DER RAUSSCHMEISSER
Mein Name ist Nathan Dietz. Ich bin 29 Jahre alt und Manager bei einer sehr
großen Consulting-Firma. Meine Arbeit besteht darin, Leute auf die Straße zu
setzen. Am Ende dieses Textes wird man verstehen, warum ich gekündigt habe.
Protokoll: Daniel Schoeps
[*Montagmorgen*]
Ich stehe nackt im Badezimmer und betrachte mein Gesicht in dem getönten Kristallspiegel. Es ist noch dunkel draußen. Ich ziehe mich an und trinke ein Glas Grapefruitsaft. Während ich meine Krawatte binde, rufe ich Rolf an. Rolf ist mein Taxifahrer. Seit knapp drei Jahren fährt er mich jeden Montagmorgen zum Flughafen. Anfangs dachte er noch, er müsste mich dabei unterhalten. Jetzt weiß er, dass er mehr Trinkgeld bekommt, wenn er ruhig ist.
Mein Name ist Nathan Dietz*. Ich bin 29 Jahre alt, Manager bei einer sehr großen Consulting-Firma, und ich befinde mich auf dem Weg zur Arbeit.
Montagmorgen ist immer spitze!
Telefonisch einchecken, Ticket aus dem Automaten ziehen und total sauer sein, wenn man nicht den Sitzplatz 1 A bekommt. Alles andere ist nämlich für Schwächlinge. Und dann musst du den �Walk Of Shame� antreten. Durch den Flieger! Und das ist die Höchststrafe, weil dich alle so mitleidig angucken. Ich frage mich, wie das die Leute durchhalten, die Economy fliegen. Die müssen ja jeden Morgen die totale Sinnkrise kriegen �
[*Senator*]
[/�Wir fliegen geradewegs in die Dunkelheit, ich starre aus dem Flugzeugfenster auf eine sternlose, schwarze Leinwand hinter dem Fenster, lege eine Hand ans Fenster, das so kalt ist, dass meine Fingerspitzen taub werden, und stiere auf meine Hand, dann löse ich die Hand vorsichtig vom Fenster ��
Bret Easton Ellis: Die Informanten/]
Kein Tourist kennt die Hierarchie in Flugzeugen.
Ganz oben steht der �Hon�. Den höchsten Status bei der Lufthansa kennen nicht mehr viele, aber inoffiziell gibt es ihn noch. �Hons� sind Prominente oder Senatoren mit einer unglaublichen Ansammlung von Statusmeilen. Im Zweifel zu viele Projekte in Brasilien oder Kuala Lumpur.
Den regulären Senator erkennst du an dem roten Schild am Koffer. Da steht nicht etwa der Name drauf, sondern da ist die goldene Senator-Karte drin, damit die Stewardessen auch sofort erkennen, mit wem sie es zu tun haben.
Der �Frequent Traveller� hat ein silbernes Schildchen, und du fragst dich, warum er es überhaupt an sein Gepäck heftet � wahrscheinlich aus Angst, seine Koffer zu verlieren.
Bei uns, den Jungs in den dunklen Anzügen, heißt Silber: entweder Frischling oder zu viel Zug gefahren � wahrscheinlich nach Jena oder Wolfsburg.
Senatoren werden nur in Reihe eins mit Nachnamen angesprochen.
In Reihe eins heißt es: �Guten Morgen, Herr Dietz, was möchten Sie heute lesen?�
In Reihe zwei heißt es nur noch: �Welche Zeitschrift möchten Sie gerne haben?�
Verstehen Sie jetzt, wie wichtig es ist, Montagmorgen in der ersten Reihe zu sitzen?
Du sitzt auf deinem Platz, hast schlechte Laune und verweigerst die Nahrung. Das einzig Erfreuliche ist der Gedanke an dein Meilenkonto und den Freiflug, den du vielleicht in fünf Jahren in Anspruch nehmen kannst. Davon träumst du dann morgens um acht, während die Maschine abhebt: Urlaub, Singapore Airlines, First Class und Stewardessen beleidigen.
Aber montagmorgens bist du noch zu müde zum Stewardessen beleidigen. Da schläfst du einfach nur ein. Auf Platz 1 A.
