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Foto  - NACHBERICHT: BERLIN FESTIVAL 2013
Foto: Stephan Flad

NACHBERICHT: BERLIN FESTIVAL 2013

Carsten Schrader und Lasse Nehren waren beim Berlin Festival und haben auf dem stillgelegten Tempelhofer Flughafen alte Helden und neue Lieblinge erlebt. Und mit dem Auftritt von Björk sogar noch einen Eintrag von der ewigen bucket list streichen können.

So langsam wissen wir gar nicht mehr, wie wir ob unversandter Tweets, zusammenbrechender Netze und der damit einhergehenden ausbleibenden Liveberichterstattung reagieren sollen. Überschwängliche Entschuldigungen? Trotzige Verweise auf die Unkontrollierbarkeit des Universums? Oder doch nur phlegmatisches Schulterzucken? Wir mögen dabei vielleicht merkwürdig aussehen, doch wir versuchen es mal mit einem Kompromiss aus allen dreien. Und reichen an dieser Stelle mit spickendem Blick auf daheimgebliebene Tweets und den Timetable unsere Rückschau nach. Nur am Rande sei bemerkt: Donnerknispel!, war das ein Wetter, liebes Berlin.

Freitag

Bastille
Das Projekt um den Singer/Songwriter und David-Lynch-Aficionado Dan Smith präsentierte sich wie erwartet: bombastisch und sympathisch. Neben einigen von Smith und einem Bandkollegen inszenierten Momenten angemessen dramatischen Co-Trommelns auf einer von zwei freistehenden Drums gab es leider wenig Mitreißendes an einem Auftritt, dem man im Grunde ebenso wenig vorwerfen kann. Es war: okay. Womöglich gar gut. Und doch, der Funke sprang nicht über. Oder man hat ihn im gleißenden Sonnenlicht schlichtweg nicht erkennen können. Wobei: Das Cover von "Rhythm of the Night" entlarvt uns schließlich doch jedes Mal wieder als Hithuren.



Capital Cities
Ein merkwürdiger Auftritt, der uns mit ambivalenten Gefühlen zurückließ. Ist diese Pose mit den aus der Zeit gefallenen Boyband-College-Jacken im Einheitslook - und eingesticktem Bandnamen, versteht sich - eigentlich ironisch? Und wie verhält es sich mit dem - nein, wir belieben nicht zu scherzen - Capital-Cities-Shuffle, den zu tanzen uns die Amerikaner beigebracht haben? Und so ganz einig, ob man einigen Mitgliedern schlichtweg ungetrübtes Frohnaturentum oder doch eher unangenehmes Animateurgehabe nahelegen möchte, ist man sich auch nicht. Absolutes Highlight: Der drahtige Trompeter. Fazit: Irgendwie besser als erwartet.

The Sounds
Wir geben zu, uns nicht wahnsinnig bemüht zu haben, zum Auftritt von Maja Ivarsson und Co. rechtzeitig aus der Mittagspause zurückzukehren. Seit dem phänomenalen "Dying to say this to you" hat es kein Album mehr in unseren Plattenschrank geschafft, und beim bloßen Denken an die mit stumpfem Elektropop vollgestopften Nachfolger schaudert es uns gar ein wenig. Festgehalten sei lediglich: Zu alten Lieblingen wippen wir noch immer mit, und Frau Ivarsson ist die Punkrockgöre auch im klassisch geschneiderten Outfit nicht auszutreiben.

Villagers
Ach, Conor. Nein, nicht Oberst. Conor J. O'Brien, nämlich. Der Worte muss man eigentlich nicht viele verlieren, denn die irische Band um den unscheinbar-charismatischen Musiker bezaubert einfach. O'Brien changiert zwischen zartem Gesang und selbstvergessenen Schreien durch von gleißend weißem Licht begleitete Gitarrengewitter und entwickelt so nicht nur den Ansatz, den bereits seine Platten in sich tragen, weiter, sondern trifft uns mit beiden Extremen ins Herz. Die Songsauswahl aus den beiden Alben der Band gestaltete sich ausgewogen und ließ, zumindest bei uns, keine Wünsche offen. Ach, Conor.



Fenech-Soler
Oh. Mein. Gott. Wir sind uns nicht sicher, ob Fenech-Soler einer unwahrscheinlichen Reihung von soundbedingten Pechmomenten zum Opfer gefallen sind, oder ... ? Ja, was eigentlich? Fakt ist, dass es überhaupt nicht in Frage kam, unsere Trommelfelle einer solch brutalen Einwirkung auszusetzen, ohne dafür zumindest mit erkennbaren Melodien entschädigt zu werden. Schade, mal wieder, aber wenn man nicht einmal "Lies", den Hit der ersten Platte, erkennt, ohne ganz genau hinzuhören, dann, naja: nein.

