> Judith Holofernes

BIN ICH HELDIN?

"Unterm Strich gibt es nichts Wichtigeres", sagt Judith Holofernes über politisches Engagement. Deshalb gibt sie mit ihrer Band Wir Sind Helden ein Konzert bei der Klimatour "Sonne, Wind und Wir". Auch auf die Gefahr hin, als freudlose Entsagungskünstlerin zu gelten.

Interview: Juliane Rusche
Foto: Sven Sindt

[*U_mag*]: Judith, im Infotext zu "Sonne, Wind und Wir" heißt es, Klimaschutz solle durch euren Auftritt in der modernen und kreativen Lebenskultur verankert werden. Ist es nicht ein absurder Wunsch, dass Klimaschutz Popkultur wird?
[*Judith Holofernes*]: Wieso denn? Ich glaube schon, dass es so funktioniert. Sonst könnte man sich als Popkünstler ja für überhaupt nichts engagieren. Musik kann immer ein Soundtrack sein zu Gedanken, die man sich sowieso macht. Und im Kontext eines solchen Konzerts, bei dem man hoffentlich begeistert und gut gelaunt ist, steht man der einen oder anderen konkreten Idee vielleicht frischer gegenüber.

[*U_mag*]: Ich behaupte: Das bringt alles nichts. Was soll so eine Minitour in Städten wie Mainz, Eberswalde und Saarbrücken schon bewirken. Was konterst du?
[*Holofernes*]: Ich kontere, dass ich zumindest gerade ein Interview zu dem Thema gebe, das viele Menschen lesen werden. Das ist ja eine zweite Ebene, auf der so etwas wirkt, und mit der man noch mal viel mehr Leute erreicht. Und dass "Sonne, Wind und Wir" kein megalomanes Riesenevent ist, finde ich eigentlich ganz schön. Von so einem kleinen, schönen Konzertrahmen kann man sich vielleicht nachhaltiger beeindrucken lassen als von so einem Monsterding.

[*U_mag*]: Bei Live Earth habt ihr im letzten Jahr nicht gespielt. Wurdet ihr gefragt, ob ihr dabei sein wollt?
[*Holofernes*]: Ja. Aber ich glaube, dass wir andere Sachen
hätten absagen müssen. Und darüber hinaus hatten wir zu dem Zeitpunkt das Gefühl: Wir müssen aufpassen, dass wir unser Engagement auf unsere Art und Weise weiterführen und es nicht dadurch verwässern, dass wir einfach überall immer dabei sind. Was nicht heißt, dass wir die Sache nicht gut fanden! Aber man muss versuchen, sich in solchen Dingen nicht zu inflationieren.

[*U_mag*]: Man kann also auch zu viel machen?
[*Holofernes*]: Genau. Wir kriegen natürlich wahnsinnig viele Anfragen - echt, das kannst du dir überhaupt nicht vorstellen. Wir finden es ja auch gut, einen großen Teil unserer Zeit so zu investieren. Weil es unterm Strich eigentlich nichts Wichtigeres gibt. Aber es ist eben die Frage: Wie viel ist wirksam, und ab wann bekommt man ein Label, das sich womöglich eher nachteilig auswirkt? Ich finde es sehr schade, dass es in Deutschland ungewöhnlich skeptisch betrachtet wird, wenn man sich für Dinge einsetzt. Leuten, die sich engagieren, wird unterstellt, dass sie entweder freudlose Entsagungskünstler oder aber selbstverliebte Egozentriker sind. Das ist natürlich nicht besonders nützlich.

[*U_mag*]: Wo ja womöglich etwas Wahres dran ist: Wenn sich jeder Künstler auf die Fahne schreibt, er setze sich ganz besonders für Klimaschutz, Menschenrechte und so weiter ein, dann gehört es irgendwann zum guten Ton, sich engagiert zu zeigen - und keiner nimmt's mehr ernst.
[*Holofernes*]: Da muss man auf jeden Fall aufpassen. Aber ich kann mir grundsätzlich Schlimmeres vorstellen, als dass Umweltschutz zum guten Ton gehört. Es gibt ja Sachen, die Mainstream werden, und die dann auch funktionieren. Dinge können sich verändern, indem das Wissen über sie in den Mainstream sickert. Aber es ist natürlich so, dass man die Motivation der Leute überprüfen muss, die sich in der Öffentlichkeit engagieren. Und es ist schwierig zu entscheiden: Was ist Imagepflege und was nicht?