[*Arbeit*]
[/�Ein sehr fleißiger Rechtsanwalt, der oft zwölf Stunden am Tag oder mehr arbeitete und behauptete, er sei von seinem Beruf so in Anspruch genommen, dass er keine Langeweile kenne, hatte folgenden Traum: �Ich sah mich an meinem Schreibtisch im Büro sitzen, aber ich hatte das Gefühl, ein lebender Leichnam zu sein. Ich höre, was vorgeht, und sehe, was die Leute machen, aber ich habe das Gefühl, dass ich tot bin und dass mich alles nichts mehr angeht�.�
Erich Fromm: Anatomie der menschlichen Destruktivität/]
Manchmal merkst du erst nach acht Stunden, dass du acht Stunden regungslos in genau der gleichen Position verharrt hast. Und deine Augen fangen an zu brennen, weil du auch die gesamten acht Stunden nicht geblinzelt hast. Dein Rücken meldet sich, wenn das Telefon klingelt. Dann fängst du an zu träumen. Von Sport, von Frauen, dem Leben, der Welt, dem World Trade Center, und du bist dir sicher, dass sogar ein Platz auf einem Stein in Afghanistan jetzt angenehmer wäre als dieser Bürostuhl.
Und das ist ein schönes Bild, denn das ist noch einer der besseren Tage. Einer der Tage, an denen dich alle in Ruhe lassen.
Denn an den meisten Tagen bist du an der Front.
An der Front geht es um Geld. 20 Millionen Euro, 100 Millionen Euro oder eine Milliarde Euro. Man nennt das: Kostenlücken schließen. �In and out.� �Alles aus der Bude rauszerren.�
Wie das geht? Erst setzt du das Target, und dann machst du deine Jungs scharf. Einen für den Einkauf, den anderen in die Fertigung, den nächsten in den Vertrieb. Und wenn sie zurückkommen, haben sie oft so ein Leuchten im Gesicht und ein paar Familienväter in der Regel keinen Job mehr.
Dann wird weiter reduziert.
An einem Tag zwei Millionen Euro, am nächsten noch mal so viel und so weiter. Jeden Tag.
Wenn du Glück hast, geht was im Einkauf. Da guckt man immer zuerst, ob was zu holen ist. Die Deutsche Bahn zum Beispiel hat ein Einkaufsvolumen von ein paar Milliarden Euro � vom Bau des Streckennetzes bis zum Kuli für die Tippse. Spar da mal ein paar Prozent ein � so viel Personal kannst du gar nicht rausfeuern.
Du gehst durch die Werke, die Fabriken. Guckst dir das alles �nen halben Tag lang an, und am nächsten Tag bekommt der Werksleiter ein Fax, auf dem steht, wie viel er einzusparen hat. Da steht dann beispielsweise 1,3 Millionen Euro, und der ruft dich an und fragt, ob du vielleicht �nen Dachschaden hast. Und dann erklärst du ihm das Ganze. Das war�s eigentlich.
Zum guten Schluss bastelst du noch eine neue Struktur. Eine Managementebene weg, Kapazitäten final justieren (macht noch mal drei Millionen Euro), das Ganze mit dem Vorstand abstimmen � und es gibt ein paar mehr, die unsere Sozialkassen belasten.
Für so ein �Blutbad� gibt es bei uns tausend Begriffe: Kapazitäten reduzieren oder freisetzen, ausphasen, Outcouncelling und so weiter. Ich nenne das immer FTEs* 100% variabilisieren#.
Und dann machst du auf deinem Papier einen dicken Strich.
Ob mich die Leute in den Firmen hassen? Na ja, den Job machst du bestimmt nicht, weil du der Mitarbeiter des Jahres werden möchtest. Wenn du Glück hast, gibt es vom Vorstand �ne Einladung zum Essen, weil du ihm die unangenehme Arbeit abgenommen hast.
[*Die Anderen*]
[/�In dem schäumenden Gewirr und Kampfgewühl da unten aber offenbarte sich erst recht, wie weit die Blutgier der Haie geht. Nicht nur, dass einer nach den hervorquellenden Eingeweiden des andern schnappte, nein, sie krümmten sich wie die Flitzbogen und fraßen die eigenen auf, die dann immer aufs neue aus der klaffenden Wunde hervortraten, nur um immer von demselben Maul verschlungen zu werden.�
Herman Melville: Moby Dick/]
Meine Kollegen sind alles ziemlich junge, karrieregeile Typen. Irgendwas zwischen 25 und 35. Mehr Männer als Frauen. Viele von denen sind schon verheiratet. Viele saufen. Koks und Nutten gibt es auch, darüber wird allerdings nicht geredet. Berater sind nun mal in der Regel Männer ohne Moral, die nachts einsam in Kingsize-Hotelbetten liegen.
Es gibt ein paar Regeln in unserem Geschäft, die du ziemlich schnell kapierst.
Regel Nummer eins: keine Schmerzen. Du darfst nicht mal zucken, wenn ein Kollege dir eine glorreiche Geschichte erzählt, um dir zu suggerieren, dass er der geilere Typ von euch beiden ist.
Denn darum geht es in der Regel.
Wenn es richtig weh tut, dann setz einen obendrauf. Sicherer und wirkungsvoller ist aber, ihn mit Ignoranz und demonstrativer Langeweile zu strafen. Am besten, du schläfst ein, während er redet. Das können aber nur die ganz harten Typen.
