DER HINGUCKER
In seinem ersten Kinofilm "Chiko" schockt Regisseur Özgür Yildirim mit knallharten Bildern aus dem Drogenmilieu. Der 28-Jährige will, dass wir endlich kapieren:
Wir sind selbst schuld an zunehmender Gewalt, Gettoisierung und Gangstertum.
[*U_mag*]: Özgür, dein erster Kinofilm "Chiko" erzählt die
Geschichte zweier Freunde, die in Hamburg ins Drogengeschäft einsteigen wollen. Sie kommen nicht nur aus einem Vorstadtgetto, sie hängen auch an jeden Satz ein "Digger" oder "Alter" an. Das klingt ganz schön nach Klischee ...
[*Özgür Yildirim*]: Klischees haben ja einen wahren Hintergrund. Die Frage ist: Was macht man aus ihnen? Zeigt man das Klischee so, wie es ist, und dabei bleibt es? Oder benutzt man Klischees, um eine weitere Dimension hinzuzufügen? Dass meine Hauptfiguren so sprechen, das ist ja nicht mal übertrieben. Für mich war es oberste Priorität, die echten Jungs da draußen zu überzeugen.
[*U_mag*]: Der reale Gettogangster soll sich in deinem Film erkennen können?
[*Yildirim*]: Genau. Wenn ich etwas über einen Boxer in der Krise mache, dann soll der Film am Ende so echt sein, dass der echte Boxer sich mit der Figur identifizieren kann. Und so ist auch die Voraussetzung für diesen Milieufilm.
[*U_mag*]: Irgendwann gewöhnt man sich als Zuschauer auch an die hohe "Digger"-Quote.
[*Yildirim*]: Das ist das Interessante: Wenn man sich auf die Jungs einlässt, wenn man in ihre Welt geht und sie begleitet, dann fängt man irgendwann an, sie zu verstehen. Das funktioniert aber nur, wenn alles so realistisch wie möglich geschildert ist. Das gilt auch für die Gewaltszenen - aber darauf werden wir bestimmt noch zu sprechen kommen.
[*U_mag*]: Natürlich. In "Chiko" sind nicht nur Schießereien zu sehen, sondern auch krasse Folter- und Prügelszenen. Zum Beispiel wird die Mutter eines Protagonisten zu Tode getreten - das werden viele zu hart finden. Aber das ist dir ja offensichtlich bewusst.
[*Yildirim*]: Ich persönlich halte nichts von Gewalt. Nur wäre es völlig falsch und paradox gewesen, wenn ich sie im Film außen vor gelassen hätte. Letztlich will ich eine Geschichte über einen bestimmten Teil der heutigen Gesellschaft erzählen. Und da gehört Gewalt dazu. Und da gehört vor allem diese extrem rohe Gewalt dazu, die es nun mal gibt. Wenn ich da wegschalten würde, dann wäre ich einfach feige. Ich wollte aber einen ehrlichen Film machen, also musste ich auch ehrlich mit der Gewalt umgehen. Nicht, um sie zu verherrlichen, sondern um zu zeigen, wie grauenvoll sie ist.
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[*U_mag*]: Bei amerikanischen Genrefilmen beschwert sich niemand über ähnlich harte Gewaltszenen. Vielleicht, weil es so weit weg ist und man sich eher einreden kann, alles sei nur Fiktion. Aber du konfrontierst damit, dass es diese Form von Gewalt auch auf deutschen Straßen gibt.
[*Yildirim*]: Ich mache mal den Vergleich zu einem Film wie "Hostel": Da werden Leute auf die übelste Weise gequält und gefoltert. Und das Ganze wird explizit gezeigt, es ist sadistisch. Klar, da wird auch irgendeine Geschichte erzählt. Aber es ist vor allen Dingen Entertainment - Entertainment für Hartgesottene. "Chiko" dagegen ist nicht zum Gruseln. Obwohl die Leute sich vielleicht die Augen zuhalten werden, wenn in einer Szene einem jungen Typ ein Nagel in den Fuß gehämmert wird. Letztlich hat Gewalt in meinem Film aber immer eine Konsequenz: Sie führt ins Chaos.
