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Foto: © Barbara Petri

AUF IN DEN KRAMPF!

Je größer die Welt, desto komplexer unsere Entscheidungen. Philosoph Matthias Burchardt rät uns, aufs Gewissen zu hören - obwohl das mehr Probleme als Antworten liefert.

Interview: Mark Heywinkel

uMag: Herr Burchardt, im vergangenen Jahr wollte ich mehr lesen, mehr Sport machen und mich regelmäßiger bei alten Freunden melden. All das habe ich nicht gemacht, und nun meldet sich mein schlechtes Gewissen. Hätte es das nicht früher tun können?
Matthias Burchardt: Das Gewissen hat nicht den Charakter eines Feldmarschalls, der unsere Seelenkräfte vor sich herkommandiert. Schon Sokrates hat über eine innere Stimme berichtet, die ihm nie zuraten, sondern immer nur abraten würde. Andererseits ist gerade das eine Chance für die Ethik: Das Gewissen existiert als Gewissenskonflikt, es gibt keine Befehle, aber es gibt meinen Problemen einen Resonanzboden. Auf dem können Überlegegungen stattfinden wie: Ich laufe jetzt zwar mit, aber eigentlich ist das nicht in Ordnung. Für mich ist das die Stärke des Gewissens, dass ich überhaupt erst mal ein Forum habe, vor dem ich Konflikte, die im Alltag entstehen, austragen kann.

uMag: Gab es Zeiten, in denen dieses Forum eine weniger wichtige Rolle gespielt hat?
Burchardt: In alten Zeiten hatte man einen Gott, der ganz genau sagte, wo's langgeht. Es gab auch Zeiten, in denen die Gesellschaft das bestimmt hat. Immer jedoch waren diese äußeren Ansprüche und Gebote vom Gewissen zu prüfen. Solange eine Gesellschaft gute Zwecke verfolgt, komme ich leicht zu einem Einklang, doch wenn eine Gesellschaft, wie etwa in der NS-Zeit, von mir verlangt, Untaten zu begehen, schlägt das Gewissen zu und verlangt, dass ich Nein sage.

uMag: Eine ethische Grundhaltung gibt die Gesellschaft heute auch vor.
Macht sie das gut?
Burchardt: Was die Allgemeinheit im Moment umtreibt, ist das Kosten-Nutzenkalkül. Da treten ethische Fragen ganz schnell in den Hintergrund, wenn es nur noch darum geht: Was bringt mir das? Ethik kann heute schon manchmal ein Standortnachteil sein, das Gewissen absolut hinderlich. Wenn ich sage "Hier stehe ich und kann nicht anders", dann kann mich das in Schwierigkeiten bringen.

uMag: Wie stark kann die gesellschaftliche Ethik denn überhaupt auf das individuelle Gewissen Einfluss nehmen?
Burchardt: Die Kritiker des Gewissensbegriffs sagen, Gewissen sei nur eine Programmierung von Seelen durch Gesellschaft, also ein Sozialisationsprozess. Ich glaube das nicht, weil es dann keinen Konflikt gäbe, sondern immer nur das Erfüllen dessen, was als Norm derzeit unterwegs ist. Aber Gewissen setzt sich zu diesen Programmierungen immer noch mal ins Verhältnis. Und deshalb kann es Leute geben, die sich querstellen zu dem, was gerade aktuell ist, sofern es unverantwortlich ist.

uMag: Unser Protestbestreben ist in vielen Fällen nicht sonderlich groß. Bei allem, was außerhalb unserer unmittelbaren Lebenswelt geschieht, scheint das Gewissen sogar gar nichts mehr zu melden zu haben.
Burchardt: Es gibt ja diese alte Formel: Gewissen ist gleich Unrecht durch Entfernung. Je größer die Entfernung ist, umso schwächer ist das Gewissen. Ich glaube tatsächlich, dass all unser ethisches Vermögen auf eine Nahdistanz gepolt ist. Wir können uns also in einem regionalen Umfeld mit unserem Gewissen relativ gut orientieren. Aber dadurch, dass unsere Lebensverhältnisse heute eine globale Verflechtung ausmachen, ist diese Kraft an ihre Grenze geraten. Wobei es zum Glück in Zeiten des Internets und der weltweit vernetzten Medien Möglichkeiten gibt, wieder eine Nähe herzustellen.

