ABER ICH REGE MICH NICHT AUF
Sollen die Menschen doch weiter schlechte Musik hören, Ausländer klatschen oder seltsam wählen. Falk Schreiber mag sie trotzdem. Zumindest bemüht er sich.
Ich habe mich entschieden. Ich will netter von den Menschen denken. Die Menschen, die sind gar nicht so schlimm, wie man denken würde, wenn man welche frisch kennenlernt. Die sind einfach nur ungeschickt und ziemlich dumm. Das erklärt, weswegen sie sich so häufig seltsam verhalten: Sie sitzen mit dir am Tisch und wirken ganz okay, dann aber ziehen sie übers Regietheater her, "man sollte Wagner so inszenieren, wie der Autor sich das Werk vorgestellt hat!" Oder sie hören Mittelalter-Metal, und zwar so laut, dass ich mithören muss. Oder sie wählen eine seltsame Partei, die dann den Außenminister stellt, und hinterher jammern sie, dass sie das nicht gewollt hätten, in ihrer spätrömischen Dekadenz. Oder sie zeugen Kinder, die genauso werden wie sie. Das ist alles schlimm, aber sie sind eben dumm, sie wissen es nicht besser. Man muss geduldig sein.
Ich bin geduldig, ich rege mich nicht auf. Ist doch auch okay, weswegen sollen die Leute nicht ihre Musik hören? Wenn sie ihnen doch gefällt? Wer bin ich, dass ich meinen Lebensentwurf absolut setze, womöglich ist mein Lebensentwurf ja sogar der falsche, jedem Tierchen sein Pläsierchen, und jeder soll nach seiner Façon selig werden. Oder so. Wenn es nur nicht so trostlos wäre: diese ganzen genormten Existenzen in den genormten Vororten mit ihren genormten Freuden. Sie sitzen auf dem Sofa, sie schlucken Bier um Bier, sie hassen einander, und weil sie ahnen, dass dieser Hass binnen kurz oder lang Mord und Totschlag unter ihresgleichen zur Folge hätte, kanalisieren sie den Hass, indem sie ihn auf andere richten. Auf Schwule. Auf Innenstadtbewohner. Auf Ausländer. Auf diejenigen, die mehr mit ihrem Samstagabend anzufangen wissen als Bier und Bier und Ballermann. Manchmal gehen sie dann los und machen sich Luft. Dann fallen sie per S-Bahn in der Innenstadt ein, trinken weiter, lallen einer zufällig vorbeikommenden Frau in den Ausschnitt und brüllen ihr Beschimpfungen hinterher, nachdem sie nicht spontan begeistert reagiert hat. Zum Abschluss geben sie einem Ausländer auf die Fresse. Aber ich rege mich nicht auf.
Man muss die Menschen akzeptieren, wie sie sind. Im Zweifel eben: doof. Wer weiß, vielleicht hätten die Nazis ja Polen nicht überfallen, wenn die Polen die Doofheit der Nazis akzeptiert hätten? Akzeptierende Toleranz nennt man das in der Pädagogik, und es ist blöde, darauf rumzureiten. Außerdem vergiften Nazi-Vergleiche bekanntermaßen jeden guten Denkansatz. Die Einteilung von Menschen in bestimmte Gruppen übrigens auch. Es macht jede These kaputt, sobald man von "den Soundsos" spricht: DIE Muslime. DIE Vegetarier. DIE Fahrradfahrer. Und ich bin voll in die Falle getappt. Im vorigen Absatz ging es ausnahmslos um DIE Vorortbewohner, ich habe mehr oder weniger eine Tatsache konstruiert, dass das ganz schlimme Menschen seien, da draußen, in Pinneberg, in Teltow und in Eschborn. Wer allerdings einmal in einem Innenstadtcafé keinen Tisch mehr fand, weil alle Ecken von Schickimüttern mit ihren platzfressenden Bugaboo-Kinderwagen okkupiert waren, der weiß: Die Menschen in der Stadt sind kein Stück angenehmer als die im Vorort. Die Menschen sind einfach schlimm, hier wie dort. Aber ich rege mich nicht auf.
Ich beobachte nur. Ich beobachte, wie sie ihr lächerliches, trostloses Leben leben, mit Bier im Vorort, mit Soja-Latte in der Innenstadt. Ich weiß, dass es da nie eine Entwicklung geben wird, sie waren früher schlimm, sie sind jetzt schlimm, und sie werden immer schlimm bleiben. Ich rege mich nicht auf, im Gegenteil, ich entwickle Sympathien: Die Menschen sind ja auch irgendwie niedlich, in ihrem verzweifelten Anrennen gegen den Alltag. Ich entwickle Sympathien, und aus diesen Sympathien entwickelt sich Trauer. Das ist der Preis dafür, dass man nett ist, dass man sich nicht mehr aufregt: Trauer. Ich sehe diese hässlichen, zeternden, unglücklichen Menschen, ich weiß, dass sie es nicht schaffen werden. Ich leide mit ihnen. Aber ich rege mich nicht auf.






