PROPAGANDA POP
Ein Theaterprojekt untersucht den ruandischen Völkermord. Doch was hat der mit westlicher Popkultur zu tun?
Von Falk Schreiber
Am 6. April 1994 wurde ein Flugzeug nahe der ruandischen Hauptstadt Kigali von einer Rakete getroffen. An Bord: Ruandas Präsident Juvénal Habyarimana, der versuchte, aus dem Konflikt zwischen der Hutu-Bevölkerungsmehrheit und der Tutsi-Minderheit Gewinn zu ziehen. Wer den Anschlag verübte, ist nicht bekannt. Allerdings begannen direkt im Anschluss rassistische motivierte Hutu-Milizen, Tutsi sowie gemäßigte Hutu planmäßig zu massakrieren. Eine bedeutende Rolle beim Völkermord spielte der Radiosender Radio-Télévision Libre des Mille Collines (RTLM), das Zentralorgan für Popmusik und tutsifeindliche Hassparolen.
"RTLM war eine Radiostation, in der ein Prozess der Globalisierung stattfand", beschreibt der Schweizer Künstler Milo Rau das Programm des Hutu-Senders. "Die spielten nicht nur zentralafrikanische Musik, sondern Musik aus der ganzen Welt. Man hat MC Hammer gehört, man hat Nirvana gehört, man hat die gleiche Musik gehört wie bei uns, nur sind in Ruanda andere Dinge passiert." Über das Programm eines Radiosenders in Kigali stellt Rau eine Verbindung zu seiner eigenen Kindheit her: Rau wurde 1977 in Bern geboren, wuchs in St. Gallen auf und hörte als 17-jähriger Schweizer praktisch die gleiche Musik auf DRS 3 wie der 17-jährige Hutu auf RTLM. Wobei der Hutu nach Sendeschluss loszog, um seine Tutsi-Nachbarn abzuschlachten.
Milo Rau ist Regisseur beim schweizerisch-deutschen Künstlerkollektiv International Institute for Political Murder. Die machten vor zwei Jahren Furore mit dem dokumentarischen Theaterstück "Die letzten Tage der Ceausescus": Die detailgenaue Nachstellung des Schauprozesses gegen den rumänischen Diktator Nicolae Ceausescu brachte der Gruppe erstens eine Nominierung fürs renommierte Berliner Theatertreffen ein und zweitens eine Anzeige von Ceausescus Sohn, der die Persönlichkeitsrechte seines Vaters verletzt sah (den folgenden Prozess gewannen die Theatermacher kürzlich).
Nach den Umstürzen in Rumänien widmet sich das Institute for Political Murder jetzt dem ruandischen Genozid: Rau baut das RTLM-Studio aus Kigali nach, ruandische DJs spielen die damaligen Hits, moderieren die damaligen Hassparolen. "Was wir zeigen, ist das Herz des Tätertums", beschreibt Rau das Konzept des Stücks "Hate Radio": "den Spaß, die Unterhaltung." Das Publikum soll lachen, wenn ein Radio-DJ einen coolen Spruch raushaut, trotz des Wissens um die Umstände. Und dieses Wissen wird bereitgestellt: Parallel zu den Aufführungen von "Hate Radio" gibt es eine Buchdokumentation, es gibt Ausstellungen in Bregenz und Zürich, es gibt sogar Shows in Kigali, wo die Erinnerung an den Genozid noch sehr lebendig ist.
"Die Propagandamethoden des RTLM, die Strategie der Dehumanisierung einer Bevölkerungsgruppe, weisen viele Parallelen zur antisemitischen Propaganda im Dritten Reich auf", erklärt Dramaturg Jens Dietrich und eröffnet damit einen weiteren Bezug, eine Erklärung, weswegen die Machenschaften in Kigali relevant für uns sind. "Der Holocaust ist für unsere Generation zwar historisch weit entfernt, aber das, was in Ruanda stattfand, das waren heutige Menschen. Auf die Musik kann jeder draufspringen, das sind bekannte Songs, die Leute reagieren absolut heutig. Und die Gewaltmechanismen können genauso in heutigen Gesellschaften stattfinden." Propaganda und Rassenhass sind hier plötzlich globalisierter Pop - und nichts, was sich bequem in die Vergangenheit entsorgen lässt.
Im Theaterbetrieb laufen Stücke wie "Hate Radio" unter dem Label "Reenactment": Historische Geschehnisse werden intensiv recherchiert und dann möglichst genau nachgestellt. Das ist nicht unproblematisch, denn umgangssprachlich spricht man auch von "Reenactment", wenn Militaristen historische Schlachten nachspielen - und dabei keinerlei Aufklärung oder Erkenntnisgewinn in Sinn haben, sondern bloße Lust am Kriegshandwerk. Natürlich will Mirco Rau mit diesen Kriegsspielereien nichts zu tun haben, auch wenn sein Theater mit den gleichen Mitteln arbeitet: "Hate Radio" soll keinen Spaß machen, soll die Widersprüche zwischen Hass und Hits nicht auflösen, sondern in ihrer Widersprüchlichkeit ausstellen. "Natürlich, Genauigkeit ist wichtig", meint der Regisseur. "Aber die Genauigkeit, auf die wir abzielen, ist eigentlich eine Genauigkeit des Erlebens in all seiner Widersprüchlichkeit. Wir lösen Sachen in diesem Reenactment nicht auf: die Menschlichkeit der Täter. Die Banalität des Geschehens. Der Zwang, zu lachen und gleichzeitig abgestoßen zu sein. All diese Widersprüche, die in der bloßen Nachstellung einer Schlacht nicht da sind."
Die Widersprüche, die wir spüren, wenn wir über einen Comedian lachen, kurz bevor der zum Mord am Nachbarn aufruft. Wenn Geschichte in all ihrer Unverdaulichkeit plötzlich in uns selbst zu rumoren beginnt.
Checkbrief
NAME International Institute for Political Murder
BERUF Künstlernetzwerk
MITGLIEDER Milo Rau (Regie), Jens Dietrich (Dramaturgie), Marcel Bächtiger (Video, Schnitt, Ton), Nina Wolters (Corporate Design)
KOMMEN AUS Berlin und Zürich
THEATER „Hate Radio“, vom 1. bis 4. 12. im HAU 2, Berlin. Weitere Aufführungen: im Januar (Zürich), Februar (Luzern), März (Brüssel) und April (Basel und Bern)
AUSSTELLUNG bis 22. 1. im Kunsthaus Bregenz, vom 25.–29. 1. im Migros Museum Zürich
www.international-institute.de


