DAS LITERARISCHE GLÜCKSQUARTETT
Vier Autoren suchen das Glück - und landen im U_mag. Karten auf den Tisch: Wir wollen wissen, welcher Weg der beste ist.
Interviews: Carsten Schrader und Juliane Rusche
[*Gibt es für Sie ein konkretes Lebenskonzept, das den richtigen Weg zum Glück vorgibt?*]
[*Sibylle Berg*]: Für mich gibt es das, klar. Für andere zu reden ist anmaßend. Die Menschen funktionieren so unterschiedlich, ich habe keine Ahnung, was sie wollen und brauchen. Eher schon, was sie nicht brauchen, die kleinen Racker.
[*Arno Geiger*]: Konzept ist zu hoch gegriffen. Aber es gibt da etwas: dass ich zu den Menschen gehöre, denen Dauer im Leben wichtiger ist als Wechsel. Je länger ich mich mit einem Menschen oder einer Arbeit auseinandersetze, desto lohnender wird es, desto glücklicher macht es mich.
[*Alexa Hennig von Lange*]: Man darf nicht warten, bis jemand anders auf einen zukommt und sagt: "Willst du nicht?" Man muss Ideen haben. Man sollte mitdenken und sich weiterbilden. Man muss aktiv seinen eigenen Platz in dieser Welt finden und ihn gestalten. In meinem ersten Roman "Relax" taucht der etwas pubertär klingende Satz auf: "Du sollst mutig sein, es darf gelernt werden." So niedlich er klingt, so richtig ist er auch!
[*Ric Graf*]: Ehrlich sein, sich nicht selbst verraten und nicht irgendwelche Sachen machen, bei denen man sich überhaupt nicht wohl fühlt. Es geht darum, sich freizumachen von unserem Leistungsprinzip. Ich finde es ganz schlimm, dass das Lustprinzip in Deutschland so verpönt ist. Das Lustprinzip umsetzen zu können, das wäre ein perfekteres Lebenskonzept.
[*Ist Optimismus wichtig fürs Glücklichsein?*]
[*Berg*]: Unbedingt gar nicht. Optimismus ist für Idioten.
[*Geiger*]: Realismus ist mir sympathischer: die Welt zu sehen, wie sie ist. Und versuchen, sie zu verändern, weil man sie liebt.
[*Hennig von Lange*]: Ach bitte, ja! Ich finde, dauernd vom Schlimmsten auszugehen, das ist das Hinderlichste, was es überhaupt gibt. Ich habe mir angeeignet, Ärgerliches an mir abprallen zu lassen - und wenn es nur ist, dass ich Fahrrad fahre und jemand mich anschreit, weil ich zufällig auf der falschen Seite des Wegs fahre.
[*Graf*]: Ich glaube, dass Optimismus oft vorgegaukelt wird. Die optimistischen Menschen, die ich kenne, sind Leute, die alles ausblenden. Irgendwann werden die richtig Probleme bekommen. Für eine Reflexion ist Pessimismus ganz wichtig.
[*Und was ist mit Kompromissbereitschaft?*]
[*Berg*]: Muss ja ein bisschen. Ohne Kompromisse ist man sehr allein. Ergo: nicht so glücklich.
[*Geiger*]: Betrifft alle Lebensbereiche und geschieht ständig. Menschen, die nicht kompromissbereit sind, nennt man Fanatiker oder Fundamentalisten.
[*Hennig von Lange*]: Auf jeden Fall. Und sobald man in einer Partnerschaft lebt, fängt es - wir wissen es alle - mit den Kompromissen erst richtig an. Erst recht, wenn man Kinder bekommt. Was für die eigene Entwicklung nicht verkehrt ist. Es ist gut, zu begreifen, dass es schön ist, sich gegenseitig zu unterstützen und für den anderen zu sorgen, ohne sich ausgenutzt zu fühlen.
[*Graf*]: Ein ekliges Wort. In einer Beziehung ist man nicht glücklich, wenn man kompromissbereit ist. Andererseits gibt es auch Kompromisse, die funktionieren. Bei der Arbeit etwa.
[*Kann Liebe als Glückskonzept funktionieren?*]
[*Berg*]: Unbedingt. Irgendetwas außerhalb sich selbst sollte man lieben. Es nimmt das Gefühl der Einsamkeit, es macht das Wissen um die Vergänglichkeit leichter.
