DER UNGEZÄHMTE KÖRPER
Am 25. Februar ist der langersehnte Debütroman von Charlotte Roche erschienen, mit dem sie im März und April auf großer Lesereise ist. In "Feuchtgebiete" hetzt die ehemalige Viva-Moderatorin von Tabu zu Tabu: Hämorrhoiden, Analverkehr, Toilettenexperimente, ausgefallene Masturbationsvarianten. Hier erklärt sie, warum es ihr dabei um sehr viel mehr als Randale und Provokation geht.
Interview: Carsten Schrader
Foto: Jochen Schmitz
[*U_mag*]: Charlotte, die Heldin deines Romans "Feuchtgebiete" sagt: "Es ist wie ein Sport. Ich muss in einem Raum immer die Lockerste der Anwesenden sein." Das trifft ja wohl auch auf dich zu, oder?
[*Charlotte Roche*]: Ja. Früher war es ein Charakterzug von mir, dass ich als Frau immer ganz stolz darauf war, mehr trinken zu können als Männer. Alle Typen, die mit mir am Tisch saßen, wollte ich unter den Tisch saufen. Heute bin ich zu alt dafür, ich bin Mutter und gehe nicht mehr aus. Dann verträgt man auch keinen Alkohol mehr und wird immer memmiger. Aber es ist praktisch durch äußere Umstände erzwungen, dass ich nicht mehr so viel trinken kann.
[*U_mag*]: Hast du denn eine Ersatzdroge gefunden, mit der du dich behaupten kannst?
[*Roche*]: Wo der Alkohol weg ist, bleibt mir nur noch, versaute Witze zu machen. Zoten sind meine liebste Art von Humor. Wenn ich Menschen kennen lerne, und die zoten rum, dann liebe ich die sofort. Und unter Freunden, von denen ich weiß, dass sie einen ähnlichen Humor haben, will ich immer die Zotenkönigin des Abends sein.
[*U_mag*]: Brichst du in "Feuchtgebiete" Tabu um Tabu, weil du diesen Titel jetzt auch in der Literaturszene erringen willst?
[*Roche*]: Nach dem Buch wird sicher wieder ganz oft geschrieben: Die provoziert doch nur um des Provozierens willen. Klar, ich habe es mit Tabus. Aber nicht in der Form, dass mich jemand fotografiert und ich einen Fickfinger zeige, weil man das nicht darf.
[*U_mag*]: Dann hat es einen tieferen Sinn, wenn es gleich am Anfang des Romans um Hämorrhoiden geht?
[*Roche*]: Hämorrhoiden werden meistens vererbt, es ist eine vererbte Bindegewebsschwäche. Wenn aber Proktologen ihre Patienten fragen, ob deren Vater oder Mutter Hämorrhoiden hatten, dann antwortet jeder, dass er es nicht weiß. Diese Scheißeltern vererben das immer schön weiter, verlieren aber kein Wort darüber. Keiner will darüber reden, dass es juckt und da hinten etwas rauswächst. Man ist noch nicht mal dem eigenen Kind gegenüber offen. Das ist so typisch Mensch. Die ganze Welt läuft rum und hat Hämorrhoiden - und keiner redet darüber. Warum sitzt man nicht jeden Abend beim Italiener und spricht in großer Runde über Hämorrhoiden? Das ist richtig lustig, wenn man sich da austauscht. Ähnlich ist es mit Sexunfällen. Ich bin ja nicht dazu da, Leute zu befreien. Aber ich merke, dass es mich sehr befreit, wenn man andere findet, denen es geht wie einem selbst. Wenn man es schafft, über solche Tabus zu sprechen.
[*U_mag*]: Gibt es nichts, wovor du dich ekelst?
[*Roche*]: Ich ekle mich vor ganz anderen Sachen als die meisten Menschen, aber auch bei mir gibt es ganz peinliche Ekelsachen. Ich könnte bei niemandem einen Joghurt aus dem Kühlschrank essen. Ich ekle mich total vor Joghurt und anderen Milchprodukten, die bei Fremden im Kühlschrank stehen. Irgendwie denke ich, dass diese Sachen den Gestank des Kühlschranks angenommen haben. Ganz schlimm ist es auch, wenn in der Spülmaschine das Wasser nicht mehr abläuft und man da diese alten Essensreste zusammensuchen muss. Wie das aussieht, wie sich das anfühlt, und vor allem wie das riecht, sorgt dafür, dass mir die Kotze hochkommt. Tatsächlich ekle ich mich vor vielen Sachen, aber eben nicht vor denen, die im Buch vorkommen.
