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> King Krule

RUHMREICHER ROTZLÖFFEL

Das Londoner Wunderkind King Krule gibt sich als Rabauke - und hat dafür viele gute Gründe.

Von Carsten Schrader

Archy Marshall zieht es vor, sich erstmal zu verbarrikadieren. Kommt er mit seinem misstrauischen, leicht feindseligen Blick nicht weiter, versucht der schmächtige Rotschopf sein Gegenüber mit unverständlichem Gebrummel und HipHop-Sprech auf Distanz zu halten. "Ja, Mann, ich brauch' jetzt dringend 'ne Kippe", nuschelt er, während er sich nervös und umständlich eine dreht. Doch eine vorbereitete, extrem lange Liste lässt ihn alle Vorsicht vergessen: Marshall hört sich die zum größten Teil abstrusen Musikernamen an, mit denen er bereits in Artikeln verglichen wurde, zündet sich seine Selbstgedrehte an, als wäre es ein Joint, und grinst breit: "Es ist verdammt gut, wenn sie sich nicht einigen können. Ich feier' das hart: Niemand kann meinen Style auf den Punkt bringen."

Eine genaue Katalogisierung seines Debütalbums "Six Feet beneath the Moon", das er jetzt als King Krule veröffentlicht, ist auch schlicht unmöglich. Meist sind es nur fragmentarische Gitarrenmotive, denen er Versatzstücke aus ganz unterschiedlichen Genres zur Seite stellt und ihnen mit seinem harten, zugleich aber zerbrechlichen, nackten Gesang die größtmögliche Eindringlichkeit verpasst. "Ich habe ja auch mit dem Songschreiben angefangen, weil ich Musik hören wollte, die es noch nicht gibt", kommentiert er stolz. "Ich wollte all die Dinge zusammenbringen, die ich mag: den Bass vom Dub, Jazzgitarren, das Schlagzeug vom HipHop, punkigen Gesang."

Marshall kassiert nur Lob - und trotzdem ist seine Abwehrhaltung verständlich. Schon vor knapp vier Jahren, als er noch unter dem Namen Zoo Kid unterwegs war, wurde er als 15-Jähriger nach nur wenigen Songs im Netz und gerade mal einer Single als Englands neues Popwunderkind gefeiert. Doch statt möglichst schnell ein Album zu veröffentlichen, legte er sich lieber ein neues Pseudonym zu und feilte weiter an seinen minimalistischen Kompositionen. Das mag zum Teil an seinem Hang zur Perfektion gelegen haben, doch zu einem nicht unerheblichen Teil ist es auch der Angst vor Festlegung und Vereinnahmung geschuldet.

Natürlich ist es verlockend, ihn zum Protagonisten einer neuen, wieder mal verlorenen Generation zu erklären. Als Vertreter jener ADHS-Kids, die die Möglichkeiten des Internetzeitalters clever zu nutzen wissen und gleichzeitig unter der ständigen Verfügbarkeit leiden, fühlt Marshall sich gar nicht so missverstanden. Nur möchte er eben nicht ihr Sprachrohr sein. "Ein Großteil meiner Musik entspringt körperlich spürbarer Wut und Verzweiflung. Ich verstehe mich selbst falsch und versuche einfach nur, mit mir klarzukommen, und gerade weil sich meine Gedanken dazu ständig verändern, kann ich unmöglich die Gefühlslagen einer ganzen Generation berücksichtigen", redet er sich immer mehr in Rage. "Wenn mir ein Satz wirklich etwas bedeutet und ich ihn auf einer Bühne singen kann, so dass er einen weiten Weg zurücklegt, dann ist das ein Glücksgefühl, das mir keine Droge geben kann. Gleichzeitig finde ich es auch fragwürdig, mich in meinem eigenen Leid zu suhlen - aber das ist dann eben der Luxus, den ich mir als Künstler rausnehmen kann", sagt er mit einem bitteren Lachen. "Und mein Privileg als 19-jähriger Musiker sollte es sein, keine unumstößliche Weltanschauung haben zu müssen. Ich will für alles offen sein und mich weiterentwickeln."

Marshall hängt nach, dass die Medien ihn vor zwei Jahren zum Gesicht der London Riots machen wollten. Als nach einem tödlichen Polizeieinsatz die Straßen brannten und Jugendliche ihrem Unmut über die Lebensbedingungen in der britischen Hauptstadt Luft machten, interpretierten Journalisten seine Texte als Manifest des Protests. "Ich lebe in London und kann täglich beobachten, was unsere beschissene Regierung anrichtet", positioniert er sich. "Natürlich fließt das automatisch in meine Lyrics ein, aber es ist ganz klar überinterpretiert, wenn in meine Texte eine politische Intention reingelesen wird und sie zum Flugblatt gemacht werden." Marshall reflektiert die Sprengkraft amerikanischer HopHop-Kultur; auf der Suche nach Musikern, deren Kunst von zu viel Ideologie überschattet wurde, durchstreift er mehrere Jahrzehnte Popkultur. Er erzählt von Freunden, die aggressiven HipHop machen, aber von den Leuten nicht ernst genommen werden, weil sie mit ihm die Brit School, Londons elitäre Pop-Eliteschule, besucht haben und aus deutlich privilegierteren Verhältnissen kommen. "Gerade weil wir uns jederzeit im Internet so komplex und vielschichtig informieren können, halten wir uns am Denken in vereinfachenden Kategorien fest", bilanziert er und verstummt. Plötzlich wirkt er so, als habe er sich selbst bei einem emotionalen Ausbruch ertappt und bereue seine Redeschwall. "Ich will meinen Zuhörern schon vermitteln, dass es vollkommen okay ist, wenn sie wütend sind, und dass es da draußen auch noch andere gibt, die ähnlich fühlen, aber ich habe weder die Ambition noch die Kraft dazu, sie in den Kampf gegen die Regierung zu führen", versucht er das Thema zum Abschluss zu bringen. Plötzlich vermeidet Marshall wieder direkten Augenkontakt, er blickt hektisch in alle Richtungen. Dann erinnert er sich an die Selbstgedrehte zwischen Daumen und Zeigefinger. Sie ist inzwischen längst ausgegangen.

Checkbrief

NAME Archy Marshall
KÜNSTLERNAME King Krule
EHEMALIGER KÜNSTLERNAME Zoo Kid
WEITERE PSEUDONYME DJ JD Sports, Edgar The Beatmaker
ALTER 19
WOHNORT London
GENRE Wave, Jazz, HipHop, Punk, R’n’B, Dubstep
VORBILDER Django Reinhardt, Chet Baker, Ian Dury
MOMENTANE LIEBLINGSMUSIK Jazzfusion
AKTUELLES ALBUM „Six Feet beneath the Moon“