[*Geiger*]: Ich glaube nicht an Konzepte, allenfalls beim Romanschreiben. Aber bestimmt nicht beim Glück. Glück ist auch bestimmt nie monokausal.
[*Hennig von Lange*]: Wenn man ohne den anderen nicht mehr existieren kann, wird es schwierig. Man sollte es schon schaffen, sich mit sich selbst nicht zu langweilen. Oder aus sich selbst heraus eine gewisse Zufriedenheit zu schöpfen. Natürlich spielt die Liebe zu einem anderen Menschen in unserem Leben eine ganz zentrale Rolle, die aber nicht mit Verliebtheit zu verwechseln ist. Jemanden gefunden zu haben, der einen sehr genau erkennt und der weiß, wer man ist, das ist nie verkehrt.
[*Graf*]: Wahrscheinlich mehr als alles andere, aber ich bezweifle, dass eine Beziehung dauerhaft glücklich macht. Liebe verspricht vermutlich genauso viel Unglück wie Glück. Liebe meint ja auch das unglückliche Verliebtsein, Eifersucht, Entbehrung. Da ist ganz klar, dass das nicht das Glück verspricht. Zumindest kein dauerhaftes.
[*Kann es glücklich machen, sich ganz bewusst ins Unglück zu stürzen?*]
[*Berg*]: Sie meinen so jugendlichen Bullshit wie: sich in unerreichbare Menschen zu verlieben? Sein Geld zu verspielen? Drogen zu nehmen? Ich glaube, das macht definitiv alles nicht glücklich. Aber es mag Menschen geben, die Ausnahmezustände benötigen, um sich lebendig oder außerordentlich zu fühlen. Die Gehirnforschung und ich bleiben dran!
[*Geiger*]: Der Westernheld, der stirbt und dadurch die Gemeinschaft rettet, der rettet auch sich selbst. Sein Tun hat sich gelohnt, deshalb stirbt er glücklich.
[*Hennig von Lange*]: Ja, natürlich. Dahinter steckt oft der Versuch herauszufinden, ob man noch auf dem richtigen Weg ist. Das kann natürlich schmerzhaft werden. Man darf es halt nicht übertreiben. Eine Beziehung zu riskieren und sich aus purer Lust und purem Hedonismus dem Nächsten an den Hals zu schmeißen, davon würde ich immer abraten. Das geht so etwas von in die Hose!
[*Graf*]: Mit einer Beziehung zu brechen, alles auf eine Karte zu setzen, Menschen zu verletzen und das Leid ganz intensiv zu genießen - vielleicht ist man im Unglück näher bei sich selbst als in vielen anderen Situationen. Unglück kann man leichter spüren als Glück.
[*Der Autor Nicolas Fargues sagt, man könne erst im Nachhinein feststellen, ob man glücklich gewesen ist. Glück sei nicht spürbar, wenn es passiert. Was sagen Sie?*]
[*Berg*]: Who the fuck is Herr Fargues? Wenn er das meint, dann stimmt es für ihn. Vielleicht hat er ein Botenstoffproblem. Ich merke immer sofort, wenn ich glücklich bin.
[*Geiger*]: Glück ist ein Zustand wie Schmerz. Wer nicht merkt, dass er glücklich ist, hat offenbar keine Kriterien, anhand derer er Glück erkennt. Hätte Nicolas Fargues recht, müsste man den Satz "Ich bin glücklich" aus der deutschen Sprache verbannen.
[*Hennig von Lange*]: Nein, das würde ich nicht sagen. Gar nicht. Ich fahre oft Fahrrad und denke: Wie glücklich bin ich jetzt schon wieder!
[*Graf*]: Vermutlich ist es ganz selten, dass man die Schönheit eines Augenblicks auch wirklich kapiert. Man verklärt ja ungemein viel. Selbst mit 22 spreche ich schon davon, dass früher mal etwas ganz toll war. Aber wenn ich ehrlich bin, dann weiß ich, dass ich damals zum Teil sogar unglücklicher war als heute.
[*Ist jeder für sein Glück selbst verantwortlich? *]
[*Berg*]: Absolut nein. Glück lässt sich herstellen, es braucht dafür eindeutige gesellschaftliche Voraussetzungen: Bildung, Wohlstand, eine Zukunftsvision und Demokratie. Die Legende vom glücklichen Slumbewohner in Bangladesh ist eine Erfindung verkitschter Linker.