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[*U_mag*]: Dann stimmst du der Protagonistin zu und forderst, dass man alle Absonderungen des Körpers schon mal in den Mund genommen und runtergeschluckt haben sollte? Egal, ob Tränen, Schorf, Mitesser, Popel oder Smegma?
[*Roche*]: Joa. Auf jeden Fall bin ich gegen diese Meinung, dass irgendeine unserer Ausscheidungen, egal ob oben, unten, hinten oder vorn, ungesund sein könnte. Aber es ist ja eher wie ein Kunstprojekt, wenn man sagt: Du musst alles, was aus dir rauskommt, mal probiert haben. Ich kann niemanden zwingen, das macht ja keinen Sinn. Aber wenn Frauen sich nicht vor ihrem Smegma ekeln, dann macht das im Hinblick auf ihr Sexleben schon Sinn. Sie sind dann nicht so verklemmt. Ich habe ja überhaupt erst angefangen, dieses Buch zu schreiben, weil ich so wütend über Intimwaschlotionen bin. Das signalisiert uns Frauen, dass eine normale Seife nicht ausreicht, um den Intimbereich auszuwaschen. Alle Frauen sind bei diesem Thema total empfindlich. Fischgeruchwitze haben wir schon als kleine Mädchen eingebläut bekommen. Irgendwann denkt man dann selbst, dass das ekelhaft auf Männer wirkt. Man denkt: Das ist ekelhaft und muss weggewaschen werden. Mittlerweile gibt es sogar Slipeinlagen und Binden, die parfümiert sind. Und ich finde das alles ganz, ganz schlimm!
[*U_mag*]: Aber gilt das alles nur für Frauen? Unter Männern sind doch auch längst Zwänge wie die Ganzkörperrasur etabliert.
[*Roche*]: Außerhalb der Schwulenszene betrifft das doch höchstens Models, mit normalen Heteromännern hat das nichts zu tun. Die hören höchstens von weitem, dass es Männer gibt, die sich den Arsch rasieren. Die coolen Typen in Berlin-Mitte haben doch alle nicht ihren Sack rasiert. Das könnte ich schwören. Aber bei den Frauen ist alles rasiert: die Beine, die Achselhöhlen, die Muschi ganz oder teilweise. In Sachen Hygiene ist es mit Sicherheit so, dass Männern noch Vorbilder angeboten werden, bei denen es als cool gilt, dass sie vielleicht sogar stinken. Mittelalterheteromänner haben doch früher ihre Cowboyfilme gesehen. Diese Vorbilder machen Männer locker. Männer sind locker, Frauen nicht. Frauen kriegen Druck wegen Geruch, wegen Körperbau, wegen Brüsten, wegen Speck, wegen allem.
[*U_mag*]: Aber gerade du hast doch schon vor zehn Jahren auf Viva stolz deine Achselhaare in die Kamera gehalten und dich damit als role model für eine alternative Weiblichkeit etabliert. Das ist sicher nicht zum Gesellschaftsmainstream geworden, aber inzwischen gibt es wenigstens dieses Angebot einer coolen subkulturellen Weiblichkeit.
[*Roche*]: Ich wäre froh, wenn es so wäre. Aber kennst du wirklich Frauen, die das machen? Ich nicht. Selbst schlaue Frauen, die gute Musik hören, sind komplett rasiert. Ich kenne eine einzige Frau mit Achselhaaren, aber die ist auch ein totaler Freigeist. Die ist in ihrem ganzen Leben noch nicht darauf gekommen, dass andere Frauen sich ihre Achselhaare rasieren.
[*U_mag*]: Wie kommt man denn aus dieser Situation wieder raus?
[*Roche*]: Auf alle Fälle muss man auch die Männer befreien. Für Männer ist es ja total undenkbar zu sagen: Wieso? Ich stehe auf Frauen, die einen Riesenbusch zwischen den Beinen haben! Heutzutage ist es ja ein Hyperfetisch, wenn ein Mann das sagt.
[*U_mag*]: Und Frauen sollen einfach nur darauf warten, dass diese unwahrscheinliche Wandlung der Männer irgendwann mal passiert?
[*Roche*]: Ich halte Frauen oft für unerträglich kitschig, zurückhaltend und für zu fein. Ich lese nicht, aber ich vermute, dass ich bei Büchern, in denen Beziehung, Liebe und Sex dargestellt werden, kotzen würde. Ich glaube ja, dass Frauen ganz oft auf schnulzige Vorstellungen reinfallen, weil sie irgendwann anfangen, diese gelesenen Phrasen selbst zu fühlen. Liebe, Sex und Partnerschaft haben mit diesen Vorstellungen von Umworbenwerden nichts zu tun.
