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> Karen Duve

DIE SCHABLONENSCHREIBERIN

Karen Duve ist eine, die uns versteht. Das hat die Autorin mit "Regenroman" und "Dies ist kein Liebeslied" bewiesen, und das bestätigt auch ihr neues Buch. Problem: Sie selbst will mit ihrem Lebensgefühl nichts zu tun haben.

Von Juliane Rusche Mitarbeit: Carsten Schrader

"Mit sieben Jahren schwor ich, niemals zu lieben. Mit 18 tat ich es trotzdem. Es war genauso schlimm, wie ich es befürchtet hatte. Es war demütigend, schmerzhaft und völlig außerhalb meiner Kontrolle."

Mit Sätzen wie diesen schrieb Karen Duve sich mitten hinein in unser Lebensgefühl. Im "Regenroman" ergründete die Autorin vor neun Jahren das qualvolle Empfinden von Einsamkeit und bekam dafür den doofen Stempel "Fräuleinwunder" aufgedrückt. 2002 folgte "Dies ist kein Liebeslied" - erneut eine großartige Mischung aus Pessimismus und Humor, erneut mit einer verzweifelten Heldin und treffsicher um die Themen Liebe, Sex, Musik und Freundschaft kreisend. Danach: das Label "anspruchsvolle Popliteratin", ebenfalls blöd. Dann ein Kinderbuch, ein Ritterroman, nichts Weltbewegendes. Jetzt erscheint "Taxi", Duves neuer Roman, und der weckt die Hoffnung, dass die gebürtige Hamburgerin uns erneut unsere Welt erklärt. Die Mittzwanzigerin Alex schmeißt in "Taxi" ihre Ausbildung, schert sich einen Dreck um Leistungsdruck und verdient ihren Lebensunterhalt erst mal als Taxifahrerin hinter dem Steuer eines klapprigen Mercedes.

[*U_mag*]: Karen, dein neuer Roman spielt in den 80ern. Dabei würde die Geschichte auch im Jahr 2008 funktionieren - mal abgesehen davon, dass man Musik heute über iPods hört und jedes Auto ein Navigationssystem hat.
[*Karen Duve*]: Ja, stimmt. Es gibt zwar so ein paar Fixpunkte, zum Beispiel Tschernobyl oder die Wende. Aber das ist eher Deko. Beim Schreiben habe ich mich aus einem meiner alten Tagebücher bedient, und ich war sehr erstaunt darüber, wie viele von den heute brandaktuellen Themen vor 20 Jahren auch schon da waren. So Fragen wie: Wer sichert die Rente? Das war in den 80ern alles schon mal Thema.
[*U_mag*]: Wenn die Geschichte auch heute stattfinden könnte: Warum sind es die 80er-Jahre geworden?
[*Duve*]: Das hat mit persönlichen Erfahrungen zu tun. Es bietet sich doch an, über Dinge zu schreiben, mit denen man sich wirklich gut auskennt. Und ich selbst bin nun mal in den 80ern Taxi gefahren. Ich habe kurz darüber nachgedacht, die Geschichte heute spielen zu lassen. Ich hätte noch mal einen Taxischein machen können, wäre noch mal eine Weile gefahren. Aber das wäre sehr aufwändig und auch teuer geworden. Also dachte ich: Komm, du weißt das alles doch noch ganz gut.

Karen Duve hat ein Erinnerungsbuch geschrieben, einen Ichtext, und sie macht kein Geheimnis daraus. Ihre Protagonistin bleibt jahrelang im Nebenjob hängen, kriegt es nicht auf die Reihe, sich einen Ausbildungsplatz zu suchen oder sich für ein Studium zu begeistern. So ging es Duve damals auch. Dass die 46-Jährige hemmungslos ihre eigene Berufs- und Befindlichkeitsbiografie ausschlachtet: kein Problem. Schließlich punktet "Taxi" unabhängig von seiner zeitlichen Verortung und dem Background der Autorin mit einer sympathisch anderen Heldin. Alex ist orientierungslos, sie hat Angst vor großen Gefühlen, schlittert immer wieder haarscharf am Totalversagen vorbei, und sie durchschaut die eigene Verpeiltheit, ohne etwas daran zu ändern. Damit ist sie im Hier und Jetzt ein angenehmer Gegenentwurf zum im Feuilleton so gerne konstruierten Bild des ehrgeizigen Twens, dessen größtes Ziel der sichere Job mit festem Einkommen ist.

