HEIMATHYMNE
Der Schauspieler Stipe Erceg hat keine Lust, über sein Geburtsland Kroatien zu reden - und tut es dann doch. Weil er sicher ist: Nichts bringt einen weiter als die Auseinandersetzung mit der eigenen Herkunft.
Interview: Juliane Rusche
U_mag: Stipe, so gut wie jeder Artikel über dich fängt an mit ...
Stipe Erceg: ... "er ist mit vier Jahren nach Deutschland gekommen." (lacht) Und genau darüber möchte ich nicht reden!
U_mag: Es nervt dich, dass du immer "der gebürtige Kroate" bist.
Erceg: Nerven ... Ich weiß nicht. Ich finde es halt nicht besonders interessant.
U_mag: Weil deine Herkunft für dich kein Thema ist?
Erceg: Ich lebe hier in Deutschland, und ich bin damit einverstanden. Ich lebe gerne hier. Aber klar, Kroatien, das ist meine Kultur. Da komme ich her, meine Eltern wohnen dort. Ich habe eben zwei Heimaten - oder gar keine Heimat. Oder viele Heimaten?
U_mag: Jugoslawien, wo du 1974 geboren wurdest, existiert nicht mehr. Insofern ist eine deiner Heimaten mit dem Krieg in den 90er-Jahren weggebrochen.
Erceg: Ich bin kein Jugo-Nostalgiker. Aber ich verstehe schon, wenn es sich für einige Ex-Jugos so anfühlt. Wobei das in Kroatien noch mal anders ist als in Serbien oder Bosnien: Nach dem Krieg hat sich Kroatien ganz schnell stabilisiert und dem Westen angeschlossen. Nicht in allen Dingen, es gibt dort eine irre hohe Korruptionsrate, es toben regelrechte Mafiakriege. Trotzdem: Wenn man bereit ist, etwas zu tun, kann man in Kroatien gut leben.
U_mag: Wie erklärst du dir, dass die Balkanländer in den letzten Jahren so angesagte Reiseziele geworden sind?
Stipe: Man vergisst ganz schnell: In dem Land, aus dem ich komme, war vor zehn, zwölf Jahren noch Krieg! Weil wir jeden Tag irgendwo auf der Welt einen neuen Brandherd haben, ist das in unserer Wahrnehmung fast schon Geschichte. Für die Leute vor Ort aber ist das anders - sie fangen erst jetzt an zu reflektieren. Man entwickelt langsam neue Kraft und Energie, man bemerkt erst jetzt die Auswirkungen des vier Jahre dauernden Kriegs auf die Gesellschaft und geht damit um. Und ich glaube, genau das macht den Osten attraktiv. Zugleich hat sich langsam aber sicher der Kapitalismus etabliert, mit McDonald's und so weiter, und man kann sich als Westeuropäer wie zu Hause fühlen.
U_mag: Hast du Angst vor den Veränderungen, die der Tourismus mit sich bringt?
Erceg: Ja. Ich mochte meine Heimat, wie sie in den 80er-Jahren war - diesen Zerfall, dieses Lebendige. Man hatte das Gefühl: Alles ist möglich, und alles ist erlaubt. Jetzt herrscht eine ganz klare Ordnung. So wie die Häuser sind, so benimmt man sich auch. Jede Fassade ist renoviert, also sind die Menschen auch innerlich renoviert. In Rumänien und Bulgarien ist es noch nicht ganz so, aber in Kroatien schon. Schade!
U_mag: Jetzt reden wir doch über Kroatien ...
Erceg: Kein Problem - ich mag meine Heimat ja!
U_mag: Der Begriff Heimat hat einen Beiklang von Stagnation und konservativen Werten - zumindest bei uns in Deutschland. Versagen wir uns etwas Schönes und Wichtiges, wenn wir da so abwehrend sind?
Erceg: Wenn dem so wäre, würde ich Ja sagen.
U_mag: Du glaubst, dass es nicht so ist?
Erceg: Ich weiß nicht. Wir haben die Dekadenz und die Zeit, über solche Dinge überhaupt nachzudenken - über Heimatlosigkeit, über Toleranz, darüber, wie man uns im Ausland sieht. Aber ich glaube nicht, dass die Menschen in Deutschland keine Heimat haben! Ich war bei der Weltmeisterschaft 2006 im Stadion, Deutschland gegen Argentinien, und ich habe 70 000 begeisterte Menschen gesehen, von denen ich nicht das Gefühl hatte, dass die heimatlos sind. (lacht)
U_mag: Sie sind es vielleicht nicht. Aber sie reden nicht darüber, sie vermeiden das Wort Heimat.
