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Foto Annemie Vanackere - IN DER LIEBLINGSNACHBARSCHAFT
Foto: Kai-Uwe Heinrich
> Annemie Vanackere

IN DER LIEBLINGSNACHBARSCHAFT

Annemie Vanackere übernimmt mit dem besten Theater des Landes so etwas wie das Stadtteilkulturzentrum der globalen Hipstergemeinde. Damit kann sie nur scheitern. Oder?

Von Falk Schreiber

In Berlin-Kreuzberg, direkt am Landwehrkanal, stehen drei sehr unterschiedliche Theatergebäude in unmittelbarer Nachbarschaft: das altehrwürdige Hebbel-Theater, der 60er-Jahre-Zweckbau Theater am Halleschen Ufer und die winzige Hinterhofbühne Theater am Ufer. Vor neun Jahren fusionierten diese drei Bühnen zu einem Verbund namens Hebbel am Ufer, kurz HAU, ohne Ensemble, massiv unterfinanziert - und Gründungsintendant Matthias Lilienthal schaffte es, die drei Häuser zum spannendsten Kunstort Berlins, ach was: der Republik zu machen. Sein HAU bestand aus Partys, Premieren, Lectures, Konzerten, politischen Diskussionen, und wenn es gut lief, fühlte sich auch die migrantische Community Kreuzbergs willkommen - Lilienthal stammt aus dem benachbarten Neukölln, Kreuzberg ist seine Hood. Und weil der Intendant perfekt in der deutschen Theaterszene vernetzt war, galt das bald nicht nur für Berlin, sondern auch für das übrige Land. Nach und nach entwickelte sich das Theaterkonglomerat über Koproduktionen zu einer Art Stadtteilkulturzentrum auf cool - nur dass der abgedeckte Stadtteil der Rest der Welt ist, okay, zumindest der englischsprachige.

Mit anderen Worten: Jetzt, wo Lilienthal nach neun Jahren keine Lust mehr auf die HAU-Leitung hat, wird es schwierig für seine Nachfolgerin Annemie Vanackere. Einerseits ein erfolgreiches Theater weiterführen, andererseits ihre Rolle im stadtkulturellen Gefüge kritisch hinterfragen, außerdem Ansprechpartnerin für freie Gruppen jeglicher Couleur sein und schließlich die Hansdampf-in-allen-Gassen-Rolle so perfekt wie ihr polternder, kluger, charmesprühender Vorgänger ausfüllen - daran kann eine Theaterleiterin eigentlich nur scheitern. Zumal wenn sie so zurückhaltend und abwartend auftritt wie Vanackere.
"Kommen Sie bei uns in der Kneipe vorbei", lacht die neue Intendantin die Frage weg, wie sich das HAU unter ihr als Intendantin verändern wird. "Wir haben die Foyers und die Bars neu gestaltet: Das sieht schon ein bisschen anders aus." Sicher, ein Theater ist mehr als die Theaterkneipe - aber es kommt nicht von ungefähr, dass die neue Chefin mit der Kneipe argumentiert. Weil man das HAU am besten über seine Funktion als Ausgehort verstehen kann. Und von dort aus lassen sich dann die Veränderungen im Theater beobachten.
Wobei die eher graduell sind: Die Spielzeit startet am 1. 11. mit Jérôme Bels "Disabled Theatre". Weiter treten im November auf: She She Pop, Gintersdorfer/Klaßen, die Kunstpopper Phantom Ghost, alles ebenfalls alte Bekannte. Das soll ein Neuanfang sein? Vanackere nimmt sich zurück, will nicht die dominierende Intendantin sein, sondern eine leitende Angestellte, die einen Spielplan ansprechend gestaltet, Punkt. "Ich bin keine Künstlerin!", dieser Aspekt ist ihr wichtig. Aber wie soll so jemand einen Spielplan prägen? Bloß kein zu großes Fass aufmachen, vorerst reicht es, die Stimmung zu verändern: "Meine Art, Fragen zu stellen, weil ich bestimmte Dinge anders gewohnt bin oder weil ich manches noch nicht so gut verstehe, wirkt irgendwie erfrischend." Und immerhin sind im November auch ein paar niederländische Produktionen von Wunderbaum, Edit Kaldor und Schwalbe im HAU zu sehen - Stücke, die man in Berlin noch nicht kennt.

Die neue Intendantin ist keine Urberlinerin wie ihr Vorgänger, das ist ein Manko. Es ist aber auch eine Chance fürs HAU, weil da plötzlich jemand einen Blick von außen mitbringt. Vanackere kommt aus Kortrijk, einer kleinen Stadt im flämischen Teil Belgiens, nur ein paar Kilometer von der französischen Grenze entfernt, lange arbeitete sie in den Niederlanden, an der Rotterdamse Schouwburg, einem Haus das ähnlich wie das HAU zwischen Stadttheater und freier Szene steht und außerdem in der migrantischsten Stadt des Nachbarlandes liegt. "Ich habe schon früh Französisch gelernt", bestätigt Vanackere ihre multikulturelle Prägung. "Ich glaube, mehrere Sprachen sprechen zu müssen, hilft bei der Orientierung. Auch das Land zu wechseln, sorgt dafür, dass man weiß, was es bedeutet, fremd zu sein. Und in Berlin ist es genauso wie in Rotterdam: Die Hälfte der Bevölkerung kommt irgendwo anders her."

Und bei dieser Aussage wird endgültig klar: Die stille, zurückhaltende Vanackere passt ebenso gut in unsere Lieblingsnachbarschaft Kreuzberg wie der gern mit seiner proletarischen Herkunft kokettierende Protoneuköllner Matthias Lilienthal.

Checkbrief

NAME Annemie Vanackere
BERUF Theaterleiterin
GEBOREN 1966 in Kortrijk/Belgien
STUDIUM Philosophie und Theaterwissenschaft in Leuven
BISHERIGE STATIONEN Kunstencentrum STUC (Leuven), Nieuwpoorttheater (Gent), Rotterdamse Schouwburg
JETZT Intendantin am Hebbel am Ufer (HAU) in Berlin
www.hebbel-am-ufer.de