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DRUCKWELLE

Vor zwei Jahren gewann die britische Band alt-J den wichtigsten Musikpreis überhaupt. Es war der Anfang vom Ende - ihrer Unschuld.

Von Lasse Nehren

Wir haben gemerkt, was man uns durchgehen lässt - und jetzt versuchen wir, mit noch mehr davonzukommen", sagt Keyboarder Gus Unger-Hamilton neckisch über das zweite Album von alt-J. Klingt selbstbewusst. Klingt nach einer Band, die Narrenfreiheit statt Erwartungsdruck empfindet. Klingt ... ja, wie klingt das eigentlich in der Umsetzung? Das Protokoll der Bestandsaufnahme nach den Singles "Hunger of the Pine" und "Left Hand free" verzeichnet: Miley-Cyrus-Sample, französische Textzeilen, Bluesrock.

Erwartungshaltungen beiseite zu schieben, erscheint ob der Vorgeschichte der Band ebenso idealistisch wie unumsetzbar. Für das über eine Million Mal verkaufte Debüt "An awesome Wave" mit dem Mercury Prize bedacht, hatten alt-J mit einem weiteren, womöglich noch schwerer wiegenden Faktor umzugehen: dem Weggang von Gwil Sainsbury. Sainsbury hatte das Projekt 2007 gemeinsam mit Joe Newman gegründet und entschied sich zu Beginn dieses Jahres gegen eine Karriere als Vollzeitmusiker. Es ist also wenig überraschend, dass gerade Newman, der Sainsbury in der Vergangenheit als stilles Oberhaupt der Band bezeichnet hat, die Last auf seinen Schultern zu spüren scheint. "Ich glaube sehr wohl, dass es starke Erwartungen an dieses Album gibt", sagt er. Der verbleibende Gründervater und Songschreiber spielt die Relevanz der Rezeption der Band keineswegs herunter: "Mir persönlich ist es schon wichtig, was die Medien über uns sagen. Schließlich sind sie in gewisser Weise repräsentativ und ein guter Indikator dafür, wie man uns aufnehmen wird." Newman ist bewusst, wie viele Augenpaare erwartungsvoll auf seiner Band ruhen - und zwar nicht trotz, sondern eben aufgrund ihres Schrägheitsfaktors. "Wir haben eine gewisse Mainstreamanerkennung erreicht, auch in den Medien - das ist eine große Sache", stellt Newman klar. "Dabei haben wir nie etwas anderes als genau das gemacht, was wir machen wollten, und das ist nun mal recht experimentell und exzentrisch. Wie Gus schon sagte: Wir haben uns nicht eingeschränkt - weil es uns niemand nahegelegt hat, was großartig ist."

"Left hand free", angeblich ein Protestsong gegen die Singlepolitik ihrer amerikanischen Labelvertretung, sei innerhalb von 20 Minuten zusammengeklöppelt worden, erzählt Newman, und das markante Bluesriff, das dem Song zugrunde liegt, sei ein Überbleibsel von den Aufnahmen zur ersten Platte. Unger-Hamilton führt aus: "Das Riff lag seit Ewigkeiten herum, wie eine einzelne Socke, die von jedem bemerkt, aber von niemandem weggeräumt wird." Für die groben Strukturen von "Hunger of the Pine" hätte man immerhin eine knappe Dreiviertelstunde gebraucht, erzählen die beiden weiter. "Das Miley-Cyrus-Sample kam zustande, weil Thom zu dieser Zeit an einem Remix ihres Songs ,4x4' gearbeitet hat", erinnert sich Newman. "Isoliert ist diese Text zeile ,I'm a female rebel' ziemlich kraftvoll, und Mileys Stimme ist toll. Wir haben die Idee, das Sample zu integrieren, wieder und wieder hin und her gewälzt und schließlich befunden: Es klingt schlichtweg gut." So flapsig die beiden über die Entstehung der Singles sprechen, so schnell wird Newman wieder zum alles hinterfragenden Bandchef, wenn man ihn auf deren irreführende Wirkung anspricht. "Ich habe schon darüber nachgedacht, dass Menschen, die das Album hören, das Gefühl haben könnten, von den Singles getäuscht worden zu sein", gesteht er. "Letztlich haben wir aber ein Album ge schrieben, das in sich Sinn ergibt - keine Einzeltracks. So komme ich damit zurecht."

Und mit der dritten Single "Every other Freckle" steht dann plötzlich auch wieder ein unverkennbarer alt-J-Song im Raum respektive im Äther. Das Stück ist vertrackt, im Wechsel aufbrausend und zart, unruhig. Es schreibt den verspielt-verspulten Sound des Debüts fort und denkt ihn weiter, so, wie es auch der Rest von "This is all yours" tut. Der Zweitling führt gesampelte Naturgeräusche, die in ihrer Vagheit zumeist undurchdringlichen Texte Joe Newmans und einen sanft gesteigerten Anteil elektronischer Werkelei zu einem geduldigen Gesamtwerk zwischen digitaler und analoger Stimmungsschwankung zusammen - Bluesrock und Popsternchen einmal ausgeklammert: "This is all yours" wirkt mehr noch als sein Vorgänger wie aus einem Guss. Und ist zugleich fordernder, indem es das Laut-Leise-Wechselspiel auf die Spitze treibt und Instrumentalparts über Minuten streckt. Über gleich drei Songs wird, so gegenwartsbezogen wie selten bei alt-J, mit Zeilen wie "Unpin your butterflies, Russia" ("Nara") Homophobiekritik geübt; hinzu kommt ein Zwischenspiel auf der Blockflöte, und "Bloodflood Pt II" verweist auf ein Stück vom Debüt zurück. Summa summarum: ein ambitioniertes Album, das sich nach und nach erschließt und womöglich noch besser ist als sein Vorgänger - eine Einschätzung, die allerdings selbst nach zehnmaligem Hören noch schwer fällt, so anspruchsvoll ist "This is all yours".

Beinahe mag man vermuten, dass Blues und Miley eine Art ironische Pufferzone sind, die sich herunterspielen lässt und verhindert, haftbar gemacht zu werden. Möglich, dass alt-J sich freistrampeln mussten, um einen gewissen Druck auf Abstand zu halten. Um das Spukgespenst Mercury Prize zu bezwingen, haben sie eine erwartungsfreie Zone errichtet - indem sie sich zurückversetzt haben. "Wir wollten die entspannte Atmosphäre wiederherstellen, in der wir die erste Platte aufgenommen haben", räumt selbst Unger-Hamilton ein. "Wir wollten nicht in einen fensterlosen Proberaum, in dem ein Teppich liegt und ein Jimi-Hendrix-Poster im Flur hängt. Also haben wir uns ein nettes Appartment-Slash-Atelier gesucht. Wir sind zu unseren Wurzeln zurückgekehrt - und haben unsere Unschuld wiederhergestellt." Das mit der Unschuld lässt sich in Zweifel ziehen. Die Qualität von "This is all yours" nicht.

Checkbrief

BANDNAME alt-J
MITGLIEDER Joe Newman (Gitarre, Gesang), Gus Unger-Hamilton (Keyboard, Gesang), Thom Green (Drums)
GRÜNDUNG 2007
EHEMALIGE MITGLIEDER Gwil Sainsbury (2007–2014)
STIL Folktronica, Artpop
AKTUELLES ALBUM „This is all yours“ erscheint am 19. September
ANSPIELTIPPS „Every other Freckle“, „Nara“