Erceg: Wobei da gerade ganz viel passiert, und ich glaube, das hängt mit der Aufarbeitung der Geschichte zusammen. Das würde den Russen zum Beispiel auch gut tun: nicht alles zu leugnen, was vor und nach 1945 passiert ist. In Deutschland löst man sich langsam von dieser Kollektivschuld. Vielleicht ist lösen das falsche Wort ... Man verarbeitet Geschichte, ohne die Erinnerung zu verlieren, aber man lernt, mit ihr zu leben. In gesundem Sinne. Man entwickelt ein gesundes Selbstbewusstsein.
U_mag: In einem Interview hast du mal gesagt: "Meine Eltern würden sich freuen, mich in der Rolle eines Kroaten zu sehen. Einen, der für sein Land kämpft und die kroatischen Werte vertritt." Das würde ein deutscher Schauspieler so nie formulieren!
Erceg: Das habe ich tatsächlich gesagt? Natürlich wären die stolz! Ich habe in meinen Filmen Kosovaren, Bosnier, Serben gespielt. Also das ganze ehemalige jugoslawische Volk - nur noch nie einen Kroaten. Aber meine Eltern haben Humor, und sie begreifen, dass das letztlich nur Filme sind.
U_mag: Gibt es denn Werte, von denen du heute sagen würdest: Das habe ich meinem kroatischen Elternhaus zu verdanken?
Erceg: Sicher, von meinen Eltern habe ich so einiges mitgenommen - wobei ich nicht weiß, ob das typisch kroatische Werte sind. Als Kind bin ich manchmal nach Hause gekommen und hatte irgendetwas angestellt. Und ich habe zu meinem Vater gesagt: Ja, aber der und der war auch dabei, er hat das und das gemacht. Meinem Vater war das immer egal. Das hat mich ganz stark geprägt: Es interessiert nicht, was andere machen, denn dadurch wird mein eigenes Leben nicht besser oder schlechter oder wertvoller. Jeder hat sein Leben. Du hast dein Leben. Also gehe deinen Weg.
U_mag: Als Kind findet man seine Eltern für solche Sprüche doof.
Erceg: Klar! Ich habe das natürlich gehasst, ich fand das so streng. Pedantisch. Es ist ja oft so, dass man sich gegen seine Eltern wehrt, dass man unbedingt anders sein möchte. Und dann erkennt man irgendwann so viele ihrer Züge in sich selbst wieder. Ich komme da immer mehr drauf: Ich sehe nicht nur so aus wie sie, ich bin auch so!
U_mag: In welchen Momenten fällt dir das auf?
Erceg: Ich kann innerhalb einer halben Sekunde cholerisch werden. So richtig wütend. Das habe ich ganz stark von meinem Vater. Mein Vater ist ein sehr gesetzter Mann, sehr ruhig. Aber es kann etwas passieren, das ihn plötzlich von Null auf Hundert bringt. Oder: In meiner Wohnung liebe ich Sauberkeit über alles - wie meine Mutter. Aber das ist doch klar, ich habe jahrelang mit diesen Menschen gelebt. Wenn das einen nicht prägt, was dann?
U_mag: Und heute gibst du diese Dinge an deine eigenen Söhne weiter ...
Erceg: Ja, aber das passiert nicht bewusst. Ich habe mir nie überlegt: Das und das und das möchte ich an meine Kinder weitergeben. Sondern ich sehe, was ich tue, und dann erinnere ich mich, woher das kommt. Dass es Züge meiner Eltern sind. Ich bin dann für einen Moment erschrocken. Aber viele Dinge sind nicht verkehrt, man braucht nur eine gewisse Reife, um das zu begreifen.
U_mag: Hältst du es trotzdem für notwendig, die eigenen Eltern, ihre Werte und Vorstellungen, an irgendeinem Punkt im Leben in Frage zu stellen?
Erceg: Nietsche sagte, der erste Schritt zur Freiheit sei ein Nein. (lacht) Klar ist das wichtig! Es ist doch so: Man bleibt immer das Kind seiner Eltern. Mit neun akzeptiere ich das. Mit elf, zwölf vielleicht auch noch. Aber dann komme ich in die Pubertät, und dann bin ich kein Kind mehr. Dann bin ich ein Mann, eine Frau, erwachsen. Ich weiß in dem Alter doch so viel über diese Welt! Aber dann reift man und wird älter. Und plötzlich bekommen die Dinge einen anderen Wert.
