DIE STRONGWRITERIN
Laura Gibson muss niemand zeigen, wo der Hammer hängt. Gerade erst hat sie einen alten Wohnwagen renoviert. Jetzt sägt sie am Klischee der zerbrechlichen Folksängerin.
Von Katharina Behrendsen
Manchmal passieren kleine Wunder. Zum Beispiel, dass man das neue Album der Songwriterin Laura Gibson entdeckt. Und manchmal passieren große. Zum Beispiel, dass Laura Gibson dieses Album überhaupt schreibt. Denn dafür musste die Amerikanerin erst merken, was in ihr steckt - und vom Dach fallen.
Zum Glück war es bloß das Dach ihres 1962er Trailers, und passiert ist ihr dabei auch nichts. In ihr ist hingegen so einiges vor sich gegangen. Denn Laura Gibson ist eine viel zu nachdenkliche Person, als dass sie sich die Frage nicht gestellt hätte, wie aus einer, die entrückte Folksongs schreibt und noch nie einen Hammer in der Hand gehabt hat, eine wird, die bei Portlander Schmuddelwetter mit einer Plastikplane aufs Dach eines Wohnwagens klettert. Und Laura Gibson ist viel zu sensibel, als dass sie hinterher noch die gleiche Musik schreiben könnte vorher.
"Auf diesem Album habe ich meine Ideen förmlich explodieren lassen", erzählt die hochgewachsene 32-Jährige, die es schafft, gleichzeitig vorsichtig, sanft und entschlossen zu klingen. "Ich hatte ein tiefes Bedürfnis, schnellere Stücke zu schreiben und meinen Gesang direkter werden zu lassen, nachdem ich zuvor langsam und fast meditativ gesungen hatte. Außerdem hatte ich bei den Liveshows mit meinem besten Freund und Mitbewohner Matt, der Percussion in Kuba studiert hat, so viel Spaß, dass die Band eine zentralere Rolle spielen sollte. Ich wollte ein Statement abgeben und meine Stimme erheben. Ich wollte direkter werden."
Bevor Laura ihrer Band mehr Platz einräumen konnte, musste sie aber erst mal vor ihr flüchten. Nicht weit. Sie wohnt gern mit Sean Ogilvie und Matthew Berger von Musée Mecanique zusammen. Aber ein bisschen Abstand von der Musiker-WG, in der es ständig lärmt, musste sein. "Unser Haus ist Treffpunkt und Aufnahmestudio. Leute üben, Bands schlafen in unserem Gästezimmer - irgendwann brauchte ich einfach ein bisschen Ruhe. Einen Raum außerhalb des Hauses. Weil es aber ein gemietetes Haus ist, wollte ich nichts bauen, was ich zurücklassen müsste, wenn ich irgendwann mal ausziehe. Also dachte ich: Ein Wohnwagen wäre perfekt!"
Wie perfekt der Wohnwagen für Laura Gibson werden sollte, wusste sie am Anfang nicht. Zum Glück. Denn hätte sie geahnt, wie viel an Arbeit für den kleinen, knuffigen Trailer nötig war, in den sie sich auf den ersten Blick verliebt hatte: Sie hätte wahrscheinlich gekniffen. Und nie rausgefunden, wie zupackend sie sein kann. Wie stur. Und wie erfolgreich. "Ich habe mich nie als jemanden gesehen, der eine Wasserleitung repariert oder ein undichtes Dach ausbessert. Aber als ich erst einmal angefangen hatte, fiel mir auf, dass ich in der Lage war, für jedes auftauchende Problem auch eine Lösung zu finden. Okay, es war mit vielen Trips in den Baumarkt verbunden," erzählt sie und grinst. "Ich habe die Leute dort mit Fragen geradezu gelöchert. Aber es war wichtig für mich, die Dinge alleine zu tun. Im Haus musste ich nie etwas machen, weil die Jungs das ohnehin viel besser konnten. Auch als ich den Wohnwagen gekauft habe, wollten sie mir helfen, mir alles abnehmen. Aber ich wollte das alleine machen. Ganz alleine!" Im Nachhinein kann sie über so viel Trotz, der manchmal auch nach hinten losging, vor allem lachen. Aber sie ist auch verdammt stolz drauf. So stolz, dass sie sogar Fotos von ihrem Trailer auf dem Handy mit sich herumträgt - und bei diesem Geständnis gleich wieder anfängt zu lachen.
Das Ernste, das alles Hinterfragende verliert Laura Gibson dabei aber nie aus den Augen. Und die Musik auch nicht. "Ich habe mich immer als jemanden gesehen, der bestimmte Aufgaben an andere abgibt. Zu merken, dass es nicht so sein muss, war wirklich wichtig für die Platte, an der ich parallel gearbeitet habe." Parallel? "Ja", sagt Gibson und grinst noch breiter. "Erst irgend was abschleifen oder anstreichen, dann einen Song schreiben - so war es wirklich. Und diese physische Art der Problemlösung hat mir wahnsinnig viel Selbstvertrauen und Energie gegeben, was dann auch in die Platte mit eingeflossen ist. Ich habe zum Beispiel Instrumente gespielt, von denen ich eigentlich nicht dachte, dass ich sie spielen könnte. Mit diesem Überschuss an Selbstbewusstsein habe ich es einfach probiert - und es hat funktioniert."
Das wichtigste Instrument für Laura Gibson ist aber immer noch ihre Stimme - und auch die hat vom Hämmern und Sägen profitiert, findet sie. Denn sie liebt es jetzt noch mehr, beim Singen auszuprobieren, was diese Stimme so alles kann. Dass sie dabei altem Jazz näher ist als hippem Indiefolk, findet sie nicht nur okay, sondern mittlerweile richtig klasse. "Ich sehe mich musikalisch zwar nicht unbedingt in der Nähe von Jazz - und auch nicht in der Nähe von Feist oder Cat Power, obwohl es natürlich das Letzte wäre, was ich tun würde, mich über den Vergleich mit so tollen Künstlern zu beschweren. Aber ich bewundere, wie sich Jazzsänger nur auf ihre Stimme konzentrieren und sich einfach fallen lassen", schwärmt sie und fügt hinzu: "Das möchte ich auch lernen."
Vielleicht ist es diese Bescheidenheit, die Laura Gibson zum Folk hinzieht, die ihre Songs vorm Pop rettet und erst recht vor der Harmlosigkeit. Denn sich fallen lassen: Das kann Laura Gibson längst. Und zwar nicht nur vom Dach.
Checkbrief
NAME Laura Gibson
ALTER 32
KOMMT AUS Coquille, Oregon
LEBT IN Portland, Oregon
WOHNT MIT Sean Ogilvie und Matthew Berger von Musée Mécanique in einer Haus-WG
MAG Mathe, ihren Trailer
HAT sogar Fotos von ihrem Trailer auf dem Telefon
AKTUELLES ALBUM „La Grande“ erscheint im Januar




