HALS ÜBER KUNST
Mit 16 kaufte Rik Reinking sein erstes Bild - und hatte keine Ahnung, dass er mit 30 der bekannteste junge Kunstsammler Deutschlands sein würde. Dem U_mag erzählt Reinking, wie es dazu kam und warum Künstler manchmal nerven, Kunst aber nie.
Text: Katharina Behrendsen
[/Wie bitte sieht einer aus, der Farbflecken auf dem Boden, Schimmel und Graffiti sammelt? Ein Café im bunten Hamburger Schanzenviertel: In einer schummrigen Ecke beugt jemand im blauen Strickpulli und mit Wuschelfrisur den Kopf tief über sein iBook. In der Tasse neben ihm tanzen Minzblätter. Er schaut hoch, grinst. Erster Eindruck: völlig normal - und nett. Das Erstaunen darüber, dass er kein abgedrehter Kunst-Nerd ist, quittiert Rik Reinking mit einem Lächeln. Mittlerweile. Denn obwohl der Sammler es mag, wenn über ihn und seine Ausstellungen berichtet wird, findet er sich selbst in den Zeitungsartikeln nur selten wieder./]
[*Rik Reinking*]: Das fing damit an, dass irgendwo mal stand: Andere in seinem Alter fahren schnelle Autos, tragen teure Klamotten und gehen in die Disco. Er geht lieber zu Fuß, trägt alte Klamotten, und wenn er tanzt, dann höchstens um Kunstwerke herum. Ich bekam plötzlich so ein Bild von mir als Rumpelstilzchen, von einem Eremiten, der sich auf die Kunst versteift und nichts anderes mehr macht und gaga durch seine Welt läuft. Das ist natürlich Quatsch.
Ich verstehe auch nicht dieses Bedürfnis nach Superlativen: Wenn es immer heißt: "jüngster Sammler", "jüngster Großsammler", "jüngster Großsammler Deutschlands". Jetzt habe ich gelesen: "jüngster Großsammler Europas" und sogar "jüngster anerkannter Großsammler". (lacht) Das Einzige,
was es mir erträglich macht, ist die Tatsache, dass wenn da jetzt stehen würde: cleverster oder intelligentester, wäre ich gezwungen, einen Titel zu verteidigen. Dadurch, dass es "jüngster" ist, ist es sowieso relativ. Ich meine, das macht die Zeit von ganz allein.
[/Noch ein bisschen skurriler wird seine Normalität, als Rik Reinking anfängt, über Kunst zu reden: immer noch wie der nette Kerl, mit dem man auch auf der Party eines Freundes oder in der Warteschlange im Copyshop ins Gespräch kommen könnte. Keine Fremdwörter, kein Namedropping. Kunst hat für den Sammler nichts mit intellektueller Selbstbeweihräucherung zu tun. Für Rik Reinking gehört sie zum Leben. Punkt. Auch wenn viele mit den Werken, die er sammelt, wenig anfangen können./]
[*Reinking*]: Mein Vater war neulich bei mir, hat sich hingesetzt, einen Pappbecher angeguckt, der rumstand, und dann gefragt: "Ist das ...?" Und ich: "Jaaa." Und er so: "Und dafür hast du Geld ... ?" Und ich: "Jaaa." Und er so: "Junge, wir müssen reden, ich mach mir Sorgen." (lacht)
Aber man muss doch eingestehen, wenn man sich ein Poster kauft und rahmen lässt, dann zahlt man beim Postershop vielleicht auch seine 500 Euro für ein Bild an der Wand. Dafür kann ich schon einen jungen Künstler unterstützen und kriege ein Original. Mich interessiert es mehr, mich mit der Idee eines jungen Künstlers zu umgeben, als das Rahmungsgeschäft mit einem weiteren Auftrag zu beliefern. Aber ich glaube, ich konsumiere Kunst auch anders. Mein Kunstkonsum ist auch ein zeitlicher, nämlich die Lebenszeit, die ich mit dem Künstler verbringe. Die Zeit, in der ich mich mit dem Künstler über sein Werk unterhalte und prüfe,
ob ich der Arbeit gerecht werden kann. Das ist, was ich für mich mitnehme.