U_mag: Es ist doch komisch, dass sich jeder gegen den Einfluss seiner Eltern wehrt. Obwohl jeder ahnt, dass es ein sinnloser Kampf ist.
Erceg: Ich glaube, was in vielen Familien nicht passiert, ist so eine Art Versöhnung. Bei mir gab es jetzt nicht wirklich einen Grund, sich zu versöhnen. Mein Vater war sehr streng, ich habe nie Nein zu ihm gesagt. Ich habe mir meinen Teil gedacht - aber ein Nein hat für mich nicht existiert. Heute dagegen begegne ich ihm auf Augenhöhe, mit gegenseitigem Respekt. Bei meiner Mutter ist es genauso. Das meine ich mit Versöhnung: Meine Eltern begreifen, dass ich zwar immer ihr Kind sein werde, aber dass ich auch ein junger Mann bin, den man ernst nehmen kann und der seine eigenen Gedanken hat. Umgekehrt schätze ich ihre Altersweisheit.
U_mag: Hast du Angst vor dem Tag, an dem deine beiden Jungs vor dir stehen und sagen: "Nein, Papa!"?
Erceg: Das machen sie ja heute schon. Und ich denke mir: Hey, ich habe bis zu meinem 25. Lebensjahr zu meinem Vater kein einziges Mal Nein gesagt! Was mache ich falsch? (lacht) Angst habe ich nicht. Ich merke schon diese ganz starke Bindung, die man zu seinen Kindern hat. Aber ich glaube, ich werde irgendwann anders loslassen können, als es meine Eltern konnten.
U_mag: Warum?
Erceg: Weißt du, meine Eltern waren jung und kamen in ein Land, das sie nicht kannten, sie konnten die Sprache nicht. Ich glaube, sie haben wahnsinnig viel Zeit gebraucht, um sich zu sozialisieren. Und dann war da immer der Gedanke, ob man nicht doch zurückgeht nach Kroatien. All das fällt bei mir weg. Ich bin hier sozialisiert, meine Kinder wachsen viel stabiler auf. Für sie ist klar, wo sie zu Hause sind.
U_mag: Kann man sich jemals lösen von der eigenen Herkunft und Heimat? Könnte es klappen, dass du sagt: Mich nervt diese Kroatennummer, ich bin Deutscher, Punkt?
Erceg: Du kannst deine Eltern nicht abstreifen. Du kannst vermeiden, dass sie physisch vor dir stehen, klar. Aber um die Eltern im geistigen oder biologischen Sinne abzulegen, müsste man sich selbst auslöschen. Ich glaube, es bringt einen auch weiter, zu begreifen, woher man kommt. Wer sind die eigenen Eltern? Ich merke das bei meinen Kindern: Ich schaue sie an, und oft sehe ich mich. Dadurch lerne ich wahnsinnig viel über mich selbst.
U_mag: Zum Beispiel?
Erceg: Die Jungs durchschauen mich so! Ich stehe da und schimpfe und schreie, und der Kleine guckt mich an und macht mich nach - nur lacht er dabei. Und ich stehe da und denke: Was bist du für ein Affe, Stipe. Der nimmt dich nicht mehr ernst! Es ein Spiel, ich bin ja nicht wirklich wütend. Und er merkt das, er durchschaut mich. Deshalb glaube ich, dass Familie wichtig ist. Genau wie die Frage, wo man herkommt.
U_mag: Ja? Prägt ein Land die Menschen, die in ihm leben?
Erceg: Sicher! Wo bin ich geboren? Was herrscht da für ein Klima? In meinem Geburtsort ist es trocken, dürr, steinig. Das sagt etwas über meinen Charakter. Die ganze Gegend ist zäh und drahtig. Und so bin ich auch.
Name: Stipe Erceg
Alter: 34
Größe: 1,87 Meter
Beruf: Schauspieler
Geburtsort: Split, Kroatien
Wohnort: Berlin
Familienstand: verheiratet, hat zwei Söhne
Bisherige Erfolge: "Die fetten Jahre sind vorbei", "Der Baader Meinhof Komplex"
Zu sehen: im Drama "Phantomschmerz" ab 30. April und dem Thriller "Im Sog der Nacht" ab 14. Mai


