DENKEN HILFT
Zu viel Sinnieren soll angeblich nicht gesund sein. Wer Maria Taylor und Tina Dico trifft, weiß: alles Dummenpropaganda. Die Songwriterinnen machen vor, dass man sich auch glücklich grübeln kann.
Interview: Carsten Schrader
Foto: Autumn de Wilde
[*Leben nach der Liebe: Maria Taylor*]
[*U_mag*]: Maria, dein neues Album soll man am besten in horizontaler Lage hören. Haut es einen sonst um?
[*Maria Taylor*]: Ach nein, ich wünsche mir nur, dass man sich auf die Platte einlässt. Ich selbst laufe beim Musikhören oft unruhig durch die Wohnung und fange an, nebenbei irgendwelche anderen Dinge zu tun. Okay, meiner Meinung nach sind die Streicher auf diesem Album besonders intensiv, die können mich schon von den Beinen reißen. (lacht) Puh, ich merke, mit dieser Bemerkung habe ich wohl ein Eigentor geschossen.
[*U_mag*]: Weil du Angst hast, auf deine Trennung von Conor Oberst angesprochen zu werden, die du in den Texten verarbeitest?
[*Taylor*]: Nein, ich rede schon darüber. Schließlich wusste ich ja, worauf ich mich einlasse, als ich mich entschlossen habe, die Songs zu veröffentlichen. Aber ich bin nicht bereit, Inhalte für die Klatschspalten zu liefern. Schon während meiner Beziehung mit Conor gab es Momente, in denen ich gemerkt habe, dass sich mein Gegenüber gar nicht für mich interessiert, sondern nur auf spektakuläre Neuigkeiten über Bright Eyes aus ist. Man lernt sehr schnell zu erkennen, wann es besser ist, einfach gar nichts mehr zu diesem Thema zu sagen.
[*U_mag*]: Bist du während der Entstehung der neuen Platte zu der Erkenntnis gekommen, dass ein Ende immer auch ein Anfang ist?
[*Taylor*]: Absolut. Ich habe die Songs während meines Umzugs von Omaha nach Los Angeles und vor allem während meiner ersten Tage in der neuen Stadt geschrieben. Natürlich sind die Songs in erster Linie ein trauriger Blick zurück auf geplatzte Träume. Aber während sich bei mir früher oft düstere Untertöne in eigentlich optimistische Texte eingeschlichen haben, war ich diesmal überrascht, wie intensiv sich da der Wunsch nach Erneuerung zwischen die Zeilen gedrängt hat. So platt es klingt, aber vermutlich hat die Sonne in L. A. einen nicht unwesentlichen Beitrag dazu geleistet. Nach den grauen Jahren in Nebraska saß ich auf meinem neuen Balkon, blickte auf das Treiben und spürte den Kick der Möglichkeiten, die mir die neue Stadt bietet.
[*U_mag*]: War dabei die Anonymität der großen Stadt ein wichtiges Element?
[*Taylor*]: Im Gegenteil. Ich wäre nicht nach L. A. gezogen, wenn hier nicht so viele Freunde leben würden. Zu wissen, dass kein vertrauter Mensch in der Nähe ist, mit dem ich reden kann, würde mich vollkommen fertigmachen. Die totale Einsamkeit in einer neuen Stadt spare ich mir noch auf, vielleicht bin ich ja in ein paar Jahren so weit. Man weiß schließlich nie, was das Leben noch bereithält.
[*U_mag*]: Dein Leben und deine Karriere sind von radikalen Richtungswechseln bestimmt. Fallen dir die Entscheidungen dazu leicht?
[*Taylor*]: Das ist unterschiedlich. Viele Entscheidungen treffe ich - vielleicht zu sehr - aus dem Bauch heraus. Bei der Musik ist es eher andersrum. Da habe ich einen Gedanken manchmal viel zu lange in meinem Kopf, bis ich den entsprechenden Schritt wage.
[*U_mag*]: Mit deinem Wegzug aus Nebraska lässt du nicht nur eine Beziehung hinter dir, du trennst dich auch von der dortigen Indieszene um das Label Saddle Creek.
[*Taylor*]: Das ist schon traurig und fühlt sich ein bisschen so an, als ob eine Familie zerbricht. Diese Entwicklung hat sich aber schon über längere Zeit angekündigt. Und man will ja auch nichts künstlich aufrechterhalten, was sich aus vielen Gründen auseinanderentwickelt. Gleichzeitig bleiben viele Kontakte ja bestehen. Ein radikaler Schnitt ist genauso verkrampft, wie etwas nicht aufgeben zu wollen, was längst nicht mehr da ist.
[*U_mag*]: Hast du nicht trotzdem manchmal das Gefühl, dir durch die Veränderungen etwas verbaut zu haben? Du hast dich etwa von deiner Partnerin Orenda Fink getrennt, als ihr mit dem Dreampopduo Azure Ray auf dem Sprung zum ganz großen Erfolg wart.
[*Taylor*]: Nachdem wir zwölf Jahre zusammengearbeitet hatten, fühlte sich Azure Ray für uns beide einfach nicht mehr richtig an. Das ist jetzt schon wieder anders, und vielleicht machen wir demnächst mal wieder eine Platte zusammen. Geld oder Erfüllung? Es klingt fast altbacken, wenn man sich für Erfüllung entscheidet, aber ich bin stolz darauf - und nur so kann ich mich als Musikerin ertragen. Bislang hat Geld einfach keinen Entscheidungsdruck verursacht. Aber frag mich am besten in zehn Jahren noch mal.
[*Name*] Maria Taylor
[*Nationalität*] amerikanisch
[*Alter*] 32
[*Wohnt*] seit einigen Wochen in Los Angeles
[*Hat*] auf ihrem neuen Album für den Song "Cartoons and forever Plans" mit R.E.M.-Sänger Michael Stipe zusammengearbeitet
[*Aktuelles Album*] "Lady Luck" erscheint am 3. April


