TEST DER LIEBE
Wie bitte: Editors-Chef Tom Smith veröffentlicht mit einem Freund ein Weihnachtsalbum? Ja - und der Indieheld weiß sogar genau, wofür er seinen Ruf aufs Spiel setzt.
Interview: Carsten Schrader
uMag: Tom, nachdem du mit dem letzten Editors-Album eine Radikalwende zur Elektronik gewagt habt, stehst du in dem Ruf, dich einen Scheißdreck um Erwartungshaltungen zu scheren. Aber mit "Funny looking Angels" ein traditionelles Weihnachtsalbum einzuspielen, ist noch mal eine ganz andere Nummer. Macht es dich an, deinen Status als Indieheld aufs Spiel zu setzen?
Tom Smith: Ach, so hoch würde ich das nicht hängen. Ich probiere nur gern verschiedene Dinge aus und habe keine Lust, mich zu wiederholen. Natürlich ist diese Platte altmodischer als alles, was ich zuvor gemacht habe, aber ich fühle mich jetzt nicht besonders mutig. Es sind ehrliche Songs, und erst im Nachhinein habe ich durch die Reaktionen von außen bemerkt, was für ein hartnäckiges Tabu wir da verletzt haben. Inzwischen habe ich aufgehört, zu zählen, wie oft mir gesagt wurde, dieses Album sei das Bescheuertste, was ich in meinem Leben bisher so zustande gebracht habe.
uMag: Hörst du selbst wirklich Weihnachtsplatten?
Smith: Es gibt schon Weihnachtslieder, die ich mag. Ich liebe "Fairytale of New York" von den Pogues. Das Weihnachtsalbum von Phil Spector ist ganz fantastisch, und auch Low haben ein Special-interest-Album gemacht, von dem mir ganz besonders "Just like Christmas" gefällt.
uMag: Gibt es auch Weihnachtslieder, die du abgrundtief hasst?
Smith: Und ob, jedes Jahr gibt es doch eine regelrechte Flut von beschissenen Coverversionen und weichgespültem Plastikpopkram. Da kann ich die besonders schlimmen Songs aber gar nicht benennen, die verschwimmen für mich alle zu einem klebrigen Brei.
uMag: Erstaunlich, dass du nicht wenigstens "Last Christmas" von Wham! genannt hast. Der ist doch mit Sicherheit unter den zehn meistgehassten Songs der Welt.
Smith: Wenn es doch nur so einfach wäre! Der Song mag in der Hassliste ganz oben stehen, aber aus unerklärlichen Gründen muss es auch unglaublich viele Leute geben, die den mögen. Lustig aber, dass "Last Christmas" mittlerweile schon als international verständlicher running gag durchgeht. Ich kann in Deutschland oder Frankreich einem wildfremden Menschen erzählen, dass es mir auch in diesem Jahr wieder nicht gelungen ist, durch den Dezember zu kommen, ohne von Wham! terrorisiert zu werden. Aber wir haben uns mit der Platte gar nicht so sehr an expliziten Weihnachtsliedern orientiert. Meine große Referenzplatte war "Automatic for the People" von R.E.M., und ich hatte auch Simon & Garfunkel und die American-Recordings von Johnny Cash im Kopf. Wenn man von den Weihnachtsglöckchen absieht, die hin und wieder mal bimmeln, hat unsere Platte ja mehr mit solchen Veröffentlichungen zu tun als mit klassischen Weihnachtsalben.
uMag: Euch war also von Anfang an klar, dass ihr moderne Sounds verbannen und lieber auf klassische Arrangements zurückgreifen wolltet?
Smith: Ja, wir wollten altmodisch sein, mit Streichern und all dem. Gerade weil wir das Gefühl hatten, dass solche Platten kaum noch gemacht werden. Und es hat geholfen, dass wir das Album im privaten Rahmen eingespielt haben. In einem großen Studio mit unendlichen Möglichkeiten hätte es im Endeffekt viel zu pompös geklungen.
uMag: Andy und du, ihr seid schon lange befreundet und hättet euch ja auch schon längst auf einer anderen musikalischen Ebene treffen können als unbedingt im Weihnachtskontext ...
Smith: Wenn wir uns treffen, jammern wir gern. Wir lästern über die Musikszene und ziehen über Bands her, so wie das andere beste Freunde auch tun. Nachdem wir schon vor langer Zeit rausgefunden hatten, dass wir beide eine Vorliebe für Weihnachtslieder haben, ist uns bei einem unserer Gespräche aufgefallen, dass sich in unserer Welt, in der Indiegitarrenszene, kaum eine Band daran wagt, ein Weihnachtslied aufzunehmen. Zunächst wollten wir nur ein Album mit Coverversionen machen, die von der Stimmung her zu Weihnachten passen. Doch dann hat uns die Vorstellung gereizt, selber einen Klassiker zu schreiben. Einen Song, den zumindest Indiefans in jedem Jahr an einen bestimmten Datum hören.
uMag: Allerdings verzichtet ihr dabei auf christliche Propaganda ...
Smith: Ja, denn Weihnachten ist für mich einfach nur ein Fest mit Freunden und der Familie. Ich will in den Pub gehen, und da will ich dann viel trinken. Da sind dann all die alten Freunde, die ich das ganze Jahr über nicht sehe und nur an Weihnachten treffe. Und diese Zusammenkünfte haben auch immer den Charakter einer Jahresbilanz. Man berichtet sich gegenseitig, was in den vergangenen Monaten passiert ist. Meistens wird natürlich gejammert. Man beklagt sich darüber, was alles daneben gegangen ist und bestärkt sich gegenseitig in der Hoffnung, dass im kommenden Jahr alles gut wird. Das geht natürlich nicht ohne Naivität. Aber die ist da auch zulässig, Weihnachten ist ein Schutzraum, in dem man sich vermessenen Illusionen ruhig mal hingeben darf.
uMag: Der friedlichen Atmosphäre und der Beschaulichkeit von Weihnachtsliedern wohnt ja auch ein konservatives Element inne, denn der Eskapismus setzt ja voraus, dass man die aktuelle gesellschaftliche Situation komplett ausklammert und alles schön redet.
Smith: Genau das wollte ich nicht, und das war auch einer der Hauptgründe, warum ich eigene Weihnachtslieder geschrieben habe. Mir ging es darum, gesellschaftliche Themen in diesem Schutzraum zu etablieren, und so ist "When the Thames froze" stark von den Studentenprotesten beeinflusst, die letztes Jahr Weihnachten losbrachen, weil die britische Regierung die Verdreifachung der Studiengebühren beschlossen hatte. Und in "This ain't New Jersey" geht es um ein sich eigentlich liebendes Paar, das sich an Weihnachten im Pub betrinkt. In traditionellen Weihnachtsliedern hört man so was nicht. Aber es wird höchste Zeit.
Checkbrief
NAME Smith & Burrows
MITGLIEDER Tom Smith (Editors), Andy Burrows (Ex-Razorlight, I Am Arrows)
HERKUNFTSORT Birmingham
COVERN Black, Delta, Yazoo, The Longpigs
GAST Bei „The Christmas Song“ ist die Dänin Agnes Obel als Duettpartnerin dabei
AKTUELLES ALBUM „Funny looking Angels“
ALBUMTITEL Bezieht sich auf die Entstehung der Platte: Zwei Indiemusiker nehmen im Hochsommer eine Platte mit Weihnachtsliedern auf
LIVE
15. 12. Köln
17. 12. Berlin





