VERY BERLIN
Der "Preis der Freunde der Nationalgelerie" ist der wichtigste deutsche Kunstpreis. Für die Künstler? Nö.
Von Falk Schreiber
Kunstförderung ist eine gute Sache. Unbekannte, junge Künstler bekommen darüber ein wenig Aufmerksamkeit, und - viel wichtiger! - sie bekommen über das oft ganz erkleckliche Preisgeld die Möglichkeit, unabhängig von kommerziellen Erwägungen die eigene Ästhetik weiterzuentwickeln.
Nach diesen Kriterien ist der Berliner Preis der Nationalgalerie für junge Kunst keine besonders gute Sache. Die teilnehmenden Künstler sind zwar jung (teilnahmeberechtigt sind ausschließlich Künstler unter 40 Jahren, die in Berlin leben und arbeiten) - unbekannt sind sie allerdings ganz und gar nicht. Dieses Jahr haben zum Beispiel zwei der Nominierten, Mariana Castillo Deball und Haris Epaminonda, schon eine documenta-Teilnahme in der Biografie stehen. Preisgeld gibt es auch keines, zumindest neuerdings: Bislang war der alle zwei Jahre verliehene Preis jeweils mit 50 000 Euro dotiert, 2013 fällt dieser Betrag weg, dafür gibt es eine Einzelausstellung in einem der Nationalgalerie-Museen für den Gewinner. Wobei Einzelausstellung für Künstler auf dem Niveau der hier Nominierten aufregender klingt, als es ist: Niemand, der hier als potenzieller Gewinner gilt, ist noch geflasht von der Idee, sich selbst vor großem Publikum zu präsentieren. Der kennt das längst.
Was also ist dran am Preis der Nationalgalerie, der immerhin als bedeutendster Kunstpreis der Republik gilt? Für die Künstler: wenig. Dafür ganz viel fürs Publikum. Durch die Kriterien sind Künstler teilnahmeberechtigt, die tatsächlich all das prägt, was Kunst in Deutschland im Jahr 2013 auszeichnet: Sie sind (halbwegs) jung. Sie leben in Berlin. Sie praktizieren einen extrem intellektuellen Zugang zur Kunst. Und nicht zuletzt sind sie migrantisch. Der letzte in Deutschland geborene Preisträger war 2000 der Lübecker Maler Dirk Skreber, seither ist die Siegerliste so international wie die Berliner Bevölkerung - 2002 gewann das dänisch-norwegische Künstlerpaar Michael Elmgreen und Ingar Dragset, 2005 die Italienerin Monica Bonvicini, 2007 die Britin Ceal Floyer, 2009 der Israeli Omer Fast und 2011 der Franzose Cyprien Gaillard. Und auch dieses Jahr haben drei Viertel der Nominierten einen Migrationshintergrund: Die Installationskünstlerin Mariana Castillo Deball ist in Mexiko-Stadt geboren, der Medienkünstler Simon Denny im neuseeländischen Auckland, die Installationskünstlerin Haris Epaminonda im zyprischen Nicosia. Einzig die Malerin Kerstin Brätsch stammt ursprünglich aus Hamburg. Das Bemerkenswerte aber ist, dass das vollkommen egal ist. Die Herkunft seines Schöpfers merkt man keinem der Kunstwerke an, es ist eine reflektierte, abgeklärte, junge Kunst, die ihre Herkunft von den internationalen Kunstakademien nie verhehlt. Kunst, die näher an Diskursen über Queer Theory, Dekonstruktion und Postironie steht als an irgendwelchen nationalen Fixierungen. Die Umgangssprache ist ohnehin Englisch, auch Brätschs Bilder tragen Titel wie "Blocked Radiant (for Ioana)". Alles very Berlin.
Vom 30. August bis 12. Januar präsentieren die vier Nominierten ihre Arbeit im Hamburger Bahnhof, dem Berliner Museum für Gegenwartskunst. Am 19. September dann trifft sich die Jury aus Okwui Enwezor (Haus der Kunst, München), Luis Pérez-Oramas (MoMA, New York), Kitty Scott (Art Galery of Ontario), Gabriele Knapstein (Hamburger Bahnhof) und Udo Kittelmann (Nationalgalerie Berlin) und gibt einen Gewinner bekannt. Der allerdings kaum noch interessieren dürfte - der Gewinner ist ohnehin die Kunst in Berlin, eine Kunst, die ungebunden ist, flüchtig, migrantisch. Wer sich die Gruppenausstellung angeschaut hat, der hat damit schon mehr über die Kunst gelernt als erwartet: Er hat etwas gelernt über das Denken und die Lebenswelten junger Menschen, im Deutschland des Jahres 2013.
Eine Bildergalerie mit Arbeiten der Preisträger gibt es hier.