Get Well Soon
Viel Zeit bleib nicht für Konstantin Gropper und Band, da wir zeitig zu den Pet Shop Boys hinübereilten. Und doch genug Zeit um Herrn Gropper ein wirklich gut gelungenes Stück Konzert zu attestieren. Auch in seiner neuen Opulenz wirkt er inzwischen ganz natürlich, und die getragen inszenierten Stücke haben mit Fülle und Dichte überzeugt. Aber wer sich die Wahlberlinerin Cherilyn MacNeil alias Dear Reader als Vokalunterstützung für das gesamte Konzert auf die Bühne holt, hat unsere Sympathien ohnehin bereits gewonnen.

Pet Shop Boys
Während der ersten Songs entspann sich noch eine schräge Dynamik, die darin bedingt war, dass unterkühlt-harte, äußerst tanzbare Elektrobeats sich um Refrains rankten, die, seien wir ehrlich, so viel Schub vermissen ließen, wie sie schmonziges Pathos über hatten. Man groovte sich dann aber nicht nur dank Klassikern wie "Suburbia" ein und ließ sich von den theatralen Visuals sowie Tänzern vereinnahmen, die mit ihren Tiermasken Stravinskys "The Rites of Spring" zitierten. Die Twitterwall zierten indes wiederholt Witzeleien derart, wann Daft Punk denn wohl endlich "Get lucky" spielen würden. Ein Eindruck, der sich besonders einprägte: Es ist wirklich erstaunlich, wie viel Tanzmusik der heutigen Tage das britische Duo wahlweise inspiriert oder vorweggenommen hat. Und so waren wir, trotz temporärer immenser Soundprobleme, während denen der Backingtrack unkontrolliert sprang und stockte und die Künstler (nicht die Tänzer) die Bühne verließen, insgesamt doch versöhnt. Immerhin kam der Gesang nicht auch vom Band. Puh.



Left Boy
Nach der Vergangenheitsbewältigung war uns ein wenig urban zumute, so dass es uns zu Ferdinand Sarnitz alias Left Boy verschlug, einem 24-jährigen Wiener mit augenscheinlich diebischer Freude an ausgefallenen Samples: Das Spektrum reichte von Vanessa Carltons Schnulzballade "Thousand Miles" über Lana del Reys "Video Games" und Carly Rae Jepsens "Call me maybe" bis hin zur "Pirates of the Caribbean"-Titelmelodie und bewegte sich darüber hinaus zwischen HipHop, Dubstep und Elektro. Hübsch anzuschauen waren auch seine, wenn wir richtig gezählt haben, sechs Doubles, die ihn in Einheitskluft stets wie Schatten auf der Bühne umgaben und nur scheinbar ebenfalls in Mikrofone rappten. Für ein kurzes Bounce-Intermezzo allemal tauglich. Da lässt man auch Pose mal Pose und Texte mal (...) sein.



John Talabot
Nachdem der spanische DJ und Produzent bereits auf dem Dockville mit seinem DJ-Set überzeugte, hat er auf dem Berlin Festival bewiesen, dass auch seine eigene Songs Live bestens funktionieren. Highlight war, natürlich, "Destiny". Und mehr, als dass wir das Set komplett durchgetanzt haben, kann und muss man an dieser Stelle kaum mehr sagen.

Danach ging es mit Siriusmo und dem großartigen Set einer äußerst animierten Miss Kittin noch eine Weile auf die Tanzfläche des Club XBerg, die man schließlich nach den ersten Klängen des Boys-Noize-Sets wieder verließ - nicht notwendigerweise aus Qualitäts- sondern Müdigkeitsgründen.


Samstag

S O H N
Nachdem wir für eine halbe Stunde bei Is Tropical reingeschaut haben, die mit überraschend gutem Sound und lässig rauchend zu überzeugen wussten, erwartete uns die erste Irritation, nein: der erste Schock, denn: Als wir pünktlich um 17.30 auf den Post-Dubstep-Frickler S O H N warteten, erklangen plötztlich erste Klänge des Sets von Matias Aguayo, und, wir sagen euch, die hastig getauschten Blicke dürften reif fürs Museum gewesen sein. Eine Klärung ergab: verschoben auf 19.00. Na gut. Also nach ein wenig mäßig gelangweilten Herumstehen bei White Lies zu Savages, und dann, endlich. Wie bereits auf dem Appletree Garden Festival sorgte der gebürtigen Londoner und Wahlwiener mit seinen sphärischen, von pointierten Effekten durchzuckten Klängen für entrückten Digitalcharme und somit für einen der Höhepunkte des Wochenendes. Und das, obwohl er frustrierenderweise nach einer guten halben Stunde - wir schätzen: Probleme bei der Neuordung des Timetables - bereits sein Set beenden musste. Doch mit "Red Lines", "Oscillate", "The Wheel" (...) sowie einer angeblich sehr, sehr bald erscheinenden Single namens "Lessons" hat uns der überraschend aufgeräumt wirkende Soundtüftler, zu dessen elegischen Songs der clean-cut-Look kaum recht passen will, nunmal einfach im Sack.



