UNSER PARIS
Kein Glücksfall Leben diesen Monat: Nach den Terrorattacken in Paris
kann Falk Schreiber noch nicht wieder zum Alltag zurückkehren.
Wir alle kennen Paris. Paris, Stadt der Städte. Paris, Weltmetropole. Paris, Tourismusziel. Unser Paris. In unserem Paris wurden Mitte November mehrere Terrorattacken mit 127 Toten verübt, zeitgleich gab es auch tödliche Anschläge in Beirut, aber Paris ging uns näher. Weil hier eine Welt getroffen wurde, die wir kennen: ein Rockkonzert. Ein Fußballspiel. Menschen in Straßencafés. Man denkt: Hier wurde weder Paris angegriffen noch der Westen, hier wurde das angegriffen, was Paris mit uns verbindet. Ein Lebensstil. Unser Lebensstil.
Aber Vorsicht: Was soll das eigentlich sein, "unser Lebensstil"? Indem man die Struktur "Hier wir, dort die" übernimmt, macht man dann schon den Job der Angreifer? Und wer sind "die", wer sind "wir"? Hier die westlichen Hedonisten, dort die morgenländischen Gotteskrieger? Wer so etwas behauptet, der hat noch nie den hedonistischen Exzess auf einer muslimischen Hochzeit miterlebt, wer so etwas behauptet, glaubt auch, dass sich keine Muslime im Club Le Bataclan aufgehalten haben, als die Attentate sich ereigneten. Wer so etwas behauptet, der denkt genau wie die Angreifer. Der Islamische Staat, der anscheinend hinter den Angriffen steckt, hasst einen Islam, der Teil des Westens ist, er hasst die multikulturelle Gesellschaft, die es erlaubt, dass der eine an Allah glaubt, die andere an Jesus und der dritte an gar nichts. Der Islamische Staat will klare Fronten, genau wie die Scharfmacher auf der Rechten auch. Diese Fronten gibt es aber nicht, es gibt kein "wir" und "die".
Was es gibt: die Realität der Großstadt, in der unterschiedlichste Lebensentwürfe irgendwie zusammen funktionieren. Die Kleinfamilie. Der dauerbekiffte Hänger. Die Vergnügungssüchtige. Der High Performer, die Leistungsträgerin. Der Querkopf. Die Religiöse. Der Vergeistigte. Wenn Großstadt funktioniert, dann funktioniert sie, weil all diese Charaktere auf recht engem Raum zusammenleben, weil sie sich in der S-Bahn begegnen und beim Bäcker, weil sie gemeinsam ins Theater gehen und ins Kino. Und ins Konzert. Das Bataclan wurde unter anderem deswegen angegriffen, weil eine Konzerthalle eben solch ein Ort ist, an dem sich die Lebensentwürfe mischen. Und einander nicht an die Gurgel gehen, sondern trinken, singen, tanzen. Im Bataclan spielte an jenem abend die US-Band Eagles Of Death Metal, eine Band, die schon im Namen Softrock und Metal verbindet, und die musikalisch fröhlich zwischen Siebzigerrock, Blues, Folk und hochironischem Musikkabarett hin und her springt. Alles Elemente, die eigentlich nicht zusammenpassen, aber wenn man Unterschiede zulässt, Unterschiede als Bereicherung akzeptiert, dann passt es eben doch.
Und dann ist da die zufällige Partybekanntschaft, die, kaum dass man erzählt hat, dass man in Hamburg lebt, vom Leder zieht: "Ich hasse Großstädte! Das ist alles so dreckig. Und man fühlt sich gar nicht mehr wie in Deutschland!" Das klingt so ähnlich wie der IS-Sprecher, der die Attentate in Paris als Angriff auf die "Hauptstadt des Ehebruchs und des Lasters" rechtfertigt. Als Unfähigkeit, mit der Unübersichtlichkeit und Vielstimmigkeit der Stadt einen Umgang zu finden, einer Unfähigkeit, die sich in Aggression ihr Ventil sucht. Das kann man nicht vergleichen? Wahrscheinlich nicht.
Das Problem ist: Man kann gerade sehr vieles nicht, weil die Emotionen auf allen Seiten hochschlagen. Ja, ich fühle mich unwohl, wenn ein bärtiger Mann mit Pakol zu mir in die Bahn steigt, aber zeige ich dieses Gefühl? Nein, weil ich kein Öl ins Feuer gießen möchte, weil ich keine Panik anheizen möchte. Färbe ich mein Facebook-Profilbild blau-weiß-rot ein? Nein, weil mir das Wedeln mit Nationalfarben immer schon zuwider war. Tagge ich Twitterkommentare mit #prayforparis? Nein, weil ich glaube, dass alles Unheil mit Gebeten erst seinen Anfang genommen hat. Sorge ich durch mein Zögern, meine Unsicherheit, mein Hinterfragen alles Tuns und Nichttuns dafür, dass die Situation von Minute zu Minute immer verfahrener wird? Auf jeden Fall.
Es ist ja klar, wie man weiterleben kann, nach Paris. Indem man ganz einfach weiterlebt, gelassen, unbeeindruckt. Indem man auf die Straße geht, indem man küsst, indem man tanzt. Indem man sein Leben selbstbewusst nach außen trägt, hedonistisch, schwul, muslimisch, wie auch immer. Indem man zeigt, dass Zusammenleben funktionieren kann und dass dieses Zusammenleben soviel reizvoller ist als die Homogenitätsfantasien von Dschihadisten wie Rechten. Mir ist vollkommen klar, dass das die angemessene Reaktion wäre.
Und, es tut mir leid, im Moment schaffe ich das nicht. Weil das immer noch auch mein Paris war, das da angegriffen wurde.


