Foto Joey Goebel - DER PATRIOT
> Joey Goebel

DER PATRIOT

Dass der Amerikaner Joey Goebel seine Heimat liebt, geht vollkommen okay. Denn für den Indie-Autor besteht Vaterlandstreue aus sinnvolleren Taten, als sich die Flagge auf den Schlüpfer zu drucken.

Interview: Carsten Schrader
Foto: Regine Mosimann/Diogenes Verlag

[*U_mag:*] Joey, dein neuer Roman "Heartland" ist eine treffsichere Politsatire auf die dunklen Jahre unter Präsident Bush. Kann man sich die mehr als 700 Seiten jetzt nicht sparen, wo Obama seine Nachfolge angetreten hat?
[*Joey Goebel:*] In erster Linie ist der Roman ja ein Familienepos, und er erzählt eine wunderbar unglückliche Liebesgeschichte. Aber selbst wenn man "Heartland" als Politsatire lesen will, behaupte ich, dass sie immer noch verdammt relevant ist. Natürlich sind die Wähler im letzten November doch noch zur Besinnung gekommen, und momentan wird Obama weltweit wie ein Popstar gefeiert. Aber die Stimmung kann sehr schnell wieder umschlagen. Die Konservativen belauern jeden seiner Schritte, um negative Aspekte für ihre Propaganda ausschlachten zu können. Für die Parole "Spread the Wealth" haben sie ihm kommunistische Tendenzen unterstellt. Mit diesem Satz kann ich mich voll und ganz identifizieren. Es ist unsere Pflicht, allen Menschen zu helfen und sie zu ernähren, statt sie zu töten. Wenn das Kommunismus ist, dann riskiere ich auch, dafür auf dem Scheiterhaufen zu brennen.

[*U_mag:*] Vermutlich kann ein neuer Präsident allerhöchstens die Ansichten der Leute in den urbanen Zentren an den Küsten wie etwa New York oder Los Angeles beeinflussen. Du selbst lebst in Henderson, Kentucky. Das Landesinnere wird niemals liberaler werden, oder?
[*Goebel:*] Vermutlich wird ein Präsident wie Obama nur den Hass vieler Leute befeuern, und die Dummheit potenziert sich. Ich bin eigentlich durch und durch Pessimist. Aber wenn ich nicht daran glauben würde, dass sich prinzipiell jeder Mensch verändern kann, dann hätte ich meiner Meinung nach keine Berechtigung für den Schriftstellerjob. Ich wäre schon zufrieden, wenn einige wenige Leute nach und nach die eine oder andere Ansicht revidieren würden. Mein Lieblingsbeispiel hierfür ist ein Interview mit Beyoncé, das zum Amtsantritt von Obama im Fernsehen gezeigt wurde. Sie wurde gefragt, wie sie sich mit dem neuen Präsidenten fühlt, und sie gab eine Antwort, die mich wirklich beeindruckt hat: "Wegen Obama verspüre ich das Verlangen, schlauer zu werden." Da ist also diese Popsängerin, die wir nicht gerade als Intellektuelle verorten, sie outet sich in der Öffentlichkeit selbst als dumm und wird von Obama angeregt, das vielleicht zu ändern. Beyoncé ist mir ja komplett egal. Wenn aber nur ein geringer Prozentsatz ihrer Fans diesen Vorsatz von ihr übernimmt, dann ändert sich schon eine ganze Menge.

[*U_mag:*] Haben Schriftsteller eine besonders große Verantwortung, sich mit den gesellschaftlichen und politischen Problemen ihres Landes auseinanderzusetzen?
[*Goebel:*] Mein Lieblingszitat zu diesem Thema stammt von Albert Camus, der geschrieben hat, es sei die Pflicht des denkenden Menschen, eher für die Verurteilten zu sprechen als für die Urteilenden. Die etablierte Elite und die Urteilenden haben schon immer unter einer Decke gesteckt. Wenn sich Künstler und speziell Schriftsteller nicht mehr für die Verurteilten starkmachen, dann habe ich die Befürchtung, dass es überhaupt niemand mehr tut. Deswegen schreibe ich dicke Bücher über diese großen Themen und nicht intime Bücher voller Innerlichkeiten. Wobei ich diese Art der Literatur auf keinen Fall pauschal abwerten möchte.

[*U_mag:*] Wird die Verpflichtung des Künstlers umso größer, je einflussreicher er ist?
[*Goebel:*] Je größer dein Einfluss ist, desto größer wird auch der Druck. Denn wenn du dich zu einem bestimmten Thema äußerst, ist auch die Chance sehr viel größer, dass du etwas bewirkst. Genau hier liegt das große Problem meines Landes, da fast alle berühmten Amerikaner auf diese Verantwortung pfeifen. Sieh dir doch nur die tastemaker an. Natürlich ist es total abgedroschen, Britney Spears zu dissen, aber sie ist nun einmal das Paradebeispiel. Niemand repräsentiert den amerikanischen Verstand besser als sie, denn in ihr entpuppt er sich als unglaublich zurückgeblieben. Aber jetzt kommt wieder die optimistische Seite von Joey Goebel ins Spiel: Ich hoffe, auch Britney Spears hat das Beyoncé-Interview gesehen.

"Wenn man an Amerika denkt, dann wäre es mir am liebsten, man würde zuerst an Louis Armstrong und Bob Dylan denken und nicht an unsere Präsidenten."