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[*U_mag*]: Das Taxifahren ist für deine Hauptfigur eine Flucht, oder? Eine Überbrückung, eine Möglichkeit zum Aussteigen, zum Umgucken.
[*Duve*]: Taxifahren war damals ja auch ganz schick! Es war abenteuerlich, und dadurch kam man leicht in Versuchung, auf den eigenen Mythos hereinzufallen: die letzten Großstadtcowboys, die frei durch die Straßen ziehen, die keinen Ballast mit sich herumschleppen, die sich mit nichts als dem Sattel auf der Schulter einen Job suchen und abends ihr Geld bar auf die Hand kriegen.
[*U_mag*]: Die Möglichkeit gibt es für Mittzwanziger heute wahrscheinlich gar nicht mehr, sich komplett freizumachen von allem.
[*Duve*]: Ach, ich glaube, das Taxifahren ist für Leute, die sich nicht anpassen können, immer noch eine gute Möglichkeit, gesellschaftlich zu funktionieren. Man hat zum Beispiel immer nur ganz kurz mit anderen Menschen zu tun, sodass man kaum eine Gelegenheit hat, es zu verratzen. In meiner Generation haben einige dieses Keine-Zukunft-Haben ja wirklich konsequent gelebt. Das ist wohl etwas, was die Generation einzigartig macht: Alle haben sich in Projekten verloren, haben viel geplant. Und dann mussten sie zusehen, wie ihnen nach und nach die einzelnen Möglichkeiten wie verfaultes Obst vor die Füße fielen. Die Taxifahrerei war damals ein gutes Sammelbecken für alle, die den Absprung nicht rechtzeitig geschafft haben.
[*U_mag*]: Heute leisten sich nur wenige so ein Nichtangepasstsein. Jetzt muss man nach dem Abitur wohl direkt die eigene Karriere in Angriff nehmen.
[*Duve*]: Das könnte ich mir vorstellen, ja. Damals war das ja noch selbstverständlich: Du hast studiert, und dann hast du auch einen Job bekommen. Aus dieser Sicherheit heraus hat man das dann infrage gestellt - ob man einen Job überhaupt will. Es fing erst später an, dass die Leute Angst vor Arbeitslosigkeit bekamen. Und seitdem trauen sie sich nicht mehr herumzutrödeln. Das ist für die kein Luxus, die halten das für Versagen. Wahrscheinlich geben die sich jetzt richtig Mühe, die armen Hunde.

Duve bleibt zaghaft, wenn es um den Transfer der 20 Jahre zurückliegenden Erfahrungen in die Jetztzeit geht. Sie redet lieber über das Taxifahren - nicht im übertragenen Sinne, nicht auf einer Deutungsebene, sondern ganz konkret. "Ich habe gehört, dass es heute wesentlich schwieriger ist, damit sein Geld zu verdienen", sagt sie. Und: "Vermutlich ist es auch gefährlicher geworden. Es gibt fiesere Drogen, damals hatte man ja hauptsächlich mit Alkoholikern zu tun." Spricht man sie darauf an, wie gut es tut, in "Taxi" von einer jungen Frau zu lesen, die ganz gepflegt bei vollem Bewusstsein scheitert, anstatt das dritte unbezahlte Praktikum optimistisch als Chance zu betrachten, lacht sie nur. Und sagt so etwas wie: "Das ist ja eine interessante Deutung!" Oder: "Spannend, das hab ich in dem Buch bislang überhaupt nicht gesehen."

[*U_mag*]: Stimmst du der These zu, dass jeder von uns ein Jahrzehnt hat, auf dem er hängen bleibt? Das ihn fürs restliche Leben prägt und auch dann noch sehr präsent ist, wenn es irgendwann viele Jahre in der Vergangenheit liegt?
[*Duve*]: Man erlebt als junger Mensch einfach mehr als im Alter. Schon weil man dümmer ist. Für mich waren die 80er-Jahre die interessanteste Zeit. Da habe ich Dummheiten von großem Unterhaltungswert begangen.
[*U_mag*]: Den Reiz dieser Zeit macht wohl auch aus, dass noch alles möglich ist im Leben, dass man sich noch nicht festgelegt hat und Dummheiten noch okay gehen.
[*Duve*]: Es ist der Blick. In der Jugendzeit hat man einen sehr frischen Blick auf alles, man nimmt alles ganz anders wahr, weil man erst so wenig erlebt hat. Also ist alles neu und aufregend. Im Laufe der Zeit kriegt man dann raus, wie es läuft. Und auf einige Sachen, die man zehn Jahre zuvor noch ausprobiert hätte, lässt man sich gar nicht erst ein.
[*U_mag*]: Siehst du die Gefahr, dass man diese Coming-of-Age-Zeit im Nachhinein glorifiziert?
[*Duve*]: Wenn man ein bisschen ehrlich zu sich selbst ist, dann merkt man ganz schnell, dass auch in der Jugend nicht alles so glorios war. Ich selbst bin da wohl eh nicht so sehr in Gefahr - weil das bei mir einfach alles nicht so rühmlich war. (lacht) Ich finde dieses Hängenbleiben eher erbärmlich. Ganz schrecklich sind zum Beispiel Leute, die nur die Musik ihrer Jugend hören.

