DISS UND DAS
Wer den Pop erneuern will, muss auch austeilen können. Die Londoner Indieband Citizens! tut das herzlich gern - und lästert sogar über Kollegen aus Deutschland, von denen sie noch nie gehört hat.
Von Carsten Schrader
Britpop feiert 20-jähriges Jubiläum, und natürlich wird überall die Frage gestellt, was davon bleibt. Citizens!-Sänger Tom Burke muss für seine Antwort nicht lange überlegen: "Blur, denn die haben richtig gute Popmusik gemacht und sich dabei weiterentwickelt." Natürlich fallen ihm auch viele Gegenbeispiele ein. Als er erfolgreiche Bands aufzählt, die sich ständig selbst wiederholt haben, kommt er bei Oasis an - und hält ein. "Vielleicht ist diese Fehde zwischen Blur und Oasis sogar der prägnanteste Einfluss von Britpop auf die Musikszene. Fälschlicherweise meint bis heute so ziemlich jede junge Band, um Erfolg zu haben, gehört es zwingend dazu, auf die Konkurrenz einzudreschen."
Was eine steile Aussage ist, bekamen doch auch Citizens! schon weit vor dem Debütalbum "Here we are" verdammt viel Aufmerksamkeit durch ihre dicklippige Disserei. Sie wollen den Pop von David Guetta und anderen seelenlosen Fließbandmusikern zurückerobern, verkündete Burke eine Zeit lang in jedem Interview. "Erwischt", gesteht er ein und grinst, "wobei ich die momentane Radiomusik zu wenig ernst nehme, um mir mit diesen Bemerkungen einen öffentlichkeitswirksamen Diss anhängen zu lassen. Ich spreche nur aus, was jeder denkt, der noch einen letzten Rest Hirn zur Verfügung hat."
In die goldene Zeit des Britpop sehnt er sich aber auch nicht zurück. "London ist heute nicht langweiliger als damals. An den Rändern gibt es viele spannende Bands wie Factory Floor, Trailer Trash Tracys oder Theme Park. Nur der vermeintliche Konsensgeschmack geht immer mehr vor die Hunde", knurrt er. "Und es ist sicherlich ein Vorteil, dass es heutzutage keine Massenbewegung wie Britpop mehr gibt. Bands können sich nicht mehr in einer Szene verstecken und müssen beweisen, ob sie etwas Neues abliefern können."
Wobei man sagen muss, dass Citizens! nicht gerade den Pop neu erfinden. Sie bedienen sich bei den derzeitigen Standards von Indie-Elektro, indem sie robuste Dancebeats und eingängige Synthiemelodien mit treibenden Gitarren kombinieren. Nur machen sie das eben erstaunlich gut und schicken dem großen Popsong "True Romance" jetzt zehn weitere auf dem Debüt hinterher. Wenn man auf "Here we are" Innovationen findet, dann sind es die Persönlichkeit, die sie in ihre Kompositionen legen, und Soundspielereien, die sich im Detail verstecken.
Für letztere haben sie sich ausgerechnet den Protagonisten der zweiten Britpopwelle als Produzenten ins Studio geholt: Franz-Ferdinand-Sänger Alex Kapranos. "Genau, und das war eine wichtige Entscheidung in unserem Kampf für gute Popmusik", geht Burke sofort in Verteidigungshaltung. "Man darf seiner Band nicht anlasten, dass sie von unzähligen Bands kopiert wurde. Was Franz Ferdinand damals gemacht haben, war unglaublich innovativ, und Alex hat auch uns immer wieder angespornt, mutig zu sein und Entscheidungen zu überdenken."
Wobei es zunächst verdammt altbacken rüberkommt, wenn Citizens! auf der Unterscheidung zwischen gutem Indie und bösem Major beharren. "Wir haben gemerkt, wie die Musikszene tickt, als wir uns mit verschiedenen Produzenten getroffen haben, die vor allem für die großen Plattenfirmen arbeiten", sagt Burke und schnaubt verächtlich. "Sie hatten alle eine lange Liste mit Dingen, die wir bei unserem Album berücksichtigen sollten. Und sie alle haben mit der Krise der Industrie argumentiert, wegen der man stärker als je zuvor auf Massentauglichkeit achten muss."
Ein interessanter Gegenstandpunkt zu Sven Regener, der sich vor wenigen Wochen extrem angepisst zum Urheberrecht von Künstlern im Netz geäußert und damit eine landesweite Diskussion ausgelöst hat. Der Element-Of-Crime-Sänger weint den Zeiten hinterher, als die Plattenfirmen noch mächtig waren, und er fühlt sich von YouTube und Co. um seine Einnahmen geprellt. Tom Burke hat natürlich weder von Element Of Crime, noch von der Empörung ihres Chefs etwas mitbekommen, ist sich aber schon nach einer kurzen Erklärung sicher, dass er mit dessen Standpunkt nicht sympathisiert. "Der spielt bei einer etablierten Band, die sich keine finanziellen Sorgen mehr machen muss, oder?" vermutet er richtig und geht dann gleich in die Vollen. "Junge Bands haben ja das Problem, dass die Plattenfirmen Einfluss auf ihre Musik nehmen wollen", poltert er. "Natürlich ist es fragwürdig, wenn YouTube nicht für Musik bezahlt. Aber so haben Musiker die Chance, ihre Musik an die Leute zu bringen, und zwar so, wie sie es selbst für richtig halten. Dadurch entstehen Sachen, die sehr viel aufregender sind als das, was die Karriereplaner bei den Plattenfirmen sich ausdenken."
Tom Burke atmet durch. "Ich kenne ihn zwar nicht, aber Sven Regener scheint ein ziemlich unangenehmer Typ zu sein", fasst er zusammen und muss dann lachen. "Was dann jetzt wohl mein endgültiges Outing als Kind des Britpop war: Ich habe schon wieder jemanden gedisst."
Checkbrief
BANDNAME Citizens!
BANDMITGLIEDER Tom Burke (Gesang), Thom Rhoades (Gitarre), Martyn Richmond (Bass), Lawrence Diamond (Keyboards/Gitarre), Mike Evans (Schlagzeug)
HERKUNFTSORT London
GENRE Indie-Elektro
GRÜNDUNG Lernten sich auf einer Party kennen, auf der sich Sänger Tom Burke hemmungslos besoffen hat, nachdem es ihm nicht gelungen war, sein Date zu beeindrucken
VORGESCHICHTE Drei der fünf Bandmitglieder veröffentlichten schon 2009 ein ziemlich gutes Album unter dem Namen Official Secrets Act, das aber unterging
AKTUELLES ALBUM „Here we are“ erscheint am 25. Mai
LIVE
22. 5. Berlin
23. 5. Hamburg
24. 5. Köln





