> Bücherextra: Benjamin Lebert

WIE EIN ALIEN

"Crazy"-Autor Benjamin Lebert ist einer, der uns versteht, wenn wir mit der Welt nicht klarkommen. Jetzt bietet er sogar eine Lösung an: Öfter mal vor Problemen weglaufen!

Interview: Carsten Schrader
Foto: Jim Rakete/photoselection

[*U_mag*]: Benjamin, vor kurzem hast du in einem Interview folgenden Satz gesagt: Ich bin mir immer wie ein Alien vorgekommen, und das ist auch heute noch so. Was genau meinst du damit?
[*Benjamin Lebert*]: Ich hatte immer das Gefühl, eher ein Betrachter als ein Teilnehmer zu sein. Das zieht sich durch mein ganzes Leben. Das hat natürlich auch mit meiner Behinderung zu tun, aber ich möchte gar nicht sagen, dass es sich nur deswegen so herausgearbeitet hat. Als ich jünger war, konnte ich viele sportliche Sachen nicht mitmachen. Ich habe dann die anderen Kinder beobachtet, und nach und nach bin ich immer mehr zurückgetreten. Durch dieses Gucken und Absorbieren, wie die Menschheit so funktioniert, komme ich zu solchen Bildern wie dem des Aliens.

[*U_mag*]: Inzwischen bist du 26. Hat sich dieses Aliengefühl seit der Schulzeit nicht verändert?
[*Lebert*]: Ich habe schon den Eindruck, dass ich dieses Gefühl heute besser durchschaue. Wir denken ja immer, wenn man im Leben erst mal was durchschaut hat, dann dauert es auch nicht mehr lang, bis man es auch verändern kann. Aber das ist bei mir ganz und gar nicht der Fall. Immerhin habe ich mich in diese Rolle ein bisschen besser eingelebt.

[*U_mag*]: Dann sind deine Bücher eine Antenne, die Verbindung zur Welt und zu anderen Menschen?
[*Lebert*]: Es ist sogar so, dass sie einen großen Anteil meines Kontaktes mit Menschen darstellen. Vielleicht habe ich mit dem Schreiben angefangen, weil mir normale Begegnungen mit Menschen sehr schwerfallen.

[*U_mag*]: Aber ist es nicht schmerzhaft, wenn du in deine Bücher ganz viel von dir reingibst, aber nichts zurückbekommst?
[*Lebert*]: Es löst in mir schon ein lähmendes Gefühl aus. Aber mit diesem Gefühl habe ich eben schon zeit meines Lebens zu kämpfen. Es ist so, als ob man in die Dunkelheit spricht und nicht weiß, ob man eine Antwort bekommt. Oder ob sich aus der Dunkelheit etwas herausschält, was einem gefährlich werden könnte. Aber alle Psychologen sagen ja, dass man sich mit etwas, was man kennt, gut arrangieren kann, auch wenn es fürchterlich ist.

[U_mag*]: Andererseits ist diese Position des Außenseiters oder des Aliens auch perfekt, um die Welt besser erkennen zu können, oder?
[*Lebert*]: Manchmal ist es schon so, dass man Dinge bemerkt, die einem direkt im Geschehen nicht auffallen würden. Gleichzeitig hat es aber etwas Lebendiges, im Geschehen zu sein. Das ist wie beim Fußballspielen. Von außen kann man sagen: Aha, jetzt fällt vermutlich gleich ein Tor. Aber wie sich dieser Moment für einen Spieler anfühlt, wird man nie so ganz erfahren können.

[*U_mag*]: In deinem neuen Roman denkt die Hauptfigur über einen Satz der amerikanischen Schriftstellerin Toni Morrison nach: "Es ist ein reiner Glücksfall, wenn uns jemand fehlt, lange bevor er uns verlässt oder wir ihn verlassen haben."
[*Lebert*]: Bei mir ist es oft so, dass ich schon zwei leere Stühle sehe, während ich noch mit einer Person zusammensitze, mit der ich gerne Zeit verbringe. Das hat mit dem Blick auf die Vergänglichkeit zu tun. Man trauert schon, wenn diese Person noch da ist. In bestimmten Situationen hat man auch das Gefühl, dass vieles, was man tut, ohnehin zum Scheitern verurteilt ist. Alles ist vergänglich, diese Erfahrung hat man nun mal im Leben gemacht. Ob das nun Beziehungen sind oder vielleicht die Tatsache betrifft, dass man es nicht lange in einer Stadt oder in einem Beruf aushält. Ständig hat man vor Augen: Es geht bald nicht mehr gut.