[*U_mag*]: Nachdem dein Film auf der Berlinale gezeigt wurde, gab es in Kritiken den Vorwurf: Die ganzen Kids werden ins Kino rennen und sich in ihrem Gangstertum bestätigt sehen. Stört dich so eine Interpretation?
[*Yildirim*]: Ach, soll doch jeder interpretieren, was er möchte. Trotzdem frage ich mich: Wo erkennen die Leute eine Glorifizierung? Das ist absurd! Wenn der Gangster am Ende unbestraft in die Freiheit fahren würde, dann würde ich sagen: Okay, ich verstehe die Kritik. Aber der Film erzählt eben nicht, dass der Typ mit seiner Nummer durchkommt.
[*U_mag*]: Pädagogisch wolltest du aber nicht sein, oder?
[*Yildirim*]: Ich hab den Film nicht gemacht, weil ich die Welt verändern will. Aber meine Aussage ich doch ziemlich klar: Sich mit Gewalt alles zu holen, sich Respekt zu verschaffen und mithilfe von Gewalt seine Träume zu verwirklichen, das ist der völlig falsche Weg! Genau damit zerstört man alles - die eigenen Träume, den eigenen Ehrgeiz.
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[*U_mag*]: Deine Hauptfiguren haben türkische Eltern. Ist ihre Nationalität wichtig für deine Geschichte?
[*Yildirim*]: Nein, auf keinen Fall. Ihre Herkunft ist total austauschbar. Aber mir ist schon klar, dass da schnell die Diskussion über Migration und Integration aufkommt. Aktuell wird ja nun mal ständig über Jugendgewalt diskutiert. Es wird gesagt, dass ausländische junge Männer eine höhere Tendenz zu Kriminalität haben. Die Meinung vertrete ich überhaupt nicht.
[*U_mag*]: Was ist denn deine Meinung?
[*Yildirim*]: Ich glaube, dass Herkunft und Gewalt erst mal nichts miteinander zu tun haben. Gewalt gibt es in der ganzen Welt, es hat sie immer gegeben, und es wird sie immer geben. Und sie wird nicht nur von Türken, Albanern und Afghanen verübt. Erschreckenderweise wird Gewalt in unserer Gesellschaft immer roher. Aber daran sind nicht nur Einwanderer beteiligt. Moritz Bleibtreu spielt in "Chiko" einen deutschen Großdealer. Dessen Welt ist noch viel schrecklicher als die der beiden türkischen Jungs. Damit will ich keine Hierarchie konstruieren. Sondern ich will genau diesen Gegensatz darstellen und sagen: Wenn ihr in Schwarz und Weiß denken wollt, bitte. Aber dann zeige ich euch, dass Schwarz und Weiß sich in Sachen Brutalität nichts nehmen.
[*U_mag*]: Die Diskussion über Jugendgewalt findet ja auf einem sehr theoretischen Level statt - da sprechen Politiker und Journalisten, die im Grunde genommen keine Ahnung von der Szene haben. Stört dich das?
[*Yildirim*]: Nein, ich nehme das nur nicht ganz ernst. Und ich glaube, dass den betroffenen Jugendlichen diese Diskussionen noch tausend Mal unwichtiger sind. Das Problem ist: Die Leute wissen überhaupt nicht, wo sie anfangen sollen. Deshalb versuchen sie, erst mal mit harten Maßnahmen durchzugreifen. Das ist letztlich auch eine Form von Gewalt! Wann wendet man denn Gewalt an? Wenn man überhaupt nicht mehr weiterweiß. Wenn man das Problem beenden will. Wenn man es totschlagen will. Und in dem Sinne ist das auch eine Form von Gewalt: Politiker wissen nicht, was sie machen sollen, sie sind hilflos. Also erlassen sie irgendwelche rigiden Gesetze. Irgendwie verstehe ich das ja auch. Es ist echt schwer, gegen Jugendkriminalität anzugehen.