uMag: Das Internet funktioniert also wie Treibstoff für unser Gewissen?
Burchardt: Die Nähe, die das Internet herstellt, ist eine vermittelte Nähe, die mit Vorsicht zu beurteilen ist. Da tauchen immer Probleme auf, weil es Interessengruppen gibt, die unser Gewissen bewirtschaften und uns zu einer Haltung bringen wollen. Spendenaufrufe sind noch die harmloseste Form. Wenn man aber zum Beispiel an den Irakkrieg denkt, als die kuwaitischen Säuglingsstationen gezeigt wurden, in denen die bösen Irakis die Säuglinge angeblich misshandelt haben, und hinterher kam raus, eine Werbeagentur hat das alles inszeniert, dann sieht man, wie das Gewissen auch ausbeutbar ist.

uMag: Bevor man eine Gewissensentscheidung trifft, sollte man sich also informieren. Oder ist zu viel Wissen auch hinderlich?
Burchardt: Das ist systematisch eine total spannende Frage. Ich gebe mal ein Beispiel: Transplantation. Im Moment wird immer wieder darauf hingewiesen, dass es zwölftausend Menschen gibt, die auf ein Spenderorgan warten. Und wir sollen alle unsere Organspendeausweise ausfüllen, und wer das nicht tut, ist ein böser Mensch. Was ich dazu aber wissen muss, ist, dass die Definition des Hirntodes eine sehr willkürliche ist. Die sollte Ärzte straffrei stellen, nachdem so etwas wie Herztransplantationen möglich waren. Und es gibt eine breite Fraktion von Medizinern, die der Meinung ist, dass ein Hirntoter kein Toter, sondern ein Sterbender ist. Und was bei der Organspende passiert, ist, dass ich jemanden töte und ausweide wie ein Auto, um mich seiner Organe zu bedienen. Und er stirbt eben nicht von selbst, sondern er stirbt dann bei der Organentnahme. Wenn ich das weiß, dann kann ich mich immer noch für eine Organspende entscheiden, weil ich weiß, ich werde nicht mehr zurückkehren vom Hirntod. Aber ich denke, es ist ganz entscheidend, dass ich um diese Dinge weiß, damit es tatsächlich auch eine Entscheidung ist, die den Wert einer persönlichen Entscheidung hat. Insofern ist Wissen immer gut. Das Problem ist nur, dass, wenn das Wissen anwächst, auch die Komplexität der Beschreibung und die alternativen Deutungen von bestimmten Problemen anwachsen, und ich in Verwirrung gerate - und sich letztendlich möglicherweise eine Überforderung von Gewissensentscheidungen einstellt.

uMag: Führt unser ganzes Wissen dann irgendwann zu Passivität?
Burchardt: Das ist das große Dilemma der Situation. In dem Moment, in dem mein Wissen über das Leid in der Welt maximal wird, meine Handlungsmöglichkeiten aber minimal sind, kann man zu dem Punkt kommen, zu sagen: Ich bin so überfordert, ich mach jetzt gar nichts mehr. Denn egal, was ich mache, es wird nicht ausreichen und ist vielleicht sogar falsch. Wir müssen uns wieder Mut machen, dass die Frage nach dem Guten nicht nur eine ist, die wir beantworten, sondern die wir auch leben müssen.

Checkbrief

NAME Matthias Burchardt
ALTER 45
BERUF Lehrt als Doktor der Philosophie an der Universität zu Köln
BESCHÄFTIGT sich auch als Monsterologe mit Fabelwesen
WOLLTE mal Schlagersänger oder Pastor werden
NEUES BUCH „Ja? Nein? Jein! – Kompass für den täglichen Gewissenskonflikt“ erscheint Anfang Januar