[*U_mag*]: Aber dann kannst du schöne Momente gar nicht genießen.
[*Lebert*]: Ich glaube, man schätzt sie dann sogar umso mehr, weil man nicht der Sicherheit erliegt, dass das für immer so sein wird.

[*U_mag*]: Nachdem Anton, der Held aus deinem neuen Roman "Flug der Pelikane", seine Beziehung an die Wand gefahren hat, flüchtet er nach New York.
[*Lebert*]: Ich glaube, wir sind oft viel zu hart zu uns. Immer wieder hört man den Satz: Man muss sich den Dingen stellen. Und das machen die meisten Menschen ja auch. Sie stehen jeden Morgen auf und gehen ins Büro. Vielleicht haben sie Stimmen im Kopf, die ihnen sagen, dass sie das aushalten müssen. Aber vor allem in Krisensituationen hat das Hineinstürzen in eine komplett unbekannte Situation tendenziell etwas Heilsames.

[*U_mag*]: Dein Ratschlag ist, vor Problemen wegzulaufen?
[*Lebert*]: Meiner Meinung nach lösen sich manche Probleme tatsächlich auf, indem man sich nicht einmischt. Natürlich muss man in der jeweiligen Situation herausfiltern, ob man wegfahren sollte, um mit Abstand und Ruhe über das Problem nachzudenken, oder ob es darum geht, der Auseinandersetzung aus dem Weg zu gehen.

[*U_mag*]: Wenn der Klischeesatz stimmt, dass man immer wieder von den Problemen eingeholt wird, vor denen man wegläuft, dann muss man vielleicht gar nicht krampfhaft die Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Problem suchen, sondern es passiert automatisch.
[*Lebert*]: Es gehört zum Leben dazu, dass man manchen Dingen nicht entkommt. Ich habe mal gelesen, dass man ein Problem nicht auf derselben Bewusstseinsebene lösen kann, auf der man dem Problem begegnet ist. Vielleicht ist es so, als ob ein Nebel um das Problem liegt. Und erst wenn man sich verändert und aus einer anderen Position auf das Problem blickt, hat sich der Nebel gelichtet.

[*U_mag*]: So wie dein Held Anton, der in New York zu sich selbst findet und dadurch den Kampf an dem Ort wieder aufnehmen kann, aus dem er geflüchtet ist.
[*Lebert*]: Das ist das Wunderbare am Reisen. Manchmal trifft man sich irgendwo selbst, wo man noch nie zuvor gewesen ist. Und Anton hat sich in New York in einer Form getroffen, in der er sich noch nie zuvor getroffen hat. Das alles passiert sehr schleichend. So ist es ja auch oft in der Realität. Es passiert nicht sofort, es kommt dann.

[*U_mag*]: Ist "Flug der Pelikane" das optimistischste Buch, das du bisher geschrieben hast?
[*Lebert*]: Ich hoffe, es ist nicht nur der optimistischste, sondern auch der fröhlichste Text. Der ausschlaggebende Mensch war mein Vater. Er hat mal bei einem Abendessen zu mir gesagt: "Benny, willst du nicht mal was Fröhliches schreiben?" Dabei weiß ich eigentlich gar nicht, wo das Optimistische hergekommen ist. In meinem täglichen Alltag ist es nicht in mir.





Benjamin Lebert
Flug der Pelikane
Kiepenheuer & Witsch 2009
14,95 Euro



Benjamin Lebert auf Lesereise

12.-14. 3. Leipzig
17. 3. Köln
30. 3. Würzburg
1. 4. Stuttgart
6. 4. Frankfurt
16. 4. Hamburg

Leseprobe aus "Flug der Pelikane"


Der neue Roman von Benjamin Lebert zum Durchklicken und Reinlesen: zur Leseprobe >>