[*U_mag*]: Hast du eine Idee dazu?
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[*Yildirim*]: Das größte Problem ist doch, dass nie die Sprache der Jugendlichen gesprochen wird. Das heißt: Wenn sich diese Jungs sowieso schon von nichts und niemandem etwas sagen lassen wollen, dann werden sie nur aufständischer, wenn jemand ankommt und von oben herab daherredet. Ich glaube, dass Filme und Musik viel eher zugänglich sind. Und ich behaupte, dass "Chiko" die Sprache der Jugendlichen spricht. Schon allein deshalb, weil er von jungen Menschen gemacht wurde, die vielleicht sogar einen ähnlichen Hintergrund haben.
[*U_mag*]: Du bist selbst in einem Hamburger Vorort aufgewachsen.
[*Yildirim*]: Ja, in Dulsberg. Zu meiner Zeit, als ich in die fünfte, sechste Klasse ging, war das ein hartes Pflaster. Ich war selbst nie Gangster, aber natürlich hast du Kontakt zu diesen Leuten, sie gehören vielleicht zu deinem Bekanntenkreis. Und du hörst Geschichten, du siehst Sachen. Ich habe gewisse Dinge erlebt, die dann auch in "Chiko" eingeflossen sind. So eine Geschichte kann wohl auch niemand erzählen, der die Szene nicht selbst kennt.
[*[*U_mag*]*]: Momentan ist Jugendkriminalität ein so großes Thema, weil es einige Vorfälle gab: Auf der Reeperbahn wurden Teenager zusammengeschlagen, in München ein Rentner verprügelt ...
[*Yildirim*]: Aber das hat es doch schon immer gegeben!
[*U_mag*]: Jetzt ist es aber auf die Titelseiten der Zeitungen gerückt. Ohne diese Präsenz in den Medien würde sich wahrscheinlich kaum jemand mit dem Leben junger Männer aus Problemvierteln beschäftigen, oder?
[*Yildirim*]: Stimmt. Solange das ein internes Problem bleibt, interessiert es keinen. Wenn sich die Jungs im Getto gegenseitig bekriegen, dann gibt's vielleicht kurz irgendwo eine Schlagzeile. Und das war's dann. Aber sobald die Unterschicht sich irgendjemanden aus der oberen Schicht packt, gibt es Aufstand. Dann heißt es: "Oh, Moment, die bleiben nicht mehr unter sich, auf einmal sind auch andere betroffen. Was sollen wir jetzt machen?" Das finde ich schon heftig - das ist die totale Doppelmoral. Und letztlich sind aus genau dieser Einstellung heraus Gettos entstanden! Und es werden weiterhin Gettos entstehen, es wird immer so weitergehen. In einigen Monaten wird das alles sowieso gar kein Thema mehr sein. So ist es doch immer: Ein Problem wird ausgemacht, hochgekocht, und irgendwann beruhigen sich alle wieder. Nur das Problem - das bleibt, wie und wo es ist.
[*Name*] Özgür Yildirim
[*Alter*] 28
[*Wohnort*] Hamburg
[*Berufe*] Drehbuchautor, Regisseur
[*Namensvetter*] Özgür Yildirim (28) ist Mittelfeldspieler beim
türkischen Fußballverein Gaziantepspor
[*Liebte als Teenager*] Sam Raimis Horrorfilm "Tanz der Teufel"
und Bücher von Stephen King
[*Veröffentlichte*] mit 14 den Horrorroman "Graue Nächte", von
dem 1 300 Exemplare gedruckt und etwa 200 verkauft wurden
[*Erster Film*] "Chiko" mit Moritz Bleibtreu und Denis Moschitto feierte Premiere auf der Berlinale und startete bundesweit am 17. 4.
[*Produzent*] des Gangsterdramas ist Fatih Akin, der Özgür Yildirim für den talentiertesten Jungregisseur Deutschlands hält


