MANN OHNE FORMAT
Niemand schreibt in Deutschland bessere Krimis als Jan Costin Wagner. "Ich mag es, den Lesern etwas zuzumuten", sagt er - und zerhackt mit seinem neuen Roman mal wieder unser Schubladendenken.
Interview: Carsten Schrader
Foto: Dennis Yenmez
[*U_mag*]: Jan, wurdest du zu deinem neuen Roman inspiriert, weil du dir zu viele Talkshows und Reality-Formate auf RTL angesehen hast?
[*Jan Costin Wagner*]: (lacht) Zu viele nicht, ein paar wenige haben schon gereicht.
[*U_mag*]: In "Im Winter der Löwen" setzt ein Gesprächsthema einer Person derart zu, dass sie die Gäste der Sendung tötet und einen Mordanschlag auf den Talkmaster verübt. Soll dieser drastische Fall die komplette Abwesenheit ethisch-moralischer Grundsätze bestimmter TV-Formate offenlegen?
[*Wagner*]: Tatsächlich gab es einen konkreten Auslöser. Ich habe eine Talkshow gesehen und mich gefragt, ob eine derartige Reaktion ausgelöst werden kann. Diese Formate wollen alles enthüllen. Indem über alles geredet wird, soll alles offengelegt werden. Dabei ist jedoch das Bewusstsein für den Kern der Themen verloren gegangen. Sie wollen alles begreifen, und am Ende verstehen die Protagonisten dieser Formate gar nichts mehr.
[*U_mag*]: Diese Sendungen werden ja schon seit langer Zeit massiv angegriffen. Ist es nicht geheuchelt, wenn wir alle diese Formate kritisieren, aber die Sendungen trotzdem unglaublich erfolgreich sind?
[*Wagner*]: Genau deswegen habe ich das Buch geschrieben: Weil die Kritik genauso oberflächlich bleibt wie die Formate selbst. Ich will in meinen Romanen eigentlich nie eine bestimmte Art von Kritik üben, sondern ein Thema für mich und die Leser begreifbarer machen. Deswegen habe ich etwa den Talkmaster weder positiv noch negativ dargestellt. Es soll gar nicht über ihn geurteilt werden. Ich wollte erreichen, dass er innerhalb der Romanwelt real wird und dadurch ein Begreifen einsetzt, dass weder durch das Konsumieren noch durch das Kritisieren dieser Formate erreicht werden kann. Auch wenn ich über meinen Roman rede, kann ich die Dinge nicht so auf den Punkt bringen, wie der Text selbst es tut. Für mich gilt eigentlich dasselbe wie für die Talkshows und die floskelhafte Kritik an diesem Format: Das Darüber-Reden führt zu nichts.
[*U_mag*]: Trotzdem ist doch auch in deinem Roman eine ganz eindeutig kritische Haltung gegenüber diesen Sendungen eingeschrieben.
[*Wagner*]: Natürlich. Aber mir war es wichtig, zu jeder Figur eine Nähe zu haben und ihr auch in ihren Schwächen gerecht zu werden. Selbst wenn manche Charaktere etwas zugespitzter gezeichnet sind, niemals würde ich die Mitarbeiter des Fernsehsenders eindimensional als TV-geschädigten Mob darstellen. Kritik gelingt nur dann, wenn sie auch die andere Seite mitdenkt und die Bedingungen berücksichtigt, unter denen diese Menschen handeln. Ansonsten ist man schnell bei dieser platten Kritik: Die bösen Medien machen uns zu bösen Menschen. Und wenn es ganz schlecht läuft, folgen dann auch noch eindimensionale Lösungsvorschläge wie etwa der Ruf nach gesetzlichen Regelungen oder Zensur.
[*U_mag*]: Aber wie kommen wir denn aus der Nummer wieder raus? Die Situation spitzt sich ja immer weiter zu, weil sich die Medien gegenseitig mit Abartigkeiten überbieten müssen, um im Geschäft zu bleiben.
[*Wagner*]: Stimmt, die Entwicklung wird wohl so verlaufen, dass immer mehr enttabuisiert wird, während die eigentliche Intimität immer ferner rückt. Und dabei stumpfen wir immer mehr ab. Neulich habe ich bei Bekannten einen kleinen Jungen beobachtet, der völlig gelangweilt eines dieser drastischen Sinnloscomputerspiele gespielt hat, bei denen wir alle noch vor einigen Jahren vor Schreck in Ohnmacht gefallen wären. Aber wollen wir deshalb zurück in die Medienwelt von vor 30 Jahren? Die gegenwärtige Entwicklung ist nicht gut, aber die Tabus waren es auch nicht. Wir brauchen etwas anderes, wobei ich auch nicht so genau weiß, wie das auszusehen hat. Aber hey, ich bin nur Schriftsteller. (lacht) Ich bin froh, wenn ich ein Bewusstsein für allzu platte Botschaften schaffen kann und meine Figuren zu Vermittlern dafür werden, wie vielschichtig bestimmte Themen sind.
[*U_mag*]: Sollten die Medien bestimmte Themen meiden, weil sie der Intimität nicht gerecht werden können?
[*Wagner*]: Es gelingt den Formaten nicht, die das explizit zum Ziel erklären. Aber in Sendungen mit weitaus weniger Zuschauerbindung passiert das schon. Nachts, wenn kaum jemand zuschaut, laufen die besten Filme. Das klingt immer ein bisschen naiv und ist als Regel auch sicher Schwachsinn. Aber manchmal gibt es dann eben diese großen Momente in kleinen, stillen Filmen, bei denen der Zuschauer das vielleicht gar nicht erwartet. Das ist auch eine Erkenntnis, die ich für mein Schreiben zu nutzen versuche: Das scheinbar unauffällig ins Bild Kommende ist manchmal gerade das Prägnante.