[*Geiger*]: Wenn es wie bei "Der kleine Prinz" wäre, dass man seinen Stern alleine bewohnt, dann ja. Ist aber nicht so. Manchmal wird einem das Glück unmöglich gemacht, manchmal wird es einem verdorben. Eher oft als manchmal.
[*Hennig von Lange*]: Ja. Natürlich leben wir nicht in einer Gesellschaft, in der alle die gleichen Voraussetzungen haben. Aber grundsätzlich sollte man begreifen, dass man die Dinge selbst in die Hand nehmen muss, dass man nicht lockerlassen und nicht jammern darf.
[*Graf*]: Vielleicht kann man es über das Aussteigen schaffen, wenn man sich in eine Bergkultur begibt und Schafe hütet. Aber der klassisch-bürgerliche Glückskatalog ist ja komplett gesellschaftlich bestimmt: mein Haus, mein Job, meine Familie, Gesundheit. Das ist ja das kapitalistische Glücksversprechen.
[*Über Mittzwanziger wird aktuell im Feuilleton gesagt: Die sind nicht mehr sorglos, die haben viel größere Zukunftsangst. Ist Glücklichsein heute schwieriger?*]
[*Berg*]: Die Jugend war nie sorglos. Jugend ist eine unklare Zeit, eine sehr ausgelieferte. Glückliche Jugendliche sind mir suspekt.
[*Geiger*]: Es kann sein, dass man den Druck der Gesellschaft heute mehr aufnimmt, als das in anderen Generationen der Fall war. Leicht war das Glücklichsein ohnehin nie. Sonst hätten sich die Philosophen nicht schon vor 2 000 Jahren den Kopf darüber zerbrochen.
[*Hennig von Lange*]: Ich glaube, vielen macht es Angst, dass sie nicht wissen, was aus ihnen werden könnte. Sie haben den Eindruck, jemand anderes lege das für sie fest. Nur wissen sie nicht, wer dieser andere ist. Wenn man sich auf das konzentriert, was man kann und will - dann wird sich vieles fügen. Ein Gespür für sich selbst zu bekommen, das ist nicht ganz schädlich.
[*Graf*]: Prinzipiell glaube ich nicht, dass der Mensch früher glücklicher war. Heute ist es sicherlich schwieriger - im bürgerlichen Sinne - glücklich zu werden. Haus, Familie, sicherer Job, dieses Rundum-sorglos-Paket ist Mangelware. Und auch im nicht-bürgerlichen Sinne, im Brechen mit diesem Leistungsprinzip wird es schwieriger, weil die Bedingungen sich allgemein verschärft haben. Aber vielleicht wäre es gerade jetzt an der Zeit zu kapitulieren, so wie es gerade Tocotronic in die Welt tragen.
[*Kann Verzichten glücklich machen?*]
[*Berg*]: Verzicht worauf? Auf Essen? Oder so asketisch? Das macht sicher einige Menschen glücklich und gibt ihnen das trügerische Gefühl, sie seien Auserwählte.
[*Geiger*]: Dem Sprichwort zum Trotz kann man das Spiel selbstverständlich auch gewinnen, indem man es aufgibt!
[*Hennig von Lange*]: Manchmal muss man auf etwas verzichten, um Platz für etwas anderes zu machen. Aber ich glaube: Grundsätzlich ist Demut wichtig. Das heißt nicht, dass man sich unter Wert verkaufen oder sich unterwerfen soll. Sondern dass man den Dingen mit Dankbarkeit begegnen kann, dass man sie in ihrem Wert erkennt.
[*Graf*]: Das kann eine Lösung sein. Zum Beispiel der Verzicht auf eine Wertigkeit, die einem versprochen wird: Man ist wertvoll, wenn man das und das macht. Da sollte man die Zeit lieber besser und anders nutzen. Verzicht kann man aber nicht allgemeingültig definieren. Jeder muss für sich selbst wissen, worauf er verzichten will.
[*Hat der Begriff Selbstverwirklichung heute noch eine Bedeutung?*]
[*Berg*]: Sicher kann es so etwas bedeuten wie herauszufinden, was einem selbst entspricht. Sehr viel westliches Unglück kommt durch eine Anpassung an gesellschaftlich erzeugte Vorbilder. Beispielsweise an eine Normalität, die uns immer noch von der Werbung verkauft wird - und die es so nicht gibt. Menschen sehen diese weißgebügelten Backpfeifenfamilien und denken: "Ich bin nicht weißgebügelt, meine Kinder mögen keine Fruchtzwerge. Ich bin krank."
