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"MAN WILL SICH JA SPÜREN!"

In "Stromberg" spielt Bjarne Mädel den Trottel vom Dienst. Jetzt hat er in der ProSieben-Serie "Der kleine Mann" die Hauptrolle. U_mag sprach mit dem Schauspieler über die Kunst, das Peinlichste aus sich herauszuholen.

Interview: Jürgen Wittner

[*U_mag*]: Herr Mädel, vor "Stromberg" arbeiteten Sie noch recht beschaulich als Bühnenschauspieler. Was hat der Hype um die Serie in Ihrem Leben ausgelöst?
[*Bjarne Mädel*]: Da ich ein eher bodenständiger Mensch bin, habe ich nicht komplett meinen Lebensstil geändert. Es ist aber schon extrem, wie oft man auf die Serie angesprochen wird. Als ich noch am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg arbeitete, bin ich innerhalb von fünf Jahren ein einziges Mal im Supermarkt angesprochen worden, weil man mich von der Bühne her wiedererkannte.

[*U_mag*]: Sind Theaterbesucher zurückhaltender?
[*Mädel*]: Ich glaube, bei Theaterschauspielern haben die Leute doch noch eher Berührungsängste. Im Fernsehen ist man mehr Allgemeingut. Egal wo man hinfährt, ob man auf dem Flughafen rumsteht: Die Leute sprechen einen an. Komischerweise sind die Theaterbesucher live dabei, das müsste die Hemmschwelle doch abbauen, denkt man. Im Fernsehen ist man aber bei den Leuten zu Hause im Wohnzimmer. Die sind da sehr privat, manchmal im Jogginganzug oder nicht mal das - ich möchte mir das jetzt nicht so genau vorstellen. Aber man ist sehr bei ihnen zu Hause, und deshalb haben sie auch weniger Berührungsängste.

[*U_mag*]: Sie gelten als einer, der nicht schnell größere neue Anschaffungen macht. Als Sie sich einen neuen Fernseher kauften, war das gleich ein Thema in der Presse. Sind Sie geizig, oder trauen Sie Ihrem eigenen Aufwärtstrend noch nicht so richtig? Oder wollen Sie einfach nicht abgehoben leben?
[*Mädel*]: Eher das letztere. Geizig bin ich überhaupt nicht. Ich schenke wahnsinnig gerne, ich lade auch gerne Leute ein. Ich habe aber nicht so viele materielle Bedürfnisse. Ich bin nicht glücklicher, wenn ich mir teure Sachen kaufe, das belastet mich eher. Je mehr Zeig ich besitze, desto unfreier fühle ich mich.

[*U_mag*]: Dem eigenen Aufwärtstrend trauen Sie also.
[*Mädel*]: Ich denke schon, dass ich noch ein paar Jahre so weiterarbeiten kann wie zur Zeit. Aber es stimmt, ich bin da vielleicht ein bisschen ängstlich, dass man sich einen Lebensstandard angewöhnt, den man nachher nicht halten kann. Ich hätte Angst, mich an etwas zu gewöhnen, auf das ich dann nicht mehr verzichten kann oder möchte. Aber das ist auch nicht krankhaft oder so!

[*U_mag*]: Sind Sie ein vorsichtiger Mensch?
[*Mädel*]: Nur was diese materielle Geschichte angeht, ansonsten nicht. Ich teste schon gerne Grenzen aus und gehe gern über Grenzen hinaus. Ich kann mich auch fallen lassen. Früher bin ich Moped gefahren, das war teilweise schon halsbrecherisch.

[*U_mag*]: Halsbrecherisch in der Art, wie Sie gefahren sind?
[*Mädel*]: Oder in welchem Zustand. Das möchte ich hier jetzt gar nicht ausbreiten. Aber ich habe in meiner Jugend viel Blödsinn gemacht, denn man will sich ja spüren! Und das ist auch in meinem Beruf jetzt möglich. Wenn ich spiele, auf der Bühne oder jetzt vor der Kamera, da kontrolliere ich mich ja nicht mehr so ganz bewusst. Man weiß schon noch genau, was man macht und wie man ne Pointe setzt und Timing und so weiter, aber: Eigentlich geht man total auf in dem, was man in dem Moment macht. Das ist ein wahnsinnig schöner Zustand, eine sehr intensive Selbstwahrnehmung. Bevor ich Schauspiel machte, hatte ich das noch nicht, weshalb ich vielleicht andere Sachen probierte, um mich bewusster wahrzunehmen.

[*U_mag*]: Apropos Timing und Pointen: Wie kriegt man dieses punktgenaue Setzen von peinlichen Momenten hin, die Sie ja in der Rolle des Herrn Heisterkamp heraufbeschwören müssen?
[*Mädel*]: Ja, erst mal vielen Dank für das Kompliment! Ich glaube, dass ich einen Spaß habe an diesen Situationen. Dass ich die schlicht selbst komisch finde. Vielleicht habe ich auch ein Gespür dafür, was das Peinlichste sein kann ... Es ist die Arbeit eines Schauspielers, das in dem Moment aus sich rauszuholen und es so weit authentisch zu machen, dass man es mir in dem Moment auch glaubt. Vielleicht fällt es mir leichter, mich in solche Verlierertypen hineinzuversetzen als in einen Chef oder einen Rechtsanwalt. Rüdiger Bunz aus "Der kleine Mann" geht ja auch in diese Richtung, das ist schlicht ein Normalo.

