Foto Stephan Kaluza - ICH-MASCHINE
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Der neue Roman des künstlerischen Tausendsassas Stephan Kaluza zwingt eine selbstgerechte Industrie, den Blick mal wirklich auf sich selbst zu richten.

Interview: Lasse Nehren

uMag: Stephan, du arbeitest seit geraumer Zeit als bildender und Fotokünstler sowie als Theaterautor und beschäftigst dich dementsprechend viel mit einem Erlebbarmachen auf visueller Ebene. Mit "30 Keller" erscheint nun dein zweiter Roman. Reizt dich die Literatur, weil ihr die Bildebene fehlt - oder, obwohl?
Stephan Kaluza: In der Bildenden Kunst beschäftigt mich das Narrative sehr stark; inszenierte Handlungsabläufe, sogenannte Bildstücke, die fotografisch überlang aneinandergereiht sind. Von daher verfolge ich auch da eine literarische Vorliebe. Der Unterschied liegt rein im Medium.

uMag: Hat es Vorteile, ohne Bildebene arbeiten zu müssen?
Kaluza: Das ist sehr schwer zu vergleichen, die Herangehensweise ist anders. Bei einem Ausdruck qua Visualität verknappt und symbolisiert man zwangsläufig eine Handlung, in der Prosa kann man geruhsam aufbauen, arbeitet mit der Zeit und der Psychologie der Figuren; man stellt sie nicht nur dar, sondern entwickelt sie peu à peu. Auf diese Weise entstehen die Bilder im Kopf des Lesers.

uMag: Dieser Limitierung gegenüber steht die Möglichkeit, auch Surreales problemlos inszenieren zu können. Wie bereits in "Geh auf Magenta" spielst du in "30 Keller" mit Realitätsebenen - was fasziniert dich an dieser, nennen wir es: Durchlässigkeit der Sphären?
Kaluza: Das, sagen wir, osmotische der Ebenen macht ja genau die Realität aus ... die jenseits vom pragmatischen Tun viel komplexer ausfällt.

uMag: Empfindest du das Konzept einer Realität, die sich alle Menschen teilen, als notwendigerweise richtig?
Kaluza: Als notwendig - vielleicht. Als richtig - sehr fraglich. Die Liste der philosophischen Richtungen, die eine für alle gegebene Realität hinterfragen, ist lang: Sie reicht über die indische Philosophie, der Schule Platons und des Deutschen Idealismus bis zum Radikalen Konstruktivismus eines Ernst von Glasersfeld. Allen ist gemein, dass sie Realität nicht als rein vorfindbar begreifen, sondern als wahrnehmungsbedingt aktiv hergestellt. Schon für George Berkeley war das Sein einer Sache gleichbedeutend mit ihrem Wahrgenommenwerden.

uMag: "30 Keller" erzählt die Entführung eines industriellen Entscheidungsträgers und Megareichen. Die ungleiche Verteilung von Gütern und Macht ist bekannt - was möchtest du darüber hinaus aufzeigen?
Kaluza: "30 Keller" ist durch und durch eine Parabel. Im Sterben Meisners offenbart sich ihm die Hinterfragung seiner Handlungen und damit die Hinterfragung seiner eigenen Moral; es kulminiert in der Feststellung Ronaldos, dass seine, Meisners, Macht nur ist, weil andere machtlos sind ... und er die Möglichkeit hätte, das Grauen der Welt zu beenden. Er muss sich fragen, warum er es nicht tut oder jemals tat.

uMag: Man spricht mitunter lapidar davon, dass Erhalter von geld- und kontrollzentrierten Systemen Opfer dieser Systeme waren, bevor sie zu Tätern wurden. Eine fahrlässig unkritische Sichtweise?
Kaluza: Ich denke, das ist sicher ein Hamsterrad, schwer auszusteigen, wenn man in Fahrt ist. Aber richtig, das ist sehr unkritisch und unterschätzt den jeweils persönlichen Antrieb per Ehrgeiz und mitunter Gier. Ein satter Mensch schlingt weiterhin in sich hinein ...