[*U_mag*]: Dazu funktioniert die Talkshow, die du in deinem Roman beschreibst, als perfektes Negativbeispiel.
[*Wagner*]: Genau, in der Sendung geht es um das Thema Tod. Ein Gerichtsmediziner und ein Puppenbauer diskutieren über die verschiedenen Gesichter des Todes und ironisieren dabei den Tod. Das kann ein legitimes Mittel sein, um mit dem Tod umgehen zu können. Wenn aber jemand zusieht, der vielleicht gerade einen ihm nahestehenden Menschen verloren hat, dann kollidiert der innere Kern des Themas mit dem Versuch, das Thema zu banalisieren.
[*U_mag*]: Du selbst bist mit deiner Romanfigur Kimmo Joentaa in Serie gegangen. Er ist von der Trauer nach dem Tod seiner Frau völlig zerfressen, schlägt sich anfangs sogar mit Selbstmordgedanken herum und verleiht allen drei Romanen eine sehr düstere, bisweilen sogar depressive Färbung. Hattest du keine Bedenken, dass die Leser das aushalten?
[*Wagner*]: Glücklicherweise habe ich darüber gar nicht nachgedacht, weil mich diese Figur und ihr innerer Konflikt so sehr gefesselt haben. Natürlich ängstigt mich Kimmo auch. Aber der Anspruch der Romane ist ja, seine Trauer und ihre Bewältigung auszuloten. Die Angst vor dem Tod des geliebten Menschen ist ja nicht nur in mir, sondern in jedem. Und ich mag es, den Lesern etwas zuzumuten. Darin liegt ja der Wert von Literatur, und eine Figur kann nur dann bleiben, wenn sie konsequent und kompromisslos umgesetzt ist.
[*U_mag*]: Bei einem Serienheld ist das umso schwieriger, weil sofort unterstellt wird, dass der Autor einfach nur sein Erfolgsrezept wiederholt und mit leichten Variationen immer wieder den gleichen Roman vorlegt.
[*Wagner*]: Manche Autoren sagen ja schon im Vorfeld, dass sie genau zehn Romane mit einer bestimmten Figur schreiben wollen. Das könnte ich niemals. Wenn ich Bücher lese, in denen Figuren forterzählt werden, dann messe ich sie immer an der Frage, ob der Autor seiner Figur noch wirklich nah ist. Die Grundidee eines Roman muss prägend sein und nicht der Rahmen, in den sie eingepasst wird. Kimmo überrascht mich selbst immer wieder, und ich bin gespannt, wie weit mich diese Figur trägt. Sobald ich das Gefühl habe, Kimmo ist zu Ende erzählt, werde ich die Serie sofort beenden.
[*U_mag*]: Als Serienautor hast du es jetzt besonders schwer, dich von der ungeliebten Kategorisierung als Krimiautor zu befreien.
[*Wagner*]: Stimmt, in Deutschland ist dieser Hang zur Kategorisierung besonders stark ausgeprägt, und als Serienautor bin ich da natürlich automatisch in der Nähe des Krimigenres. Ich versuche, mich von diesen Zuordnungen fernzuhalten, weil ich mit der gegenseitigen Diskriminierung nichts zu tun haben will. Der Literat lästert über das Genre, und der Genreautor diskriminiert den Literaten als Schwätzer. Ich stehe zwischen diesen beiden Ebenen, und wenn ich mich auf diese Auseinandersetzung einlassen würde, käme ich kaum noch zu etwas anderem. Zwischen den Fronten ist es immer stressig. Ich will mich lieber um die Qualität meiner Bücher sorgen als um die Frage, welchem Genre sie zuzuordnen sind.
[*U_mag*]: Inzwischen ist es so weit, dass sich außer dir kaum ein jüngerer Autor in Deutschland traut, über eine Straftat zu schreiben, weil er fürchten muss, dass dann sein literarisches Talent nicht gewürdigt wird.
[*Wagner*]: Es kann den Romanen nicht guttun, wenn Autoren sich an Vorgaben gebunden fühlen und im Schreiben nicht frei sind. Auch hier dringt man nicht zum inhaltlichen Kern vor, wenn man sich nur mit der Genrezuordnung beschäftigt. Nicht nur das Fernsehen, auch die Literatur leidet unter Formaten.
[*Name*] Jan Costin Wagner
[*Alter*] 36
[*Beruf*] Schriftsteller
[*Geburtsort*] Langen
[*Wohnorte*] Frankfurt und Finnland, die Heimat seiner Frau
[*Studierte*] Germanistik und Geschichte an der Uni Frankfurt
[*Wichtigste Auszeichnungen*] Marlowe-Preis 2002, "Das Schweigen" belegte beim Deutschen Krimi Preis 2008 den dritten Platz, die amerikanische Ausgabe des Romans "Eismond" wurde 2008 für den Los Angeles Times Book Prize nominiert
[*Verfilmung*] "Das Schweigen" wird dieses Jahr fürs Kino verfilmt.
[*Lesereise*] 13. 2. Berlin, 17. 2. Frankfurt, 4. 3. Hamburg
[*Aktuelles Buch*] "Im Winter der Löwen"


