, in denen wir zeigen, wie es wirklich in uns aussieht. Einer der Jungs erzählte mir beispielsweise, dass er das Gefühl habe, auf Glatteis zu liegen und nirgends Widerstand zu spüren. Und dass er, wenn er ehrlich mit sich wäre, auf den großen Bestimmer warte.

uMag: Fast schon erschreckend, auf Druck von außen zu warten ...
Pauer: Ja, das ist eben auch so ein Punkt. Wir haben natürlich alle Druck von außen, oft auch viel zu viel. Aber das Ideal eines selbstverwirklichten Individuums beinhaltet ja auch, dass du immer und alles wieder revidieren kannst und niemand es dir übel nimmt. Viele meiner Gesprächspartner sagten, sie fühlten sich, als ob sie schwömmen. Sie sehnen sich nach dem Ankommen und gleichzeitig ist die Vorläufigkeit, die sie leben, auch irgendwie ganz beruhigend. Es gibt eben immer noch Exit-Optionen.

"Wenn es etwas ist, das wir mittlerweile sicher wissen, dann, dass nichts sicher ist. Dass uns in Liebesdingen auf Dauer nichts, aber auch gar nichts gegen die kleinen Zweifelmonster, die auch all unsere anderen Lebensbereiche begleiten, schützen kann. Egal, wie glücklich, wie sicher, wie verliebt und wild entschlossen wird jetzt sind, und egal, wie sehr heute alle sagen, wir zwei passen perfekt zueinander - irgendwann kommen sie wieder. Wie sehr und in welche Richtung auch immer wir uns unsere Köpfe verdrehen lassen, und egal, wie rosa die Wölkchen sind, die uns anfangs dort den Blick vernebeln: Die Exit-Option bleibt immer in unserem Sichtfeld."

Checkbrief

Foto: Dennis Williamson

Nina Pauer (29) ist freie Autorin und lebt in Hamburg. Nach dem Studienabschluss in Geschichte, Soziologie und Journalistik schreibt sie unter anderem für Die Zeit und das Zeit Magazin. Die Textauszüge stammen aus ihrem ersten Buch „Wir haben keine Angst. Gruppentherapie einer Generation.“ (Fischer Verlag)
ninapauer.wordpress.com