[*U_mag*]: Mit deiner Romanheldin zeichnest du einerseits eine sehr selbstbewusste Frau, die sich den üblichen Zwängen verweigert. Aber andererseits kopiert sie das traditionelle männliche Verhalten mit all seinen Nachteilen. Ist das etwa der Ausweg?
[*Roche*]: Meine Heldin ist randalemäßig und nimmt sich alles, was ihr vor die Flinte kommt. Es soll so sein, dass man sieht, wie eine Frau wäre, wenn sie ganz männlich sagt: Kommt mal alle her! Aber andererseits behandelt sie die Männer ja nicht schlecht. Sie schmeißt die Sexualpartner nicht weg, wie man das von Männern so gewohnt ist, die rumficken. Und es soll auch nicht dieses neue weibliche "Sex and the City"-Selbstbewusstsein sein, wenn Barbara Schöneberger oder irgendwelche Blondinen sagen: Wir wollen Männerärsche sehen. Ihh, das ist auch ekelhaft! Da denke ich doch auch: Oh nee, bitte! Lasst die armen Männer in Ruhe!
[*U_mag*]: Aber bleibst du dann nicht bei den alten Erkenntnissen und Forderungen, die wir schon von 1968 kennen?
[*Roche*]: Natürlich wurde damals schon gepredigt, dass Frauen sich ausleben sollen. Es ist aber immer noch nicht angekommen, das weiß ich doch. Diese grotesken Vorstellungen von Rollenverhalten gibt es immer noch: Der Junge muss werben, und das Mädchen darf nicht anrufen, sondern es muss warten, bis das Telefon klingelt. Natürlich ist das eine alte Leier. Frauen, befreit euch! Frauen, habt Spaß am Oralverkehr, wenn das jemand bei euch macht! Es wäre komplett größenwahnsinnig, wenn ich behaupten würde, dass ich etwas komplett Neues anbiete. Aber vielleicht sage ich es lauter und selbstbewusster als andere.
Charlotte Roche auf Lesereise:
25. 2. [*Düsseldorf*] Stahlwerk Düsseldorf
26. 2. [*München*] Lustspielhaus
27. 2. [*Heidelberg*] Karlstorbahnhof
28. 2. [*Freiburg*] Fabrik
2. 3. [*Köln*] Schauspielhaus
3. 3. [*Essen*] Zeche Carl
5. 3. [*Krefeld*] Kulturfabrik Krefeld
6. 3. [*Kiel*] Die Pumpe
7. 3. [*Lübeck*] Filmhaus Lübeck
8. 3. [*Rostock*] Mau Club
11. 3. [*Dresden*] Scheune
12. 3. [*Leipzig*] Café Telegraph
13. 3. [*Leipzig*] Im Forum der Messe (Halle 5)
15. 3. [*Hanau*] Culture Club
16. 3. [*Mannheim*] Capitol
17. 3. [*Frankfurt*] Mousonturm
26. 3. [*Wolfsburg*] Hallenbad
27. 3. [*Münster*] Prinzipsaal
31. 3. [*Würzburg*] Saalbau Luisengarten
1. 4. [*Karlsruhe*] Jubez
2. 4. [*Nürnberg*] Der Hirsch
3. 4. [*Mainz*] Frankfurter Hof
4. 4. [*Duisburg*] HundertMeister
8. 4. [*Koblenz*] Café Hahn
10. 4. [*Menden*] Wilhelmshöhe
13. 4. [*Berlin*] Festsaal Kreuzberg
15. 4. [*Bonn*] Pantheon
16. 4. [*Aachen*] Altes Kurhaus
17. 4. [*Wuppertal*] Rex Theater
19. 4. [*Witten*] Werkstadt
20. 4. [*Hamburg*] Schmidt Theater
21. 4. [*Bremen*] Schlachthof
22. 4. [*Osnabrück*] Lagerhalle
23. 4. [*Bünde*] Universum
24. 4. [*Oldenburg*] Harmonie
27. 4. [*Hildesheim*] Kulturfabrik e.V. Löseke
28. 4. [*Göttingen*] Junges Theater
29. 4. [*Braunschweig*] Spiegelzelt
2. 5. [*Darmstadt*] Centralstation