[/Rik Reinking ist Feuer und Flamme für die Kunst. Das merkt man jeder seiner Gesten an, wenn er über Werke oder über die Künstler hinter den Werken spricht. Er bemüht sich, sie wenigstens bei einem Abendessen kennen zu lernen, viele besucht er in ihren Ateliers und ist mit ihnen befreundet. Will jemand, der so für etwas brennt, dass er Funken zu sprühen scheint, das nicht jeden Tag um sich haben? Oder wenigstens an den 40 bis 50 Tagen im Jahr, die Reinking nicht auf Reisen ist?/]
[*Reinking*]: Das schöne Bild über dem Sofa gibt es bei mir nicht. Wenn Bilder bei mir hängen oder Installationen bei mir zu Hause sind - was temporär vorkommt -, dann reagieren sie auch nicht auf Möbel. Dann gibt es keine Möbel. Ich habe kein Problem, eine Installation aus verbranntem Holz und Eisenoxyd bei mir in der Wohnung zu installieren, wenn ich das Gefühl habe, ich möchte damit eine Weile leben. Aber man hat da jetzt nicht die große Kunst oder eine besonders trendy eingerichtete Loftsituation zu erwarten. Es gab mal ein Journalisten-Team, die wollten unbedingt eine Homestory machen. Eigentlich wollte ich das nicht, weil ich mir so eine Idee von Privatsphäre bewahren will. Aber irgendwann habe ich gesagt: "Ach, egal, dann kommen Sie doch." Dann kamen sie, und der Fotograf guckt sich um und sagt: "Ich weiß gar nicht, wann ich das letzte Mal Raufasertapete gesehen habe." (lacht)
[/Er nimmt sich nicht viel Zeit für sich, erzählt Rik Reinking. Würde er auch nicht brauchen. Als Sammler hätte das ungeahnte Vorteile, wenn man das Private erst mal hinter sich gelassen hat./]
[*Reinking*]: Wenn man erst mal dieses "keinen Platz mehr" weglegt und sagt, ich sammele gar nicht für mein Zuhause, sondern um Sachen zu diskutieren, kommt man irgendwann an den Punkt, wo man auch nicht mehr auf die Formate Rücksicht nimmt, sondern nur noch die Qualität der Arbeit sieht. Wenn die Arbeit gut ist, entscheide ich mich für die Arbeit - da kann es schon mal passieren, dass man sich eine zweiteilige Bronze ans Bein lacht, wo jedes Teil 500 Kilo wiegt und als freischwebendes Pendel von der Decke hängt. Das würde ich natürlich nie bei mir zu Hause aufhängen können. Oder auch schon passiert: Man kauft Arbeiten und hat das Gefühl, auf dem Weg nach Hause von der Galerie wachsen die, weil man natürlich bescheidener wohnt, als ein Galerist das Werk präsentiert. Dann merkt man erst, was zwei mal drei Meter eigentlich für ein Format ist.
[/Um die angemessene Präsentation seiner Werke braucht sich Rik Reinking mittlerweile keine Sorgen mehr machen - ohne aus seiner Zweizimmerwohnung ausziehen zu müssen. Es hat sich in der Kunstszene herumgesprochen, dass er nicht nur mit großem Verstand und Zukunftsblick sammelt, sondern auch kuratiert. Mit seinen Ideen und Assoziationen schlägt er Brücken zwischen älteren und neuen Werken, hängt zum Beispiel das Gemälde einer Frau mit Mops unterm Arm neben Fotografien von Jugendlichen mit Mobiltelefonen. Hund und Handy - jeweils Statussymbole ihrer Zeit - verbinden die Werke auf den zweiten Blick. Dass einige ein Problem darin sehen, wenn jemand gleichzeitig Sammler und Kurator ist, kann Reinking nicht nachvollziehen./]
[*Reinking*]: Ich muss in beiden Fällen hundert Prozent meiner Vorstellung oder meiner Idee von Kunst geben. Im einen Fall mache ich das eigenverantwortlich und entscheide, für mich etwas anzukaufen. Sammler ist ja kein Beruf, sondern ein Hobby, eine private Angelegenheit, ein privater Luxus. Die Verantwortung habe ich da lediglich mir und dem Sammlungskontext gegenüber. Als Kurator habe ich eine Verantwortung dem Kontext, dem Ort und der Öffentlichkeit gegenüber. Da kann ich auch Künstler diskutieren, die ich nicht in der Sammlung haben möchte. Die ich schätze, die ich qualitativ auch sehr gut finde, aber für deren Werk ich keine Verantwortung übernehmen möchte. Als Kurator kann ich Leuten eine Plattform stellen, ohne ihre Arbeiten erwerben zu müssen. Das entspannt mich extrem. Ich bin auch niemand, der alles haben muss. Ich habe auch viele Werke nur für ein paar Stunden in der Sammlung gehabt. Solche, die man für eine Ausstellung realisiert und nach der Ausstellung vernichtet. Zum Beispiel eine Wandarbeit, die war drei auf dreißig Meter. Als mich der Spediteur gefragt hat, wie er die einpacken soll, habe ich gesagt: "Das kommt in die Tonne." Dann meinte er: "Das geht doch nicht, das ist doch Kunst." Und ich: "Das kommt in die Tonne, ganz sicher." Es gibt Arbeiten, die haben einen klaren Ortsbezug, und die muss man hinterher nicht bewahren. Das wäre albern.
