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Foto Vierkanttretlager - ENDLICHER SPASS
Foto: Jenny Schäfer
> Vierkanttretlager

ENDLICHER SPASS

Seit junge Indiebands wie Vierkanttretlager nicht mal mehr gegen ihre Eltern revoltieren müssen, haben sie ein Problem: zu viele Freiheiten. Und das stellt die Husumer Debütanten schon jetzt vor eine Zerreißprobe.

Von Marten Lorenzen

Das Ende der Schulzeit galt vielen früher als der Aufbruch schlechthin. Endlich ab in ein neues, selbstbestimmtes, freieres Leben. Doch wenn das stimmt, was über die Schulabgänger von heute so gesagt wird, dann gehören die vier Jungs von Vierkanttretlager zu denen, die sich von der unendlichen Vielfalt an Entfaltungsmöglichkeiten lähmen lassen. Die nicht mehr gegen die Eltern oder gegen irgendwelche gesellschaftlichen Widerstände aufbegehren müssen, sondern nur noch gegen sich selbst - und genau daran scheitern.

Mit den Eltern hatten die Husumer jedenfalls keine Probleme. "Ich frage mich, ob es das in der Geschichte überhaupt schon mal gab, dass die Eltern- und die Kindergeneration sich so nahe gestanden hat", mutmaßt Sänger Max Leßmann, und sein Bandkollege Christian Topf stimmt ihm da ohne jede Einschränkung zu: "Es fühlt sich einfach nicht nach Aufbruch an, wenn dir dein Vater bei so ziemlich allen Zukunftsplänen sagt: Los, mach das!". Weil sie gar keine Chance mehr haben, sich quer zu stellen, gehen Vierkanttretlager eben mit ihren Eltern einen trinken.

Dann dürfte das mit dem Indiemusikersein ja eigentlich kein großes Ding mehr gewesen sein. Immerhin zählt die Band seit mehr als einem Jahr zu den größten Hoffnungen des Landes: Mit nur einer EP haben sie mehrere erfolgreiche Touren gespielt, zuletzt waren sie sogar im Vorprogramm von Casper unterwegs. Doch so richtig konnte es noch nicht losgehen, schließlich mussten sie im letzten Sommer erst mal ihr Abitur bestehen.

Jetzt ist mit "Die Natur greift an" endlich das Debütalbum da, und es hält den hohen Erwartungen auch voll und ganz stand. Doch Leßmann ist gar nicht aufgeregt, weil er jetzt endlich über die neuen Songs reden kann, in denen er mit poetischer Schroffheit eben jene Gefühlslage reflektiert, was es in diesen Tagen heißt, seinen Platz im Leben zu suchen. Den Sänger und ganz und gar eigenwilligen Texter treibt eher um, dass er in ein paar Tagen ein Vorsprechen an einer Berliner Schauspielschule hat. "Seit meinem vierten Lebensjahr wusste ich eigentlich, dass ich Schauspieler werden will", erzählt er mit leuchtenden Augen und zuckt die Schultern, "und die anderen Dinge habe sich eben so nebenbei ergeben."

Da muss man sich schon fast freuen, dass es überhaupt zum Debütalbum gekommen ist. Wobei, so ganz klar zweite Wahl ist Vierkanttretlager dann auch wieder nicht für Leßmann. "Im Anblick der Zukunft ist mein Problem gerade, dass ich mich nicht entscheiden will. Ich schreibe, es gibt die Band, und dann ist da eben die Theatersache: Ich muss mich jetzt entscheiden, damit ich in irgendwas mal richtig gut werde. Das konnte ich in den letzten neun Jahren nicht, aber ich sollte es in den nächsten neun hinbekommen", windet er sich rum und scheint dabei ganz genau zu wissen, dass er gerade den Protypen für die vermeintlich unentschlossene Generation gibt.

Und trotzdem könnte Max Leßmann auch als Fehlermeldung für all das pessimistische Gerede durchgehen, das seinen Altersgenossen bedingungslose Angepasstheit unterstellt. Da ist einer, der es wagt, sich als Schauspieler und als Sänger auszuprobieren, obwohl er ganz genau weiß, dass ihn diese beiden Berufungen wohl alles andere als Sicherheiten einbringen werden. Nur sieht er sich selbst damit leider auch als Ausnahme: "Wir sind wohl schon die Generation der Spießer, denn um uns herum machen die Leute nicht, worauf sie Lust haben, sondern sie machen Dinge, die ihnen ein Stück weit einen Rahmen geben, in dem sie sich in ihrem Leben bewegen können. Wir haben alle gelernt, dass wir etwas machen sollten, was darauf abzielt, in zehn Jahren die Familie zu ernähren - nur achte ich persönlich nicht darauf", sagt Leßmann, ohne dabei überheblich rüberzukommen, jedoch mit unsicheren Seitenblicken zu seinem Bandkollegen.

Tatsächlich relativiert Gitarrist Christian Topf die Aussagen des Sängers und macht die Zerrissenheit damit auch innerhalb der Band sichtbar. "Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich mich in den nächsten fünf Jahren nicht familienmäßig aufstellen möchte. Aber andererseits sind wir eben in einer Zeit aufgewachsen, in der dir jeder aus dem Business sagst, dass du selbst dann nicht von der Musik leben kannst, wenn du relativ groß bist - und das gibt mir schon auch zu denken."

Letztendlich schielt jedes der vier Bandmitglieder nach eventuellen Alternativen zu Vierkanttretlager. Sei es aus dem Wunsch nach Absicherung, sei es wie bei Leßmann die kompromisslose Suche nach der wirklich großen Leidenschaft. Nur macht das "Die Natur greift an" eben nicht zu einer halbherzigen Platte. In ihr haben sich Widersprüche eingeschrieben, die spannender sind und wesentlich tiefer gehen als ein schnödes Negativbild der Eltern. "Letztendlich ist das Altern der Menschen der Käfig, aus dem niemand je ausbrechen kann", sagt Leßmann. "Wir können alles kaputtschlagen und wieder aufbauen, aber wir haben in einem Jahr immer ein Jahr mehr gelebt und ein Jahr weniger zu leben." Das klingt resignativ, soll es aber gar nicht sein. Viel eher bedeutet es, dass man seine Freiheit nicht gleich in den Sand setzen sollte, sondern sie austestet und ausreizt. Und womöglich ist es ja gerade unangepasst, dass es bei der Sinnsuche überhaupt keine Rolle spielt, ob das eigene Glück nun unangepasst ist oder eben nicht.

Checkbrief

NAME Vierkanttretlager
BANDMITGLIEDER Max Leßmann (Gesang), Christian Topf (Gitarre), Momme Friedrichsen (Bass), Leif Boe (Schlagzeug)
HERKUNFTSORT Husum
WOHNORT Husum (Max), Hamburg (alle anderen)
GENRE Indiegitarre
SIND (nach eigener Aussage) Spießer und in Sachen Rock’n’Roll-Lifestyle nur halb so cool wie Kraftklub
AKTUELLES ALBUM „Die Natur greift an“ erscheint am 27. Januar