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> Kathrin Weßling

DIE LUST AM LEIDEN

Depri ist en vogue. Kathrin Weßling kann diesen zweifelhaften Trend stoppen - mit einem Buch.

Von Lasse Nehren

Aus Fotos blicken wir mit nächtlichem Schatten unter den Augen. In unseren Playlists klagen sich Bright Eyes und Cat Power gegenseitig ihr Leid. Der Facebookstatus sagt: "An guten Tagen stehe ich auf." Leicht ist es nicht, ach, weißt du ... muss ja.

Depri ist in, depri ist chic: die vornehme Blässe nach außen gestülpter Emotionen. Nur zu gern geben wir uns der Melancholie und dem Leiden hin. Wir winden uns im Schmerz, sind erdrückt von der Last der Welt - aber doch bitte so, dass man's auch sehen kann. Jenseits der klinischen Sphäre, in der die Depression einer klaren Definition zugeführt ist, verblassen die Konturen des Begriffs zusehends. Ebenso wie seine Schlagkraft, die durch seine häufige Bemühung mehr und mehr geschwächt wird. Ob als Gegenentwurf zu "jung, aktiv und erfolgreich", als Postulat der Befindlichkeit oder als spannende Erweiterung des Persönlichkeitsportfolios - das Schlagwort Depression fungiert als Etikett, ist Stilmittel und Verortung.
Ist das kritisierenswert? Nicht von der Hand zu weisen ist, dass Menschen mit klinisch diagnostizierten Depressionen nicht mit der Ernsthaftigkeit begegnet wird, die für ein Verständnis ihres Seelenzustands und ihrer Lebensumstände nötig wäre. Wenn wir nicht benennen können, was eine Depression eigentlich ist, bleibt uns auch die Erkenntnis verwehrt, dass es eben nicht zur Depression reicht, am Frühstückstisch "Heaven knows I'm miserable now" anzustimmen und dabei ins Müsli zu muffeln.
Andererseits: Braucht es einen Gradmesser für Leid? Das Recht auf Traurigkeit ist schließlich nicht exklusiv. Bloggerin und Autorin Kathrin Weßling leidet seit Jahren an Depressionen, sieht die inflationäre Verwendung des Begriffs allerdings gelassen. "Jeder Mensch hat seine eigenen Empfindungen, und wenn jemand das Gefühl hat, dass drei Wochen schlecht fühlen eine Depression ist, dann muss das für denjenigen so sein", erzählt sie. "Ich maße mir nicht an, das jemandem wegnehmen zu wollen."

In ihrem Blog "Drüberleben", für den sie 2010 als Bloggermädchen des Jahres ausgezeichnet wurde, schildert sie Momente ihres gedankenweltlichen Alltags mit der Depression, sehr offen, sehr nah. Das Thema im medialen Diskurs zu finden, begrüßt Weßling. Im Sinne eines öffentlichen Auftrags lancieren möchte sie selbst es allerdings nicht - weder anhand ihres Blogs noch anhand ihres Debütromans, der ebenfalls den Titel "Drüberleben" trägt. Bücher wie Sarah Kuttners "Mängelexemplar" oder Eva Lohmanns "Acht Wochen verrückt" zeigen, dass Depression als Thema in die Mitte der Gesellschaft gerückt ist: ein Volksleiden, das vor allem medial verhandelt wird. Dass Weßling allerdings über den möglichen Vorwurf der Trendhuberei erhaben ist, bleibt nicht nur als Eindruck aus dem persönlichen Gespräch mit ihr, vielmehr wird dieser Vorwurf durch ihre seit Jahren konstante Blogaktivität ausgehebelt. "Ich kann mich nicht nach dem Geschmack meiner Leser richten, sondern nur schreiben, was mich auch interessiert", stellt sie klar. "Ich schreibe ausschließlich für mich." Dennoch hat Weßling den Anspruch, einen Raumgewinn zu erkämpfen. Für das Thema Depression, für sich und andere: "Aber nicht durch Medienpräsenz oder ein Buch, sondern in meinem Privatleben." Den Diskurs an einen konkreteren, greifbareren Ort zu verlagern, ist ihr wichtig: Anstelle als "die in den Medien" oder "die in den Büchern" solle man das Thema untereinander offener behandeln. Es geht um Austausch, um Offenheit und Akzeptanz.

Hobbymuffler wissen's nicht besser

In "Drüberleben" verhandelt Kathrin Weßling das Thema Depression auf einer anderen Ebene als in ihrem Blog, sie literarisiert und fiktionalisiert. Die depressive Protagonistin Ida Schaumann bietet ausreichend Identifikationspotenzial, um sich bei ihr unterzuhaken. Und genug Gründe, sie umgehend wieder von sich zu stoßen. Keine Heldin, die neben coolen Ansichten und fancy Altbauwohnung noch mit einer hippen Depression ausgestattet wurde. Sondern eine junge Frau, die krank ist. Die krank ist und sehen muss, was sie mit dieser Erkrankung macht - und die Erkrankung mit ihr. Ida und ihr Umfeld leiden aneinander; daran ist nichts Schönes, nichts Cooles, nichts Modisches. Vergeblich sucht, wer Ausschau nach Pathos und Effekthascherei hält. "Drüberleben" ist viel persönliche Erfahrung.
Viel - aber nicht nur. Kathrin Weßling arbeitet Erfahrungen literarisch auf, verflicht Faktisches mit sensibler Erzählkunst. Marginalisierung ist ebenso wenig zu finden wie Dramatisierung: Weßlings Debüt ist direkt und echt. Von ungefähr kommt das nicht: "Einen Roman über Depressionen zu schreiben, ohne selbst betroffen zu sein, halte ich für schwierig, vielleicht sogar für unmachbar", sagt die junge Autorin und merkt weiter an, "dass vieles, was man sich unter Depressionen vorstellt, nicht der Realität entspricht". So führt sie uns Hobbymuffler zurück zur eigentlichen Krux: Wer aus welchem Grund wie sehr leidet, ist nicht die Frage und jedem selbst vorbehalten. Aber: Wir müssen uns belehren lassen, dass es sich bei Depression nicht um einen vagen Sammelbegriff für alles von einem schlechten Tag bis zur Apathie handelt, sondern für eine ernstzunehmende Erkrankung, die immensen Einfluss auf das Leben und den Alltag der Betroffenen ausübt.

"Als ich das Blog angefangen habe, musste ich mir oft anhören, dass es mir anscheinend nicht schlecht genug ginge, da ich ja noch ein Blog führen kann", erzählt uns Weßling - eine Kritik, die auf unzureichendem bis gänzlich fehlendem Wissen fußt. Ins Bewusstsein rücken muss uns, dass das, was wir als Zierde sehen, in Wirklichkeit alles, wirklich alles außer wünschenswert ist. Wir wollen die nachdenkliche Aura, vielleicht den Appeal des unglücklichen Künstlers. Was wir nicht wollen, was niemand will, ist eine echte Depression. Das aber wissen nur die, die sie bereits haben.




"Drüberleben" ist das Debüt von Bloggerin und Autorin Kathrin Weßling. Die Wahlhamburgerin setzt sich darin zum Teil autobiografisch mit dem Thema Depression auseinander. Protagonistin Ida Schaumann weist sich selbst in eine psychiatrische Klinik ein und versucht fortan, den Umgang mit Klinikpersonal, Mitpatienten, sich selbst und der Welt da draußen ins Lot zu bringen. Livepremiere feiert "Drüberleben" im Rahmen des Harbour Front Festivals am 20. September in Hamburg.

www.drueberleben.de