IM ZWEIFEL FÜR DAS TIER
Rechtsanwalt Antoine F. Goetschel hält uns mit seinem Buch "Tiere klagen an" den Spiegel vors Gesicht.
Interview: Jürgen Wittner
Interview Antoine F. Goetschel
uMag: Herr Goetschel, nicht alle Menschen finden gut, was Sie tun. Ein Fischer,drohte, Sie stundenlang durch den Zürichsee zu ziehen und im Ausland abzuwerfen, weil Sie einen anderen Fischer wegen Tierquälerei verklagt haben.
Goetschel: Und das Schlimme an der Strafe war, dass der Abwurf im Ausland erfolgen sollte! (lacht)
uMag: Haben Sie sich mit Ihrer Tätigkeit als Rechtsanwalt für Tiere schon viele Feinde geschaffen?
Goetschel: Anfänglich, als ich vor 25 Jahren begann, mich mit Tierschutzrecht zu befassen, stand ich recht allein auf weiter Flur. Anwaltskollegen haben mich belächelt. Im Militär, wo ich mich Jahre lang vertan habe, war ich der bunte Hund, der Exot. In der Schweiz, in meinem Umfeld nun, nachdem ich auch drei Jahre lang als Rechtsanwalt für Tierschutz in Strafsachen nebenamtlich tätig war und mit Politikern auf kantonaler und Bundesebene intensiven Kontakt hatte, habe ich den Eindruck: Es hat überwiegend ein Umdenken stattgefunden. Man sagt jetzt: Die Tiere gehören mit ins gesamtgesellschaftliche Boot, sie sind Teil unserer Gesellschaft. So fühle ich mich nicht überwiegend angegriffen, hier und da muss man den Leuten aber auf die Füße stehen.
uMag: Was war die genaue Ursache dafür, dass Sie sich als Jurist auf dieses Thema spezialisierten? Hatten Sie schon früh ein besonderes Verhältnis zu Tieren oder ein besonderes Gerechtigkeitsempfinden?
Goetschel: Ich war gerechtigkeitsbewusst. Als junger Jurist habe ich mich in Fragen des Minderheitenschutzes engagiert und rutschte in das Tierschutzthema rein, als es noch fast keine Literatur dazu gab. Ab da war für mich Tierschutz praktizierter Minderheitenschutz und ein Ausdruck der Humanität. Er ist nicht wichtiger als Kinderschutz, aber auch nicht unwichtiger. Am Beispiel des Tieres soll die Gesellschaft menschlicher werden in rechtlicher und ethischer Hinsicht: Das war meine Motivation. Die Schweiz bietet überdies unglaublich tolle Möglichkeiten, sich rechtspolitisch einzubringen. So konnten wir mit Freunden die Würde der Kreatur ins Grundgesetz stupsen - was weltweit einzigartig ist. Oder das Amt des Tieranwalts schaffen und so einen kleinen Versuch starten, die Gesellschaft in eine tierfreundlichere und damit auch menschenfreundlichere Richtung zu lenken.
uMag: Noch ist die Gesellschaft aber nicht so. In einem Interview sprechen Sie über einen besonders schweren Fall von Tierquälerei an einem Meerschweinchen, dessen Einzelheiten ich hier nicht wiedergeben möchte. Was drückt ein solches Verhalten über uns Menschen, über die Gesellschaft aus?
Goetschel: Wenn wir von Extrembeispielen sprechen: Die gibt es an Tieren, die gibt es gegenüber Kindern, die gibt es gegenüber Frauen. Damit lenken wir aber die Aufmerksamkeit ab von jedem einzelnen. 99 Prozent der Menschen denken dann: Schlimme Dinge gibt's, aber das hat mit mir selbst nichts zu tun! Was nun mich bewegt, ist die Tatsache, dass Tierschutzwidrigkeiten, eine Kaltschnäuzigkeit den Tieren gegenüber in unser aller Alltag einzudringen vermag. Wir gehen vielleicht mit Hunden ins Büro und wissen: Die langweilen sich. Und wir gehen über diese Bedürfnisse hinweg. Wir sagen Ja zum Produkt beim Schweineschnitzel oder beim Geflügel auf dem Teller und verschließen ganz klar die Augen vor der Produktion. Wir tragen aber alle ein Teil der Verantwortung in uns, wie wir als Gesellschaft mit den Tieren umgehen. Extrembeispiele lenken von dieser Tatsache eher ab, auch wenn sie abschreckend streng geahndet werden müssen.
Umag: Tiere gelten sei 1990 in Deutschland zwar nicht mehr als Sache, werden juristisch aber weiterhin wie eine Sache behandelt. Können Sie diese Schizophrenie erklären?
Goetschel: Der deutsche Gesetzgeber hat es versäumt, in vielen, vielen anderen Rechtsgebieten diesem Grundsatz, dass Tiere keine Sachen mehr sind, Nachachtung zu verschaffen. In der Schweiz haben wir auf dem deutschen und dem österreichischen Entwurf aufgebaut und beispielsweise im bürgerlichen Gesetzbuch auch eine Besserstellung des Tieres in Fällen von Ehescheidungen getroffen. Wir haben das Fundrecht an Tieren verbessert. Es wäre schön, wenn in Deutschland dem Grundsatz, dass Tiere keine Sachen mehr sind, z. B. auch bei der Novellierung des Mietrechts, des Familienrechts, des Fischereirechts oder des Jagdrechts Rechnung getragen würde.
Umag: Was sagen Sie den Menschen, die solche Debatten in die Kategorie "Luxusprobleme der ersten Welt" einsortieren?