[/Wenn er so völlig ohne Wehmut davon erzählt, Stücke wegzuwerfen, erscheint es umso erstaunlicher, dass er nie Stücke aus seiner Sammlung verkauft. Ein einziges Werk hat seine Sammlung bisher wieder verlassen - das allerdings nicht aus finanziellen Gründen, sondern weil er nach dem persönlichen Kennenlernen des Künstlers doch nicht mehr zu dessen Werk stehen konnte./]
[*"Ich verstehe meine Sammlung als Sackgasse. Sie ist ein Ort, wo Arbeiten ein Zuhause kriegen."*]
[*Reinking*]: Ich verstehe meine Sammlung als Sackgasse. Sie ist ein Ort, wo Arbeiten ein Zuhause kriegen. Ich habe dem Künstler gegenüber doch auch eine Verantwortung. Aber jemand, der dieses moralische Denken nicht hat, kann vielleicht schneller sagen: Da will einer den Wert seiner Sammlung mehren. Die Kritik habe ich 2000 schon gehört, dass die Sammler ihre Kunst nehmen, ins Museum hängen, dann wird die mehr wert, und sie können sie mit Gewinn verkaufen. Da muss ich echt lachen, denn das Problem ist doch: Nicht nur meine Arbeit wird mehr wert, sondern alle Arbeiten dieses Künstlers steigen. Wenn ich meine verkaufen würde und dann eine neue haben will, müsste ich ja auch den höheren Preis zahlen. Das heißt, es rechnet sich gar nicht. Wer mit der Kunst Geld verdienen will, ist kein ernsthafter Sammler, sondern Investor.
[/Woher kommen dann die finanziellen Mittel für die Sammlung? Reinking betont, dass er kein "Scheckbuchsammler" ist, bei deren Erwähnung er missmutig die Augenbrauen hochzieht. Nicht aus Neid auf deren dickes Konto. Die Achtlosigkeit, mit der einige Sammler kaufen und sich bald schon nicht mehr um die erworbenen Werke kümmern, die nervt ihn. Reinking muss sich jedes neue Stück erarbeiten - vor allem aber die Unterhaltungskosten für seine drei Lager. Er arbeitet als "Läufer"./]
[*Reinking*]: Als Läufer bearbeite ich Suchaufträge, vornehmlich für Privatsammlungen. Jemand, der vielleicht schon sehr lange sucht und einen sehr speziellen Wunsch hat, mit dem er nicht weiterkommt, spricht mich an, und dann leihe ich ihm sozusagen meinen Kopf und meine Beine, deswegen heißt es auch Läufer. Ich bin dann unterwegs und suche das Werk. Was mich daran interessiert, ist die Tatsache, dass ich tatsächlich ein bisschen auch in der Kunst lebe. Wenn ich das Bild finde, kaufe und verkaufe ich es nicht. Ich bin kein Händler. Ich bin Moderator und muss den Besitzer dann vielleicht überzeugen, dass er überhaupt loslässt. Außerdem arbeite ich als Berater und für die Künstler der Reinking-Projekte.
[/Kunst als Lebensaufgabe und Kunst vor allem auch als Lebenseinstellung - Rik Reinking könnte endlos darüber reden. Seine Faszination ist ansteckend. Die Zeit verfliegt, wenn er ins Erzählen kommt. Die Cafébesucher sind unbemerkt von Frühstück auf Mittagessen umgestiegen, die Minzblätter liegen ermattet am Boden der Teetasse. Hat er denn nie die Nase voll von der Kunst? Wird er nie müde oder hat Angst, beim permanenten Schweben in der Kunstwelt die Bodenhaftung zu verlieren?/]
[*Reinking*]: Wenn man 100 Prozent seines Tages und seiner Zeit in Kunst investiert, dann ist die Gefahr groß, dass man irgendwann in der Realität nicht mehr so klarkommt. Ich bin bei anderen Sammlern, bei Galeristen, bei Künstlern und in Museen. Ich bin andauernd am Input-Sammeln, habe andauernd neue Eindrücke und Informationen. Mein Problem ist: Ich habe mit Künstlern zu tun. Die sind alle ihre eigenen Sonnen. Und die versuchen alle, einen in ihre ganz eigene Laufbahn zu bringen. Dadurch wird man natürlich ganz viel hin- und hergeschossen. Ein guter Künstler ist immer ein wenig egozentrisch, und das muss er auch sein. Aber das ist natürlich auch anstrengend, denn der will 100 Prozent deiner Aufmerksamkeit. Wenn du aber mit 50 Künstlern zu tun hast oder 100, wird das anstrengend. Du musst aufpassen, dass du die Bodenhaftung bekommst - und so was mache ich dann, indem ich einen Tag nur durch die Stadt laufe.
[/Doch selbst in diesen seltenen Momenten der Ruhe kann Rik Reinking nicht aus seiner Haut. Keine zehn Sekunden hängt sein letzter Satz in der Luft, als es aus ihm herausplatzt: Ratten, kleine, mit einer Sprühschablone aufgebrachte Graffiti hat er in Venedig entdeckt - während sich der Rest der Kunstszene auf der Biennale rumtrieb. Auch in anderen Städten sind ihm die Tierchen schon über den Weg gelaufen, echte Streetart. "Das sind schöne Momente, wo du merkst, du diskutierst eine Sache, die andere noch gar nicht diskutieren wollen", erzählt Reinking. Er lächelt. Vermutlich sieht er die Graffiti-Ratten schon über die Wände seines nächsten Ausstellungsraumes laufen./]