Es geht immer darum, dem anderen klarzumachen, dass man härter ist als er. Ganz beliebt ist auch, Leute für sich springen zu lassen, am besten nach 22.00 Uhr. Danach zusammen einen trinken bis 2.00 Uhr, den nächsten Termin für morgens 7.30 ansetzen und sich mit �Bis gleich!� verabschieden.
Regel Nummer zwei: Wenn die miserable Performance eines anderen auf dich abzufärben droht, dann mach deutlich, dass das Problem auf keinen Fall bei dir liegt.
Da gibt es natürlich verschiedene Wege. Wichtig ist aber, dabei nie direkt über den Leitwolf zu gehen. Optimal läuft die Sache natürlich, wenn du im richtigen Setting innerhalb von drei Sekunden die Logik auf dem Flipchart besser erschließt als dein Gegenüber nach zehn Tagen Arbeit. Auch so was kommt vor.
Wie unsere Kunden so sind? Stell dir jemanden vor, der in �nem Bürohochhaus acht Stunden am Tag arbeitet. Im Zweifel sehen unsere Kunden genauso aus wie Sachbearbeiter im Finanzamt. Ganz normale Spießer. Wie früher, wenn du zu Besuch bei irgendwelchen Miezen warst, und Papa kam die Treppe runter. Und du hattest vorher gehört, der Papa hat irgendwie Asche.
Ich stell mir das immer so vor: Der hat zu Hause zwei Kinder, die sind 15 und 18 und lassen sich bumsen von so Typen, wie man selber früher war. Papa kommt die Treppe runter mit kurzen Hosen, und Mutti ist dicklich, hat Dauerwelle, und die beiden haben so ihren Rhythmus seit 15 Jahren. Und er geht jeden Morgen in seinen Bürohochhausbunker.
Ganz normale Leute halt.
[*Essen*]
[/�In der tief unter der Erde liegenden, niedrigen Kantine rückte die Schlange der Mittagsgäste nur langsam voran. Der Raum war bereits gedrängt voll, und es herrschte ein betäubender Lärm. Von dem Herd hinter dem Ausgabetisch stieg der dicke Dampf eines Eintopfgerichts auf, mit einem säuerlich-metallischen Geruch, der die Dünste des Victory-Gins nicht ganz überdeckte.�
George Orwell: 1984/]
Jeden Morgen sitzt du im Hotel vor einem immer gleichen riesengroßen Buffet und isst immer das Gleiche. Einfach, weil du keine Zeit hast, darüber nachzudenken, ob du mal was anderes essen willst.
In der Schwerindustrie isst du mittags in Kantinen. Wenn du �ne Bank berätst, ist das anders. Die sind in Städten, und du kannst dir aussuchen, wo und was du essen willst.
Aber in der Pampa gibt es Kantinenfraß. Der Ablauf ist genau getaktet: reingehen, Tablett nehmen und einen Riesenberg drauf kriegen, weil die natürlich glauben, du bist genauso ein Bauarbeiter wie alle anderen hier.
Und das isst du natürlich in genau fünf Minuten, weil alle total schnell essen, besonders wir. Wir schaffen es, unsere drei Gänge: Suppe, Hauptspeise, Nachspeise plus einem halben Liter Cola in sieben Minuten zu verspeisen. Das fühlt sich danach so an, als hätte dir jemand einen Gewehrkolben in den Magen gerammt.
Und nachmittags in den Meetings musst du immer diese Kekse essen. Diese ewig gleichen Kekskompositionen! Ich glaube, weltweit hat sich irgendein Sadist überlegt, die immer gleich zu gestalten. Das sind immer vier mal vier, also sechzehn Planquadrate. Du kannst blind reingreifen und weißt, welchen Keks du erwischst.
Abends gibt es verschiedene Varianten. Entweder Delivery, oder es wird gelost, und der Verlierer holt Junkfood. Das isst du dann an deinem Platz, weil du sonst überhaupt nicht klarkommst. Und dann fettet nach drei Jahren dein Rechner total ein von dem vielen schäbigen Essen, das du dir reinziehst und dabei weitertippst.
Abends essen gehen geht gar nicht, weil du dann runterkommst. Regel: Du darfst nie dein Büro verlassen!
Wenn es das Projekt aber zulässt, marschierst du in den Supermarkt, was im Zweifel noch die gesündeste Variante sein kann. Du kaufst Schwarzbrot, Wurst, Käse und �ne Tomate, und dann kannst du auch locker wieder durcharbeiten bis zwölf oder ein Uhr.
Das ist mir am liebsten, weil du dadurch immer noch den Touch der Gesundheit mit reinbringst. So was zum Gewissen beruhigen: ein Salatblatt oder �ne Multivitamintablette.