[*Geiger*]: Der hat sich abgenutzt und ist ins Esoterische abgedriftet. Ich habe ihn, um ehrlich zu sein, auch nie ganz verstanden. Bestenfalls meint er, dass jemand versucht, sich selbst gerecht zu werden und sich irgendwie in ein vernünftiges Verhältnis zur Welt zu bringen.
[*Hennig von Lange*]: Natürlich, wird er auch immer haben. Die Frage ist: Was verstehen die Leute darunter? Wenn es bedeutet: Ich brauche dreimal im Jahr Urlaub. Dann ist das sehr simpel gedacht. Wenn es darum geht, das eigene Potenzial zu nutzen und diszipliniert zu sein mit sich selbst und seiner Zeit, dann ist das nie verkehrt!
[*Graf*]: Selbstverwirklichung ist fast schon ein Klischeebegriff geworden. Aber wenn Selbstverwirklichung eine Selbstehrlichkeit meint - dass man sich von Druck und Zwängen freimacht, dass mehr zählt als der Studienabschluss, die 40-Stunden-Woche und die 1 500 Euro. Dann funktioniert es. Trotzdem ist es ein Begriff, der im System bleibt und nicht unbedingt etwas anderes sucht.
[*Kann man Glück durch Ratgeber oder Romane lernen? Hilft es zum Beispiel, Ihr aktuelles Buch zu lesen?*]
[*Berg*]: Meine Bücher helfen Randgruppen Unnormaler. Das weiß ich aus Gesprächen mit Menschen, die definitiv keiner Backpfeifen-Werbefamilie angehören. Sie hatten beim Lesen das Gefühl, dass es okay ist, nicht immerzu glücklich zu sein. Dass es okay ist, schwul, lesbisch, depressiv, einsam und unglücklich zu sein. Das kann sehr helfen: dieses Erkennen, dass man nichts Spezielles ist.
[*Geiger*]: Wenn ich in diesem Interview einen einzigen klugen Satz über das Glück zustande bringe, dann deshalb, weil ich die eigene Lebenserfahrung ständig mittels Lektüre und Nachdenken in eine andere Dimension katapultiere.
[*Hennig von Lange*]: Ich sehe ein Buch grundsätzlich als eine Art Spiegelkammer, die man als Leser betreten kann. Wenn man sich mit der Hauptfigur eines Romans identifizieren oder zumindest die Problematik nachvollziehen kann, dann kann man auch sein eigenes Leben in einem Buch gespiegelt sehen. Man kann reflektieren und möglicherweise einen neuen Blick auf das eigene Dasein bekommen.
[*Graf*]: Mein Buch, nein. Ich glaube auch nicht, dass andere Bücher helfen. Ich denke aber, dass die Glückssuche heute mehr und mehr zu einem Konsumding geworden ist: Ratgeberbücher, Soku-Soaps, Coachings. Immer weniger denken noch selbst, suchen noch selbst und kämpfen mit den vielen Dingen, die unglücklich machen. Romane können nichts versprechen, aber sie können Hinweise geben. Ohne Patentrezepte sein zu wollen. Die muss jeder selbst finden.
[*Die Lektüre welches Buchs war für Sie bislang das größte Glück?*]
[*Berg*]: Vielleicht irgendwann vor 100 Jahren ein Buch von Philippe Djian. Ich habe da etwas begriffen, was das eigene Schreiben angeht - was ich allerdings wieder vergessen habe.
[*Geiger*]: Mit großartigen Büchern ist es wie mit der Liebe und mit Testamenten: Das jüngste stellt die älteren in den Schatten. Deshalb ist die Frage fairerweise nicht zu beantworten.
[*Hennig von Lange*]: Friederike Mayröcker: "Und ich schüttelte einen Liebling". Das ist das großartigste Buch, das es gibt. Neben Salingers "Der Fänger im Roggen" und "Montauk" von Max Frisch.
[*Graf*]: Großes Unglück empfand ich bei "Giovannis Zimmer" von James Baldwin. Weil ich da ganz viel über die Liebe und den Menschen mit all ihrem seinem verstanden habe. Wenn man Unglück begreift, ist das auch ein Glücksgefühl.