[*U_mag*]: Wie kontrolliert ihr selbst, ob euer Tun in die richtige Richtung geht?
[*Holofernes*]: Unsere Lösung ist die, dass wir meistens eher kleinteilig arbeiten und sozusagen ein leichtes Florett führen. (lacht)

[*U_mag*]: Eigentlich ist es ja paradox, dass sich ausgerechnet die Leute verteidigen müssen, die etwas tun ...
[*Holofernes*]: Eben. Es kommt immer die Frage: "Glaubst du wirklich, dass das etwas nützt? Es ist doch nur Pop." Ich kann nur sagen: Bei mir selbst hat es wahnsinnig viel gebracht. Auf ganz vielen Ebenen haben mich mit Popkultur verbundene Arten der politischen Aufklärung erreicht - Filme, Konzerte, das alles.

[*U_mag*]: Ist es aber nicht tatsächlich so, dass Engagement eher die Ausnahme ist?
[*Holofernes*]: Stimmt. Es gibt ja so Umfrageergebnisse, die eine drastische Lücke aufzeigen zwischen dem, was die Leute wissen, dem, was sie tun wollen, und dem, was sie tatsächlich tun. Wobei ich da ganz optimistisch bin. Ich glaube, dass viele sich durch die vielen Kampagnen in den letzten Jahren erst mal erschlagen gefühlt haben. Und irgendwann, wenn der Druck nachlässt, steigen sie dann doch auf einen Ökostromanbieter um.

[*U_mag*]: Ist es das, worum es dir geht? Dass der Einzelne zum Beispiel nach eurem Konzert nach Hause geht und eine Energiesparbirne in seine Küchenlampe schraubt?
[*Holofernes*]: Ja. Wenn ich selbst bei solchen Veranstaltungen bin und merke: Es gibt Leute, die machen mehr als ich. Die engagieren sich hingebungsvoller, mit mehr Nachdruck und auch mit mehr Effekt. Dann gehe ich anschließend nach Hause und bin entflammt. Und habe das klare Gefühl: Ich muss und ich möchte mehr machen! Ich mache das dann auch, ich setze das um. Man kann ja auch auf unterschiedlich drastische Art und Weise aktiv werden. Ich meine: Jede Energiesparlampe ist eine Energiesparlampe mehr. Man muss ja nicht gleich sein ganzes Leben umkrempeln.

[*U_mag*]: Du bist aber auch jemand, der grundsätzlich empfänglich ist für ein Thema wie Klimaschutz. Ich kann mir vorstellen, dass viele zu "Sonne, Wind und Wir" kommen, sich die Musik anhören - und dann fahren sie nach Hause und leben so weiter wie bisher. Zum Handeln zu bewegen, das ist wahrscheinlich extrem schwer.
[*Holofernes*]: Das glaube ich ehrlich gesagt gar nicht. Zumindest bei unseren Konzerten ist das anders. Wir haben schon so viele schöne Rückmeldungen gekriegt. Unser Publikum ist natürlich auch kein besonders blödes. (lacht)

[*U_mag*]: Eben. Ihr erreicht Leute, die eh Lust auf Engagement haben.
[*Holofernes*]: Das finde ich aber auch sehr nützlich. Denn auch die Leute, die eigentlich genug politischen und ethischen Wumms in ihren Herzen haben, setzen trotzdem noch nicht all die Dinge um, die sie gerne umsetzen wollen. Wenn man die dazu kriegt, zum Beispiel ihren WG-Haushalt auf Ökostrom umzustellen, dann ist das doch wunderbar.