Ungefähr alle zwei Wochen kommt die �Wir-machen-alle-mal-früh-Feierabend-um-zehn-und-gehen-zusammen-essen-Nummer� vor. Das bedeutet, du gehst irgendwo in ein sehr teures Restaurant und bist der anstrengendste Gast des Jahrtausends. Das fängt damit an, dass du nie ein Gericht von der Stange bestellst, sondern dir den teuren Ramsch grundsätzlich customized. �Ich hab gesehen, Menü 3 gibt�s auch mit dem Salat, ach nee, vergessen Sie�s: Ich nehm Menü 5, aber mit dem Braten von 3, oder...� Und so weiter.
Und wenn was falsch gebracht wird oder nicht alles total schnell geht, wird die gesammelte Mannschaft zusammengefaltet: �Mein Gott, sind Sie langsam und unprofessionell. Das kann doch nicht wahr sein!� Da wird mit harten Bandagen gekämpft.
Und am Schluss, beim �Hat´s Ihnen geschmeckt?� ist die Standardantwort: �Na ja, ging so. Für 150 Euro habe ich schon besser gegessen!�
Ich weiß nicht, früher war es mir irgendwie noch wichtig, dass mich die Leute wenigstens ein bisschen mögen, vielleicht sogar sympathisch finden. In meinen paar Tagen Freizeit im Jahr versuche ich das ja auch. Aber während des Jobs gelten andere Regeln. Da geht es nicht um Sympathiewerte. Schon gar nicht beim Essen.
[*Hotel*]
[/�Er erreichte das Hotel, ließ sich am Empfang den Schlüssel geben, ging in sein Zimmer hinauf und fiel über das Bett. Eine Stunde Ruhe wollte er sich gönnen, dachte er, aber einschlafen durfte er nicht, sonst würde er bestimmt länger schlafen.�
Patricia Highsmith: Der talentierte Mr. Ripley/]
Es ist total egal, in welcher Stadt man ist. Abgesehen vom Hotel.
Großstädte machen deswegen mehr Spaß, weil sie nah am Flughafen sind, weil die Infrastruktur perfekt ist, also: Flughafen, Taxi, Büro, Hotel. Du brauchst keinen Mietwagen. Du musst nicht immer im gleichen Hotel pennen, kannst auch mal wechseln.
Wir schlafen im Sheraton, Steigenberger, Hilton. Maritim ist zu billig und eher was für die Jungs, die in karierten Sakkos Fischstäbchen verkaufen.
Eigentlich albern, denn du bist ja sowieso nur ein paar Stunden im Hotel und das nachts. Dann guckst du Fernsehen oder pennst deine vier bis sechs Stunden.
Das geilste Kundenbindungsprogramm hat Sheraton. Da bin ich Platin-Member. Das heißt, ich kriege in jedem Sheraton der Welt immer das beste zur Verfügung stehende Zimmer. Im Urlaub wohne ich also in der Präsidentensuite. Die ist in der Regel ziemlich großzügig angelegt. Mit zwei Badezimmern, Whirlpool, fünf Betten und Platz für dreizehn Bodyguards.
Am besten ist es sowieso mit einer Frau im Hotelzimmer. Da kannst du dich einfach perfekt gehenlassen: Man kann herumbrüllen und alles einsauen.
Das kommt nur leider viel zu selten vor.
Ich habe auch noch keine Frau getroffen, die es nicht geil gefunden hat, sich in teuren Hotels bumsen zu lassen. Danach pennst du ein, und morgens bestellst du für 70 Euro Frühstück. Da gibt es keine, die darauf nicht steht, es sei denn, du stinkst.
Und selbst dann nimmt sie das Frühstück mit.
Das ist die so genannte Sonnenseite meines Lebens: teure Hotels, dicke Mietwagen, viel fliegen, Businessclass und der ganze Quatsch, der dich nach spätestens einem Jahr total langweilt. Denn damit das Ganze wirklich Amüsement ist, brauchst du nämlich Zeit, geiles Wetter, �nen Pool daneben und vor allem �ne scharfe Alte.
Und wenn ich dann nachts im Fernsehen Reportagen über die Zwei-Klassen-Gesellschaft sehe, in denen dieser Lifestyle abgelichtet wird, denke ich immer nur: wie langweilig.
Ob ich mich manchmal einsam fühle?
Ich fühle mich nur dann einsam, wenn ich mich langweile. Aber eigentlich langweile ich mich nie. Wann denn auch? Ich glaube, deshalb merkst du erst, wie einsam du wirklich bist, wenn du in Rente gehst, dich scheiden lässt oder deinen ersten Infarkt kriegst.
*Name geändert




