> Katja Werker

PLEITEN, POP UND PANNEN

Katja Werker ist die beste deutsche Songwriterin. Und das liegt nicht nur an ihrer Schusseligkeit.

Text: Matthias Wagner

mit Videoclip

Manche Menschen sind Magneten. Sie ziehen das Unglück an wie ein Honigtopf die Wespe. Der Blumentopf fällt [/ihnen/] auf den Kopf. Es ist [/ihre/] EC-Karte, die im Automaten stecken bleibt.

Die Hotelbar dämmert vor sich hin. Kaum Gäste, es ist früher Nachmittag. Katja Werker flattert herein wie ein gerupfter Schwan, abgehetzt und atemlos. Schlaff fällt sie in den schweren Ledersessel. Das war mal wieder ein Vormittag! Dabei ging es gut los. Sie war gemütlich shoppen in der Hamburger Innenstadt, mal hier, mal da - und am Ende war ihr Handy weg. Also rollte sie ihre Einkaufstour noch mal von hinten auf, klapperte ein Geschäft nach dem anderen ab, immer ruheloser, immer adrenalingepeitschter.

Das Handy ist ihr wichtig, da sind die Nummern drin von jenen, die sie liebt und mag. Es gibt Menschen, deren Handyadressbuch ist voller. Doch Katja Werker war immer eine Außenseiterin, darin ist sie ausgebildet. "Ich führe ein anderes Leben als 99 Prozent der Frauen, die ich kenne", wird sie später erzählen, als sie sich etwas erholt hat. Früher litt sie unter diesem Außenseitertum sehr, doch inzwischen gelingt es ihr, es umzudeuten. "Jetzt gestehe ich mir halt zu, Künstlerin zu sein", sagt sie.

Das Gefühl des Danebenstehens ist aber immer noch da. Im neuen Song "Half of my Way" singt sie: "The fields are so green/and they'll always be/no matter which road/I take." Die unbekümmerte Welt, die dich nicht braucht: Darin besteht die dauerhafte Verletzung, die Katja Werker mit sich herumträgt. In ihrem dunkel schimmernden Songwriterpop scheint sie immer wieder auf.

Sie sitzt schmal im Ledersessel. Man spürt, wie ihre Herzfrequenz allmählich sinkt. "Einen Cocktail bitte", sagt sie zum Kellner, "aber alkoholfrei."

Es gibt dieses unrausrottbare Klischee vom Künstler, der seine Depressionen in Kunst verwandelt - Glück aus dem Unglück sozusagen. Doch wie das so ist mit den Klischees: Sie kommen nicht aus dem Nichts. Es sind geronnene Stereotypen von etwas, das wirklich existiert. Katja Werker wuchs im Pott auf, mitten im Malochermilieu. Ein unglückliches Kind, das sich fremd fühlte unter den anderen Kindern, das sich als Jugendliche in den Alkohol flüchtete, süchtig wurde und obdachlos. Ein Mädchen, das sich schließlich buchstäblich rettete in die Kunst.
>> Weiterlesen im U_mag, Ausgabe 0608, auf Seite 22

>> Videoclip zur Single "You take me away"

[*Check-Brief*]
[*Name*] Katja Werker
[*Geboren*] 1970 in Essen
[*Ihre erste Gitarre*] rettete ihr das Leben
[*Ihr Kunststudium*] brach sie zugunsten der Musik ab
[*Ihre Autobiografie*] "Wo keine Worte sind, da ist Musik" erschien 2002
[*Ihre Tochter*] wird im Sommer eingeschult
Ihr erstes Album erschien als Privatpressung in 500 Exemplaren
[*Ihr viertes Album*] heißt "Dakota" und ist seit Ende Mai im Handel
[*Fußballfakten*] Ihr Lieblingssport ist Fußball: Sie hatte in der Schule eine 1 im Dribbeln um die Fahne. [*Europameistertipp*]: Frankreich