> Jürgen Vogel

"KINDER SIND DAS GEILSTE"

Jürgen Vogel sorgt dafür, dass wir dereinst Rente bekommen: Unser liebster Kino-Underdog ist vierfacher Vater. Ein Gespräch über Familienlangweiler, coole Säue - und was beide verbindet.
Interview: Daniel Schoeps

[*uMag:*] Jürgen, du bist einer der wenigen Menschen, die überhaupt noch Kinder haben. Du sorgst also dafür, dass die Deutschen nicht aussterben ...
[*Jürgen Vogel:*] Das Aussterben ist durch den einfachen, normalen Menschen, der Kinder hat, nicht mehr zu verhindern.

[*uMag:*] Aber du hast ja gleich vier davon! Und dann wohnt ihr auch alle mehr oder weniger zusammen.
[*Vogel:*] Ja, wir wohnen alle in einer Straße. Das wollte ich immer haben, das finde ich gut. Ich mag die Struktur von Familie, auch wenn das manchmal wahnsinnig anstrengend ist. Ich stehe auch auf Verantwortung. Es gibt Leute, die haben da große Angst vor, für mich ist das letztlich Lebenssinn: füreinander da sein, sich begleiten, Entwicklung sehen. Viele Leute sagen: Die Arbeit ist das Allerwichtigste. Die meisten von denen habe ich irgendwann trauernd gesehen, als sie realisiert haben, dass sie die Arbeit auch nicht glücklich macht. Auch Kinder können dich nicht glücklich machen, das musst du schon selber schaffen. Aber Arbeit als erste Priorität kann schon schnell zur Depression führen.

[*uMag:*] Gerade bei einem Beruf wie deinem.
[*Vogel:*] Ja, aber das gilt auch für andere Berufe. Wobei das bei Schauspielern schon manchmal extrem ist. Denn der Beruf schützt nicht vor Langeweile oder Depression. Wie oft man das hört: "Du, ich habe gerade 'nen Preis gekriegt, und ich drehe nächsten Monat schon wieder ..." Aber all die Zeit dazwischen, wo die alleine sind - da können sie gar nicht mehr normal sein, weil sie die Erwartung, die alle anderen an sie stellen, selber auch an sich stellen. Und dann endet das oft in so einem armseligen Partygelebe. Ich finde das super, einfach nur mit 'ner Jogginghose vorm Fernseher zu sitzen, mich zu langweilen und ein ganz normaler Mensch zu sein - viele ertragen das nicht.

[*uMag:*] Kinder holen ihre Eltern gut auf den Boden der Realität zurück.
[*Vogel:*] Manchmal ist das echt anstrengend, aber ich finde es toll. Dafür bin ich sehr dankbar. Und vor allem: Alle anderen haben das doch auch. Warum sollen wir denn nicht diesen Scheiß am Arsch haben: Pubertät, Schulprobleme, Traurigkeit, Elternabend, mitzittern und hoffen, dass es der richtige Freund ist. Die ganzen Ängste, die man als Eltern durchsteht, machen einen doch auch normal. Und ich will normal sein. Denn es ist ganz einfach nicht gesund, sich nur mit sich selber zu befassen.

[*uMag:*] Du hast mal gesagt, dass Vatersein das Sinnvollste in deinem Leben sei.
[*Vogel:*] Das ist wie Freundschaft. Du investierst, arbeitest, trägst Verantwortung und hast dafür Freunde. Das kriegt man nicht geschenkt. Kein Freund ohne Gegenleistung, ohne dass du dich triffst und bohrst, dass du manchmal hinterfragst und kritisierst. Wie in einer Beziehung. Und so ist das auch mit Kindern.

[*uMag:*] Kannst du mir Mut machen, Kinder zu zeugen?
[*Vogel:*] Leider leben wir in einer Gesellschaft, wo es als Frau nicht so einfach ist zu sagen: "Ich will jetzt ein Kind, und wenn der Typ das nicht will, dann ziehe ich es eben irgendwie alleine groß." Das ist alles ein bisschen horrormäßig gestaltet. Und die Jungs sind alle von ihren Müttern erzogen worden; die wissen nicht, wie man Wäsche wäscht oder die Badewanne sauber macht, weil Mutti das immer gemacht hat. Das ist eine ganze Generation von eigentlich unfähigen Jungs, die mit 30 noch denken, dass sie eigentlich 20 sind. Und die gar nicht einsehen, dass sie mit 30 schon Vater werden sollen. Die Mädels haben es auch nicht einfach, weil die Typen in der Entwicklung zehn Jahre zurückliegen und erst mit 40 vielleicht an den Punkt kommen, 'ne Familie zu gründen. Aber das auch nur, weil sie rechnen, dass sie 60 sind, wenn ihr Kind 20 wird. Aber mit 40 wird es für die Frauen natürlich langsam eng.