uMag: Wie erklärst du die Lust an Geldvermehrung weit über einen Punkt hinaus, an dem das Geld selbst in seinem Wert noch relevant ist?
Kaluza: Geld ist nicht zuletzt ein Indikator für X-Quadrat. Sagen wir, es markiert eine gesellschaftliche Potenz, so gibt es immer ein Höher, ein Weiter, ein Noch-Höher et cetera. Geld ist hier sicher keine reine Währung mehr, sondern ein kommunal anerkannter Maßstab-von-Welt. Im Grunde umreißt es die Welt, Meisner sagt: "Ich entscheide über andere, über die Umstände, über Leben, Tod, über das Maß all dieser Dinge, wenn ich wollte, wäre es ein anderes." Die alternative Währung dazu ist sicher die Ressource Aufmerksamkeit.

uMag: Selbst die Entführer wissen, dass sie das verhasste System nur schröpfen, nicht aber besiegen können. Eine deprimierende Bilanz - mit welcher Aussage?
Kaluza: Ich denke, Systeme sind und waren veränderbar, das menschliche Wesen aber nicht. Die Kluft zwischen dem Individuum - und einer naturbedingt egozentrischen Wahrnehmung - und der Akzeptanz eines empfindenden Anderen wird mit zunehmenden Wohlstand und einer sogenannten verfeinerten Lebensweise größer. Je mehr ich mich selbst unendlich komplex zu befriedigen habe, um so wirkungsvoller kreise ich rein um mich selbst. Ich nehme das an ...

uMag: Ermutigt der Roman den Widerstand, der dazu verdammt ist, symbolhaft zu bleiben?
Kaluza: Ich bin sehr davon überzeugt, dass Symbole wirkungsvoller sind als lange Reden; Symbole schweißen zusammen. Es ist interessant festzustellen, dass zum Beispiel politische Symbole heute abnehmen, zumindest im neokonservativen und individualisiertem Westen.

uMag: "30 Keller" erinnert an ein Kammerspiel - da du unter anderem Autor von Theaterstücken bist, liegt der Verdacht nahe, dass der Roman eigentlich als Stück geplant war. Ist das so?
Kaluza: Nicht nur ein Verdacht. Das Buch basiert auf meinem Stück "Atlantic Zero", das 2011 am Düsseldorfer Schauspielhaus uraufgeführt wurde, mit Pierre Siegenthaler als Meisner und Guntram Brattia als Ronaldo.

uMag: Weshalb die literarische Form?
Kaluza: Ein Theaterstück versteht sich zuerst einmal gewissemaßen als aktiver Rohstoff, die Inszenierung selbst interpretiert zwangsläufig, verändert mitunter auch. Vieles steht damit zwischen den Zeilen und wird durch die Art und Weise der Inszenierung deutlich, anderes wiederum - Hintergründe, Vertiefungen et cetera - bleibt manchmal naturgemäß auf der Strecke, weil das Theater in erster Linie durch und für den Moment des direkten Erlebens funktioniert. Die Prosafassung von "30 Keller" bietet solche erweiterten und vertieften Einblicke, zum Beispiel im surrealen Erleben Meisners, was so auf der Bühne nicht möglich wäre. Am Ende bleibt die Basis der Dialoge, die Prosa bedient aber einen größeren Rahmen.

uMag: Wie entscheidest du, welche Form der Inszenierung für einen Inhalt die passende ist?
Kaluza: Im Theater und im Roman folgt diese dem Inhalt, nicht zuletzt auch der Atmosphäre und dem Rhythmus des Geschehens. Antwort: intuitiv.

uMag: Hat es Projekte gegeben, bei denen du dich entgegen einer ursprünglichen Idee für ein anderes Medium entschieden hast?
Kaluza: Weniger. Eigentlich dekliniere ich die Stoffe: Sie können zuerst als Bildstück beginnen, werden dann zu einem Stück und/oder zu einem Roman oder auch gänzlich umgekehrt. Ich mag es, einen Stoff durch sämtliche Möglichkeiten seiner selbst zu schicken. Er kann dabei nur an Tiefgang gewinnen.