Goetschel: Meiner Wahrnehmung nach dienen solche Aussagen nicht selten als Ausreden dafür, gar nichts zu tun. Von Menschen, die sich für die Besserstellung der Kinderrechte weltweit einsetzen oder gegen die Beschneidung von Frauen, höre ich nie: Was du tust, ist weniger wichtig als unser Anliegen. Es kommt auch dazu, dass wir im deutschen Sprachraum eine tierfreundliche Tradition haben, die aus dem germanischen Rechtsdenken und -empfinden hervorgeht, und dass Tiere zu unserer Gesellschaft gehören. Und - das ist jetzt der Hauptpunkt - in unserem Wirkungskreis die Verantwortung für die Tiere haben wie für die anderen Mitglieder der Gesellschaft auch.
Umag: Im Nachwort Ihres Buches schreiben Sie, dank des Lektorats lese sich das Buch nicht wie eine komplizierte Bedienungsanleitung, sondern eingängig und nachvollziehbar, es sei "luftig wie ein Ferienprospekt" geworden. Ich fühle mich von den im Buch vertretenen Anliegen aber schnell überfordert. Medikamente, Lebensmittel, Kleidung, tagsüber beim Einkaufen, beim Essengehen am Abend: Wenn ich als Konsument bewusst im Sinne der Tiere handeln will, wird daraus schnell ein Fulltimejob.
Goetschel: Viele Bücher zum Thema sind so geschrieben, dass sie ein schlechtes Gewissen verursachen. Als Leser fühlt man sich da einfach klein, man fühlt sich schuldig. Die Folge ist, dass man noch lustfeindlicher lebt oder sich vom Eigentlichen abspaltet. Ich persönlich fühle mich - und Menschen in meinem Umfeld geht es ähnlich - viel wohler, wenn ich mich in meinen täglichen Denkweisen und Glaubenssätzen immer frage: Wie würde das aus der Sicht eines Tieres aussehen? Ich kann beim Einkauf von Medikamenten, von Lebensmitteln, von Haustieren; auch bei der Frage: soll ich in einen zoologischen Garten gehen oder alternativ in den Wald und die Wildtiere anschauen, dafür aber etwas früher aufstehen? problemlos solche Entscheidungen im kleinen treffen und mich mit der Zeit gesünder und freier fühlen, als wenn ich Entscheidungen treffe, von denen ich weiß, dass sie mit Tierleid verbunden sind. Es geht um die Intention, um die Absicht dahinter. Und plötzlich klappt's!
uMag: Kritiker sagen, Konsumenten können die Welt nicht verändern, weil die kritische Masse nicht erreicht wird, der Punkt, an dem genügend Menschen teilnehmen. Ohne eine bewusste politische Veränderung bei den Menschen und ohne politischen Druck ginge nichts.
Goetschel: Die politische Masse kann aber doch kippen. Am Beispiel des Rauchverbotes sieht man es doch. Wir genießen überall rauchfreie Zonen, was zu "Mad Men"-Zeiten noch undenkbar war. Wenn wir als Konsumenten mit diesem Argument nichts ändern, ist das doch wieder nur eine Ausrede.
uMag: Mit der Ausrede gebe ich Ihnen durchaus Recht. Und doch wurde das Nichtraucherschutzgesetz von politischer Seite durchgesetzt. Davor hatte ich als Kneipengänger nicht die geringste Wahl. Da hat doch also erst die gesetzliche Vorgabe eine Bewusstseinsveränderung in Gang gesetzt.
Goetschel: Genau! Mir ist aber als Konsument sehr wichtig, zu sehen, dass ich einerseits die Konsumentenschaft durchaus in eine bestimmte Richtung unterstütze. Dass ich andererseits aber auch der Mittelpunkt meines klitzekleinen eigenen Lebens bin. Ob ich damit statistisch relevant werde oder nicht, spielt dann eher eine untergeordnete Rolle. Wichtig ist, dass ich mir sage: Das ist anständig produziert, jenes aber unanständig. Sie haben natürlich Recht, dass das nie ausreichen wird, um z. B. die Gesetzgebung zu ändern. So verbinde ich mit den Anliegen in meinem Buch ja auch, dass ein Teil von ihnen in die Gesetzgebung einfließen, damit z. B. diejenigen, die meinen, sie verdienen weniger Geld, wenn der Tierschutz sich da breit macht, sich per Gesetz überzeugen lassen müssen: manu militari, also mit durchsetzbaren Inhalten. Da reicht nicht die kritische Masse, da brauchen wir die Mehrheit beim Gesetzgeber.
uMag: Und die ist nicht immer einfach zu gewinnen.
Goetschel: Der Tierschutz hat es zur Zeit schwer. Beim Wiesenhof-Skandal zum Beispiel spricht man nicht über Tierschutz, sondern über Hygieneprobleme. Man darf den Begriff oft ja gar nicht in den Mund nehmen, ohne dass man der Gefühlsduselei bezichtigt wird. Es gibt noch immer einen tiefen Graben zwischen den Tierschützern und der Gesellschaft. Das Einstehen für die Ansprüche der Tiere sollte aber selbstverständlich werden und sein.
uMag: Wo kann jemand, der sich bisher noch überhaupt keine Gedanken über sein Verhalten macht, denn anfangen? Wo ist der Einstieg in ein tierschutzbewusstes Verhalten gleichzeitig einfach und effizient? Beim Einkaufen im Supermarkt? Wenn man am Abend essen geht?
Goetschel: Ein Freund von mir, der Evolutionsbiologe Marc Bekoff, hat auf einer internationalen Tagung ein T-Shirt getragen, auf dem stand: "Do something!" Zum Ende dieser Tagung wurde genau diese Frage gestellt: Wo sollen wir bei so viel Tierleid überhaupt anfangen? Er hat immer nur auf sein T-Shirt gezeigt und gesagt: Macht doch irgendwas!




