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Foto Hundreds - IN WEITER FERNE, SO NAH
Foto: J. Konrad Schmidt
> Hundreds

IN WEITER FERNE, SO NAH

Gerade weil Hundreds nichts Privates verraten, geht ihr melancholischer Elektropop so tief. Doch jetzt ist dem Geschwisterpaar ein schwerer Fehler unterlaufen.

Interview: Carsten Schrader

uMag: Eva, in den vier Jahren seit eurem Debütalbum ist es euch ziemlich gut ergangen, ihr habt beruflich und privat eure Mitte gefunden. Das ist natürlich schön, aber für die zweite Platte dürfte es eher hinderlich gewesen sein.
Eva Milner: Ach, das ist doch ein Mythos. Feist, zum Beispiel sagt, dass man nicht unglücklich sein muss, um gute Musik zu machen. Wenn du als Musiker überleben willst, ist es auch sehr wichtig, dass du ein Zuhause hast, in das du zurückkehren kannst. Unserer Ausdrucksform, der Musik, wohnt immer Melancholie und eine gewisse Schwermut inne, aber daraus ergibt sich für uns auch der beste Klang.

uMag: Trotzdem habt ihr für "Aftermath" sehr lang gebraucht.
Milner: Ja, das war schon ein schwieriger Anfang, als wir nach den Konzerten am Album zu arbeiten begannen. Wir hatten mit dem Erfolg des Debüts nicht gerechnet, aber dann ist jeden Tag etwas Neues passiert, und wir waren sehr lange auf Tour. Natürlich haben wir die Lieder des Debütalbums die ganze Zeit verändert und weiterentwickelt, aber neue Stücke haben wir einfach nicht geschrieben. Das war ein Fehler, den wir nicht mehr machen werden. So mussten wir uns nach all den Konzerten hinsetzen und ganz von vorn anfangen. Mit knirschenden Zahnrädern haben wir versucht, die Maschine wieder in Betrieb zu bekommen. Andererseits ist das auch der Grund, warum die neue Platte jetzt anders klingt. "Aftermath" ist wie ein zweites Debütalbum, weil wir nochmal ganz von vorn angefangen haben, mit ganz anderen Erfahrungen im Rücken.

uMag: Vor allem die erste Hälfte des Albums klingt überraschend organisch, warm und poppig.
Milner: Daran mussten wir uns selbst auch erst gewöhnen. Unsere erste Reaktion war: Wir sind doch eine Elektroband, woher kommen diese organischen Sounds plötzlich? Deswegen haben wir weiter rumprobiert, ob es nicht auch elektronischer geht. Ich weiß gar nicht, wie oft ich etwa "Circus" eingesungen habe und was wir da alles ausprobiert haben - aber am Ende ist es dann eben doch die allererste Version geworden. Philipp und ich haben irgendwann beschlossen, beide Seiten zuzulassen, denn es gibt ja mit "Rabbits on the Roof" auch richtig fiesen Elektro, total in your face. Wir haben den Stil nicht so stark verändert, dass man Hundreds nicht mehr wiedererkennt.

uMag: Gebt ihr mit dem wärmeren Sound auch eure Unnahbarkeit auf?
Milner: Ich werde jetzt keine Facebook-Einträge posten, in denen ich verkünde, was ich gerade gegessen habe und womöglich noch auffordere, das doch zu kommentieren. Natürlich ist es prinzipiell toll, dass man mittlerweile die Möglichkeit hat, Nähe zu Musikern aufzubauen. Aber weil ich das selbst als Hörerin auch nicht brauche, trennen wir Hundreds von uns als normalen Menschen. Die Band als Kunstprodukt.

uMag: Das aufrecht zu erhalten, ist mittlerweile gar nicht mehr so leicht. Muss man nicht regelrecht Strategien entwickeln, um die Durchmischung mit Privatem zu verhindern?
Milner: Das ist gar nicht so schwierig, wie immer alle sagen. Eigentlich merkt man doch gleich, wo die Grenze überschritten wird. Wir haben einfach ziemlich feste Regeln, was wir posten und in welcher Sprache wir uns mitteilen. Kumpelhaft werden wir uns jedenfalls nie inszenieren, schon allein, weil es immer eine Lüge ist und Musiker das gar nicht einlösen können.

