STILLE WASSER
Vom Weimarer Designduo Vilde Svaner blieb nur Anne Gorke übrig. Und auch wenn sie die neue Freiheit längst genießt: Manches an ihrem Job findet sie immer noch zum Fürchten.
Interview: Ellen Stickel
uMag: Anne, 2010 haben wir uns das letzte Mal getroffen, um über das Label Vilde Svaner zu sprechen, das du gemeinsam mit Antje Wolter gegründet hattest. Schon bald darauf warst du solo unterwegs - wie kam das?
Anne Gorke: Bei Antje hat es sich privat einfach anders entwickelt. Sie hat sich dann zurückgezogen, und ich habe alleine weitergemacht.
uMag: Ganz schöne Umstellung, oder?
Gorke: Ja, ich habe dann auch erstmal eine Saison ausgesetzt, um mich zu sammeln und zu überlegen, wie ich das Ganze weitermache - ich war ja von uns beiden auch der eher schüchterne Teil. Ich habe erst einmal einen Moment gebraucht, aber der Drang weiterzumachen war viel größer als die Angst. In der ersten Saison alleine habe ich meinen Namen auch nur ganz zögerlich dazugeschrieben, damit man sah, dass es bei Vilde Svaner eine Veränderung gab. Aber dann zwei Monate später, als die Kollektion in Paris gezeigt wurde, habe ich für das Label dann nur noch meinen Namen benutzt. Ich musste mich rantasten, aber als die Umstellung dann einmal passiert war, kam diese positive Gier auf.
uMag: Vom Duo zum Soloprojekt - wie hat sich das Design entwickelt?
Gorke: (überlegt lange) Puh, das ist schwierig ... Ich bin halt jetzt der alleinige Bestimmer. (grinst) Antje war eher skandinavisch beeinflusst in ihrer Ästhetik, das berücksichtige ich jetzt nicht mehr so sehr. Ich mag mehr Frankreich und Italien, eine andere Art von Weiblichkeit und Eleganz.
uMag: Dir wurde vor einem halben Jahr deine erste Show auf der Berliner Fashionweek angeboten. War das für dich als Quereinsteigerin eine Art Adelsschlag?
Gorke: Ja, aber bei dem ganzen Stress war ich erstmal im Tunnel, ich habe erst als es vorbei war realisiert, was passiert war. Das musste ich erstmal verarbeiten. Jetzt beim zweiten Mal kann ich die Dinge besser einschätzen und Prioritäten anders setzen. Man weiß jetzt auch, dass einige Sachen eher auf romantischen Vorstellungen beruhen. Die Castings zum Beispiel: Den ganzen Tag hier zu fünft zu sitzen und sich 300 Mädchen anzugucken ist echt ... Man muss ja auch den Mädchen immer sagen, nee, du leider nicht, und dann warten die da alle immer schon ... Das war emotional echt belastend für mich.
uMag: Dazu bist du offenbar ein zu netter Mensch.
Gorke: Naja, ich kann schon rigoros werden, wenn wir auf der Zielgeraden vor einer Show sind, aber dann eher zu den armen Menschen, die mir nahe stehen.
uMag: Du hast mal gesagt, vom Gefühl her stünde es dir nicht zu, deinen Namen auf Mode zu schreiben.
Gorke: Ja, ich hatte schon nach der Schule das Gefühl, dass ein kreativer Studiengang nichts für mich ist, ich dachte: Darauf hat jetzt keiner gewartet. Da musste ich mich erstmal ein bisschen frei schaufeln. Ich bin dann halt einen anderen Weg gegangen und immer meinem Herzen gefolgt.
uMag: Wenn du auf einer Party gefragt wirst, was du machst, was sagst du dann?
Gorke: Das kommt tatsächlich auf den Gesprächspartner an und auf meine Tagesform. Ich sag zwar schon, dass ich mein eigenes Label habe, aber manchmal nuschel ich das mehr in mich rein.
uMag: Dann kommt wahrscheinlich auch jedesmal die Frage: Mode aus Weimar?
Gorke: Ja, immer! Und jedesmal werde ich auch gefragt: warum ökologisch? Dann sag ich: warum nicht?
uMag: Man mag es kaum glauben: Deine Show war die erste Catwalkshow eines Ökolabels in Berlin ...
Gorke: Ja. Es gab zwar vorher schon einige Offsitesachen speziell für grüne Mode, aber ich finde es viel spannender, mich ganz einfach zwischen die anderen zu stellen. Ich mache ja keine Mode, weil ich gerne ökologisch arbeiten möchte oder den Absatz von Biobaumwolle erhöhen will. Mir geht es darum, dass es cool und normal ist, dass man verantwortungsbewusst arbeitet. Ich verstehe auch nicht, dass das immer noch so ein Aha-Ding ist, dass man ökologisch arbeitet.
uMag: Die Berliner Zeitung hat deine Mode im Januar als brav und züchtig bezeichnet. Ärgert dich sowas?
Gorke: Ich habe den Februar jedenfalls mit Verarbeiten verbracht. Aber viele Dinge, die nach meiner ersten Show geschrieben wurden, bin ich unter Aufsicht meiner Geschäftspartnerin und meines Freundes sehr konstruktiv durchgegangen. Die beiden haben sie ohne meine Emotionalität gelesen, und dann war es spannend, sich damit auseinanderzusetzen, wie die eigenen Kleider wahrgenommen werden. Mit brav kann ich total gut leben, ich weiß, dass ich ästhetisch eher stiller bin. Und das Twin-Peaks-Thema der "Nightingales"-Kollektion ist ja auch so angelegt: brav mit innerlichem Widerstand. Ich komm tendenziell auch lieber hinten durch die kalte Küche - großes Brimborium sollen lieber andere machen.
Kurzfilm "Two: The Tale of the Bloody Marys" mit Sandra Hüller - zur Sommerkollektion 2013:
Checkbrief
NAME Anne Gorke
AUS Weimar
EX-LABEL Vilde Svaner
HAT SICH das Designerhandwerk selbst beigebracht
SETZT konsequent auf nachhaltige Produktion
LIEBT Filme, Bäume und HipHop
DREHT gerne Kurzfilme zu ihren Kollektionen, z.B. mit Sandra Hüller
BEHAUPTET „Die Klamotten kommen mehr rum als ich“
www.annegorke.com