[*U_mag*]: Bjarne Mädel, der ideale Normalo.
[*Mädel*]: So einfach ist es auch wieder nicht! Zunächst einmal dachte ich beim Dreh: Wie spielt man denn das überhaupt? Wie spielt man denn den kompletten Durchschnitt? Und die Erkenntnis war: Man muss ganz viel weglassen von dem, was man eigentlich spielen möchte. Das war eine viel schwerere Aufgabe, als Ernie zu spielen in "Stromberg". Der hat so viele Macken und Eigenarten, die einfach Spaß machen zu spielen. Bei Rüdiger Bunz hatte ich immer das Gefühl, ich kann gar nicht so viel spielen, weil man dann sofort nicht mehr als normal wahrgenommen würde.

[*U_mag*]: Was haben die Rollen des Ernie oder auch die des Rüdiger Bunz aus Ihrer neuen Serie mit den Helden unserer Zeit zu tun? Ist schon ein Held, wer sich daran macht, sich nur noch aus der Verstrickung in die eigenen Probleme zu befreien?
[*Mädel*]: Ernie hat ja wirklich mit sich selbst zu tun. Er hat ja Probleme damit, den Alltag irgendwie zu bewältigen. Rüdiger Bunz hätte erst mal kein Problem damit, ein normales Leben zu führen. Bei dem kommt dann die Außenwelt dazu. Die Außenwelt überfordert ihn eigentlich, und diese neue Situation, berühmt zu werden oder bekannt zu sein, in der Öffentlichkeit zu stehen. Damit ist er überfordert, aber problembehaftet ist er von Haus aus nicht. Wie es aber Herr Heisterkamp ist. Der ist schon ein Held, dass er überhaupt morgens immer wieder ins Büro geht. Es ist heldenhaft für Herrn Heisterkamp, dass er noch funktioniert, dass er überhaupt noch arbeiten kann, mit dem, was alles in seinem Kopf los ist.

[*U_mag*]: Kämpft er gegen das, was in seinem Kopf los ist, oder doch eher gegen seine Umwelt und wie sie mit ihm umspringt?
[*Mädel*]: Es ist beides! Er hat ja schon seine eigene Realität, wie er die Welt so wahrnimmt. Und die Bürorealität: Für die ist er eigentlich nicht so recht gemacht. Und klar, das Mobbing und die Kollegen: Das kommt noch hinzu.

[*U_mag*]: Wo würde Herr Heisterkamp sich denn wohlfühlen?
[*Mädel*]. Oh. Hm. Ich glaube, im Aquarium.

[*U_mag*]: Im Aquarium??!
[*Mädel*]: Wo er in Ruhe gelassen wird. Im Zoo auch! Herr Heisterkamp ist ein typischer Zoobesucher. Fällt mir gerade so ein, hab ich mir nicht überlegt, aber spontan würde ich sagen, er guckt sich gerne Tiere an, die er noch nicht kennt.

[*U_mag*]: Und hat dann selbst wenig zu tun, denn er beobachtet ja nur.
[*Mädel*]: Ja, genau.

[*U_mag*]: Muss nicht agieren, nicht interagieren.
[*Mädel*]: Genau. Der soziale Kontakt fällt ihm schwer.

[*U_mag*]: Wo fühlt sich eigentlich Rüdiger Bunz aus Ihrer neuen Serie "Der kleine Mann" wohl?
[*Mädel*]: Wenn Herr Heisterkamp sich im Zoo wohlfühlt bei der Beobachtung im Affenhaus, dann würde ich sagen: Rüdiger Bunz fühlt sich wohl auf dem Sofa. Aber eigentlich eher vor dem Fernseher, und jetzt ist er auf einmal berühmt und selber drin.

[*U_mag*]: Trotz aller Unterschiede sind die Rollen, die Sie im Fernsehen spielen, in "Stromberg" genauso wie jetzt in "Der kleine Mann", Figuren, denen wir beim Versagen zuschauen können. Haben Sie nicht irgendwann mal genug von solchen Rollen?
[*Mädel*]: Ja. Und doch spiele ich nach wie vor gerne tragikomische Rollen. Ich habe gerade noch mal über die Frage nach der Punktgenauigkeit der Peinlichkeit nachgedacht. Es kommt noch was hinzu: Man muss die Not der Figur verstehen. Man muss verstehen, worunter der Mann leidet, und dann kann es auch komisch werden.

[*U_mag*]: Trotzdem?
[*Mädel*]: Nee, gerade! Es wird nur komisch, wenn man die Not der Figur versteht.

Check-Brief

[*Name*] Bjarne I. Mädel
[*Beruf*] Schauspieler
[*Alter*] 40
[*Ausbildung*] Hochschule für Film und Fernsehen Potsdam
[*Wichtigste Bühnenstation*] Deutsches Schauspielhaus Hamburg 2000-2005
[*TV-Durchbruch*] als Bertold "Ernie" Heisterkamp in der ProSieben-Serie "Stromberg"
[*Neue Serie*] "Der kleine Mann", ab 24. März jeden Dienstagabend auf ProSieben
[*Derzeit*] Dreh der 4. Staffel "Stromberg", die im Herbst ausgestrahlt wird
[*Danach*] Dreh der 2. Staffel "Mord mit Aussicht" (ARD)
[*Typischer Ernie-Spruch aus "Stromberg"*] "Ich bin 'n Typ, der auch mal aneckt. So wie Che Guevara oder James Bond."