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Man kann auch Karen Duve vorwerfen, sie klebe in längst vergangenen Zeiten fest - zumindest im Gespräch über ihre Arbeit tut sie das. Trotzdem hat sie ein gutes Buch über eine Aussteigerin geschrieben. Einen Roman, der zwar in den 80ern spielt, der darüber hinaus aber um Befindlichkeiten kreist, die auch zwei Jahrzehnte später noch nachfühlbar sind. Das ist mehr, als man von vielen anderen Schriftstellern vorgesetzt bekommt. Das ist zugleich aber auch weniger, als man von Karen Duve erwartet hätte. Wenn die Autorin von Lebensweltbüchern wie "Regenroman" eine scheiternde Heldin zu einer Zeit ins Rennen schickt, in der Scheitern keine Option ist, dann wünscht man sich doch: Das soll bitte schön auch ein Statement zu unserem aktuellen Denken und Fühlen sein!

[*U_mag*]: Mit Alex hast du eine Protagonistin gewählt, die gesellschaftlichen Normen und Erwartungen zum Opfer fällt. Das ist etwas, was all deine bisherigen Romanfiguren kennzeichnet, oder?
[*Duve*]: Es sind zumindest immer Figuren, die nicht in der Lage sind, Entscheidungen zu treffen. Das Leben wird aber auch immer komplexer. Da haben viele das Gefühl, alles sei zu kompliziert für sie, und sie bleiben bei dem hohen Tempo einfach auf der Strecke.
[*U_mag*]: Das Problem ist, dass für dieses Auf-der-Strecke-Bleiben gar kein Platz ist. "Scheitern als Chance", das ist schon lange nicht mehr.
[*Duve*]: Das war doch schon immer ein dämlicher Spruch. Wer das glaubt, der macht sich selbst etwas vor.
[*U_mag*]: Alex muss in "Taxi" zum Beispiel erst in ihrer Rolle als Taxifahrerin scheitern, bevor sie anfängt, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen. Da ist ihr Versagen zumindest ein erster Schritt.
[*Duve*]: Das sind Gedankengänge, auf die ich so nicht gekommen wäre. Aber gut, ein Buch entsteht schließlich im Kopf des Lesers.

Keine Chance. Karen Duve lässt uns mit ihrer Geschichte, deren Vieldeutigkeit und Identifikationsangebot allein. Das kann man doof finden, auf ihr Buch übertragen und "Taxi" zur belanglosen Nabelschau erklären. Dann verpasst man allerdings die Gelegenheit, sich selbst nach der Lektüre eines vielschichtigen Romans ein paar wichtige Fragen zu stellen: Wo stehe ich in dieser Highspeedgesellschaft? Wie abhängig bin ich von Erwartungen, Konventionen, Normen? Würde ich es wagen, mich dem Leistungsdruck einfach komplett zu verweigern? Antworten lassen sich auch ohne Unterfütterung durch die Autorin finden. Karen Duve bekommt derweil einen neuen Stempel aufgedrückt. Aus dem einstigen Fräuleinwunder und der zwischenzeitlichen Popliteratin ist eine Schablonenschreiberin geworden: Mit "Taxi" liefert sie nicht mehr und nicht weniger als ein Muster, eine Form, eine Denkvorlage. Was der Einzelne dann daraus bastelt, kann ihr tatsächlich schnurzegal sein. Ein Buch entsteht schließlich im Kopf des Lesers.

[*Check-Brief*]

[*Name*] Karen Duve [*Beruf*] Autorin [*Alter*] 46
[*Wohnt*] in Brunsbüttel bei Hamburg
[*Arbeitete*] nach dem Abitur als Taxifahrerin
[*Mag*] große Hunde
[*Schrieb*] unter anderem die Bücher "Regenroman" (1999) und "Dies ist kein Liebeslied" (2002), die beide als Vorlage für Theaterstücke dienten
[*Aktueller Roman*] "Taxi" erscheint am 5. Mai
[*Lesetour*] 13. 5. Hamburg, 15. 5. Köln,
20. 5. Hannover, 21. 5. Berlin, 5. 6. München