OHNE FILTER
Die Schauspielerin Léa Seydoux überzeugt mit Natürlichkeit. Eindeutig ein Talent - doch nicht immer eine Tugend.
Von Lasse Nehren
Als ich nach der Vorführung von "Blau ist eine warme Farbe" aus dem Kino trete, wirkt der Film noch in mir nach. Immer wieder rauschen einzelne Szenen vor meinem inneren Auge vorbei: Léa Seydoux, wie sie als Kunststudentin Emma die Schülerin Adèle kennenlernt und ebenso forsch wie abgeklärt mit ihr flirtet. Léa Seydoux, wie sie in Rage flucht und schreit und schubst. Léa Seydoux, wie sie nach der Trennung von Adèle dasitzt, gefangen zwischen Liebe und Pragmatismus. Das Spiel der 28-jährigen Pariserin ist von einer so rohen Kraft, dass einem die Natürlichkeit ihrer emotionalen Darbietung nicht mehr aus dem Kopf geht. Der Film begleitet die beiden jungen Frauen von den Anfängen einer intensiven Beziehung bis zu deren Ende und noch darüber hinaus. Interesse, Leidenschaft, Eifersucht, die kalte Schulter: Seydoux lässt sich von Regisseur Abdellatif Kechiche, dessen Pendaterie bezüglich größtmöglicher Natürlichkeit bekannt ist, zu Glanzleistungen antreiben. Sie beeindruckt. Und sorgt so dafür, dass meine Vorfreude auf das Interview mit ihr zu einem nervösen Gemisch aus Neugier und Unsicherheit zerfasert. Kennt man: Jeder projiziert eine tiefenscharf gespielte Rolle gerne auf die Person, die sie verkörpert hat. Professionell ist das nicht.
Am Abend vor dem Treffen sichte ich auf Youtube Interviewmaterial mit der Schauspielerin, um ihr immergleiche Fragen zu ersparen. Seydoux scheint keine einfache Interviewpartnerin zu sein, so wie sie da wuselt und albert. Na gut, beruhige ich mich: Das war direkt nach Cannes, nachdem sie die Goldene Palme gewonnen hat, als sie unter medialer Dauerbefeuerung stand. Da kann man mal einen schlechten Tag haben.
Nach einem teuren Pariser Kaffee betrete ich am nächsten Tag das noch teurere Pariser Hotel, um die beiden Aktricen und danach Regisseur Abdellatif Kechiche zum Gespräch zu treffen. Léa Seydoux begrüßt mich mit müder Höflichkeit oder höflicher Müdigkeit oder irgendetwas dazwischen. Sie scheint geschafft, was sowohl nachvollziehbar als auch verzeihbar ist. Was Seydoux im Gespräch preisgibt, ist allerdings mehr als Müdigkeit. Beziehungsweise: weniger.
Ob es nicht schwierig sei, unter Kechiche zu arbeiten, der einerseits für sein Verlangen nach uneingeschränkter Natürlichkeit bekannt ist, andererseits berüchtigt dafür, einzelne Szenen stunden- oder gar tagelang immer und immer wieder einspielen zu lassen.
"Ja, es ist schwer."
Genauer: Ob es nicht schwer sei, nach zig Takes noch die Verbindung zum porträtierten Charakter aufrecht zu erhalten.
"Ja."
Es sei schließlich kaum vorstellbar, sich nach extensiver Wiederholung noch fallen lassen zu können.
"Mhm."
Halbsätze, Abbrüche, ton- und motivationslose Gesten. Keine Lust, sich zu erklären. Ihr Blick schweift durch den Raum, vielleicht auf der Suche nach jemandem, womöglich nur nach irgendetwas, das spannender sein könnte als ein Interview.
Einmal wird sie dann doch noch richtig wach. Wir sprechen - oder: versuchen es - über ihre Beziehung zu den Figuren, die sie spielt. Gefragt, ob sie diese auch abseits der Arbeit mit sich herumträgt, wie es Schriftsteller manchmal beschreiben, antwortet sie: "Nein, weil die Figur aus dir selbst entsteht und nicht außerhalb deiner selbst." Auf das Geständnis hin, nicht genau zu verstehen, wie sie dies meine, erwidert sie gereizt: "Und ich verstehe die Frage nicht!" Sie wendet sich ab, bestellt einen Kaffee - und fragt mich, ob ich ebenfalls einen möchte.
Blitzt hier für einen Augenblick die private Léa Seydoux durch die distanzierte, ja abweisende Person, die vor mir sitzt? Eine Léa Seydoux, die zumindest einen gegenseitig respektvollen Umgang wahrt? Von Wechselseitigkeit ist im Gespräch nur wenig zu spüren, Seydoux antwortet nur selten mit mehr als zwei knappen Sätzen. Ich laufe ins Leere beziehungsweise an ihrem Schulterzucken auf. Die Aussage "Ich weiß es nicht" ist kein kommunikativer Platzhalter, um Bedenkzeit zu bekommen. Es bedeutet schlichtweg: Ich weiß es nicht. Gefühlt: Es interessiert mich auch nicht. Punkt.
Offenbar besitzt die 28-Jährige keinerlei Interesse an einer öffentlichen Präsenz, die sich über die Dauer ihrer Filme hinaus erstreckt. Zugleich aber erblickt man sie auf etlichen Magazinen: nur von einem transparenten Tuch verdeckt, im abgeschminkten Lotterchic, in schlichtem Schwarz - die Inszenierungen reichen weit über Promoverpflichtungen hinaus, die ein Film mit sich bringt. Der Unterschied liegt in der eindeutigen Rollenzuweisung: Sie ist einfach da, und wir schauen.
Seydoux ist fleißig. Während der vergangenen sieben Jahre spielte sie in 20 Filmen, unter anderem kleine Rollen bei Woody Allen, Ridley Scott und Quentin Tarantino, doch erst mit "Blau ist eine warme Farbe" wurde ihr die Aufmerksamkeit eines breiteren Publikums zu Teil. Die Reaktionen auf ihr Spiel sprechen für sich. Sich im Gespräch über ihre Arbeit fordern zu lassen, ist aber das Letzte, was Léa Seydoux möchte - ihre Reaktion: Sie spricht nicht. Sie ist Schauspielerin, ein gute dazu. Sie hat ihren Teil beigetragen. Den Rest sollen andere verantworten.
Checkbrief
NAME Léa Seydoux
ALTER 28
GEBOREN in Paris
BERUFE Model und Schauspielerin
WOMÖGLICH GESEHEN IN „Midnight in Paris“, „Inglorious Basterds“, „Robin Hood“ und „Mission: Impossible – Phantom Protokoll“
AUSZEICHNUNGEN Sie erhielt zwei Nominierungen für den französischen Filmpreis César; bei den Filmfestspielen in Cannes gewann sie dieses Jahr neben ihrer Filmpartnerin Adèle Exarchopoulos die Goldene Palme
TRADITION Ihre Familie ist tief in der französischen Filmlandschaft verwurzelt: Großvater Jérôme Seydoux war Geschäftsführer von Pathé, Großonkel Nicolas Seydoux ist derzeitiger Geschäftsführer von Gaumont – zwei der bedeutendsten Filmproduktionsfirmen des Landes
AKTUELLER FILM „Blau ist eine warme Farbe“ startet am 19. Dezember