uMag: Dann liegt es immer an den Musikern selbst, wenn man kaum ins Internet gehen kann, ohne dabei etwa auf ein Foto zu stoßen, auf dem Chvrches-Sängerin Lauren Mayberry in ein Sandwich beißt?
Milner: Haha, stimmt, bei Chvrches ist mir das auch schon aufgefallen. Wenn man etwas tiefer gräbt, findet man von uns auf jeden Fall auch Bilder, die wir nicht wirklich gut finden. Natürlich entstehen unvorteilhafte Fotos, wenn man nachmittags um drei auf einem Festival spielt. Aber bei den Leuten zündet ja mittlerweile vor allem das vermeintlich Private. Gerade bei Bands, die jüngere Fans haben als wir, ist das gang und gäbe. Man muss sich beispielsweise nur die Facebookseite von Cro ansehen. Weder der Künstler noch seine jugendlichen Fans finden es schlimm, da ganz persönliche Dinge rauszuhauen. Es ist schon krass, wieviel vermeintliche Nähe da aufgebaut wird. Die Musiker, die ich seit vielen Jahren höre, haben immer eine gewisse Distanz gehalten, und es interessiert mich auch einfach nicht. Nur bei Björk bin ich vielleicht ein bisschen nerdy: Ich habe mal eine Biografie geschenkt bekommen, die ich dann auch gelesen habe, und ihr habe ich sogar mal einen Brief geschrieben. Generell reicht mir aber der Wikipedia-Artikel und was man beiläufig über Musiker aufschnappt.

uMag: Auch in deinen Songtexten verwendest du zwar ganz konkrete Bilder, bleibst im Gesamtkontext aber trotzdem so vage, dass man als Hörer mit eigener Bedeutung ergänzen muss. Textest du schon automatisch so verschlüsselt oder kontrollierst du im Nachhinein?
Milner: Meine Kontrollinstanz ist Phillip, der mir auch einzelne Wörter anstreicht, die kantig sind und sich schwer singen lassen. Weil wir mit dem wärmeren Sound unmittelbarer werden, wollte ich auch in den Texten direkter werden. Wenn man bedenkt, wie verschwurbelt das Debüt mitunter ist, gelingt mir das auch in einem gewissen Maß. Trotzdem bin ich in den Texten ziemlich unkonkret geblieben, weil ich am Ende doch wieder viel zurückgenommen habe. Wenn es im Titelsong um eine Freundschaft aus meiner Kindheit geht, die für mich auch heute noch extrem wichtig ist, dann möchte ich natürlich der Person, über die ich da schreibe, nicht zu nahe treten. Aber so sehr das auch nach Plattitüde klingt, noch wichtiger ist mir der eigene Zugang für den Hörer. Es gibt andere Genres, bei denen es viel wichtiger ist, von einer ganz bestimmten Straßenlaterne zu erzählen, unter der coole Dinge passiert sind.

uMag: Dann sind auch eure Fotos kein ironisches Spiel mit Vintage-Optik, sondern ihr seid wirklich so sehr aus der Zeit gefallen?
Milner: Was soziale Netzwerke, Informationsverteilung und Up-to-date-Sein angeht, ticken wir wirklich anders als die Mehrheit. Phillip und ich brauchen vom Wesen her ein bisschen länger, wir passen nicht so ganz in diese Smartphone-immer-abrufbereit-Zeit. Ich glaube auch, dass das generell nicht zu den Menschen passt, auch wenn die meisten versuchen, sich irgendwie einzufügen. Es war reizvoll, für die Fotos eine uralte Technik zu verwenden, und der Prozess mit den Fotos hat perfekt zum Prozess des Albums gepasst. Wir haben acht Stunden für vier Fotos gebraucht, und zwischendurch hat man sehr lange dagesessen und sich gefragt, was man da eigentlich gerade macht. Doch als ich die Bilder dann gesehen habe, wusste ich, dass sie perfekt abbilden, wofür Hundreds momentan stehen. Und unser Glück war perfekt, als wir trotz der langen Abwesenheit mit ausgerechnet diesen Fotos eine so gute Resonanz auf Facebook bekommen haben.

Checkbrief

BANDNAME Hundreds
MITGLIEDER Eva Milner (Gesang), Philipp Milner (Synthesizer, Piano, Laptop)
GENRE Elektropop
WOHNORT Hamburg
JUGENDSÜNDE Mit 17 hat Eva Milner einen Brief an Björk geschrieben, ob sie nicht mal als ihr Gast nach Island kommen dürfe
AKTUELLES ALBUM „Aftermath“ erscheint am 14. März
ANSPIELTIPPS „Ten headed Beast“, „Foam Born“, „Rabbits on the Roof“, „Beehive“
uMag präsentiert:
14. 3. Erfurt
17. 3. Stuttgart
18. 3. Hamburg,
19. 3. Berlin,
20. 3. Köln
21. 3. München
23. 4. Dresden
24. 4. Offenbach
26. 4. Erlangen
29. 4. Osnabrück
30. 4. Leipzig
1. 5. Düsseldorf
2. 5. Berlin
5. 5. Bremen
6. 5. Rostock
7. 5. Hamburg
8. 5. Hannover