[*U_mag*]: Die meisten Menschen schlagen sich mit genug individuellen Problemen herum. Ist es nicht auch verständlich, dass da in Bezug auf große und abstrakte Themen wie den Klimawandel eher eine "Nach mir die Sintflut"-Stimmung aufkommt?
[*Holofernes*]: Ich verstehe das sehr gut. Ich kann auch den Effekt ahnen, den es auf mich selbst haben könnte, wenn ich dem Gefühl nachgeben würde. Ich sehe die Schwierigkeit, dass man gar nicht weiß, wo man anfangen soll und was denn wirklich gut ist. Aber ich kann nur sagen, dass Resignation wahnsinnig schlecht fürs Herz ist. Und ich verspreche aufrichtig, dass sich diese Gedanken sofort erledigt haben, sobald man mit einer kleinen Sache anfängt, von der man überzeugt ist.

[*U_mag*]: "Nach mir die Sintflut"-Stimmung ist für dich ein Zeichen von Resignation?
[*Holofernes*]: Es ist ein Ohnmachtsgefühl, dem man erlaubt, sich im Herzen einzunisten und sich breitzumachen. Ich glaube, wer dieser Stimmung nachgibt, der geht den schwersten Weg. Aber wie so oft und wie bei so vielen Dingen im Leben, halten viele da den einfacheren Weg für den schwereren. (lacht) Das Interessante ist, dass die Leute immer das Gefühl haben: Wenn ich irgendwo anfange, dann verpflichte ich mich gleich dazu, mein ganzes Leben umzukrempeln. Es gibt so eine Angst davor, dass man, wenn man A sagt, auch B sagen muss. Wobei A alleine eigentlich auch schon relativ viel bewegen würde. Aber man sagt dann lieber gar nichts.

[*U_mag*]: Sind wir tatsächlich so politikverdrossen, wie gerne behauptet wird?
[*Holofernes*]: Nein. Ich habe das Gefühl, dass die Leute sich einfach anders und persönlicher engagieren, als sie es vielleicht früher getan haben. Und das heißt jetzt nicht, dass sich alle isolieren und es keinen Zusammenhalt mehr gibt. Das glaube ich nicht.

[*U_mag*]: Dieses Individualisieren von Aktivismus führt allerdings dazu, dass zwar alle vor sich hin werkeln. Aber die, die wirklich etwas zu entscheiden haben, machen am Ende trotzdem nicht die Gesetze, die dafür sorgen würden, dass der CO2-Ausstoß mal wirklich radikal gesenkt wird.
[*Holofernes*]: Das stimmt. Es ist zum Beispiel keine gute Entwicklung, dass immer weniger Leute wählen gehen. Es ist bestimmt so, dass wir gelähmter sind als eine andere Generation, die in eine Aufbruchstimmung hinein erwachsen geworden ist, in der man das Gefühl hatte, man könne alles verändern. Wir werden mit so vielen niederschmetternden Wahrheiten beballert, die mit so wenigen positiven Handlungsimpulsen verbunden sind. Das wirkt natürlich deprimierend.

[*U_mag*]: Wobei Handlungsanweisungen auch abschreckend wirken können. Wer will sich schon gerne sagen lassen, was er zu tun hat?
[*Holofernes*]: Wenn man frei genug ist, sich aus Handlungsanweisungen das herauszuziehen, was einem selbst gefällt und was persönlich zu einem passt, dann hat man damit kein Problem. Im Gegenteil: Man freut sich darüber, dass jemand anders sich einen Kopf gemacht hat, wo man selbst noch nicht dazu gekommen ist.

[*U_mag*]: Hast du die Hoffnung, dass Helden-Fans zu den Leuten gehören, die Klimaschutzideen weitertragen?
[*Holofernes*]: Klar. So muss das sein, es muss seine Kreise ziehen. Es läuft perfekt, wenn die Leute Nachahmer finden, die Klimaschutz auf eine nette, entspannte und freudvolle Art und Weise leben.

Klimatour-Termine

27. 6. [*Halle*]
12. 7. [*Eberswalde*]
4. 8. [*Saarbrücken*]
22. 8. [*Jena*]
26. 8. - 27. 8. [*Sylt*]
29. 8. - 31. 8. [*Hamburg*]
30. 8. [*Mainz*]
31. 8. [*Cuxhaven*]
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13. 11. [*Bremen*]
13. 11. [*Berlin*]
20. 11. [*Essen*]