[*U_mag:*] Würdest du dich selbst eigentlich als Patrioten bezeichnen?
[*Goebel:*] Wenn man mich fragt, bejahe ich das. Von selbst würde ich mich aber niemals so bezeichnen: "Hallo, ich bin Joey Goebel, und ich bin Patriot." Das würde sich in den USA kein denkender Mensch trauen, weil der Begriff in unserem Land jahrzehntelang durch den Dreck gezogen wurde. Aber in meinen Büchern feiere ich ja all die Dinge, die ich an Amerika liebe. Das Beste, was unser Land hervorgebracht hat, ist nun mal seine Kunst. Wir haben Rock'n'Roll, Jazz und die "Star Wars"-Filme in die Welt getragen. Wenn man an Amerika denkt, dann wäre es mir am liebsten, man würde zuerst an Louis Armstrong und Bob Dylan denken und nicht etwa an unsere Präsidenten. Zudem ist es meiner Meinung nach die Pflicht jedes vernunftbegabten Menschen, laut und deutlich zu sagen, was in seinem Heimatland verbessert werden muss. Damit erweise ich meinem Land doch einen größeren Dienst, als wenn ich mir die amerikanische Flagge auf die Unterwäsche drucken lasse.

[*U_mag:*] Mit Louis Armstrong und Bob Dylan zählst du zwei Musiker auf. Dabei ist es doch für Schriftsteller eigentlich leichter, gesellschaftliche und politische Probleme zu thematisieren als für Musiker.
[*Goebel:*] Definitiv. Musik ist zwar sehr viel näher an den Emotionen der Leute, bleibt allerdings meist in einem sehr intimen Rahmen gefangen. Wenn du einen Song hörst, bist du oft innerhalb von Sekunden bei deiner Sehnsucht, deinem Liebeskummer oder auch bei deiner glücklichen Beziehung. Die Beschäftigung mit einem Buch ist dagegen eine längerfristige. Man lässt sich intensiv auf bestimmte Charaktere ein, betrachtet beim Lesen komplexere Zusammenhänge, ohne dabei immer zwingend Rückbezüge auf den eigenen Gefühlshaushalt anzustellen. Aber damit will ich auf keinen Fall die Musik herabsetzen. Musik war schon immer meine erste Liebe, und sie wird es ganz sicher auch immer bleiben.

[*U_mag:*] Was politische Inhalte angeht, bleibt Musik aber trotzdem meist auf eine knackige Parole reduziert.
[*Goebel:*] Ach, das kommt darauf an. Nimm "The Times they are a-changin'" von Bob Dylan. Er war sensibel genug, keine konkreten Ereignisse zu benennen, die die Entstehungszeit des Songs in den 60ern geprägt haben. Dadurch hat er einen zeitlosen Song geschrieben, der 40 Jahre später immer noch relevant ist und sich perfekt auf die gegenwärtige Situation beziehen lässt. Aber es stimmt schon, auf der anderen Seite gibt es viele Punk- und Hardcorebands, denen diese Gratwanderung nicht gelingt. Entweder beziehen sie sich auf tagespolitische Ereignisse, und der Song ist schon nach zwei Jahren komplett bedeutungslos. Oder sie kommen über dumpfe "Fuck Bush"-Parolen nicht hinaus. Das konnte man damals zwar nicht oft genug hören, aber bei 80 Prozent der Bands war ich mir nicht mal sicher, ob sie überhaupt wussten, wer Bush ist. Innerhalb der Szene war es einfach die Mainstreammeinung, mit der man immer punkten konnte.

[*U_mag:*] Okay, Dylan hat das in den 60ern geschafft. Aber damals gab es noch Schwarz und Weiß. Ist es denn auch in der komplexen Gegenwart möglich, die von Grautönen geprägt ist?
[*Goebel:*] Es wird schwieriger, aber es ist nicht unmöglich. Was Dylan für die 60er war, haben Arcade Fire vor zwei Jahren mit ihrem Album "Neon Bible" geschafft. Sie schreiben politische Songs, werden dabei aber nie zu konkret - und vor allem niemals platt. Ich weiß schon jetzt, dass ich eines Tages diese Platte meinen Enkeln empfehlen werde, damit sie ihre Gegenwart verstehen.
[*U_mag:*] Aber willst du deinen Kindern und womöglich sogar deinen Enkeln wirklich eine Jugend in Kentucky zumuten? Als junger Autor hättest du schon längst nach New York umziehen müssen.
[*Goebel:*] Ein Teil von mir denkt natürlich jeden Tag an Flucht. Aber dann stelle ich mir die Frage: Mache ich dann, was ich wirklich will, oder erfülle ich nur, was von mir erwartet wird? Das klingt jetzt, als würde ich aus meinem eigenen Roman "Vincent" klauen, aber vielleicht muss ich auch in Kentucky leiden, um Bücher veröffentlichen zu können. Wie soll ich denn in New York schreiben können, wenn da andauernd meine Lieblingsbands auftreten?

[*U_mag:*] Vielleicht solltest du deine alte Band The Mullets reaktivieren. Dir scheint die Musik wirklich zu fehlen.
[*Goebel:*] Nein, das ist vorbei. Ich kann da schon realistisch einschätzen, wo meine Talente liegen. Aber zum Ausgleich achte ich darauf, dass ich auf meinen Lesereisen nicht in stocksteifen Veranstaltungsorten strande. Meine Romane gehören in Punkrockclubs.


[*Name*] Joey Goebel Alter 30
[*Beruf*] Autor
[*Frühere Projekte*] War von 1996 bis 2001 Sänger, Gitarrist und Songschreiber der Punkband The Mullets und veröffentlichte eine CD mit der Band Novembrists
[*Studium*] Hat einen B. A. in Anglistik vom Brescia College in Owensboro, Kentucky
[*Familienstand*] Verheiratet
[*Wohnort*] Henderson, Kentucky
[*Aktuelles Buch*] "Heartland"