[*uMag:*] Was rätst du?
[*Vogel:*] Kinder sind immer das Geilste. Auch Frauen kann ich nur raten, sich dafür zu entscheiden. Andererseits ist es auch ganz wichtig, dass sie erst mal ihr Ding machen. Um unabhängig zu sein und Erfahrungen zu sammeln.

[*uMag:*] Du warst 20, als du zum ersten Mal Vater geworden bist. Etabliert warst du da aber noch nicht, oder?
[*Vogel:*] Nein. Aber das ist eh Quatsch zu glauben, dass man erst etabliert sein muss, um Kinder zu haben. Was soll das denn bedeuten? Wann ist man etabliert? Die Sicherheit, dass ein Paar für immer zusammenbleibt, gibt es nicht, da muss man sich nichts vormachen. Aber es ist immer gut, wenn ein Kind aus Liebe entsteht. Selbst wenn man sich trennt, kann man versuchen zu sagen: "Wir haben uns geliebt, lass uns das mit dem Kind vernünftig durchziehen und versuchen, Freunde zu bleiben." Dann kannst du es auch schaffen, das Kind zusammen großzuziehen. Und deshalb ist Liebe da auch wichtiger als irgendein Plan: "Jetzt hab ich meine Ausbildung fertig, und der Typ ist ja auch ganz gut ..." Wenn man 20, 25 ist, sich wirklich liebt und Bock aufeinander hat, dann sollte man versuchen, in der Zeit ein Kind zu bekommen. Denn so etwas kommt nicht so schnell wieder.

[*uMag:*] Was mich bei der politischen Diskussion zum Thema ärgert, ist, dass es eigentlich nur darum geht, dass die Deutschen aussterben - was ich persönlich sehr gut verkraften könnte. Aber dass das nicht zum Kinderkriegen motiviert, ist auch klar, oder?
[*Vogel:*] Du kannst das Thema Kinder nicht behandeln, indem du nur an Rentenversorgung denkst. Das ist ein Zynismus, der echt ...

[*uMag:*] Du kannst den Eltern Geld geben.
[*Vogel:*] Von mir aus auch kein Geld. Aber stell dir mal vor: Du kriegst mit 20 Jahren ein Kind, und die Frau kann dieses Kind nach drei Jahren mit gutem Gefühl in den Kindergarten geben. Und sie muss weder 700 Euro dafür zahlen noch putzen oder kochen. Angenommen, du hast wirklich das Gefühl, dein Kind ist super untergebracht, und nach dem Kindergarten gibt es einen Hort, und das geht dann so mit der Schule weiter. Wenn das so wäre, brauchtest du kein Geld, denn dann könnten die Frauen arbeiten gehen. Stell dir vor: Die Schule ist toll, der Hort ist toll und um die Ecke, dort gibt es Mittag, und Schularbeiten werden auch gemacht. Und da sind tolle Erzieher und nicht Eltern, die das untereinander ausmachen müssen. Familien brauchen kein Geld, sondern Möglichkeiten unabhängiger Unterstützung.

[*uMag:*] Wie sieht die Rollenverteilung konkret bei euch aus?
[*Vogel:*] Ach, das ist eigentlich ganz gut organisiert. Wenn ich drehe, dann von Montag bis Freitag, und am Wochenende bin ich zu Hause. Das ist mir ganz wichtig. Manchmal besuchen mich die Kinder auch. Ich habe ja auch ältere: die sind jetzt 18 und 22 Jahre. Der eine von denen ist jetzt gerade auf einer Privatschule und versucht, seinen Realschulabschluss nachzumachen, weil er das in dieser Dreißiger-Klasse nicht geschafft hat. Das ist natürlich auch seine Schuld, aber in der privaten Schule hat er eben nur acht Leute in der Klasse. Und so was kannst du nur dann machen, wenn du Geld hast. Du kannst auch Bildung nicht steuerlich absetzen. Das geht nur mit deinem Auto, aber nicht mit Bildung. Das ist das System. Und ich weiß auch, was die Leute jetzt denken: Ah, Privatschule, na, der kann sich das ja auch leisten.

[*uMag:*] Na ja, irgendwo wirst auch du zurückstecken müssen, oder?
[*Vogel:*] Ich wohne in einer ganz normalen Mietwohnung. Ohne vier Kinder hätte ich 'nen Porsche, aber scheiß drauf! Lieber mit Kindern ohne Haus, als alleine ohne Kinder in 'nem großen Haus wohnen.

[*uMag:*] Was lernt man von seinen Kindern?
[*Vogel:*] Viel über sich. Die Kinder sind ja ein Produkt des Zusammenlebens mit dir selber. Und du wirst mit deinen eigenen Fehlern und Schwächen konfrontiert, spätestens ab der Pubertät. Man wird immer wieder dazu gezwungen, für das, was man gesagt und getan hat, einzustehen und sich immer wieder infrage zu stellen.



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