Savages
Die Erwartungen an das Liveset der vier in London ansässigen Künstlerinnen war hoch, soviel kann man sagen. Ihr zwischen (Post)Punk und Noise schrammelnder Sound verweigert sich so sehr den gängigen Maßstäben und Verhältnismäßigkeiten und schert sich einen Dreck um Songstrukturen, und dann ist da auch noch diese Aura, düster, arrogant, auf entsexualisierte Art anziehend. Nachzuvollziehenderweise hat es bereits Spekulationen um die - Achtung, Unwort! - Authentizität der fatalistisch tönenden und wirkenden Band gegeben. Und wir möchten es einmal so sagen: Wenn Jehnny Beth, Gemma Thompson, Ayse Hassan und Fay Milton, die sich erst 2011 als Savages zusammentaten und in diesem Jahr ihr Debütalbum "Silence yourself" via Pop Noir, Beths eigenes Label, veröffentlichten, in der Lage sind, sich (nach so kurzer Zeit) so natürlich zu inszenieren ... dann soll es unseretwegen eben Pose sein. Ayse Hassan am Bass spielt fünfundneunzigkommasieben Prozent der Zeit mit geschlossenen Augen, kaute süffisant Kaugummi und wirkte so genuin unbeeindruckt, dass man sie nur um ihre Coolheit beneiden konnte. Gemma Thompson an den Gitarre blickt nicht ein einziges Mal merklich von ihrem Instrument auf, hält es konzentriert und fest, gänzlich im Moment gefangen. Fay Milton spielt auf unkonventionelle und selbstsichere Art die Drums. Und Jehnny Beth, die eigentlich Camille Berthomier heißt, steht im Zentrum der Formation, beobachtet eindringlich ihre Komplizinnen, wandert umher, spürt die Musik, doch verfällt ihr nie. Sie wirkt wach, aufmerksam. Und das waren wir dann auch.



Casper
Ach, was will man sagen. Es macht einfach Spaß, Benjamin Griffey auf der Bühne zuzuschauen, ihn rappen, schreien und herumspringen zu sehen. Der Feuilletonliebling kann sich eben auch Songs wie "Mittelfinger hoch" leisten, ohne dabei die Indiefans zu verprellen. Okay, ja, die Ansage, er würde zwar nicht ganz in das Lineup des Festivals passen, und ob sich denn womöglich trotzdem ein paar Leute freuen würden, dass er dort sei, war schon, lieber Benjamin, ein wenig billig. Ziemlich sogar. Doch wir verzeihen dir und deiner Reibeisenstimme. Schließlich haben wir uns im Interview für das nächste uMag davon überzeugen lassen, dass du ein grundsymathischer Kerl bist.



Björk
Schweren Herzens ließen wir Pool links liegen, um uns für das isländische Faszinosum die Beine in den Bauch zu stehen. Und der Auftritt der Sängerin hat uns dies nicht bereuen lassen. Wie erwartet, Björks Auftritt hat den Begriff Performance wahrlich verdient. Exzentrisch, aufwändig, eigenständige Kunst. Das Gesicht der Sängerin war, gänzlich umhüllt von Leuchtstäben, die ihren Kopf zu einer von Lichtimpulsen durchzuckten Kugel formten, kaum erkennbar. Ihre kindliche Art des Tanzes auf der einen und ihr exaltierter, bemerkenswert klarer Gesang auf der anderen Seite reiben sich nicht aneinander, sondern ergeben ein Bild von exzentrisch-naiver Ambivalenz und Schönheit. Getragen, beatlastig, dramatisch, mystisch, enigmatisch - zwischen Lieblingen wie "Joga", einem etwa 12-köpfigen Chor junger isländischer Sängerinnen und Visuals von auseinanderdriftenden Erdplatten bis Zeitrafferaufnahmen sich fortbewegender Seesterne wurde dieses Konzert zweifelsohne ein ganz besonderes. Sogar die vorausgeschickte Bitte Björks, man möge lieber Teil ihrer Performance sein, als mit dem Fotografieren derselben beschäftigt zu sein, fügte sich dank ihrer charmanten Wortwahl perfekt ein. Danke, Björk.



Fritz Kalkbrenner
Zugegeben, ja, es ist nicht einfach, nach einem Auftritt von Björk nicht trivial zu wirken. In der Hinsicht war das Set des Berliners allerdings auch wenig ambitioniert: Festival-Afterhour bei vorhersehbaren Drops und uninspirierter dramaturgischer Langeweile, die wir uns lediglich antaten, weil wir nach Björk glücklich und geschafft auf dem Rollfeld herumsaßen, ohne Kraft, noch zu Pantha Du Prince hinüberzuwandern.

10 Jahre Ed Banger
Den Auftritt von Thibault Berland alias Breakbot verpassten wir leider. Und der Rest der Labelfete konnte uns leider wenig abgewinnen. Irgendwie schon nicht schlecht. Aber irgendwie auch ziemlich durch. Spannend ward es in der Nacht zum Sonntag jedenfalls nicht mehr.